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Trotz Präventionsprogrammen kommt es immer noch zu zahlreichen Neuinfektionen mit dem HI-Virus. Das grösste Risiko tragen dabei Männer, die Sex mit anderen Männern haben (MSM). Neue Daten einer Open-label-Studie sprechen dafür, eine Präexpositionsprophylaxe denjenigen MSM anzubieten, die ein hohes Risiko für eine Ansteckung mit HIV haben (kein Einhalten der Safer-sex-Regeln mit wechselnden Partnern).

Die Wirksamkeit einer Präexpositionsprophylaxe (PrEP) wurde bisher nur in randomisiert kontrollierten Studien untersucht. Im Rahmen der PROUD-Studie prüften Forscher die PrEP nun unter realistischeren Bedingungen. Eingeschlossen waren insgesamt 544 HIV-negative MSM, die nach eigenen Angaben in den vergangenen 90 Tagen ungeschützten Analverkehr praktiziert hatten. 275 von ihnen begannen unmittelbar nach Einschluss in die Studie mit einer PrEP: Sie nahmen täglich 245 mg Tenofovir-Disoproxil-Fumarat plus 200 mg Emtricitabin ein. Die 269 Männer der Kontrollgruppe begannen mit der PrEP erst nach einer einjährigen Verzögerung. Der Follow-up endete, sobald für alle Patienten Daten über mindestens zwei Jahre vorlagen. Bei den Patienten der Kontrollgruppe kam es zu 20 HIV-Infektionen (und 174 Verschreibungen einer Postexpositionsprophylaxe), in der PrEP-Gruppe wurden drei HIV-Infektionen registriert (und 14 Postexpositionsprophylaxen durchgeführt) (9,0 vs. 1,2 pro 100 Personenjahre; relative Reduktion 86 %; p = 0,0001). MSM, die eine PrEP erhielten, hatten häufiger rezeptiven Analverkehr ohne Kondom mit zehn oder mehr Partnern und litten etwas häufiger unter bakteriellen Geschlechtskrankheiten. Berücksichtigte man aber, dass in dieser Gruppe auch mehr Tests durchgeführt wurden, war kein Unterschied im sexuellen Risikoverhalten feststellbar.(red.)

Kommentar zur Studie von Dr. med. Christoph Hauser, Inselspital Bern

Trotz aller bisherigen Präventionsmassnahmen nimmt in der westlichen Welt die Anzahl an Geschlechtskrankheiten (STI) und neuen HIV-Infektionen wieder zu. Das gilt insbesondere, aber nicht nur, für MSM mit hohem Risikoverhalten. Dieser Trend begann bereits vor der PrEP-Ära in Europa, möglicherweise weil die Angst vor HIV angesichts der immer verträglicheren Therapien schwindet. Wie diese Studie bei genauer Betrachtung der Follow-up-Periode zeigt, führt PrEP zu einer gewissen weiteren Zunahme des Risikoverhaltens und der Inzidenz von Geschlechtskrankheiten in der untersuchten Population. Aber die PrEP bleibt auch unter realen Bedingungen effizient, und diverse gesundheitsökonomische Modelle stufen sie als kosteneffektiv ein. Auch in der Schweiz gibt es eine Risikogruppe, bei der eine PrEP durchaus sinnvoll ist. Das BAG und die Eidgenössische Kommission für sexuelle Gesundheit haben bereits vor einem Jahr Richtlinien zur Verschreibung der PrEP veröffentlicht. Es ist wichtig, dass eine PrEP nur unter ärztlicher Überwachung eingenommen wird (Laborkontrollen, regelmässige Testung auf HIV, Hepatitis C und andere STI). Die Kosten für die PrEP-Medikation werden bisher nicht von den Krankenkassen übernommen. Wer sich die Medikamente nicht leisten kann, hat die legale Möglichkeit, über Internetplattformen wie z. B. www.iwantprepnow.co.uk, welche die Lieferanten laufend evaluieren, generische Medikamente aus dem Ausland günstig zu bestellen. PrEP ist wirksam, für eine gewisse Hochrisikogruppe sinnvoll und sie wird in der Community bereits implementiert. Verpassen wir den Zug nicht, sondern stellen wir uns der Herausforderung und verschreiben und überwachen die PrEP bei gegebener Indikation.

Dr. med. Christoph Hauser, Oberarzt an der Universitätsklinik für Infektiologie, Inselspital Bern

Quelle:
McCormack S, et al.: Pre-exposure prophylaxis to prevent the acquisition of HIV-1 infection (PROUD): effectiveness results from the pilot phase of a pragmatic open-label randomised trial. Lancet 2016; 373: 53–60.

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