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Zum ersten Mal wurde die Hysterie bei Hippokrates beschrieben. Durch ihre Benennung, abgeleitet vom griechischen Wort für Gebärmutter (hystéra), wurde sie als eine spezifisch weibliche Krankheit dargestellt. Zu diesem Zeitpunkt beschrieb man sie als ein körperliches, und nicht etwa als ein psychisches Leiden.

Frauenkrankheit in der Antike

Dem damaligen Verständnis nach wurde die Hysterie durch eine Wanderschaft der Gebärmutter in feuchtere Körperregionen ausgelöst, falls diese nicht mit genügend Flüssigkeit versorgt wurde. Dadurch schränkte die Gebärmutter andere Körperregionen oder Organe ein, und es kam so zu den Symptomen der Hysterie: Lähmungen, Stimmverlust, Schmerzen in Extremitäten oder Erstickungsgefühl in der Brust. Auch Schäden am Hirn wurden angenommen, was dann zum typischen hysterischen Verhalten führte.

Da Hysterie nur bei erwachsenen Frauen beobachtet wurde, nahm man damals an, dass Jungfrauen nicht davon betroffen sind. Zum Vorbeugen der Krankheit sollte deshalb die Jungfräulichkeit möglichst lange erhalten bleiben, um so das Erkrankungsrisiko zu minimieren. Als therapeutische Massnahme wurde noch bis ins 20. Jahrhundert empfohlen, eine Hysterikerin nach Möglichkeit zu verheiraten. Gemäss der ursprünglichen Annahme sollte so die Gebärmutter ausreichend mit Samen befeuchtet und so von Wanderschaft abgehalten werden. Auch häufige Schwangerschaften sollten die Gebärmutter beschäftigen und wurden als Massnahme empfohlen.

Höhere Macht als Krankheitsursache im Mittelalter und der frühen Neuzeit

Wurde also in der Antike nach organischen Ursachen gesucht, verbreitete sich im Mittelalter die Annahme, dass Krankheiten im Allgemeinen mit Gott in Verbindung zu bringen seien, als Bestrafung oder Prüfung. Behandelt wurde im Mittelalter also meist ganzheitlich. Einerseits mit den vorhandenen medizinischen Mitteln, die auch Operationen einschliessen konnten, und andererseits mit Gespräch und Gebet. Ab dem 16. Jahrhundert war es nicht mehr abwegig, dass ein körperliches Symptom psychische Ursachen haben konnte. Jedoch wurden diese psychischen Ursachen wiederum mit möglicherweise unmoralischem Verhalten in Verbindung gebracht.

Das hysterische 19. Jahrhundert

In der von Männern dominierten Gesellschaft herrschte ein mehrheitlich misogynes Klima, das Sexualität tabuisierte. Es war für Frauen schwer, eine weibliche Identität zu entwickeln. Dementsprechend reagierten so eingezwängte bürgerliche Frauen häufig mit Krankheit, und gerade in dieser Zeit finden sich auch die meisten Fälle von Hysterie. Die typischen Symptome passten sich denn auch den gesellschaftlichen Gegebenheiten an. Die ursprünglich beschriebenen Lähmungen und Krämpfe wurden mit der Zeit abgelöst durch psychische Ausdrucksformen wie zum Beispiel Dissoziation. Dabei ging es um das Kreieren einer alternativen Identität, um einen unerträglichen Zustand zu überwinden.

Neben den beschriebenen Behandlungsmassnahmen der Bewahrung der Jungfräulichkeit sowie der Verheiratung und Schwangerschaft, kam erstaunlicherweise in dieser lustfeindlichen Zeit eine weitere Behandlungsmethode zum Einsatz. Diese zielte darauf ab, Patientinnen zum hysterischen Paroxysmus, sprich zum Orgasmus zu bringen, was eine beruhigende Wirkung haben sollte. Es wurden manuelle Massagen des Genitalbereichs verschrieben und gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch mechanische Hilfsmittel für diese Behandlungsmethode entwickelt.

Jean-Martin Charcot und Sigmund Freud

Als Chefarzt für Krankheiten des Nervensystems an der Salpêtrière in Paris stellte Jean-Martin Charcot in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die These auf, dass die Krankheit kein psychisches Leiden sei, sondern durch eine Verletzung oder degenerative Veränderung am Gehirn ausgelöst werde. Eine solche Normabweichung konnte er jedoch nie lokalisieren. Er schloss zwar eine grundsätzliche Ursache durch die Gebärmutter aus, glaubte aber, durch Druck auf die Eierstöcke mit einer sog. Ovarienpresse hysterische Anfälle auslösen zu können, was er auch mehrfach vor Publikum demonstrierte. Sigmund Freud interessierte sich für die Forschungsergebnisse von Charcot. Er stellte seine Vorgehensweise und Ergebnisse allerdings massiv in Frage. Zusammen mit Josef Breuer veröffentlichte Freud 1895 die «Studien über Hysterie», die als die ersten Werke der Psychoanalyse gelten.

Freuds Begriff der Konversionsneurose

Freud hat die Hysterie neu definiert. Er führte dazu den Begriff der Konversionsneurose ein. Damit war gemeint, dass ein psychisches Leiden in ein Körperliches konvertierte. Er trennte grundsätzlich das Krankheitsbild von den Symptomen und zeigte, dass jede Krankheit unterschiedliche Symptome aufweisen kann, ein einzelnes Symptom aber noch nicht ausreicht, um das Krankheitsbild zu bestimmen. Dies bedeutete, dass bei nur einem Symptom nicht mehr gleich die Diagnose Hysterie gestellt werden konnte. Der Mechanismus, dass psychische Beschwerden sich körperlich äussern können, gilt gemäss Freud somit für verschiedene Erkrankungen. Durch dieses Aufteilen wurde aus der Hysterie ein für eine Behandlung brauchbarer Begriff und war nicht mehr nur ein Sammelsurium von allen möglichen psychischen, die Frau betreffenden Krankheiten.

Hysterie als psychische Erkrankung

Durch Charcot und Freud wurde die Hysterie endgültig als psychische Erkrankung eingestuft. Die operative Entfernung der Eierstöcke und Gebärmutter entsprachen nicht mehr der modernen Behandlungsmethode. Bald galt die Hysterie jedoch als willentliche Abweichung von normalem Verhalten. Die Medizin befasste sich ernsthafter mit psychischen Erkrankungen, ohne dass ihre Ursachen bei moralischem Fehlverhalten gesucht wurden.

Heutige «hysterische Reaktion» als Form einer psychischen Konfliktlösung

Trotz der Reanalyse von Freud wurde in den 1950er-Jahren der Begriff Hysterie aus den Listen von Krankheiten gestrichen. Heute werden eher die Begriffe der histrionischen Persönlichkeitsstörung, der dissoziativen Störung oder auch der Konversionsstörung verwendet. Der körperliche Aspekt in Bezug auf die Hysterie ist heute gänzlich verschwunden. Rückblickend wird die Hysterie oft als subtiler Kampf der Frau gegen eine männliche Übermacht gedeutet. Körperliche Symptome können auch für erlebte Wut oder Ohnmacht, Angst oder Scham stehen. Die hysterische Reaktion wird heute vor allem als eine Form der psychischen Konfliktlösung betrachtet. Diese kann bei verschiedenen psychischen Störungen vorkommen.

von Selma Schmid

Quellen: Kronberger S: Die unerhörten Töchter: Fräulein Else und Elektra und die gesellschaftliche Funktion der Hysterie. StudienVerlag 2002 - Oeser E: Geschichte der Hirnforschung: Von der Antike bis zur Gegenwart. WBG, 2. Auflage 2010. - Schaps R: Hysterie und Weiblichkeit. Wissenschaftsmythen über die Frau. Campus Verlag 1992 - Wahl G, Schmitt W: Besessenheit und Hysterie: Weinsberger Gespräche zur Geschichte der Seelenheilkunde. Wahl-Verlag 2001.

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