Séverine Bonini im Gespräch mit… Dr. Karin Hartmann

«Mit MSF habe ich gelernt, unter Stress zu funktionieren»

Haben Sie sich schon einmal überlegt, für Médecins sans Frontières / Ärzte ohne Grenzen (MSF) im Einsatz zu stehen? Dr. med. Karin Hartmann, Oberärztin pädiatrische Onkologie am Kinderspital Luzern, war schon zweimal mit MSF in Afrika und schwärmt im Interview von ihren Erfahrungen.

PraxisDepesche (PD): Frau Dr. Hartmann, was ist Ihre Funktion bei MSF?
Dr. med. Karin Hartmann (KH): Ich bin freiwillige Mitarbeiterin, das heisst ich bin an MSF-Informationsveranstaltungen präsent und kläre über die Arbeit der Organisation auf. Wenn immer es mir organisatorisch möglich ist, gehe ich auf einen Einsatz, so war ich zum Beispiel als Kinderärztin in Guinea und in der Demokratischen Rebublik Kongo und im April werde ich in den Südsudan gehen. Drei Jahre war ich zudem im Vorstand tätig.

PD: Wie sind Sie zu MSF gekommen?
KH: Ich wollte schon immer einmal in einem Entwicklungsland arbeiten. Schon mit 15 Jahren war ich an einer ersten Infoveranstaltung von MSF. Mir gefällt an MSF, dass die Organisation neutral ist, unabhängig von Religionen. Wir gehen in Krisengebiete, wo wir Menschen helfen, die vom Rest der Gesellschaft vergessen werden. Diese zu unterstützen, entspricht mir. Als es mir beruflich möglich war, habe ich mich bei Ärzte ohne Grenzen beworben und war zum ersten Mal in einem Projekt, was mir sehr gefallen hat.

PD: Man bewirbt sich also und wird angenommen oder auch nicht?
KH: Ja. Wenn man sich als Arzt, als Pflegefachperson oder auch als Logistiker oder Administrator bewirbt, gibt es ein Bewerbungsverfahren. Neben fachlicher Qualifikation sind auch praktische Erfahrungen und persönliches Engagement wichtig. Zum Beispiel muss man auch mit verschiedenen fremden Kulturen zusammenarbeiten können, da die Teams international zusammengestellt sind und sehr eng mit lokalen Mitarbeitern zusammenarbeiten.

PD: Wenn man als Arzt interessiert ist, muss man sich also proaktiv bewerben?
KH: Ja, auf www.msf.ch kann man alle relevanten Kriterien und Bedingungen nachlesen und sich auch direkt online mit Motivationsschreiben und Curriculum bewerben. Kommt man in die nähere Auswahl, wird man zum Interview nach Genf eingeladen.

PD: Warum sind Sie aktuell nicht im Einsatz?
KH: Die Einsätze dauern im Normalfall mindestens drei bis sechs Monate. Da ich eine Festanstellung habe, müsste ich in dieser Zeit unbezahlten Urlaub nehmen, was nicht immer einfach zu organisieren ist. Aktuell habe ich einen Arbeitsvertrag aushandeln können, der es mir erlaubt, alle zwei Jahre für drei Monate auf Einsatz zu gehen.

PD: Haben Sie Familie?
KH: Nein, ich habe keine Kinder, das macht sicher vieles einfacher.

PD: Denken Sie, dass Ärzte ohne Grenzen und Familie sich vereinbaren lassen?
KH: Es ist sicher schwieriger. Man möchte ja für seine Familie da sein, und mit MSF ist man für längere Zeit in einem Krisengebiet weg. Für mich persönlich passt das nicht zusammen, aber es gibt durchaus Ärzte, die das machen.

PD: Wie gefährlich ist denn so ein Einsatz?
KH: Es gibt gewisse Risiken, aber ich habe mich immer sicher gefühlt. Die Situation wird regelmässig von den Sicherheitsverantwortlichen im Team mit den Verantwortlichen am lokalen Hauptsitz im Einsatzland und mit Genf analysiert. Man ist zudem mit den verschiedenen Autoritäten vor Ort im Austausch, so dass man die Situation möglichst genau einzuschätzen versucht. Die entsprechenden Sicherheitsmassnahmen (z. B. «Ausgangssperre») werden dem Team mitgeteilt, die dann auch verbindlich eingehalten werden müssen. Ein Restrisiko bleibt bestehen, das man zu tragen bereit sein muss.

PD: Welchem Arzt würden Sie empfehlen, bei MSF mitzumachen?
KH: Hilfreich ist sicher eine solide Berufserfahrung. Man sollte ausserdem belastbar sein und mit Stresssituationen und auch gegebenenfalls Chaos umgehen können. Man sollte auch an anderen Kulturen und anderen Menschen interessiert sein.

PD: Was hat Ihnen MSF im beruflichen Alltag als Ärztin gebracht?
KH: Ich habe gelernt, unter Stress zu funktionieren. Belastbarkeit, Organisation, Effizienz, Führungskompetenz – das lernt man alles spätestens im Einsatz. Natürlich sind die medizinischen Möglichkeiten anders in Afrika als hier in der Schweiz. Medizinisch-fachlich hat es mir als Kinderonkologin nicht so viel gebracht. Aber menschlich wird man geprägt und lernt auch, gewisse «Unannehmlichkeiten» in Europa zu relativieren. Man wird gelassener (lacht).

PD: Was war rückblickend der intensivste Moment Ihrer bisherigen Einsätze?
KH: Wenn ich Dienst hatte, bin ich jeweils kurz vor Mitternacht nochmals ins Spital gegangen, um zu kontrollieren, dass alles okay ist. In den Gängen und ausserhalb des Spitals schliefen die Angehörigen. Als ich eines Nachts von der Intensivstation zurückkam, fingen sie plötzlich an zu singen. Es war ein wunderschönes Lied, es war ganz ruhig, es war Nacht, und es hat mich so berührt – es war wie ein Dankeschön für meine Arbeit. Das werde ich nie vergessen.

Médecins sans Frontières (MSF)

MSF sucht:
  • Allgemeinmediziner, Pädiater (Staatsexamen + drei Jahre Assistenzzeit)
  • Fachärzte (abgeschlossene Ausbildung)
  • Pflegefachkräfte, Hebammen (mindestens zwei Jahre Berufserfahrung)
  • Flexibilität, Teamgeist, Diplomatie, organisatorisches Geschick, Interesse an Entwicklungsländern
  • Diplom in Tropenmedizin empfohlen (obligatorisch nur für Pflegefachkräfte, welche über keine Auslandserfahrung verfügen)
 MSF bietet:
  • Monatliche Entschädigung
  • Sozialversicherungsbeiträge, Unfall- und Krankenversicherung
  • Taggeld, Unterkunft, Reisekosten, Impfungen etc.
  • Möglichkeit, in den unterschiedlichsten Ländern und Kontexten zu arbeiten
  • Längerfristige individuelle berufliche Entwicklung

Weitere Informationen: www.msf.ch

 

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