«Der Mundschutz verändert das ästhetische Bewusstsein»

Der Mundschutz verändert den Blick in den Spiegel, und dementsprechend wirkt sich die Corona-­Pandemie auch auf die Nachfrage nach ästhetischen Behandlungen aus. Durch das Tragen der Gesichtsmaske rückt das 3-­Gesichtszonen­Mundschutz­Syndrom in den Fokus. Über die Verschiebung des Behandlungsspektrums informieren Dr. med. Petra Becker­Wegerich und Dr. med. Myriam Wyss Fopp vom Ästhetik-­ und Laserzentrum Zürichsee in Meilen.

Athena Tsatsamba Welsch im Gespräch mit… Dr. med. Petra Becker-Wegerich und Dr. med. Myriam Wyss Fopp

SkinMag: Dr. Becker-Wegerich, das Tragen einer Maske gehört mittlerweile zum Alltag. Verändert die Maskenpflicht den Blick in den Spiegel?

Dr. med. Petra Becker-Wegerich: Definitiv. Kommunikationssignale laufen nun vermehrt über die Augen ab. Das Verlangen nach einem positiven Gesichtsfeedback rückt mehr denn je in den Vordergrund. In Zeiten, in denen soziale Kontakte und körperliche Berührungen auf ein Minimum beschränkt werden, zählen weiche Gesichtszüge und ein warmes Lächeln in Facetime- und Videokonferenzen doppelt. Beim Blick in den Spiegel entstehen Emotionen und der Mundschutz betont Spuren im Gesicht, die vorher weniger aufgefallen sind.

Dr. Wyss Fopp, welche Auswirkungen hat die COVID-19-Pandemie auf das ästhetische Bewusstsein?

Dr. med. Myriam Wyss Fopp: Durch das Tragen der Gesichtsmaske gerät die obere Gesichtshälfte mit der Augenpartie in den neuen Blickpunkt, ebenso der Hals und das Dekolleté. Darüber hinaus ist ein grösseres Körperbewusstsein in der Bevölkerung entstanden. Durch die eingeschränkten Reise- und Freizeitaktivitäten während des Lockdowns hatte plötzlich jeder mehr Zeit für Sport, aber aufgrund von Homeoffice auch mehr Gelegenheit, an den Kühlschrank zu gehen, was mehr Fettpölsterchen zur Folge hatte.

Hat sich die Nachfrage nach ästhetischen Behandlungen nach dem Lockdown im Frühjahr verändert?

Dr. Becker-Wegerich: Erstaunlicherweise ja. Wir haben diese Entwicklung als «3-Gesichtszonen-Mundschutz-Syndrom» bezeichnet. Der Mundschutz sitzt von der Nasenwurzel bis zur Kinngrenze korrekt. In der oberen Gesichtszone fokussiert sich der Blick auf die Augenregion samt Stirn und Schläfen. In der mittleren Gesichtszone sind die Nase, die Nasolabialfalte und die Mundregion durch den Mundschutz bedeckt, zum Teil viele Stunden am Tag. Die untere Gesichtszone umfasst das Kinn bis zur Grenze der Mandibula, über die die Platysma-Bänder ausstrahlen und ins Dekolleté auslaufen. In unserem Ästhetik- und Laserzentrum haben wir beobachtet, dass der Wunsch nach Behandlungen von Falten im oberen und im unteren Bereich zugenommen hat. Im mittleren Gesichts bereich trauen sich mehr Patient*innen, ihre Lippen, Hängebäckchen mit Kieferkontur (lip und jawline reshape) mit Hyaluronsäure zu spritzen. Dabei wenden wir die MD-Codes TM Lift-Point- und Kanülen-Technik an. Jetzt trauen sich auch solche, die nie so richtig Mut hatten aus Angst, es könnten blaue Fleckchen und Rötungen zu sehen sein. Das Tragen des Mundschutzes gibt den Patient*innen nun mehr Sicherheit, allfällige Schwellungen zum Beispiel der Lippen in den ersten Tagen gut kaschieren zu können.

Welche nicht-invasiven Behandlungen führen Sie im Vergleich zu letztem Jahr vermehrt durch?

Dr. Becker-Wegerich: Seit 2003 stand bei unseren Patient*innen der Wunsch nach einer dezenten möglichst natürlichen Glabellafalte an erster Stelle, gefolgt von einer Behandlung der Stirnfalten. Die Behandlung der Krähenfüsse nahm in unserem Ranking Platz 3 ein. Nach dem Lockdown kam es zu einer Verschiebung. Seit Juni haben wir in der Sprechstunde eine höhere Anfrage nach Behandlungen der Augenfalten, bei denjenigen, die vorher nur die Zornes- und Stirnfalten mit Botulinumtoxin behandeln liessen. Diese Region wird dominiert von drei Muskeln, den Mm. corrugatores supercilii, dem M. procerus und dem M. orbicularis oculi, die bei jeder Augenschliess- und Bewegungsaktivität beteiligt sind. Zusätzlich ist beim Öffnen der Augen auch noch der Musculus frontalis als Levator beteiligt. Tiefe Krähenfüsse, die in die obere Wange ausstrahlen, fallen Patient*innen aufgrund des Druckes der Maske auf die Haut besonders häufig auf. Die Augen sollen offener und weniger müde wirken und die Brauen schön geschwungen sein. An erster Stelle wünschen unsere Patient*innen eine Glättung der Glabellafalte. Bemerkenswert ist der Wunsch nach kompletter Faltenfreiheit. Überdies achten rund 5% unserer Patient*innen mehr auf ihren Hals und entdecken plötzlich Alterungszeichen des Hals- und des oberen Dekolleté-Bereichs mit prominenteren Platysma-Bändern. Die Nachfrage nach einer Entfernung von papillomatösen Naevi und seborrhoischen Keratosen oberhalb der Gesichtsmaske hat ebenso zugenommen. Zudem fallen unseren Patient*innen Lentigines solares durch den Kontrastunterschied der Masken zur Haut mehr auf. Diese entfernen wir mit dem Pigment- oder CO2 -Laser.

Was sind die Gründe für die veränderte Nachfrage nach ästhetischen Behandlungen?

Dr. Wyss Fopp: Die Gemütslage hat sich verändert. Schätzungsweise empfinden 80% unserer Patientinnen und Patienten die COVID-19-Massnahmen als äusserst anstrengend, 20% schildern sogar Ängste vor sozialer Isolation und vor einem Jobverlust. Einerseits möchten Arbeitnehmende auch mit Mundschutz über einen langen Zeitraum optimal und erholt aussehen, andererseits möchten Arbeitssuchende mit Maske im Bewerbungsgespräch punkten. Dementsprechend sind durch das Tragen der Maske die Regionen oberhalb und unterhalb der Mundschutzregion in den Vordergrund gerückt.

Welche therapeutischen Möglichkeiten führen Sie an der Augenregion durch?

Dr. Becker-Wegerich: Mikroinjektionen von Botulinumtoxin A werden von mir präzise mappingartig in die obere Dermis injiziert. Die Faserverläufe des Muskelkomplexes der oberen Gesichtshälfte strahlen teils netzartig, teils in Zügen in die untere Dermis ein. Nicht nur anatomische Kenntnisse sind wichtig, sondern auch das Studieren eines jeden Gesichts fürsich. Jedes Gesicht hat sein spezielles Schema. Zusätzlich zu den muskulären Injektionen verwende ich intradermale Mikroinjektionen von Botulinumtoxin A, auch in schwierigen Regionen des Gesichts, wie zum Beispiel der lateralen auslaufenden Augenfaltenregion mit der Unterlidregion, um eine Glättung mit Funktionserhalt zu erzielen. Je nach Elastose- und Falten-Grad können wir noch Skin Booster (Hyaluronsäure) oder plättchenreiches Plasma (PRP) und Mikroneedling verwenden. Diese Techniken optimieren noch zusätzlich das Resultat und lassen sich auch sehr gut mit der fraktionierten Laserbehandlung (Fraxel- oder CO2-Laser) der Augenfältchen kombinieren. Bei fortgeschrittener Elastose empfehlen wir immer Kombinationen und zusätzlich das regel-mässige Auf tragen entsprechender Augen-Cremes zur Pflege der  gelaserten Knitterfältchen und für die Unterstützung des Resultates. Auch monopolare Radiofrequenzverfahren wie Augen-Thermage® für Oberlid und Stirn haben durch langsamen Kollagenaufbau einen hautstraffenden Effekt.

Wie verhält es sich in der unteren Gesichtszone?

Dr. Wyss Fopp: In der unteren Gesichtszone verzeichnen wir eine vermehrte Nachfrage zur Beseitigung des Doppelkinns. Unsere Patient*innen betrachten sich sehr kritisch. In ausgeprägten Fällen ragt das Doppelkinn unter dem Mundschutz unschön hervor. Betroffene empfinden dies als sehr störend. Zur Fettreduktion am Kinn führe ich die Kryolipolyse mit Coolsculpting® durch. In der Regel sind ein bis zwei Behandlungen von 45 Minuten je auf der rechten und linken Kinnpartie ohne Ausfallzeit nötig. Es handelt sich um das gleiche Behandlungsprinzip wie zur Behandlung von diät- und trainingsresistenten Fettpölsterchen.

Das Tragen der Maske irritiert die Haut. Welche maskenbedingten Hautprobleme beobachten Sie in Ihrer Sprechstunde und wie behandeln Sie diese?

Dr. Wyss Fopp: Bei unseren Patient*innen beobachten wir vermehrt Veränderungen des Hautbildes im mittleren Gesichtsbereich aufgrund von Akne- Effloreszenzen, Rosacea, einer perioralen Dermatitis (POD), Milien oder eines seborrhoischen Ekzems. Bei einer POD empfehlen wir die lokale Anwendung mit einer Metronidazol-Creme oder einer Aknemycin® Salbe, seltener Minocyclin peroral oder Isotretinoin. Wichtig ist ein Steroid-Stopp. Bei der Rosacea wirkt Ivermectin-Creme sehr gut gegen entzündliche Läsionen. Wichtig ist, dass Patient*innen keine Peelings anwenden und ihr Gesicht mit einer milden Reinigungsmilch säubern sowie eine beruhigende antientzündliche Gesichtscreme auftragen. Erytheme bei Rosacea behandeln wir in mehreren Sitzungen mit der Blitzlampe (IPL). Gegen Akne helfen lokale Therapeutika. Neu behandeln wir Akne mit der Sebacia®-Methode. Dabei werden feinste Goldpartikel mit einem Massagegerät in die Poren eingearbeitet und mit einem Laser behandelt. Die Erwärmung der Poren und Talgdrüsen vermindert die Talgproduktion, wirkt antientzündlich und verfeinert die Poren.

Wie wirkt sich die COVID-19-Pandemie auf Ihre Arbeit in der Praxis aus?

Dr. Becker-Wegerich: Durch den Lockdown haben wir ästhetischen und dermatochiurgischen Dermatologinnen und Dermatologen eine Unsicherheit, Ängstlichkeit und eine Depressionsneigung bei unseren Patient*innen bemerkt. Wir können sowohl die operativen Eingriffe für Kanzerosen als auch wieder die nicht invasiven ästhetischen Methoden fortsetzen. In dieser COVID-19-Pandemie behandeln wir unter strengen Präventionsmassnahmen, das gibt unseren Patient*innen eine Unterstützung, die vor allem auch psychisch eine Mehrbelastung empfinden.

 

Bibliografie

  1. Vortrag von Prof. Dr. med. Claudia Borelli zum Thema «Was gibt es Neues in der ästhetisch-kosmetischen Literatur im Jahr 2018/2019/2020, Derm Online, 16.10.2020.

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