«Dermatologe zu werden war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte»

Seit Juli 2020 ist Dr. med. Basile Page Leitender Arzt Dermatologie am Kantonsspital Fribourg. Sein Ziel: die Dermatologie am Kantonsspital auf- und ausbauen. Ausser der ärztlichen Tätigkeit hat der 35-Jährige aber noch viele weitere Interessen: Trailrunning, Skitouren, Pilze sammeln – und natürlich seine elf Monate alte Tochter. Warum er trotz sportlichen Talents nicht Tennisprofi geworden ist, erklärt Basile Page im Interview.

Dr. med. Eva Ebnöther im Gespräch mit… Dr. med. Basile Page

SkinMag: Dr. Page, Ihre Muttersprache ist französisch, wir führen dieses Interview aber auf deutsch – macht Ihnen das keine Mühe?

Dr. med. Basile Page: Nein, wie viele Fribourger komme ich mit beiden Sprachen gut zurecht. Mein Vater ist französischer Muttersprache, meine Mutter ist Deutschschweizerin. Sie kommt aus dem Sense bezirk, einem Teil des Kantons Fribourg, wo man deutsch spricht, und sie hat mit uns Kindern Schweizer deutsch gesprochen. Leider habe ich aber trotzdem nicht gelernt, es selbst zu sprechen, denn in der Familie haben wir mehrheitlich französisch geredet. Gut deutsch habe ich vor allem während des Studiums in Zürich und nachher während der Arbeit im Inselspital in Bern gelernt. Meine Schwester spricht hauptsächlich französisch, mein älterer Bruder dagegen ist perfekt bilingue.

Warum haben Sie Medizin studiert?

Meine Mutter sagte immer, dass es schön wäre, wenn ich Medizin studieren würde – und ich hatte nichts dagegen (lacht). Nach dem Gymnasium standen für mich hauptsächlich die wissenschaftlichen Fächer zur Auswahl, und als ich dann die Numerus-clausus- Prüfung bestanden hatte, war der Fall klar.

Und wieso haben Sie sich für das Fachgebiet Dermatologie entschieden?

Nach dem Studium wollte ich eigentlich Chirurg wer-den und war dann 14 Monate hier im Kantonsspital Fribourg auf der Chirurgie. Ich stellte aber fest, dass die Chirurgie nichts für mich war. Das Fach fand ich zwar interessant und ich lernte auch viel, aber die strenge Atmosphäre, der enorme Arbeitsdruck und auch das stundenlange Stehen am Operationstisch gefielen mir nicht. Also musste ich mir überlegen, welche Fachrichtung ich einschlagen wollte, und da kam mir die Dermatologie in den Sinn. Eine meiner Kolleginnen war immer sehr begeistert von der Dermatologie. Anfangs wusste ich nicht genau wie-so, aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr konnte ich ihre Begeisterung teilen. Ich erhielt dann glücklicherweise eine Ausbildungsstelle im Inselspital. Ein wichtiger Punkt für mich ist, dass man in diesem Fachgebiet nicht nur alte, kranke Menschen betreut, sondern auch jüngere, die nicht unbedingt schwer krank sind. Ein anderer positiver Faktor für mich ist, dass es kaum lebensbedrohliche Notfälle gibt, wo alles sehr schnell gehen muss und mit viel Stress verbunden ist. Dank den regulären Arbeitszeiten habe ich Zeit für meine Familie – ich habe eine elf Monate alte Tochter – und meine Hobbys. Die Dermatologie war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte!

Wie kamen Sie von Bern «zurück» nach Fribourg?

Während der Ausbildung in Bern übernahm ich, als französisch sprechender Arzt, oft die Patienten aus der Romandie. Zudem arbeitete ich schon tageweise in Fribourg, denn es gibt zwischen den Kantons-spitälern Bern und Fribourg einen Austausch von Dermatologen. Gegen Ende meiner Ausbildung war ich bereits häufiger hier als in Bern. Und seit Abschluss meiner Dermatologie-Ausbildung Ende Juni 2020 arbeite ich ganz im Kantonsspital Fribourg mit einem Pensum von 80 %. Jeden Freitag habe ich frei.

Sind Sie am Kantonsspital Fribourg der einzige Dermatologe?

Momentan ja, aber wir werden das Team aufstocken. Das Bedürfnis dafür ist da, denn es gibt im Kanton Fribourg zu wenig niedergelassene Dermatologen, und Patienten warten teilweise mehrere Monate lang auf einen Termin. Es kommen auch regelmässig Patienten mit dermatologischen Problemen auf die Notfallstation, eben weil es so schwierig ist, bei einem niedergelassenen Dermatologen einen Termin zu bekommen. Für die Zukunft erhoffe ich mir, dass wir das Team mit einer Dermatochirurgin resp. einem Dermatochirurgen ergänzen können und / oder mit jemandem, der andere Schwerpunkte hat als ich, sich zum Beispiel mit pädiatrischer Dermatologie aus-kennt. Ein grösseres Team ist auch wichtig, weil man ja jetzt in Fribourg das ganze Medizinstudium absolvieren kann und wir deshalb regelmässig dermatologische Vorlesungen und Vorträge halten. Zudem begleiten uns Studierende in die Sprechstunde. Ich habe also viel Aufbauarbeit vor mir. Grundsätzlich war der Aufbau einer kleinen dermatologischen Poliklinik im Kantonsspital Fribourg immer ein Thema, aber es stand einfach kein Dermatologe zur Verfügung. Das liegt unter anderem daran, dass von den Universitätsspitälern pro Jahr nur wenige fertig ausgebildete Dermatologinnen und Dermatologen «auf den Markt» kommen, und diese gehen dann in der Regel zurück in ihren Heimat kanton. Es hat sich also gut ergeben, dass ich als Fribourger hier anfangen konnte und ich nun den Aufbau der Dermatologie vorantreiben kann.

Wer versorgt die Patienten, wenn Sie frei haben oder in den Ferien sind?

Wir arbeiten nach wie vor eng mit dem Inselspital Bern zusammen; diesbezüglich ist geplant, dass ein Oberarzt aus dem Inselspital einen Tag pro Woche hier in Fribourg arbeiten wird. Und bei Notfällen kann man den Dienstarzt in Bern oder im CHUV Lausanne anrufen.

Wie war das, bevor Sie hier anfingen? Mussten die niedergelassenen Dermatologen im Kanton Fribourg Patienten mit komplexen Erkrankungen nach Lausanne oder Bern schicken?

Ja, viele Dermatologen überwiesen Patienten mit schwierigen Erkrankungen, oder wenn eine systemische Therapie notwendig war, nach Bern oder Lausanne. Meine Ausbildung in Bern war sehr gut, breit und komplett, inklusive komplexer Krankheiten wie beispielsweise Autoimmunerkrankungen. Mein Ziel ist, dass die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen nun ihre Patienten mit schwierigen Erkrankungen ins Kantonsspital Fribourg schicken. Hier ist auch die Zusammenarbeit mit den anderen Fachdisziplinen sehr eng und die Wege sind kurz. So habe ich häufig Patienten von der Onkologie, weil manche der neuen Onkologika ja dermatologische Nebenwirkungen auslösen können, oder auch Patienten von der Rheumatologie, da viele rheumatologische Krankheiten mit einer Hautbeteiligung einhergehen.

Wer betreut die Patienten mit Hautkrebs?

Für Patienten mit fortgeschrittenen Hauttumoren im Gesichtsbereich haben wir ein Tumorboard unter Beteiligung der HNO-Ärzte, der Radioonkologen und der Onkologen. Für Melanom-Patienten gab es bisher kein Tumorboard, aber Prof. Daniel Betticher, der Chefarzt der Onkologie, und ich wollen ein solches etablieren. Grundsätzlich kommen Melanom-Patienten ohne Metastasen in meine Sprechstunde. Die Patienten mit Metastasen und dem Bedarf für eine systemische Therapie gehen zu den Onkologen, denn diese haben am meisten Erfahrung mit den neuen Immunonkologika.

Haben Sie innerhalb der Dermatologie ein Spezialgebiet?

Autoimmunkrankheiten und chronisch­inflammatorische Krankheiten, die unter anderem mit Immunsuppressiva oder Biologika behandelt werden, finde ich besonders interessant. Im Inselspital konnte ich verschiedene Spezialsprechstunden durchführen, unter anderem die Autoimmun-, Psoriasis-, Ekzem- oder Trichologie-Sprechstunde, stets mit national und international anerkannten Professorinnen und Professoren; davon konnte ich extrem viel lernen. Die Dermatologie ist ja ein sehr breites Fach. Man hat mit Erkrankungen zu tun, die auch andere Spezialgebiete betreffen. Und oftmals werden die betroffenen Patienten multidisziplinär betreut. Das macht die Arbeit sehr spannend.

Sie haben vorher Ihre Hobbys erwähnt…

Ja, ich habe viele! Seit meiner Kindheit habe ich immer gerne Sport getrieben, als Jugendlicher vor  allem Tennis, wie meine Geschwister. Bis zum Alter von 16 war ich einer der besten Schweizer Spieler. Aber dann ging ich ins Gymnasium und Tennis wurde mehr und mehr zu einem Hobby.

Hatten Sie nicht den Wunsch, Tennisprofi zu werden?

Ich glaube, ich hätte nicht die Persönlichkeit dafür gehabt, obwohl ich gut Tennis spielte. Diese sehr kompetitiven Junioren und auch deren Eltern, die ihre Sprösslinge zum Wettbewerb drängen – das ist eine spezielle Welt. Man muss schon einen harten Kopf haben und enorm diszipliniert sein, um da langfristig zu bestehen. Auch ein aggressives Verhalten auf dem Platz ist notwendig, um zu zeigen, dass man stärker ist, auch wenn man genau weiss, dass man es nicht ist. Diese Charakterzüge hatte ich nicht. So war mein Weg, die Matura zu machen und anschliessend zu studieren, sicher der Sinnvollere. Mein Bruder war drauf und dran, Tennisprofi zu werden, aber er bekam mit 17 eine Leukämie. Glücklicherweise wurde er geheilt, aber mit der Tenniskarriere war es dann natürlich vorbei. Heute ist er Hausarzt in Grindelwald.

Spielen Sie noch Tennis?

Schon, jedoch selten und natürlich längst nicht mehr auf dem gleichen Niveau wie als Jugendlicher. Ich laufe aber sehr viel und habe in den letzten Jahren an vielen «Klassikern» wie dem Murtenlauf oder Grand-prix Bern und an zwei Marathons teilgenommen. Inzwischen mache ich am liebsten Mittel strecken-Trailruns in den Bergen. Letztes Jahr nahm ich am Gruyère­Trail von Charmey teil, das sind 54 km und 3800 Höhenmeter hinauf und hinunter, und am Pré-alpes Trail du Mouret, der ein bisschen kürzer ist. Dieses Jahr wurden diese schönen Läufe leider annulliert. Auch sonst bin ich gerne in der Natur. Im Herbst gehe ich mit der Familie Pilze sammeln und im Winter mache ich etwa einmal wöchentlich eine Skitour. Wenn ich mal während zwei oder drei Wochen nicht auf eine Skitour gehen kann, bin ich sehr unglücklich!

Fahren Sie auch Alpin-Ski?

Ja, früher noch öfter als heute. Inzwischen fahre ich mit meiner Frau Ski – sie stammt aus Ecuador und hat Skifahren gelernt, als sie in die Schweiz kam. Skitouren macht sie aber nicht. Ich finde, Sport ist eine gute Methode, um einen fremden Ort kennenzulernen. Als Medizinstudent habe ich in Gabun gearbeitet, später machte ich Freiwilligenarbeit in Indien und meinen Zivildienst in Ecuador, und überall ging ich laufen und wandern. So kommt man weit herum und lernt Land und Leute kennen.

Was haben Sie in Indien gearbeitet?

Die Organisation «CalcuttaRescue», bei der ich freiwillig arbeitete, hatte verschiedene Programme in Kalkutta. Eines davon war die Street Medicine. Mit einer Art Ambulanz fuhren wir in Slums, um dort für einen halben Tag verschiedene ärztliche Leistungen zu erbringen: Impfungen, Entwicklungskontrolle bei Kindern, Tests auf Parasiten, Abgabe von Antibiotika etc. Die Organisation betreibt auch eine Klinik für Tuberkulose-Patienten. Diagnostizierte man zum Beispiel bei einem Patienten in den Slums Tuberkulose, wurde er für die Einleitung der Therapie in die Klinik gefahren. Ich durfte damals dreimal pro Woche mit den Ärzten vom Street-Medicine-Programm mitfahren – das war eine sehr eindrückliche Erfahrung!

Und wie kamen Sie dazu, Ihren Zivildienst in Ecuador zu machen?

Es gibt beim Zivildienst einige wenige Möglichkeiten für Auslandeinsätze. Ich bewarb mich für verschiedene Einsätze und mit Ecuador hat es geklappt. In Quito arbeitete ich für die Organisation «Sol de Primavera», die Jugendliche aus armen Familien unterstützt. Die jungen Menschen können dort eine Lehre als Bäcker, Zimmermann oder Schneiderin machen. Zu dieser Organisation gehört auch eine Allgemeinarztpraxis, in der ich zu Beginn mit einem ecuadorianischen Arzt arbeitete, und eine Zahnarztpraxis. Ich habe unter anderem viele der Auszubildenden betreut.

Gibt es Patienten, die Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn geprägt haben?

Mehrere. Als ich kurz nach meinem Staatsexamen auf der Chirurgie arbeitete, kam mitten in der Nacht eine Frau mit Magenbeschwerden und Status nach Magenbypass auf die Notfallstation. Ich stufte das Problem vorerst als harmlos ein und wollte es erst am nächsten Tag mit den Chefs besprechen. Es stellte sich dann aber heraus, dass sie eine innere Hernie hatte, ein chirurgischer Notfall also. Sie konnte zum Glück noch rechtzeitig operiert werden, aber mich hat dieser Vorfall für die Zukunft sehr geprägt. Man studiert sechs Jahre lang Medizin an der Universität, lernt jedoch sehr wenig über Alltag und Praxis, und dann beginnt man von einem Tag auf den anderen auf der Notfallstation und arbeitet ganz alleine, was zu solchen Situationen führen kann. Ich erinnere mich auch noch gut an einen nicht so alten, vernachlässigten Mann, der in Bern, wo ich auf der Angiologie arbeitete, auf den Notfall kam. Seine Füsse und Unterschenkel hatten ein feuchtes Gangrän und waren völlig verfault. Der Geruch durchdrang die ganze Notfallstation. Der Orthopäde musste die Beine schliesslich amputieren. Man fragt sich, wie es so weit kommen kann. Solche traurigen Geschichten vergisst man nicht mehr.

Und Erfolgserlebnisse?

Die gibt es natürlich auch. Eine Frau kam mit ihrem betagten Vater, der seit zwei oder drei Jahren eine chronische Wunde an der Leiste hatte, in die Sprechstunde. Er war mehrmals bei einem niedergelassenen Dermatologen behandelt worden – ohne Erfolg. Ich klärte den Patienten neu ab und passte die Therapie an. Heute, vor diesem Gespräch, habe ich ihn in der Sprechstunde gesehen und alles war abgeheilt. Ob es meine Therapie oder einfach Zufall war, weiss ich natürlich nicht … Jedenfalls waren der Patient und seine Tochter sehr zufrieden und dankbar. Das sind schöne Momente. Zwar ganz unspektakulär, aber man merkt in solchen Augenblicken, wie viel man als Dermatologe bewirken kann.

Für viele Patienten sind Erkrankungen der Haut ja sehr präsent, oftmals mehr als andere medizinische Probleme.

Ja, dermatologische Krankheiten haben einen grossen Einfluss auf die Lebensqualität. Auch kleine Befunde können enorm störend sein. Deswegen ist es sehr wichtig, dass man als Dermatologe nicht banalisiert, sondern immer genau diagnostiziert und die Krankheit den Patienten erklärt. Zum Beispiel das atopische Ekzem – manche Patienten haben es schon seit der Kindheit und waren unzählige Male beim Hausarzt oder Dermatologen, wissen aber nicht wirklich, worum es sich bei der Diagnose handelt. Häufig nehmen sich Ärzte in der Praxis zu wenig Zeit, um die Diagnose zu erklären, oder sie haben die Zeit nicht. In meiner Sprechstunde kann ich zum Glück genügend Zeit aufwenden für diese Aufklärung. Denn wenn die Patienten die Diagnose nicht verstehen, dann ziehen sie die Therapie kaum durch oder nur für eine kurze Zeit. Wenn der Patient denkt, er kann die Creme ein-mal anwenden und alles ist dann geheilt, dann ist die Enttäuschung unausweichlich. Aber zu wissen, dass die Krankheit chronisch ist und dass es zu Rezidiven kommen wird, ist sehr relevant – für die Compliance und auch für die Patientenzufriedenheit.

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