Apotheke aus der Empiriezeit mit barocker Anrichte

Das Pharmaziemuseum in Basel

Oft kaum beachtet steht hier in der Schweiz so manches Gebäude, das, schaut man etwas genauer hin, mehr Geschichte hat, als man denkt. Das Pharmaziemuseum der Universität Basel ist eines davon. Seine historische Vergangenheit bietet erstaunliche Einblicke in das kulturelle Erbe der Stadt, vor allem aber in die hier fest verwurzelte Geschichte des Apothekenwesens.

Text | Jacqueline Rüesch

Das eigentliche Apothekenwesen nahm seinen Anfang im Orient. So nimmt man an, dass die ersten Apotheken, ausgehend vom römisch- arabischen Konstantinopel, bereits im achten Jahrhundert n. Chr. in Bagdad entstanden. Die Araber sammelten das Wissen der griechischen Antike, vertrieben ihre Produkte auf neuen Handelswegen und erfanden neue Verfahren zur Herstellung von Heilmitteln, so dass diese in Europa zunehmend das Interesse von Händlern fanden1. Beeinflusst vom arabischen Raum, vor allem auch durch die Rezeption arabischer Schriften in Spanien und Sizilien2, interessierten sich auch die Menschen des europäischen Mittelalters immer mehr für die Alchemie. Das Wort stammt vermutlich vom arabischen ‹al-kimiyá›, für das griechische ‹chymeía› oder ‹chēmeía›, was so viel heisst wie «Beschäftigung mit der Metallumwandlung2,3. Was heute hauptsächlich mit der Suche nach der Herstellung von Gold in Verbindung gebracht wird, sollte die Umwandlung von weniger wertvollen Stoffen zu edleren im All-gemeinen ermöglichen. Alchemie war keine reine Wissenschaft, sondern mit mythologischen und kosmischen Vorstellungen verbunden. Speziell die Ärzte hofften, bei ihren alchemistischen Versuchen ein Allheilmittel für ihre Patienten, eine Art Lebenselixier, zu entdecken2.

Das Haus zum Sessel in Basel

Zu eben dieser Zeit, als die Alchemie auch in Europa Fuss fasste, wurde das Basler «Haus zum Sessel» und spätere Pharmazie- Historische Museum erstmals aktenkundig. Urkundlich genannt wurde der hintere Teil jenes Häuserkomplexes im Jahr 1296 als «Badstube unter Krämern». So befindet sich die genannte Liegenschaft im Stadtteil um Andreasplatz, Imbergässlein und Schneidergasse, der bei den damaligen Gewürzkrämern sehr beliebt war4. Badstuben wurden damals nicht nur zum Baden aufgesucht, sondern hatten auch gesellschaftliche Funktionen, man liess sich hier Haare und Bart schneiden oder medizinisch versorgen, auf diesem Weg hatte das Haus zum Sessel bereits damals eine gewisse Nähe zur Pharmazie5. Gespiesen wurde die Badstube von einer Quelle, die noch heute in einen Brunnen im Innenhof der Liegenschaft fliesst.

Ebenfalls im 13. Jahrhundert entstanden erste Medizinalverordnungen. Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen (1220-1250), gebildet und interessiert, förderte unter anderem auch die Medizin und erliess 1230 / 1231 die Constitutiones von Melfi, eine Gesetzessammlung, welche solche Medizinalgesetze enthält. Die Gesetze regelten insbesondere die ärztliche Ausbildung, verboten den Ärzten den Besitz von Apotheken, die Zusammenarbeit mit Apothekern und deren Interessensgemeinschaft. Ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts setzte sich dann der Begriff «Apotheke», vom griechischen ‹apotithenai›, für das deutsche «ablegen, aufbewahren», im pharmazeutischen Sinne durch2. Um das Jahr 1300 entstand der Basler Apothekereid, der den Constitutiones Friedrich II. entsprach6. Fortan wurden Heilmittel nur noch in Apotheken produziert und vertrieben.

Drucker und Humanisten im Sessel

Während der Etablierung des Apothekenwesens gelangte das Basler Haus zum Sessel 1488 in den Besitz des aus Colmar stammenden Ratsherrn Matthias Eberler, der es an den vom Odenwald stammenden Buchdrucker Johannes Amerbach vermietete. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts blühte der Buchdruck in Basel auf. Gründe dafür waren die günstige Lage für Händler, die Gründung der ersten Schweizer Universität 1460, das Kloster und natürlich der Sitz des Bistum Basel. So war die Bildung auch im 16. Jahrhundert noch tief in der Kirche verwurzelt. Hier wurde das antike Wissen durch den Besitz von Handschriften gesammelt und überliefert. Amerbach gilt als Initiator des humanistischen Buchdrucks in Basel. Wohl aus finanziellen Gründen ging er eine Druckgemeinschaft mit Johannes Petri und Johannes Froben ein, der 1507 die Druckerei im Sessel übernahm. Unter der Leitung von Froben gelangte die Druckerei zu Berühmtheit, wenn auch eher aus Zufall. Froben wurde ein Manuskript von Erasmus von Rotterdam zugespielt, dessen Druck Erasmus so gut gefiel, dass er ihn in Basel besuchte und eine lange, fruchtbare Zusammenarbeit daraus hervorging. Ein weiterer Autor Frobens war der kurzzeitige Stadtarzt Paracelsus, welchem er, wie Erasmus, zeitweise Unterkunft gewährte. Daneben liessen auch Sebastian Brandt, Rechtsgelehrter, Mitherausgeber des lateinischen Werks Petrarcas und Autor des «Narrenschiffs», und die Illustratoren Hans Holbein der Jüngere und Urs Graf seine Werke bei Froben drucken. Nach Frobens Tod, 1527, ging die Druckerei an seine Erben über und wurde darauf von seinem Schwiegersohn Epsi copius geleitet. Die Geschichte der Druckerei im Sessel endete mit dem Pesttod seines zweitältesten Sohnes 1599.

Töchterschule und Pharmazeutische Anstalt

Ab 1600 wechselte das Haus zum Sessel mehrmals die Besitzer und diente als Wohnhaus. 1814 zog eine auf die Initiative von Peter Ochs von der Obrigkeit übernommene private Mädchen-schule als «obrigkeitliche Töchterschule» in das hintere Haus ein. 1819 wurde die Liegenschaft vom Amt für das Bildungswesen der Stadt Basel für sie erworben. Aufgrund starker Nachfrage wurde das Haus allerdings zu klein, weshalb nach zwölf Jahren anderweitiger Nutzung 1897 die Frauenarbeiterschule hier einzog.

Nach den Anfängen des universitären Apothekenwesens im 16. Jahrhundert und ersten Forderungen nach dem Nachweis der Wirksamkeit von Medikamenten mit Human- und Tier-versuchen im 18. Jahrhundert6, wurde die Disziplin im 19. Jahr-hundert, mit Beginn der industriellen Revolution und dem eigentlichen Aufbruch der Naturwissenschaft, als eigenes Fach an der Universität gelehrt. So waren Peter Merian und Christian Friedrich Schönbein die ersten Chemiker, die nebenher auch pharmazeutische Fächer lehrten. Ab 1830 war Johann Jakob Bernoulli der erste Dozent für Pharmazie in Basel. 1843 wurde der Schweizerische Apothekerverein gegründet und 1877 schweizweit die Ausbildung von Apothekern, Ärzten und Zahnärzten geregelt. Die Ausbildung der Apotheker fand damals allerdings noch in den Apotheken und in Räumen am Institut für Chemie statt. In den Jahren darauf wurde der Lehrgang immer beliebter, so dass die «Pharmazeutische Abteilung» 1917 einen Teil des Hauses zum Sessel bezog. Von 1924 bis 1999 war die genannte Liegenschaft am Totengässlein 3 Lehr- und Forschungsanstalt der «Pharmazeutischen Anstalt». Hier wurde Prof. Tadeus Reichstein, der das Institut von 1938 bis 1952 leitete, der Nobelpreis für seine Forschung über die Hormone der Nebennierenrinde verliehen. Zu Beginn seiner akademischen Karriere fand Reichstein, neugierig geworden durch Bücher des 19. Jahrhunderts, in welchem erstmals an der Standardisierung zur Herstellung reiner Wirkstoffe wie beispielsweise des Morphins geforscht wurde6, ausserdem eine Methode zur Synthese von künstlichem Vitamin C.

Pharmaziemuseum

Das heutige Pharmaziemuseum der Universität Basel ging aus der «Sammlung für das historische Apothekenwesen» hervor, welche vom ersten im neuen Institut lehrenden Dozenten, Prof. Heinrich Zörig, gegründet wurde. Als Grundstock des Museums diente eine Schenkung des Basler Apothekers Joseph Anton Häfliger, der 1924 zum Professor für Galenik gewählt wurde. Seine Privatsammlung historischer Objekte zur Pharmaziegeschichte wurde 1925 im vorderen Teil des Hauses öffentlich zugänglich gemacht. In den 1930er Jahren konnte das Museum innerhalb des Gebäudes expandieren, weshalb die akademische Sammlung nach der Methodik der 1920er Jahre gestaltet wurde. Obwohl das Museum seit dem Jahr 2000 um ein weiteres vergrössert wurde, bildet es aufgrund seiner Konzeption aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts und der reichen Vergangenheit seines Gebäudes an sich Gegenstand historischen Interesses.

 

Quelle

Kessler M, Kluge M (Hrsg.): Leben am Totengässlein. Das Pharmazie-Historische Museum Basel im Haus «zum Sessel». Basler Zeitung Medien, 2004.

Bibliografie

  1. Kluge M, et al.: Pharmazie-Historisches Museum Basel. Pharmazie-Historisches Museum der Universität Basel, 2001.
  2. Schmitz R: Geschichte der Pharmazie. 2 Bde. Govi-Verlag, 1998.
  3. Kluge F: Kluge. Etymologisches Wörterbuch der  deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 24. Aufl. De Gruyter; 2002.
  4. Kessler M, Kluge M (Hrsg.): Leben am Totengässlein. Das Pharmazie-Historische Museum Basel im Haus «zum Sessel». Basler Zeitung Medien, 2004.
  5. Gelfand T: «The History of the medical Profession». W. F. Bynom und Roy Porter (Hrsg.): Companion Encyclopedia of the History of Medicine. Bd. 2. London und New York: Routledge, 1993: 1119–1150.
  6. Kessler M, et al.: Strömung, Kraft und Nebenwirkung. Eine Geschichte der Basler Pharmazie. 180. Neujahrsblatt. Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige Basel (Hrsg.). Schwabe, 2002.

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