«Je höher die Allergendosis, desto besser der therapeutische Effekt»

Die spezifische Immuntherapie (SIT) ist aktuell die einzige krankheitsmodifizierende Behandlungsmöglichkeit bei Inhalationsallergien. Prof. Dr. med. Barbara Ballmer-Weber, Chefärztin und Fachbereichsleiterin Allergologie der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie am Kantonsspital St. Gallen, informiert über Auswahl, Anwendung und Wirkungsweise der subkutanen und sublingualen Immuntherapie.

Athena Tsatsamba Welsch im Gespräch mit… Prof. Dr. med. Barbara Ballmer-Weber zur SIT

SkinMag: Prof. Ballmer-Weber, bei welchen Patienten führen Sie eine allergenspezifische Immuntherapie (SIT) durch?

Prof. Dr. med. Barbara Ballmer-Weber: Eine Indikation für eine SIT ist bei Patienten mit einer klinisch relevanten und nachgewiesenen, IgE-vermittelten Sensibilisierung durch Pollenallergene gegeben. Der jeweilige Patient sollte seit mindestens zwei bis drei Jahren unter zunehmenden klinischen Beschwerden leiden. Voraussetzung für die SIT ist die Übereinstimmung zwischen Anamnese, klinischer Untersuchung und Nachweis von spezifischen IgE. Dieser Nachweis erfolgt in-vitro und durch einen Hauttest. Zudem ist eine SIT bei Allergien auf Hymenopterengifte des Schweregrads III oder IV nach H. L. Mueller indiziert. Wir desensibilisieren auch Patienten mit einer Hausstaubmilbenallergie, sofern die Anamnese mit dem Pricktest und dem nasalen Provokationstest übereinstimmt. Wir machen diese Abklärungen, um wirklich sicher zu sein, dass der Patient milbenallergisch ist. Eine Desensibilisierung ist auch bei Personen möglich, die auf Tierallergene reagieren, wenn eine symptomatische Therapie nicht ausreicht und eine Allergenkarenz nicht möglich ist.

Wie wirksam ist die sublinguale verglichen mit der subkutanen Immuntherapie (SLIT / SCIT)?

Bis heute wurden die beiden Immuntherapien noch nie in einer Head-to-Head-Studie prospektiv verglichen. Wirksam sind beide. Wir gehen davon aus, dass die SCIT wahrscheinlich etwas besser wirkt, die SLIT dafür ein etwas besseres Nebenwirkungsspektrum hat.

Welche Methode eignet sich für welchen Patienten?

Wir erklären unseren Patienten beide Methoden. Es geht darum, die Therapieform zu finden, die der Patient gut in seinen Alltag integrieren kann, denn die Therapie dauert mindestens drei Jahre. Eine Grundvoraussetzung für die SLIT ist die Therapietreue des Patienten – er muss die Medikamente täglich konsequent einnehmen. Wir verwenden für die Immuntherapie natürliche Allergenextrakte aus Bienengift, Wespengift, Pollen, Milben und Tierhaaren. Diese lindern einerseits die Symptome, andererseits verstärken sie die Immuntoleranz gegenüber dem jeweiligen Allergen. Bei der SLIT wenden wir sublinguale Schmelztabletten, die für Gräserpollen und Hausstaubmilben sowie neu für Birkenpollen erhältlich sind, und Tropfen an. Bei der SCIT unterscheiden wir die präsaisonale und die perenniale Form. Bei der präsaisonalen SCIT erhalten die Patienten sieben bis zehn Injektionen vor Saisonbeginn. Bei der perennialen SCIT erfolgen die Injektionen zu Beginn wöchentlich und später im monatlichen Rhythmus – gemäss Vorgaben des produktespezifischen Behandlungsplans. Wichtig ist vor Beginn der Therapie eine gute Vorbesprechung. Wenn ein Patient berufsbedingt ein halbes Jahr im Ausland ist, kommt zum Beispiel eine perenniale SCIT nicht infrage. Ist ein Patient nicht compliant, empfehlen wir keine SLIT.

Welche Nebenwirkungen kann eine SIT auslösen?

Am häufigsten sind lokale Nebenwirkungen, diese bilden sich im Laufe der Zeit von allein zurück. Nach einer SLIT entwickeln bis zu 75 % der Patienten enorale Beschwerden wie Juckreiz oder Brennen im Gaumen, 15% haben gastrointestinale Beschwerden. Durch eine Prämedikation mit einem Antihistaminikum können wir diese Nebenwirkungen zu verhindern versuchen. Sehr selten kommt es zu schwereren Allgemeinreaktionen. Bei der SCIT bilden sich manchmal lokale Knötchen. Theoretisch können auch allergische Allgemeinreaktionen auftreten, die Häufigkeit ist aber gering mit einer Rate von 0,0005–0,1% der Injektionen – je nach Studie. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir die Patienten jeweils 30 Minuten nach der Applikation überwachen.

Reagiert das Immunsystem mit einer Toleranz oder einer Sensibilisierung nach dem Allergenkontakt?

Die SIT ist eine kausale immunmodulierende Behandlung. Wir beeinflussen die Sensibilisierung, indem wir spezifische blockierende Antikörper sowie toleranzinduzierende Zellen und Botenstoffe aktivieren.

Welche Rolle spielt die Dosis des Allergens?

Für einen guten therapeutischen Effekt bedarf es einer gewissen Dosis. Je höher die Dosis, desto besser ist in der Regel der therapeutische Effekt. Wir halten uns natürlich an die Vorgaben der jeweiligen Produktehersteller.

Setzen Sie eine begonnene Hyposensibilisierung in der Schwangerschaft fort?

In der Regel unterbrechen wir eine Immuntherapie in der Schwangerschaft. Wir empfehlen allerdings die Fortsetzung einer Bienen- und Wespengiftdesensibilisierung, um zu verhindern, dass es im Falle eines Stichs zu einer schweren allergischen Reaktion kommt.

Führt die SIT bei Pollenallergie zu einer kompletten Symptomfreiheit?

Rund 80% der Patienten sind mit dem Ergebnis zu-frieden, wenn sie eine SIT über den nötigen Zeitraum von mindestens drei Jahren durchgeführt haben. Die Therapie führt zu einem signifikanten Rückgang der Asthma-Inzidenz, wie Real-World-Studien bei Patienten mit allergischer Rhinitis belegen. Gewisse Patienten sind vollständig beschwerdefrei, andere haben Restsymptome, wobei der Medikamentenverbrauch unter einer SIT deutlich rückläufig ist. Bereits im ersten Jahr der Behandlung sind die Symptome durch die SIT besser kontrolliert als durch symptomatische Therapien, und ab dem zweiten Behandlungsjahr sollte die Wirkung noch zunehmen. Es gibt Patienten, die nach Abschluss der SIT im Verlauf der Zeit wieder vermehrt Symptome einer allergischen Rhinitis entwickeln. Bei diesen Patienten können wir nochmals eine Hyposensibilisierung machen. Wir können übrigens auch bei Kindern ab dem 5. Lebensjahr eine SIT durchführen.

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