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HPV und Gemärmutterhalskrebs: Wie ein vermeintliches Hirngespinst zum Nobelpreis führte

Anfang der 70er Jahre wurde Prof. Dr. med. Harald zur Hausen für seine Idee, dass Humane Papillomaviren Zervixkarzinome auslösen könnten, belächelt. Der deutsche Arzt und sein Team dachten aber nicht daran, die Idee fallen zu lassen. Wie wir heute wissen, zahlte sich ihre Hartnäckigkeit aus.

Gebärmutterhalskrebs liegt meist eine Infektion mit Humanen Papillomaviren (HPV) zugrunde. Das gilt heute als Fakt. So eindeutig war das aber nicht immer. Die Geschichte, wie dieser Zusammenhang entdeckt wurde, ist auch die Geschichte des deutschen Arztes Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Harald zur Hausen. Der 1936 geborene zur Hausen erhielt 2008 den Nobelpreis für Medizin und Physiologe für diese Erkenntnis1-3. Eine Entdeckung, die schliesslich auch zu den entsprechenden Impfstoffen führte. Bis es soweit war, gingen er und sein Team aber einen langen und steinigen Weg. 1976 publizierte zur Hausen erstmals die Hypothese, dass verschiedene Papillomaviren eine Rolle bei der Entstehung des Zervixkarzinoms spielen würden3, 4. Wirklich ernst genommen wurde er mit seiner These nicht, denn sie entsprach überhaupt nicht der gängigen Lehrmeinung. Was ihn aber noch mehr zu motivieren schien, Beweise für seinen Verdacht zu finden.

Viel Aufwand und Mühe

Bereits Anfang der 70er Jahre hatte Harald zur Hausen Papillomavirus-DNA isoliert und beobachtet, dass diese bei Hand- und Fusswarzen nicht gleich war wie bei Genitalwarzen. Von Genitalwarzen war damals bereits bekannt, dass sie Vorläufer von Tumoren sein konnten. Es galt, dies noch eingehender zu untersuchen. Einer der Doktoranden aus Prof. zur Hausens Team holte bei einem niedergelassenen Dermatologen regelmässig Hand- und Fusswarzen für die Untersuchung. Die Molekularbiologie war damals jedoch noch ein sehr junges Fach, deshalb gestaltete sich die Aufbereitung im Labor an der Universität Erlangen-Nürnberg sehr aufwendig und verlangte viel von dem Forscherteam ab. Die Mühe lohnte sich aber und sie konnten verifizieren, dass in den unterschiedlichen Warzen unterschiedliche HPV vorhanden waren. Doch um welche HPV-Typen handelte es sich genau? Nach einem Ortswechsel 1977 an das Institut für Virologie in Freiburg forschte die Arbeitsgruppe nicht mehr nur an Warzen, sondern direkt mit Zervixkarzinomen. Die Fortschritte in der Genetik gaben Grund zur Hoffnung. Um 1983 konnten jene HPV-Typen identifiziert werden, von denen man heute weiss, dass sie für die meisten Zervixkarzinome und deren Vorstufen verantwortlich sind: HPV16 und HPV184, 5.

Die Welt war noch nicht so weit

Die Euphorie am Institut war gross. Doch die Welt schien Mitte der 80er Jahre noch nicht bereit, die Erkenntnis der Arbeitsgruppe anzunehmen. Ein damals noch junger Forscher aus zur Hausens Team erzählt davon, dass bei der Vorstellung der Ergebnisse an der jährlichen Zusammenkunft der Papillomavirus-Forscher ein regelrechter Tumult im Publikum ausbrach und die Forschungsgruppe mit durchwegs kritischen Fragen bombardiert wurde. Noch immer schwamm Harald zur Hausen gegen den Strom. Erst als man Proben des Virusmaterials an mehrere hundert Labore weltweit verschickt hatte, konnten sich schliesslich alle auf das gleiche Ergebnis einigen5.

Ungleichgewicht im Zellwachstum

Inzwischen arbeitete die Gruppe am deutschen Krebsforschungszentrum, das Prof. zur Hausen während 20 Jahren leiten sollte. Biologen konnten in den Karzinomzellen die Virusgene E6 und E7 identifizieren und feststellen, dass diese Gene zelleigene Moleküle hemmen, die das Zellwachstum regulieren. Wird das Virus nicht abgewehrt, kommt das Wachstum der infizierten Zelle immer mehr aus der Balance und sie beginnt, sich unkontrolliert zu teilen4, 5.

Schlechte Voraussetzungen für den Impfstoff

Der Gedanke, Viren mit einem Impfstoff zu bekämpfen, ist naheliegend. Einen entsprechenden Industriepartner für das Projekt zu finden gestaltete sich hingegen schwierig. Einige hielten die Daten dafür zu ungenügend oder waren schlichtweg der Überzeugung, dass es sich finanziell nicht lohnen würde. Krebs mit einem Impfstoff zu verhindern, erschien noch zu abstrakt. Auch die Probleme im Labor halfen nicht dabei, die Idee in die Tat umzusetzen, denn es gelang den Forschern nicht, Papillomaviren in der Petrischale zu züchten. Dies ist für die Entwicklung eines Impfstoffs aber unabdingbar. Erst in den 90er Jahren gelang es ehemaligen Studenten von Prof. zur Hausen, zusammen mit Forschenden der National Institutes of Health (USA), einen Weg zum Ziel zu finden. Sie produzierten mithilfe der Gentechnik Protein bausteine der HPV- Kapsel: Diese fügen sich spontan zu virusähnlichen Gebilden zusammen, sind aber nicht krankheitserregend5. So wurde die Grundlage für den seit 2006 verfügbaren Impfstoff gefunden. Zwei Jahre später konnte Prof. Harald zur Hausen den Nobelpreis für Medizin und Physiologie entgegennehmen.

Der Nobelpreisträger und sein Lebensthema

Prof. zur Hausen beschäftigte sich schon sehr früh in seiner Karriere mit Viren und Krebs. Er reiste 1966, kurz nach seiner Approbation als Arzt, in die USA zu deutschen Medizinern ins Labor am Children’s Hospital of Philadelphia, die sich intensiv mit dem Thema befassten1, 2. Sie stellten Anfang der 60er Jahre fest, dass ein Zusammenhang zwischen dem Epstein-Barr-Virus und dem vor allem in Afrika sehr verbreiteten Burkitt-Lymphom besteht5. In Philadelphia fand zur Hausen zu seinem Lebensthema, das ihn bis heute nicht loslässt. Zwar wurde er 2003 emeritiert, doch forscht der heute 84-Jährige noch immer. Seit einigen Jahren äussert er den Verdacht, dass ein Zusammenhang zwischen einem speziellen Rindervirus und Darmkrebs bestehen könnte. Einmal mehr kann er es nicht lassen, sich mit der medizinischen Fachwelt anzulegen6.

 

Bibliografie

  1. Krüger-Brand HE: Harald zur Hausen: Medizingeschichte geschrieben. Dtsch Arztebl 2016; 113 (12): A-561/B-471/C-467.
  2. Leopoldina Nationale Akademie der Wissenschaften Mitgliederverzeichnis. Prof. Dr. Harald zur Hausen. https://www.leopoldina.org/mitglieder/mitgliederverzeichnis/mitglieder/member/Member/show/379/. (Abgerufen zuletzt am 7. Mai 2020).
  3. Le Ker H: Krebsviren-Forscher zur Hausen: Nobelpreis für den beharrlichen Zweifler. Spiegel 2008; https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/krebsviren-forscher-zur-hausen-nobelpreis-fuer-den-beharrlichen-zweifler-a-582473.html. (Abgerufen zuletzt am 7. Mai 2020).
  4. Zur Hausen H: Papillomviren und Krebserreger. Geburtshilfe und Frauenheilkd 1998; 85 (6): 291–296.
  5. Deutsches Krebsforschungszentrum: Harald zur Hausen – Nobelpreis für Medizin 2008; 6–9, 16.
  6. Brendler M: Risiko rotes Fleisch: Darmkrebs durch neue Erreger?. Frankfurter Allgemeine Zeitung 2019; https://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/nobelpreistraeger-harald-zur-hausen-darmkrebs-durch-neue-erreger-16068553.html. (Abgerufen zuletzt am 7. Mai 2020).

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