«Bei Corona geht mein Forscherinnenherz auf»

Die Leitende Ärztin an der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Universitätsspitals Basel, Prof. Dr. med. Antje Welge-Lüssen, spricht im Interview über die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf ihren Alltag als HNO-Ärztin und die Forschung in ihrem Spezialgebiet, die Riech- und Schmeckstörungen. Eigentlich wollte die gebürtige Deutsche Pilotin werden.

Séverine Bonini im Gespräch mit… Prof. Dr. med. Antje Welge-Lüssen

PraxisDepesche: Prof. Welge-Lüssen, seit Ende April dürfen wieder alle Operationen und Behandlungen ohne Restriktionen durchgeführt werden. Wie geht es Ihnen?

Prof. Dr. med. Antje Welge-Lüssen: Ich bin nicht operativ tätig, aber wir haben unter den entsprechenden Hygieneauflagen wieder mit der regulären Sprechstunde begonnen. Wir setzen die Hygieneauflagen so gut wie möglich um, aber für manche Untersuchungen stellt sich das immer noch als problematisch dar. Insgesamt merken wir schon, dass mehr Patienten bereit sind, wieder in die Sprechstunde ins Spital zu kommen – vor allem diejenigen, deren Untersuchungen abgesagt oder verschoben wurden. Viele dieser Probleme sind ja nicht wirklich gelöst.

Wir haben Sie den Lockdown erlebt?

Ich habe gemischte Gefühle gehabt. Gerade initial durch die Absagen von Sprechstunden war bei der Arbeit im Spital plötzlich mehr Zeit vorhanden. Diese unerwartete Zeit konnte ich einerseits nutzen, um Pendenzen abzuarbeiten, andererseits konnte ich so aber auch gewisse Dinge vorausplanen. Wir haben uns alle überlegt, wie wir das denn machen, wenn sich wieder alles ändert. Es sind aber auch persönliche Fragen aufgetaucht: Werde ich mich mit COVID-19 anstecken bei meiner Tätigkeit als HNO-Ärztin? Schliesslich hat man relativ früh aus China gewusst, dass Augen- und HNO-Ärzte zu den sehr gefährdeten Berufsgruppen zählen. Eine gewisse Sorge war da und auch die Unsicherheit, wie ich noch Konsultationen durchführen kann. Natürlich war die Situation auch geprägt von der Sorge um Familie und Freunde.

Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte sind Riech- und Schmeckstörungen. Nun ist ja eines der  bekannten Symptome bei Corona der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. Geht da Ich Forscherinnenherz auf?

Ja, das geht es (lacht). Ich bin in verschiedenen entsprechenden Gruppierungen tätig, unter anderem als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Olfaktologie und Gustologie der deutschen Hals-Nasen-Ohren-Gesellschaft. In dieser Gruppe, in der auch Kolleginnen und Kollegen aus Österreich und der Schweiz vertreten sind, wurden Informationen zu COVID-19 und Riech- und Schmeckstörungen sehr früh geteilt. Ich habe es als einen sehr positiven Effekt empfunden in dieser Krise, dass der wissenschaftliche Austausch zugenommen hat und unkomplizierter geworden ist. Natürlich besteht dann die Gefahr, dass einfach unverifizierte Beobachtungen geteilt werden. Aber es gingen rasch viele Mails mit Beobachtungen von Spezialistinnen und Spezialisten aus dem DACH- Gebiet hin und her, die sich mit Riechen und Schmecken befassen. Aus einer kleinen internationalen Gruppierung ist zudem rasch eine relativ grosse internationale Gruppe entstanden, die sich virtuell mehrfach getroffen hat und mittlerweile Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt beinhaltet. In diesem Kontext wurde zum Beispiel ein Online-Fragebogen entwickelt für potenziell betroffene Personen. Ich persönlich habe in meiner Tätigkeit hier in Basel relativ schnell Kontakt aufgenommen zum Leiter der Notfallstation und dem stv. Chefarzt Infektiologie / Spitalhygiene und wir haben gemeinsam verschiedene Projekte zu COVID-19 und Riechstörungen lanciert.

Was ist bei Corona anders als bei anderen Infekten, wo man dieses Phänomen auch kennt?

Rein von den wenigen, aber zunehmenden Daten und den Beobachtungen scheint der Verlauf anders zu sein. Bei einer normalen Erkältung oder Grippe ist die Nase verstopft. Das empfindet man als Betroffener als «normal». Dann vergeht dieser Infekt nach sieben bis neun Tagen und man merkt, wie es einem besser geht und die Nase wieder frei wird. Das Riechvermögen bleibt in der Folge bei dieser Art von Riechstörung schlecht und es dauert bei diesen postinfektiösen Riechstörungen häufig bis zu einem halben Jahr oder gar zwei Jahre, bis sich das Riechvermögen wieder verbessert oder normalisiert. Wenn wir hingegen Covid-Patienten befragen, erfahren wir, dass die Riechstörung manchmal bereits vor oder aber zeitgleich mit den anderen Symptomen auftritt, und zwar sehr schlagartig. Mehrheitlich scheint der Verlust des Riechvermögens unter COVID-19 nicht ganz so lange wie bei den bisher bekannten, postinfektiösen Riechstörungen zu dauern, aber das ist schwierig abzuschätzen, weil noch grössere Datenmengen über einen längeren Zeitraum fehlen. COVID-19 scheint auch nicht häufig mit einer ausgeprägten Verstopfung der Nase einherzugehen und unterscheidet sich anamnestisch somit ziemlich deutlich von den bisher bekannten postinfektiösen Riechstörungen. Der zeitliche Ablauf und die Beschwerden sind anders.

Kann man sich das bereits erklären?

Das ist eine sehr gute Frage. So ganz genau weiss man es natürlich noch nicht. Jedoch gab es kürzlich eine Publikation, die gezeigt hat, dass der ACE2-Rezeptor, wo das Virus an die Zellen andockt, offen sichtlich auch in grosser Anzahl in den Flimmerzellen im respiratorischen Epithel in der Nase vorhanden ist. Die Riechzellen, die eigentlichen Sinneszellen, sind in diese Schleimhaut eingebettet. Wenn jetzt das ganze Milieu, in dem sich diese Zellen befinden, gestört oder betroffen ist, kann man sich gut vorstellen, dass diese Riechzellen nun ebenfalls nicht mehr funktionieren. Diesen Erklärungsansatz finde ich spannend, aber er ist zurzeit noch nicht nachgewiesen.

Sie haben sich aber nicht nur auf Riech- und Schmeckstörungen, sondern auch auf Tinnitus und Schwindel spezialisiert. Das ist eine ziemlich grosse Palette an Spezialisierungen…

Das Riechen und Schmecken als Spezialgebiet hat mich sehr früh in meiner Laufbahn gepackt. Es ist das Gebiet, in dem ich angefangen habe, wissenschaftlich zu forschen und mich auch habilitiert habe. Der Grossteil meiner Forschung findet nach wie vor im Bereich Riechen und Schmecken statt. Ich habe zudem einen Fähigkeitsausweis in Psychosomatik und Psychosozialer Medizin gemacht, weil ich gemerkt habe, dass die Kommunikation in der normalen Sprechstunde mit den Patienten nicht immer optimal abläuft und ich mich da verbessern wollte. Nach dieser Weiterbildung habe ich zusammen mit einer Psychologin, die ich aus dem Universitätsspital kannte, eine Tinnitussprechstunde aufgebaut. Der Bedarf dafür war da, und ich forsche inzwischen auch in diesem Bereich. Daraus hat sich in der Folge die Leitung der neuro-otologischen Sprechstunde entwickelt, zumal es bei Patienten mit bestimmten Erkrankungen oder auch bei funktionellen Beschwerden Überlappungen zwischen Schwindel und Tinnitus gibt. Es passt also alles gut zusammen: die Neurootologie mit dem Schwindel und der Tinnitus. Mein Forschungsschwerpunkt ist über all die Jahre aber das Riechen und Schmecken geblieben.

Wussten Sie von Anfang an, dass Sie in den Fachbereich HNO gehen möchten, als Sie studiert haben?

Jein. Zu Beginn des Studiums eher nicht. Aber eine gute Freundin unserer Familie war damals eine erfolgreiche Oberärztin in der HNO-Klinik in Marburg in Deutschland, wo ich aufgewachsen bin. Sie hat im Bereich HNO habilitiert, ist zu Kongressen gefahren, hat Vorträge gehalten. Sie hat mich sehr fasziniert. Allerdings war sie anders als ich heute auch operativ tätig. Mein Vater ist Augenarzt, und diese Freundin hat viel gemeinsam mit ihm operiert. Als ich dann in der HNO-Klinik ein Praktikum gemacht habe, war ich fasziniert davon, in einem Fach tätig zu sein, in dem man operieren kann, aber nicht muss, dafür aber auch forschen kann. Ich habe dann am Anfang meiner klinischen Tätigkeit in der Chirurgie gearbeitet und in Rotation auch in der Urologie und Orthopädie. Handchirurgie hätte mich ebenfalls interessiert. Aber dann habe ich zwischen Handchirurgie und HNO geschwankt und mich schliesslich für die HNO entschieden.

Warum nicht Augenärztin wie Ihr Vater?

Ich habe zu Beginn meines Studiums bei einer Augenoperation bei meinem Vater zugeschaut. Mir wurde fast schwarz vor Augen, als der Schnitt ins Auge erfolgte. Das habe ich mir dann zweimal angetan und dann entschieden, dass das nichts für mich ist. Meine Mutter war Allgemeinmedizinerin.

War somit familiär bedingt schon früh klar, dass Sie Medizinerin werden?

Es war eine Möglichkeit. Die Alternative war Pilotin. Ich fliege sehr gerne, aber damals durfte man für die Ausbildung zur Pilotin keine Brille tragen und ich bin kurzsichtig.

Sie sind gebürtige Deutsche, haben aber ziemlich schnell nach dem Studium nach Liestal und dann Basel gewechselt. Wie kam es dazu?

Das war reiner Zufall. Ich war als Unterassistentin für vier Monate im Kantonsspital Liestal. Ein Jahr später besuchte ich eine Freundin in der Schweiz und schaute beim Spital vorbei. Mein ehemaliger Chef Prof. Rosetti von der chirurgischen Klinik sah mich und meinte, er habe eine freie Stelle für mich. Ende Oktober habe ich mein Staatsexamen gemacht, am 1. November fing ich in Liestal an. Ich dachte mir damals noch, dass ich ein oder maximal zwei Jahre bleibe, aber ich bin in der Schweiz hängengeblieben.

Welches war Ihr eindrücklichster Fall?

Als ganz junge Assistenzärztin meldete der Pförtner an, sie hätten da eine junge Frau bei der Anmeldung, die einen Löffel verschluckt habe. Ich konnte mir das bildlich überhaupt nicht vorstellen. Wie sollte das gehen? Ich sass dann einer 17-jährigen Frau gegenüber, und als ich ihre Zunge runterdrückte, sah ich hinten im Rachen tatsächlich den Stiel eines Metallkaffeelöffels. Er sass im Ösophagusmund der Speiseröhre fest. Ich fragte die Patientin, wie das passiert war. Sie hatte versucht, mit Hilfe des Löffels zu erbrechen, wobei ein Teil des Löffels runtergerutscht war. Der obere Ösophagussphinkter hatte sich in der Folge verkrampft und verschlossen. Das war schon eindrücklich anzuschauen und zum Glück relativ einfach zu beheben. Ich war noch sehr jung und unerfahren und muss auch gestehen, dass ich in all den Jahren nie wieder einen Löffel so im Rachen habe stecken sehen. Es gibt zwar immer wieder Patienten, die eine Zahnbürste oder ähnliches zum Erbrechen verwenden und dann aus Versehen verschlucken, aber dann ist der Gegenstand meistens komplett in der Speiseröhre verschwunden. Aber dieser Löffelstiel im Rachen ist mir gut in Erinnerung geblieben. Weiter fällt mir wegen einer gewissen Dramatik der Lage ein Patient mit einem sehr eindrücklichen Tumor ein, der mit einer Riechstörung und Nasenbluten in die Sprechstunde kam. Er konnte sehr erfolgreich operiert werden und hat noch viele Jahre gelebt.

Wie hoch ist der Anteil an Forschung, Patientenkontakt und Administration in Ihrer Arbeit?

Die Administration macht etwa 25% aus, die Forschung 10% und der Rest ist Patientenarbeit. Bis vergangenen Herbst war ich ausserdem für zwei Jahre Präsidentin der Schweizer HNO-Gesellschaft SGORL, was eine sehr intensive Phase war. Jetzt bin ich Past President. Das ist natürlich mit deutlich weniger Aufwand verbunden. Ich bin in dieser Funktion noch Vorstandsmitglied und gehöre weiterhin zum Entscheidungskreis der Geschäftsführung. In der aktuellen Situation ist der Past President zudem sicher etwas mehr gefordert als üblich: Durch die Coronapandemie sind viele akute Belange aufgetreten, um die sich die Gesellschaft kümmern musste und muss. So ist es sinnvoll, dass der Past President ein bisschen involvierter ist als im Normalfall.

Was haben Sie in den zwei Jahren als Präsidentin erreicht?

Ich hatte mir auf die Fahne geschrieben, die Qualitätsaktivitäten in der ORL zu steigern bzw. das Qualitätsbemühen mehr in den Vordergrund zu rücken. Für viele ist das ein eher «unsexy» Thema, was uns als Fachgesellschaft dennoch schon lange beschäftigt. Qualität beinhaltet sehr viele Aspekte. Wir haben eine «Top-5-Liste» der HNO erstellt, diese auch publiziert und sind jetzt auch dem Trägerverein Smarter Medicine beigetreten. Ich denke, wir haben das Verständnis für Qualität und was wir dafür tun können und sollen unter unseren Mitgliedern sehr gesteigert. «Qualität und Evidenz in der HNO» war auch das Motto unserer Frühjahresversammlung letzten Sommer. Ausserdem haben wir uns eines schon  lange hängigen Themas angenommen und erreicht, dass der schriftliche Teil der Facharztprüfung ORL ab 2021 im Rahmen der internationalen Prüfung des European Board of Examination gemacht wird, wie dies auch bei anderen Fachgesellschaften wie zum Beispiel den Intensivmedizinern und Neurochirurgen schon seit längerem stattfindet. Wir sind als HNO ein sehr kleines Fach, und wir waren der Meinung, dass es mit wenigen Prüflingen mittel- und langfristig unter steigenden Ansprüchen zu aufwendig ist, die bisher gute Qualität dieser Prüfung aufrechtzuerhalten. Dieses Projekt hatte ich zu Beginn meiner Präsidentschaft in Angriff genommen und es wurde vergangenen Herbst bei meiner letzten Geschäftssitzung als Präsidentin angenommen.

Welche Adjektive passen zu Ihnen?

Direkt. Zuverlässig. Offen. Speditiv. Ungeduldig. Ich musste lernen, ein bisschen diplomatischer zu werden, insbesondere in meiner Zeit als Präsidentin der HNO-Gesellschaft. Mir ist es wichtig, relativ offen und ehrlich zu sein, was mir nicht nur Sympathien einbringt.

Worauf freuen Sie sich, wenn wieder Normalität in der Welt einkehrt?

Ich freue mich darauf, Familie und Freunde auch im grösseren Kreis treffen zu können. Ausserdem möchte ich gerne mir noch unbekannte Länder kennenlernen; neue Landschaften, Menschen und Regionen sehen, in denen ich noch nicht war. Aber bis man wieder unbeschwert reisen kann, wird es sicher noch eine Weile dauern.

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