«Es gibt kein einheitliches Erfolgsrezept»

Handekzeme haben oft mehr als nur eine Ursache. Häufig benötigt der behandelnde Arzt detektivisches Gespür. Er muss jede Spur nachverfolgen, um mögliche Auslöser einzugrenzen. Nicht alle Patienten reagieren gleich auf verschiedenen Therapieoptionen. SkinMag sprach mit Prof. Dr. med. Jürgen Grabbe, Leiter der Allergologie am Kantonsspital Aarau, über das komplexe Krankheitsbild. 

Ramona Ronner im Gespräch mit… Prof. Dr. med. Jürgen Grabbe zum Handekzem

SkinMag: Prof. Grabbe, Handekzeme sind eine häufige Berufskrankheit. Welche Berufsgruppen sind davon am meisten betroffen?

Prof. Dr. med. Jürgen Grabbe: Am häufigsten treten Handekzeme bei Friseuren, Bäckern, Floristen, Fliesenlegern, Zahntechnikern, Maschinenbauern, Metallarbeitern und im Gesundheitswesen auf. An zweiter Stelle stehen Köche, Montagearbeiter, Angestellte im Gastroservice und Reinigungskräfte. 

Was raten Sie Patienten, die ein Handekzem entwickeln?

An erster Stelle steht die Suche nach der Ursache, besonders in Verbindung mit dem Beruf als möglichem Risikofaktor. Im Gesundheitswesen sind Kontaktallergien gegen Desinfektionsmittel anders als oft vermutet nur sehr seltene Auslöser, sondern viel relevanter sind Hautirritationen durch häufiges Händewaschen oder das Tragen von Handschuhen; beides kann durch die dauernde Feuchtigkeit Probleme verursachen. Es gilt also herauszufinden, ob es sich primär um ein Irritations- oder ein Allergenproblem handelt, wobei Allergien und Irritationen auch gleichzeitig auftreten können. Nach Eingrenzung der Ursache geht es um das Vermeiden der Auslöser. Das ist nicht immer einfach. Wenn ein Patient ein irritatives Ekzem durch den Kontakt mit Detergentien bei Reinigungsarbeit entwickelt, hilft es wenig, wenn ich ihm nur rate, Handschuhe zu tragen. In Handschuhen schwitzen Hände – das würde die gleichen Beschwerden hervorrufen. In diesem Fall helfen oft eine Schutzcreme unter den Handschuhen oder im Falle starken Schwitzens Massnahmen wie eine Leitungswasseriontophorese. 

Was sind mögliche Ursachen für die Entwicklung eines Handekzems?

Bei den meisten Patienten können wir die Ursache des Handekzems nicht eindeutig bestimmen – viele haben Mischursachen. Am häufigsten wird das Ekzem durch eine chronische Irritation der Haut durch Feuchtigkeit, Detergentien oder durch Chemikalien wie Kühlschmierstoffe verursacht. Die zweithäufigste Form ist das dyshidrotische Handekzem; Personen mit einer atopischen Hautdiathese entwickeln häufig diese Form. Vergleichsweise selten ist dagegen ein rein kontaktallergisches Ekzem, das bevorzugt die Handrücken befällt. Daneben suchen uns Patienten mit einem hyperkeratotischen-rhagadiformen Handekzem auf, dessen Ursache wir oft nicht ermitteln können. Diese Form tritt meist bei Patienten im Alter zwischen 40 und 60 Jahren auf, auch ohne dass offensichtliche Risikofaktoren vorliegen. 

Wie stellen Sie die Diagnose?

In der Regel erfolgt die Diagnose anhand des klinischen Befunds und der Anamnese. Das klinische Bild kann vom akuten Ekzem mit Nässen bis zum chronischen Ekzem mit massiver Hornschichtbildung oder Einreissen der Haut sehr vielfältig sein. Bei der Diagnosestellung müssen andere Erkrankungen ausgeschlossen werden, darunter eine Psoriasis, eine Mykose oder sogar selten einmal ein kutanes Lymphom. In der Anamnese gilt es herauszufinden, ob der Patient eine hautbelastende Tätigkeit oder ein spezielles Hobby ausübt bzw. mit bekannten oder potenziellen Allergenen in Berührung kommt. Ebenso prüfe ich, ob Hinweise auf eine Atopie (Score nach Diepgen) vorliegen. Daneben studiere ich Sicherheitsdatenblätter vom Arbeitsplatz, betreibe Literatursuche zu einzelnen Substanzen, führe Allergietests durch und entnehme auch einmal eine Probebiopsie, wenn Differenzialdiagnosen in Frage kommen.

Welche Therapien eignen sich für welches Handekzem?

Die Wahl und Dauer der Therapie richtet sich primär nach dem klinischen Bild und dem Schweregrad der Erkrankung. Es gibt kein einheitliches Erfolgsrezept. In der Regel erfolgt die Behandlung stufenweise und beginnt mit der Basistherapie. Beim irritativen Ekzem empfehle ich Handschutzcremes und kurzzeitig bis mittelfristig kortisonhaltige Salben, auf Dauer aber Calcineurinantagonisten. Während beim allergischen Handekzem eine topische (auch okklusive) und nur selten eine systemische Kortikoidtherapie angezeigt sind, werden beim hyperkeratotischen-rhagadiformen und dem dyshidrotischen Ekzem wenn nötig – auch ergänzend zur topischen Therapie – Systemtherapeutika verwendet: Alitretinoin bevorzuge ich bei den keratotischen Ekzemen, Ciclosporin A bei bläschenbildenden Formen wie dem atopischen Handekzem. Eine weitere Möglichkeit für beide Varianten ist Methotrexat. Bei schweren Verläufen kann das Handekzem – auch zusätzlich zum Retinoid – mit UVB-Licht oder in einer Creme- / Balneo-PUVA-Therapie bestrahlt werden. 

Wie häufig und wie lange wenden Sie Kortisonpräparate bei der Behandlung von Handekzemen an?

Eine topische Kortisontherapie sollte überwiegend mit Wirkstoffen, die einen günstigen therapeutischen Index (Verhältnis von Wirkstärke zu Nebenwirkungen) haben: Mometason, Prednicarbat, Methylprednisolonaceponat und Hydrocortisonbutyrat. Unter ärztlicher Kontrolle kann man sie über Wochen verwenden. Dabei versuche ich, alternierend und letztlich dauernd auf topische Calcineurininhibitoren (Tacrolimus oder Pimecrolimus) zu wechseln, da sie nicht die Regeneration der gestörten Barriereschicht beeinträchtigen. Clobetasolpropionat ist manchmal bei resistenten Ekzemen nötig; ich gebrauche es ununterbrochen nicht länger als 14 Tage. 

Häufiges Händewaschen begünstigt die Entstehung eines Handekzems. Was können Personen, die sich berufsbedingt häufig die Hände waschen müssen, stattdessen tun?

Zum Desinfizieren der Hände sind Desinfektionsmittel hautschonender als gleich häufiges Händewaschen. Um die Hände von sichtbarem Schmutz zu reinigen, sollten Betroffene Flüssigseifen verwenden, die dem pH-Wert der Haut angepasst sind. Für stärkere Verschmutzungen, zum Beispiel für das Entfernen von Lacken auf der Haut, gibt es spezifische Handwaschpasten. Lösungsmittel sind für die Haut natürlich nicht geeignet. Nach der Reinigung ist das Eincremen der Hände nicht nur am Abend mit einer pflegenden Salbe, sondern auch während der Arbeit mit einer Schutzsalbe unerlässlich. 

Welche weiteren Massnahmen gibt es, um die Entstehung eines Handekzems zu vermeiden?

Patienten mit einem Handekzem sollten mit dem Rauchen aufhören. Nikotinkonsum hat höchstwahrscheinlich einen schlechten Einfluss auf die Heilung. Präventive Massnahmen richten sich nach vorliegenden Risikofaktoren wie einem feuchten Arbeitsumfeld, dem Kontakt mit Detergentien oder aggressiven Chemikalien sowie mechanischen Faktoren oder Kälte. Menschen mit einer atopischen Hautdiathese müssen wir bei der Berufswahl und oft während ihres Erwerbslebens besonders gut beraten und betreuen. 

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