«OnlineDoctor.ch ermöglicht eine virenfreie medizinische Grundversorgung»

Vor der Corona-Pandemie stellten Datenschutz und technische Herausforderungen für viele Dermatologen noch grosse Hürden dar, telemedizinische Onlinekonsultationen anzubieten. Durch das Behandlungsverbot für nicht dringliche Eingriffe während des Lockdowns ist die Akzeptanz für digitale Lösungen rapide angestiegen, berichtet der Gründer von OnlineDoctor, Dr. med. E. Paul Scheidegger, ausführlich im Interview.

Athena Tsatsamba Welsch im Gespräch mit… Dr. med. E. Paul Scheidegger

SkinMag: Dr. Scheidegger, das Gesundheitssystem ist durch die Corona-Pandemie unter Druck geraten. Wie wirkt sich die Krise auf die digitale Transformation im Gesundheitswesen aus?

Dr. med. E. Paul Scheidegger: Auch Personen, die vor der Corona-Pandemie digital nicht sehr affin waren, haben technische Hürden in kürzester Zeit überwunden. Für sie war es eine existenzielle Notwendigkeit, sich der digitalen Transformation zu öffnen, um weiterhin für ihre Patienten erreichbar zu sein. Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung für alle Beteiligten beschleunigt. OnlineDoctor bietet eine virenfreie medizinische Grundversorgung. Mittlerweile nutzt mehr als jeder vierte Dermatologe in der Schweiz unsere Plattform.

Telemedizinische Lösungen sind nicht neu – was unterscheidet Sie von anderen Anbietern?

Wir stellen Ärzte und nicht die Plattform in den Vordergrund – das schafft Vertrauen und baut eine emotionale Bindung auf. Wenn der Patient schon nicht physisch in die Praxis kommen kann oder kommen möchte, wollen wir ihn zumindest digital gewinnen. Zudem bieten wir Dermatologen und Businesspartnern ein umfassendes Netzwerk an B2B-Kunden an. Zu unseren Partnern zählen unter anderem Spitäler ohne eigene dermatologische Klinik sowie Apotheken und Alters- und Pflegeheime. Unser Konzept basiert auf einer asynchronen, zeitversetzten Kommunikation. Nicht zuletzt setzen wir bei OnlineDoctor auf eine optimale User-Experience, die wir unter anderem durch Gamedesign-Elemente erreichen. Bei uns stehen nicht nur die Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit im Vordergrund, sondern auch das Design und der Spassfaktor. Der Arzt soll nicht nur das Gefühl haben, dass er arbeitet, wenn er unsere Plattform nutzt, auch wenn es selbstverständlich um etwas Ernstes geht. Wichtig ist zudem, dass der Patient seinen Wunsch-Dermatologen auswählen kann und die Anfrage nicht an einen anonymen Pool von Ärzten gestellt wird.

Wie stellt ein Patient die Anfrage?

Via Web-App wendet sich der Patient an den Facharzt seiner Wahl. Anschliessend wird er auf ein textbasiertes Dialogsystem (Chatbot) weitergeleitet, dem ein intelligentes Regelwerk hinterlegt ist. Dort beantwortet er Fragen zu seinem Hautproblem, macht drei Fotos, lädt sie im System hoch und bezahlt 55 CHF, wovon der Dermatologe den Grossteil erhält. Innerhalb von 48 Stunden bekommt der Patient eine Rückmeldung.

Gesundheitsdaten sind heikel – wie sicher ist OnlineDoctor?

Der Schutz von Patientendaten ist selbstverständlich ein sehr wichtiger Aspekt für uns. Aus diesem Grund wird die Datenübertragung zeitgemäss über SSL/TLS verschlüsselt. Um ungewollte externe Zugriffe zudem zu verhindern, arbeitet OnlineDoctor mit einer Zwei-Faktor-Authentifizierung – wie man es vielleicht vom e-Banking kennt.

Wie hat sich der Lockdown auf Ihren Praxisalltag ausgewirkt?

Der physische Umsatz ist von einem Tag auf den anderen um 90% in meiner Praxis in Aarau eingebrochen. Dafür hatte ich dreimal mehr Anfragen über digitale Kanäle wie OnlineDoctor, aber auch über Telefon und E-Mail. Somit konnten wir in der Phase des Lockdowns alle Patienten und nicht nur Notfälle weiterhin betreuen. Durch die digitale Konsultation sind wir dem Patientenbedürfnis nach einer virenfreien Konsultation adäquat entgegengekommen. Übrigens bin ich auch einmal pro Woche als Konsiliararzt im Kantonsspital Baden (KSB) tätig. In der Zeit des Lockdowns konnte ich alle Anfragen vom KSB über OnlineDoctor beantworten.

Was sind die häufigsten Anfragen?

Rund 80% der Patientenanfragen erfolgen aufgrund von Ekzemen, 10% wegen Alterswarzen oder Melanomen. Mit einem gut aufgelösten Smartphone-Bild erkenne ich in deutlich über 90% der Fälle, ob es sich um eine Banalität handelt oder ob ich den Patienten physisch in der Praxis sehen muss. Dieser Unsicherheitsfaktor hat sich mit der Entwicklung der Kamera deutlich verbessert. Die Anfragen vom Spital betreffen meist das Arzneimittelexanthem.

Welche Vorteile bietet OnlineDoctor für Dermatologen?

OnlineDoctor ermöglicht eine schnelle Triage anhand eines interaktiven Frage-Antwort-Systems, welches in Sprechblasen angeordnet ist. Zu Beginn erhält der Patienten eine allgemeine Einstiegsfrage. Antwortet er zum Beispiel mit «Muttermal», erhält er durch ein Filtersystem andere Folgefragen als ein Patient, der eine allergische Abklärung benötigt. Durch die Plattform kann der Dermatologe Patienten mit einer hohen Krankheitslast, zum Beispiel einem Melanom oder einer schweren Entzündung, für eine weitere Abklärung in die Praxis bestellen. Für die 50 häufigsten Diagnosen haben wir Textblöcke entwickelt, die der Dermatologe individuell anpassen kann. In 85% der Fälle können Anfragen digital, ohne physische Konsultation in der Praxis abgeschlossen werden. Darüber hinaus entscheidet der Arzt selbst, ob und wann er verfügbar ist. Jeder kann Ferienabwesenheiten in der Agenda hinterlegen und sich vorrübergehend selbst deaktivieren und wieder aktivieren. Mit unserer Plattform kann der Dermatologe die Prozessabläufe im Praxisalltag somit optimieren.

Welche Chancen sehen Sie durch die Lungenerkrankung Covid-19 für die Digitalisierung des Gesundheitssektors?

Mehr als die Hälfte der Arztpraxen ist noch nicht digitalisiert. Dermatologen sind allerdings gemäss meiner Erfahrung sehr technikaffin. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass Dermatologen schon lange Selbstzahlerleistungen erbringen. Sie setzen sich fortwährend mit innovativen Lösungen auseinander und bieten zum Beispiel Laserbehandlungen an. Bisher können nur Dermatologen unsere Plattform nutzen. Neben der Dermatologie könnten aber auch Bereiche digitalisiert werden, deren Daten mit einem geringen Aufwand erfasst und weitervermittelt werden können. Aus meiner Sicht ist das unter anderem die Radiologie, die Ophthalmologie und die Hals-Nasen-Ohren-Kunde. Covid-19 stellt für das Gesundheitswesen eine echte Zäsur dar. Die Pandemie bringt die Vorteile digitaler Gesundheitslösungen schonungslos zum Vorschein. Ich erwarte somit eine deutlich breiter abgestützte Akzeptanz aller Anspruchsgruppen in Bezug zur digitalen Transformation. Covid-19 fungiert somit sicher als Innovationsbeschleuniger. Dies ist eine Chance, die wir nutzen sollten.

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