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Vitamin D: hype or hope?

In den letzten Jahren ist ein wahrer Hype um Vitamin D entstanden. Allein zwischen 2015 und 2018 wurden rund 2350 Publikationen zu diesem Thema veröffentlicht1. Was die derzeit gültigen Guidelines empfehlen und wie sich die aktuelle Studienlage zum Einsatz von Vitamin D präsentiert, beschreibt der vorliegende Artikel.

Autorin | Dr. med. Martina Heim

Vitamin D ist ein klassisches Steroidhormon. Nach Synthese des Prohormons entsteht unter Einwirkung von UV-Strahlung auf die Haut Cholecalciferol, welches in der Leber zum 25-Dihydroxy-Vitamin D3 (25 (OH) D 3 = Calcidiol) hydroxyliert wird2. Cholecalciferol kann auch über die Nahrung aufgenommen werden (Eigelb,  Milchprodukte, Fett-fische wie Lachs oder Makrele, Lebertran, Pilze oder Hefe), wobei die exogene Zufuhr nur ca. 20% des Bedarfs deckt. Im Körper liegt hauptsächlich das an Protein gebundene Calcidiol vor (Halbwertszeit 2 – 3 Wochen). Die aktive Form, 1,25-Dihydroxy-Vitamin D3  (1,25(OH) 2 D 3 = Calcitriol), entsteht durch  Hydroxylierung in der Niere. 1,25(OH) 2 D 3 induziert über verschiedene Mechanismen die Kalziumresorption im Dünndarm und steigert die Knochenresorption. Nebst den Effekten auf den Kalzium- und Knochenstoffwechsel werden Vitamin D pleiotrope Wirkungen an über 2000 Genloci nachgesagt. Dies begründet das breite Interesse am Einsatz von Vitamin D in unterschiedlichsten Bereichen der Medizin.

Definition

Eine erste Herausforderung sind uneinheitliche Definitionen, was Vitamin-D- Mangelzustände sind: Die amerikanischen Endokrinologen sehen einen 25(OH) Vitamin-D3-Spiegel von >75 nmol/l als ausreichend an, die europäische Knochengesellschaft (ECTS = European Calcified Tissue Society) hingegen erachtet Werte von 50 nmol/l als ausreichend3. Die amerikanische medizinische Gesellschaft ist sich unsicher, ob Werte von 25 – 50 nmol/l tatsächlich einen Mangel darstellen3. Serumspiegel von 25(OH) Vitamin D unter 30 nmol/l definieren annähernd alle Guidelines als Mangel. Doch was implizieren diese Definitionen? Supplementation von Vitamin D Supplementation  von Vitamin D ist gemäss WHO nördlich und südlich des 42. Breitengrades während der Wintermonate empfehlenswert4. Die amerikanische endokrinologische Gesellschaft postuliert seit 2011, dass nur Menschen mit Risiko für Vitamin-D-Mangel supplementiert werden und keine Screening-Messungen durchgeführt werden sollen5. Die amerikanische «Preventive Services Task Force» sieht keine Evidenz für Substitution mit 400 Einheiten Vitamin D täglich bei gesunden Männern und postmenopausalen Frauen6. Die ECTS erachtet eine Vitamin-D-Supplementation mit 400 – 600 Einheiten täglich bei Schwangeren oder 400 – 800 Einheiten bei über 70-Jährigen als unerlässlich3. Die Schweizerische Gesellschaft für Geriatrie empfiehlt die tägliche Einnahme von 800 Einheiten Vitamin D ab 60 Jahren7. Die aktuelle Studienlage lässt diese Empfehlungen jedoch hinterfragen, wie im Folgenden dargelegt wird.

Studienlage

Diverse in den letzten zwei bis drei Jahren publizierte Studien zeigten negative Daten  zur  Vitamin-D-Supplementation in verschiedenen Bereichen der Medizin. So konnte das EVITA Trial keinen Benefit auf die Gesamtmortalität bei herzinsuffizienten Patienten zeigen8. In der Onkologie enttäuschten die Resultate des SUNSHINE Trials, einer randomisierten doppelblinden Phase-II-Studie, die bei 139 Patienten mit kolorektalem Tumor unter Standard-Chemotherapie keinen Effekt von zusätzlichem Vitamin D auf das progressionsfreie Überleben zeigte9. Auch AMATERASU, eine Studie aus Asien, konnte bei 447 wegen gastrointestinalen Tumoren operierten Patienten keine Verbesserung des Rezidiv-freien Überlebens oder in Bezug auf die Mortalität zeigen10. Auch die Daten der amerikanischen VITAL-Studie sind ernüchternd: kein Effekt von Vitamin-D-Supplementation auf Vorkommen invasiver Tumoren oder kardiovaskulärer Ereignisse bei 25 000 Probanden über 5,3 Jahre Follow-up11 . Diese Resultate waren mit grossem Interesse erwartet worden, da das Studiendesign ähnlich dem der grossen europäischen «Do-Health» Studie war. Eine weitere Untersuchung mit älteren schwarzen Amerikanerinnen (PODA) zeigte trotz Erhöhung eines vorgängig  tief-normalen Vitamin-D-Spiegels im Serum keine Verbesserung der Funktionalität versus Placebo12. Leider waren keine Frauen mit Vitamin-D-Mangel  (< 20 nmol/l) dabei. Im systematischen Review und in der Metaanalyse von Zhao et al. konnte keine Assoziation in der Frakturinzidenz unter Kalzium- oder Vitamin-D-Supplementation bei gesunden älteren Probanden nachgewiesen werden13. Auch Bolland et al. kamen 2018 in ihrem Review zum Schluss, dass mit Vitamin- D-Supplement weder Stürze noch Frakturen verhindert werden konnten14 .

Fazit

Abschliessend bleiben die unbestrittenen Einsatzgebiete der Vitamin-D-Supplementation zu erwähnen. Es sind dies die Rachitisprophylaxe bei Neugeborenen und Kleinkindern, die Behandlung der Osteomalazie und die Therapie bei Osteoporose (mit Kalzium kombiniert). Es ist auch anzunehmen, dass ältere Patientinnen und Patienten mit Vitamin-D-Mangelzustand, was besonders bei institutionalisierten Patientinnen und Patienten häufig vorkommt, von einer Vitamin-D-Supplementation profitieren. Ebenso unbestritten ist, dass weitere Studien zum Einsatz von Vitamin D in anderen Gebieten folgen werden.

 

Bibliografie

  1. Yang J, et al.: Identification of Recent Trends in Research on Vitamin D: A Quantitative and Co-Word Analysis. Med Sci Monit 2019; 25: 643 – 655.
  2. Battegay E (Hrsg.): Differentialdiagnose Innerer Krankheiten. 21. Aufl., Thieme; 2017: 1140.
  3. Lips P, et al.: Management of endocrine disease: Current vitamin D status in European and Middle East countries and strategies to prevent vitamin D deficiency: a position statement of the European Calcified Tissue Society. Eur J Endocrinol 2019; 180(4): 23 – 54.
  4. World Health Organization, Food and Agricultural Organization of the United Nations: Vitamin and mineral requirements in human nutrition. Second edition, WHO; 2004: 45 – 58.
  5. Holick MF, et al.: Evaluation, Treatment, and Prevention of Vitamin D Deficiency: an Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J. Clin EndocrinMetab 2011; 96(7): 1911 – 1930.
  6. US Preventive Services Task Force: Vitamin D, Calzium, or Combined Supplementation for the Primary Prevention of Fractures in Community-Dwelling Adults: US Preventive Services Task Force Recommendation Statement. JAMA 2018; 319(15): 1592 – 1599.
  7. Bischoff-Ferrari HA, et al.: Vitamin-D-Supplementation in der Praxis. Schweiz Med Forum 2014; 14(50): 949 – 953.
  8. Zittermann A, et al.: Effect of vitamin D on all-cause mortality in heart failure (EVITA): a 3-year randomized clinical trial with 4000 IU vitamin D daily. Eur Heart J 2017; 38(29): 2279 – 2286.
  9. Ng K, et al.: Effect of High-Dose vs Standard-Dose Vitamin D3 Supplementation on Progression-Free Survival Among Patients With Advanced or Metastatic Colorectal Cancer. The SUNSHINE Randomized Clinical Trial. JAMA 2019; 312(14): 1370 – 1379.
  10. Urashima M, et al.: Effect of Vitamin D Supplementation on Relapse-Free Survival Among Patients With Digestive Tract Cancers. The AMATERASURandomized Clinical Trial. JAMA 2019; 312(14): 1361 – 1369.
  11.  Manson JE, et al.: Vitamin D Supplements and Prevention of Cancer and Cardiovascular Disease. N Engl J Med 2019; 380(1): 33 – 44.
  12. Aloia JF, et al.: Physical Performance and Vitamin D in Elderly Black Women – The PODA Randomized Clinical Trial. J Clin Endocrinol Metab 2019; 104(5): 1441 – 1448.
  13. Zhao JG, et al.: Association Between Calcium or Vitamin D Supplementation and Fracture Incidence in Community-Dwelling Older Adults. A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA 2017; 318(24): 2466 – 2482.
  14. Bolland MJ, et al.: Effects of vitamin D supplementation on musculoskeletal health: a systematic review, meta-analysis, and trial sequential analysis. Lancet Diabetes Endocrinol 2018; 6(11): 847 – 858.

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