«Wir brauchen ‹Corona-­freie› Momente»

Die Corona-Krise ist allgegenwärtig. Besonders für Menschen mit einer psychischen Erkrankung sind die soziale Isolation und der veränderte Alltag eine grosse Herausforderung. Prof. Dr. med. Erich Seifritz, Direktor und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Angst und Depression, erklärt, was bei der Betreuung von Patienten mit Angststörungen oder Depressionen besonders wichtig ist.

Dr. Catherine Haberthür-Müller im Gespräch mit … Prof. Dr. med. Erich Seifritz

PraxisDepesche: Prof. Seifritz, was sind momentan die grössten  Herausforderungen für Menschen mit einer Angststörung oder Depression?

Prof. Dr. med. Erich Seifritz: Ein strukturierter Alltag mit fixen Aufgaben und verlässlichen sozialen Kontakten ist für Menschen allgemein und besonders für Menschen mit Depressionen sehr wichtig. Dies fällt nun mehrheitlich weg, was die Gefahr einer Verstärkung der Depression oder eines Rückfalls erhöht. Patienten mit einer Angststörung haben verschiedenste Ängste, die nun verstärkt werden können. Auf der anderen Seite kann die reale Gefahr durch den Corona- Virus die bei Angststörung häufig diffusen Ängste vorübergehend in den Hintergrund drängen. Es kann also auch zu einer Abnahme der Symptome kommen. Ein gewisses Mass an Angst kann durchaus sinnvoll sein, da sie zu Verhaltensänderungen führt und uns so vor einer Ansteckung schützen kann. Man nennt dies Realangst, die mit einer Erkrankung nichts zu tun hat. Problematisch wird es, wenn sich die Angst verselbständigt, wenn sich eine «Angst vor der Angst» entwickelt. Wir sollten nicht vergessen, dass jetzt auch Menschen ohne psychische Vorerkrankungen aufgrund der veränderten Umstände und der sozialen Isolation vermehrt unter Ängsten oder Depressionen  leiden können. Besonders ältere Menschen sind stark eingeschränkt und häufig von Einsamkeit betroffen.

Im Moment sind Therapien in der Praxis nicht durchführbar. Welche psychiatrischen Unterstützungsangebote stehen noch zur Verfügung?

Innert sehr kurzer Zeit wurden verschiedene Videotelefonie-basierte psychiatrische Angebote auf- bzw. ausgebaut. Es ist wichtig, Betroffene auf diese Möglichkeiten aufmerksam zu machen, damit sie sich mit der momentanen Situation nicht alleingelassen fühlen. Zudem sind auch die Angehörigen und Freunde von Patienten mit einer Depression oder Angststörung gefragt. Regelmässige Telefonanrufe verringern beispielsweise das Gefühl von Einsamkeit und Isolation. Wir entwickeln an unserer Klinik derzeit ein einfaches und datensicheres Videokommunikationstool, pSycure genannt, das besonders gut für den psychotherapeutischen Einsatz geeignet ist.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf den Schlaf aus?

Der Schlaf ist ein wichtiger Sensor für unsere Befindlichkeit. Es ist sicher so, dass auch Personen, die normalerweise gut schlafen, nun Schwierigkeiten haben können, die körperliche und geistige Anspannung abzulegen und daher unter Schlafproblemen leiden. Hier können gezielte Entspannungsübungen, eine fixe Aufsteh-Zeit am Morgen und regelmässige körperliche Aktivität helfen, die Schlafqualität zu verbessern. Bei Patienten mit einer psychischen Erkrankung ist der Schlaf häufig sowieso schon beeinträchtigt und die Problematik kann sich in der jetzigen Situation weiter verstärken. Hier ist die gute Schlaf-Hygiene besonders wichtig. Was ich generell allen, nicht nur Menschen mit  einer psychischen Erkrankung, empfehlen würde: Beschränken Sie Ihren News-Konsum auf wenige verlässliche Quellen. Ständige Push-Nachrichten rauben einem den Schlaf, Gesunden genauso wie Menschen mit Depressionen oder Angststörungen. Wir brauchen «Corona-freie» Momente!

Wie können Hausärztinnen und Hausärzte in der jetzigen Situation Patienten mit einer psychischen Erkrankung unterstützen?

Der Hausarzt oder die Hausärztin kann sich zum Beispiel mit regelmässigen Telefonanrufen aktiv an der Betreuung der Patienten beteiligen. Auch hier können telemedizinische Behandlungen durch Videokommunikationstools sehr gut eingesetzt werden. Dadurch entstehen verlässliche Fixpunkte, das gibt den Betroffenen Struktur und reduziert das Gefühl der Isolation. Es ist wichtig, dass Ängste und Befürchtungen bezüglich des Corona-Virus ernstgenommen werden, ohne dass ihnen unverhältnismässig viel Gewicht gegeben wird. Zudem ist es ist wichtig, Betroffene zu ermutigen, sich auf das «Hier und Jetzt» zu fokussieren und den Alltag möglichst normal weiterzuführen. Die Patienten sollten immer wieder daran erinnert werden, dass man sich aktiv vor einer Ansteckung mit Corona schützen kann und dass nicht jeder Schnupfen oder jedes Kratzen im Hals zwangsläufig auf eine Ansteckung hinweist.

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