«Schlaf ist der beste Neuro-Enhancer»

Wenn man den Medienberichten glaubt, ist die Einnahme von Substanzen, um konzentrierter und fokussierter zu arbeiten, fast schon Normalität. Aber stimmt das auch wirklich? Was hinter dem Phänomen steckt, wer zu diesem Gehirn­Doping greift und vor allem, wie viel es überhaupt nützt, verrät Prof. Dr. rer. nat. Boris Quednow von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich.

Regina Scharf im Gespräch mit… Prof. Dr. rer. nat. Boris Quednow

BrainMag: Prof. Quednow, worum geht es beim sog. Neuro-Enhancement?

Prof. Dr. rer. nat. Boris  Quednow: Als  Neuro-Enhancement hat man ursprünglich alle Massnahmen zur Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit bezeichnet, auch bei kranken Personen. Um diese Betroffenen ging es mir zu Beginn meiner Tätigkeit. So habe ich ursprünglich unter anderem Psychopharmaka erforscht, mit dem Ziel, die kognitive Leistungsfähigkeit von Patienten mit Schizophrenie zu verbessern. Dadurch liessen sich die soziale Interaktionsfähigkeit und die berufliche Reintegration möglicherweise besser positiv beeinflussen als durch die alleinige Behandlung der Halluzinationen und der Wahnsymptomatik. In den letzten zehn Jahren hat sich dann aber eine engere Definition durchgesetzt. Heute versteht man unter Neuro-Enhancement jeden Eingriff, der die kognitive Leistungsfähigkeit nur noch bei Gesunden verbessert.

Ist die Anwendung von Neuro-Enhancern weit verbreitet?

In bestimmten Gruppen beobachten wir die Einnahme leistungssteigernder Substanzen etwas häufiger, zum Beispiel bei Studenten. Epidemiologisch gesehen handelt es sich aber um ein seltenes Phänomen, auch wenn sich seit vielen Jahren hartnäckig der Mythos hält, Neuro-Enhancement sei weit verbreitet. Dasbhängt auch damit zusammen, dass in epidemiologischen Studien häufig die Lebenszeitprävalenz angegeben wird und jeder Probierkonsum daher miterfasst wird. Die regelmässige Anwendung leistungssteigernder Substanzen wird durch die klassischen epidemiologischen Zahlen leider nicht gut abgebildet. Jüngste Studien von Versicherungen in der Schweiz und in Deutschland zeigen aber, dass der regelmässige Konsum von klassischen Neuro-Enhancern im deutschsprachigen Raum selten ist1, 2.

Der Begriff der Neuro-Enhancer ist weit gefasst. Welche Substanzen fallen darunter und sind auch untersucht?

Epidemiologische Untersuchungen haben mehrheitlich die Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente mit einer starken Wirksamkeit auf die Vigilanz erfasst. Es handelt sich dabei vor allem um klassische Stimulantien wie Methylphenidat (MPH) und Amphetamin oder auch Modafinil. Auch nach Antidementiva wie zum Beispiel Acethylcholinesterase-Hemmern (AChE-I) wurde oft gefragt. Die meisten Studien blenden die ganze Palette von Nahrungsergänzungsmitteln, wie bestimmte Vitamine aber auch OTC- Produkte, die zur Steigerung der Kognition in diesem Bereich angeboten werden, aus. Der Grund ist, dass für diese Substanzen in der Regel kein Wirkungsnachweis in Bezug auf die Kognition erbracht wurde.

Wie gut wirken klassische Neuro-Enhancer?

Wer unter Placebo eine schlechte Leistung zeigt, weil er zum Beispiel übermüdet ist, dem hilft die Einnahme von Stimulantien wahrscheinlich. Wer nach genügend Schlaf im Stande ist, konzentriert und fokussiert zu arbeiten, bei dem verschlechtert sich die Leistung mit diesen Substanzen eher. Ein solcher U-förmiger Wirkungsverlauf wurde in Untersuchungen mit MPH und Amphetamin und sogar mit genetischen Untersuchungen gezeigt. Die Idee der unbegrenzten Leistungssteigerung funktioniert also beim Gehirn nicht. Das  Neuro-Enhancement hat zudem seinen Preis. So wissen wir aus Untersuchungen, dass sich die Aufmerksamkeit durch die Einnahme von Stimulantien meist verbessert. In anderen kognitiven Domänen, wie beispielsweise der Flexibilität, kommt es dagegen zu Einbussen. Die Folge davon ist, dass man sich zwar gut auf einen Sachverhalt konzentrieren kann, aber jede Form von Multitasking eher schlechter wird.

Das hört sich an, als sei Neuro-Enhancement mehr Schein als Sein.

Netto gesehen nützt es wahrscheinlich viel weniger, als die Leute glauben. Darüber hinaus wissen wir nur wenig über die chronischen Folgen der Substanzen bei Gesunden. Aus ethischen Gründen wurden die meisten Interventionsstudien mit MPH, Amphetamin und Modafinil nur mit Einzeldosen durchgeführt. Bei regelmässiger Anwendung, zum Beispiel infolge chronischer Übermüdung, besteht die Gefahr, dass negative Wirkungen kumulieren. Dann kommt es zu einem Rebound-Effekt und einer deutlichen Verschlechterung der kognitiven Funktionen. Zudem nimmt man ein oft unterschätztes Abhängigkeitsrisiko in Kauf. Am Ende sind eine gute Schlafhygiene und genügend Schlaf wohl das beste und verträglichste Mittel, um gute kognitive Leistungen zu erbringen.

Welche anderen Substanzen wurden mit dem Ziel der kognitiven Leistungssteigerung untersucht?

Nikotin hat einen relativ starken Effekt auf die Kognition, allerdings nicht bei allen Menschen. Wer Probleme mit der Aufmerksamkeit und der Konzentration hat, kann sich dadurch kurzfristig verbessern. Die Wirkung der AChE-I ist umstritten. In einer Studie wurde eine Verbesserung des Langzeitgedächtnisses unter diesen Substanzen bei Gesunden gezeigt. Die Ergebnisse konnten aber nie repliziert werden. Eine andere Studie zeigte eine Verschlechterung unterschiedlicher kognitiver Domänen, wie der Aufmerksamkeit, der Verarbeitungsgeschwindigkeit und des Arbeitsgedächtnisses durch AChE-I. Die vielversprechende Wirkung verschiedener anderer Substanzen auf die kognitiven Funktionen  in  Tierversuchen konnte beim Menschen meist nicht bestätigt werden. Mit anderen Worten: Es gibt keine Wundersubstanz, und ich glaube auch nicht daran, dass es bald eine geben wird. Das Gehirn ist so komplex und alles so eng miteinander verwoben. Wenn ich an einer kleinen Schraube im System drehe, dreht sich alles andere mit und verursacht an anderer Stelle neue Dysbalancen und Funktionsstörungen.

Welche Rolle spielen illegale Substanzen beim Neuro-Enhancement?

Unter den Personen, die klassische Neuro-Enhancer einsetzen, finden sich mehr Drogenkonsumenten als in der Allgemeinbevölkerung. Diese Menschen haben offenbar gelernt, die Substanzen auf verschiedene Arten zu instrumentalisieren: ob zu hedonistischen Zwecken im Ausgang oder bei der Arbeit. Aktuell gibt es einen grossen medialen Hype um das sog. «Microdosing» von LSD oder Psilocybin zur kognitiven Leistungssteigerung. Verlässliche Zahlen, die zeigen, wer und wie viele Personen diese Substanzen tatsächlich einnehmen, existieren bislang nicht. Bis zum letzten Jahr gab es nicht mal Studien, die die Wirkung von LSD in Mikrodosen untersucht haben. In der Zwischenzeit liegen die Ergebnisse von drei Studien mit unterschiedlichen Dosierungen vor. Diese zeigen jedoch keine positiven kognitiven Effekte.

Wie verändern sich die kognitiven Funktionen unter Kokain?

In einer grossen Studie haben wir die kognitiven und sozial-kognitiven Eigenschaften von mehr als 100 abhängigen und nicht-abhängigen Kokainkonsumenten und ca. 70 Kontrollpersonen miteinander verglichen. Die Untersuchung hat eine ausgeprägte kumulative Dosis-Wirkungsbeziehung zwischen dem Kokainkonsum und den kognitiven Eigenschaften gezeigt. Das heisst, je mehr Kokain die Personen in ihrem Leben konsumiert hatten, desto grösser waren die kognitiven Defizite. Ob die Patienten kokainabhängig waren oder nicht, war nicht entscheidend. Besonders eindrucksvoll war, dass 50% der Personen, die in ihrem Leben mehr als 500g Kokain konsumiert hatten, bereits subklinische Defizite aufwiesen und 20% relevante klinische Defizite, die sich im Alltag bemerkbar machen dürften. Unter den Probanden waren einige, die das Kokain einnahmen, um unter anderem ihre kognitive Leistungsfähigkeit zu steigern. Der langfristige Effekt war aber, dass diese immer schlechter wurde3.

Welches Profil haben Menschen, die Neuro-Enhancement betreiben?

Eine Untersuchung von Personen, die MPH konsumiert haben, hat gezeigt, dass es sich ähnlich wie bei den Kokainkonsumenten oft um «High-Performer» mit ausgeprägtem Neugierverhalten handelt, die eher zum sozialen Regelbruch neigen und denen soziales Feedback weniger wichtig ist. Die Leute zeichneten sich auch durch eine erhöhte Impulsivität aus. Bei mehr als zwei Dritteln der Konsumenten handelte es sich um Männer. Auch aus anderen Studien wissen wir: Frauen greifen eher zu emotional stabilisierenden und Männer zu leistungssteigernden Substanzen.

 

Bibliografie

  1. Franke AG, et al.: Non-medical use of prescription stimulants and illicit use of stimulants for cognitive enhancement in pupils and students in Germany. Pharmacopsychiatry 2011; 44(2): 60 – 66.
  2. Maier JL, et al.: prevalence of and motives for pharmacological neuroenhancement in Switzerland--results from a national Internet panel. Addiction 2016; 111 (2): 280 – 295.
  3. Vonmoos M, et al.: Cognitive dysfunctions in recreational and dependent cocaine users: role of attention-deficit hyperactivity disorder, craving and early age at onset. Br J Psychiatry 2013; 203(1): 35 – 43.

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