Verbände für chronische Wunden

Die Wahl des Wundverbands erfolgt nach Spülung und Reinigung einer Wunde. Doch welche Auflage eignet sich für welche Wunde? Über die physikalischen Eigenschaften, die ein Verband bei chronischen Wunden erfüllen sollte, referierte Patrick Bindschedler von der Wundpraxis in Aarau in seinem Workshop, den er am 19. Symposium der Schweizerischen Gesellschaft für Wundbehandlung hielt.

Kongressbericht | Athena Tsatsamba Welsch

«Die Absorptionskapazität, die Absorptionsgeschwindigkeit und die Retentionskapazität sind ausschlaggebend für die richtige Wahl eines Wundverbands», erläuterte Patrick Bindschedler, Leiter der Wundpraxis Aarau zu Beginn seines Vortrages. «Überlegen Sie sich genau, welche Auflage Sie für die jeweilige Wundsituation benotigen. Soll der Verband in die Wunde eingebracht werden, wie es bei Wundfüllern der Fall ist oder benötigen Sie eine Wundauflage für eine oberflächliche Wunde?». Um den Teilnehmenden zu veranschaulichen, wie verschiedene Materialien auf Flüssigkeit reagieren, führte Patrick Bindschedler drei Experimente mit Kunstblut durch.

Absorptionskapazität und -geschwindigkeit

Zu den klassischen Wundfüllern zahlen Alginate, sie bestehen aus Algen und besitzen einen hohen Kalziumanteil. ≪Alginate haben eine hohe Absorptionsgeschwindigkeit und eine gute blutstillende Wirkung.» Durch den Kontakt mit Wundexsudat quillt das Alginat bei ausreichend feuchtem Milieu auf und wird zum Gel. Das Gel füllt die Wunde aus und halt sie feucht. «Um die Aufnahmekapazität zu erhöhen, werden Alginate mit zusätzlichen Fasern, zum Beispiel aus Carboxymethylcellulose angereichert», erläuterte Patrick Bindschedler. Da Alginate das Wundexsudat nicht nur vertikal, sondern in alle Richtungen unter Gelbildung aufnehmen, eignen sie sich für mittel bis stark exsudierende Wunden. «Ein Alginat sollte aufgrund der Mazerationsgefahr nicht auf dem Wundrand liegen», betonte der Wundmanager. «Für die Auswahl der entsprechenden Wundauflage sind physikalische Eigenschaften der Absorptionsmenge, -geschwindigkeit, sowie der -richtung entscheidend.»

Retentionskapazität bei Wundverbänden

«Für die Versorgung von chronischen, exsudierenden Wunden ist die Retentionskapazität ein weiterer Faktor für die Wahl des entsprechenden Wundfüllers oder der -abdeckung.≫ Ein Absorptionsverband hat eine ganz andere Retensionskapazität als eine Schaumstoffabdeckung oder ein Wundverband aus Polyacrylat, wie Patrick Bindschedler dem Plenum beim Auswringen der befüllten Wundauflagen veranschaulichte. «Natürlich ist es auch eine Kostenfrage, ob man einen Verband verwendet, den man jeden Tag wechseln muss oder ob eine Wundauflage erst nach einigen Tage gewechselt werden muss, weil sie viel mehr Flüssigkeit zurückhält», erläuterte der Wundmanager. Im dritten Experiment beträufelte Patrick Bindschedler je einen Schaum- und Hydrokolloidverband mit Kunstblut. Nach einigen Minuten schnitt er diese mit einem Skalpell auf. Der Querschnitt zeigte, dass sich die Flüssigkeit beim Schaumstoffverband im Inneren gut verteilt hat. «Das überschüssige Exudat wird im Körper des Schaumstoffes absorbiert.» Anders verhalt es sich bei Hydrokolloidverbanden. «Da Hydrokolloidverbände nur in geringem Masse Flüssigkeit verarbeiten können, eignen sie sich nur für trockene, leicht exsudierende und oberflächliche Wunden», erläuterte der Experte und fügte hinzu: «Für eine Wundabdeckung von mittel bis stark exsudierenden Wunden sind häufig Schaumverbände die erste Wahl.» Allerdings ist nicht jeder Schaumverband gleich aufgebaut. Es gibt feinporige, beschichtete, grobporige oder offenporige Produkte, die fur samtliche Wundarten eingesetzt werden können. «Überlegen Sie sich aufgrund der Wundbeobachtung, wie Sie die Wundbehandlung gestalten können. Bestellen Sie sich Muster, beträufeln Sie diese mit Flüssigkeit und entscheiden Sie selbst, welche Auflage in welcher Situation passt.»

Wasserdampfdurchlässigkeit

Die Moisture Vapour Transmission Rate (MVTR) dient als Messwert für die Wasserdampfdurchlässigkeit von Materialien wie zum Beispiel Wundauflagen. «Je höher die MVTR ist, desto effektiver kann ein Feuchtigkeitsstau unter der Wundauflage verhindert werden. Die Wunde soll in einem feuchten, nicht in einem nassen Milieu abheilen können.»

Die Wahl des Verbandsmaterials hängt von der Ursache der chronischen Wunde ab. «Die Wahl der Wundauflage sollte erst nach der Diagnosestellung durch einen Facharzt, wie zum Beispiel einen Dermatologen, Angiologen oder Phlebologen erfolgen.» Patrick Bindschedler empfiehlt, den gebrauchten Verband beim Wechsel anzuschauen. ≪Schauen Sie sich den Verband genau an, bevor Sie ihn im Abfalleimer entsorgen. Ein Verband erzählt Geschichten.» Vor dem Anbringen des neuen Verbands erfolgt die Wundreinigung und eine genaue Wundinspektion. «Dies ist gerade nach Verwenden von Wundfüllern wichtig, um zu entscheiden, wie gross die Hohle ist, die ein erneuter Wundfüller ausfüllen muss», betonte der Experte. Die Wundfarbe hilft bei der Wahl des entsprechenden Verbandmaterials. «Mit dem genauen Wissen über die verfügbaren Produkte, gesammelten Erfahrungswerten, werden Sie den richtigen Verband für die jeweilige Wunde finden.»

Quelle | Workshop «Wundauflagen: wann, wo welche?», 19. Symposium über moderne Wundbehandlung der Schweizerischen Gesellschaft für Wundbehandlung, 12. September 2019, Zürich.

 

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