«Die Therapie einer Schilddrüsenstörung erfordert Geduld»

Bei einer Schilddrüsendysfunktion werden unspezifische Symptome leicht übersehen. Über Diagnose- und Therapieoptionen einer Hypo- und Hyperthyreose informiert Dr. med. Michael Egloff, Leiter der Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie am Kantonsspital Baden.

Athena Tsatsamba Welsch im Gespräch mit… Dr. med. Michael Egloff

PraxisDepesche: Dr. Egloff, die Symptome einer Hypothyreose sind oft sehr unspezifisch. Wann ist eine Abklärung bei Müdigkeit, Obstipation oder einer depressiven Verstimmung sinnvoll?

Dr. med. Michael Egloff: Sofern keine andere klare evidente Erklärung vorliegt, sollte eine Untersuchung bei einer unerklärlichen Müdigkeit, Obstipation und einer depressiven Verstimmung und anderen unspezifischen Symptomen erfolgen. Eine Abklärung macht insbesondere bei Frauen im gebärfähigen Alter und bei Schwangeren Sinn.

Wie lässt sich eine verborgene Hypothyreose frühzeitig diagnostizieren, dass sie nicht in eine manifeste übergeht?

Dafür sind Laborabklärungen nötig. Allerdings muss der behandelnde Arzt diese auch zu interpretieren wissen – das ist fast die grössere Schwierigkeit. Zunächst erfolgt die Bestimmung des TSH-Wertes. Liegt dieser im Normbereich, ist eine relevante Schilddrüsendysfunktion mit grosser Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen, sofern keine seltene zentrale Störung vorliegt. Sollte der TSH-Wert höher als der obere Referenzbereich sein, ist es wichtig, die peripheren Werte mit dem fT3 und fT4 zu bestimmen. Sind diese normal, besteht eine subklinische Hypothyreose, die meist ohne Beschwerden verläuft. Erst wenn auch die peripheren Werte absinken und sich eine manifeste Hypothyreose einstellt, treten Symptome auf. Es gibt jedoch aus meiner Erfahrung besonders sensible Personen, die schon leichte TSH-Veränderungen spüren. Die Beschwerden sind mit einer Gewichtszunahme (im einstelligen Kilogrammbereich), Kälteempfindlichkeit, vermehrtem Schlafbedürfnis, trockener Haut, Haarausfall, depressiven Symptomen, Obstipation und Leistungsminderung allerdings sehr unspezifisch.

Wie oft messen Sie den TSH-Wert?

Wenn die klinischen Umstände nicht darauf schliessen lassen, dass der Patient ein erhöhtes Risiko einer Schilddrüsendysfunktion hat und die Werte im Normbereich ausfallen, reicht eine einmalige Messung des TSH-Wertes aus. Bei Erwachsenen liegt der Normbereich zwischen 0,4 und 4,0mU/l, wobei der TSH-Wert im Serum je nach Labor auch etwas tiefer oder höher sein kann. Für Patienten mit einer hohen familiären Belastung, einer Hashimoto-Thyreoiditis, einer vorgängigen Bestrahlung oder einer Operation im Bereich der Schilddrüse ist es ratsam, die Werte einmal pro Jahr zu messen. Sollte die Einnahme von Medikamenten, wie zum Beispiel Amiodaron, Thyrosinkinaseinhibitoren oder Checkpoint-Inhibitoren, eine Schilddrüsendysfunktion hervorrufen, sind drei- bis sechsmonatige Messungen indiziert. Insbesondere bei Immuntherapeutika wie den Checkpoint-Inhibitoren rate ich zu häufigen Messungen, weil relativ häufig eine Hypothyreose auftritt.

Welche Therapieoptionen empfehlen Sie, um den TSH-Wert zu normalisieren?

Die einzige und beste Therapie ist eine Levothyroxin-Substitution in geeigneter Dosis. Bei einer leichten Dysfunktion reichen in der Regel 25-50μg Levothyroxin pro Tag aus. Für Patienten mit einer schwergradigen Dysfunktion wird die Substitutionsdosis individuell titriert, wobei mit 1,6 × Körpergewicht [kg] in Mikrogramm begonnen werden kann.

Kälteempfindlichkeit, Leistungsschwäche oder eine Depression werden bei älteren Menschen oft als einzige Symptome einer Hypothyreose beobachtet. Welche Folgen hat eine unerkannte Hypothyreose?

Bei älteren Menschen sind vor allem kognitive Einbussen durch vermehrten Rückzug aus dem sozialen Leben am ehesten gefürchtet, ebenso wie motorische und psychomotorische Defizite. Klinisch ist es schwierig, unspezifische Symptome von einer Demenz oder einer Depression abzugrenzen. Sollten die Schilddrüsenwerte eine Therapie erfordern, müssen Betroffene mehrere Wochen oder sogar Monate abwarten, ob sich die Symptome durch eine medikamentöse Substitution bessern.

Welche Behandlungsmethoden wenden Sie bei einer Überfunktion der Schilddrüse an?

Die Therapie der Hyperthyreose richtet sich immer nach der Ursache. Eine Thyreoiditis de Quervain wird in der Regel mit Entzündungshemmern behandelt. In der Anfangsphase einer Hashimoto-Thyreoiditis rate ich zur Beobachtung; Thyreostatika zeigen hier keinen Effekt. Starke Beschwerden können vorübergehend mit einem Betablocker wie zum Beispiel Propranolol behandelt werden. Ist die Ursache der Hyperthyreose eine übermässige Produktion, wie es bei einem Morbus Basedow der Fall ist, erfolgt die primäre Therapie medikamentös mit Thyreostatika zum Beispiel mit Carbimazol oder Propylthiouracil. Alternativ kann auch eine Radiojod-Therapie durchgeführt werden oder eine Operation erfolgen. Diese beiden ablativen Modalitäten sind bei einer Schilddrüsenautonomie in der Regel Therapie der Wahl.

Muss jede Schilddrüsendysfunktion medikamentös behandelt werden?

Eine Hyperthyreose sollte in der Regel abgeklärt und geeignet behandelt werden. Eine über längere Zeit bestehende subklinische Hyperthyreose kann das Risiko kardialer Arrhythmien ebenso wie das Osteoporose- und Sarkopenierisiko erhöhen. Zudem besteht die Gefahr einer akuten Exazerbation der Hyperthyreose zum Beispiel bei einer Jodexposition durch Röntgenkontrastmittel. Im Gegensatz zur manifesten Hypothyreose muss eine subklinische Hypothyreose ohne suggestive Symptome nicht behandelt werden. Eine Substitution ab einem TSH von mehrmals über 10mU/l, da hier die Wahrscheinlichkeit des Fortschreitens der Unterfunktion steigt. Frauen mit aktivem Schwangerschaftswunsch oder einer bereits diagnostizierten Schwangerschaft müssen eine subklinische Hypothyreose in jedem Fall mit Levothyroxin behandeln.

Eine gestörte Funktion der Schilddrüse ist eine häufige Ursache für einen unerfüllten Kinderwunsch. Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es für Patientinnen, die schwanger werden wollen?

Patientinnen mit einem Schwangerschaftswunsch müssen eine Schilddrüsendysfunktion behandeln. Insbesondere eine Hypothyreose sollte therapiert werden, nicht nur um die Wahrscheinlichkeit einer Konzeption zu erhöhen, sondern auch um im Fall einer eintretenden Schwangerschaft in der Frühphase dem Embryo genügend Schilddrüsenhormone zur Verfügung zu stellen. Der Fötus ist bis zur 20. Schwangerschaftswoche auf Schilddrüsenhormone der Mutter angewiesen. Eine wichtige erste Phase kann verpasst werden, da eine Schwangerschaft häufig erst in der zweiten bis vierten Woche festgestellt wird. Aus diesem Grund ist es wichtig, eine Hypothyreose bereits bei einem Schwangerschaftswunsch präventiv zu behandeln. Eine Hyperthyreose sollte vor Eintreten einer Schwangerschaft entsprechend der Ursache behandelt werden. Frauen mit Kinderwunsch wie auch Schwangeren empfehle ich in diesem Fall die Zuweisung zu einem Spezialisten. Das Thyreostatikum der Wahl ist im ersten Trimenon und entsprechend auch bei aktivem Schwangerschaftswunsch Propylthiouracil, da Carbimazol ein gewisses teratogenes Potenzial hat. Im zweiten und dritten Trimenon wird dann wieder Carbimazol verwendet. Bei einer während der Schwangerschaft neu auftretenden Hyperthyreose muss eine harmlose schwangerschaftsassoziierte Hyperthyreose, die meist im ersten Trimenon auftritt und die sich im zweiten Trimenon spontan zurückbildet, von einem Morbus Basedow oder einer Autonomie unterschieden werden.

Was empfehlen Sie Patienten, wenn trotz Therapie Beschwerden bei einer Hyper- und Hypothyreose bestehen?

Der behandelnde Arzt sollte abklären, ob die Symptome wirklich durch die Dysthyreose begründet sind oder eine andere Erklärung zugrunde liegen könnte. Wenn durch die Therapie laborchemisch eine normale Schilddrüsenfunktion erreicht wird, sollten die Symptome zurückgehen. Es können allerdings einige Wochen bis Monate vergehen, bis keine Symptome mehr auftreten. Wichtig ist, dass der behandelnde Arzt seine Patienten darüber aufklärt. Darüber hinaus sollten Betroffene einen gesunden Lebensstil führen. Die Therapie einer Schilddrüsenstörung erfordert Geduld.

 

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