Spinnenphobie: Die Angst in die Hand nehmen

Eine Spinnenphobie beginnt oftmals schon in der Kindheit. Sie verschwindet meist nicht von allein, sondern bleibt über Jahre oder sogar ein Leben lang bestehen. Von Aussenstehenden wird eine Spinnenphobie häufig nicht ernst genommen, dabei kann sie die Lebensqualität sehr beeinträchtigen, denn Spinnen sind im Alltag weit verbreitet. Trotzdem suchen nur wenige Betroffene Hilfe, sei es aus Scham oder weil der Glaube überwiegt, nichts an der Angst ändern zu können. Dabei zeigt eine professionelle Behandlung meist bereits innerhalb weniger Stunden nachhaltige Effekte.

Autor | Gianandrea Pallich

Im ICD-10 wird die Spinnenphobie den Spezifischen Phobien des  Tier-Typus  zugeordnet.  Betroffene  verspüren  eine  starke Furcht vor Spinnen. Sie zeigen eine Angstreaktion, wenn sie Spinnen begegnen und vermeiden Situationen, in denen Spinnen auftauchen könnten. Dass ihre Reaktion übertrieben ist, leuchtet den meisten Spinnenphobikern ein. Dennoch empfinden sie Angst. Diverse Fragebögen, wie das Spinnenangst-Screening und der Spinnenphobiefragebogen, können eingesetzt werden, um den Schweregrad der Spinnenphobie zu bestimmen1.

Ätiologie

Um die Ätiologie der Spinnenphobie zu erklären, kann man das biopsychosoziale Krankheitsmodell herbeiziehen, das von biologischen, soziokulturellen und psychischen Dimensionen bei der Entstehung einer Spinnenphobie ausgeht.

Was die biologische Dimension betrifft, wurden in einer Studie Hinweise für eine gewisse Preparedness gefunden. Bereits wenige Monate alte Kinder reagieren mit einer signifikant stärkeren Pupillendilation bei Bildern von Spinnen als bei Bildern von Blumen der gleichen Farbe2. Das ist evolutionär betrachtet sinnvoll, da es den Menschen früher eher diente, Angst vor potenziell gefährlichen Spinnen zu haben anstatt vor ungefährlichen Blumen.

Viele Menschen, die unter einer Spinnenphobie leiden, berichten auch über die soziokulturelle Dimension der eigenen Angstentwicklung. Konkret geschieht das häufig durch Modellernen, das heisst durch Beobachten und Verinnerlichen der ängstlichen Reaktion der Mutter oder des Vaters. Andere Spinnenphobiker schildern, dass auch Bücher und Filme, in denen Spinnen als Monster dargestellt werden, einen entscheidenden Faktor bei der Angstentwicklung darstellten. In der Tat kann kaum ein positives Spinnen-Beispiel – mit Ausnahme von Spiderman, der aber nur die Kräfte einer Spinne hat und keine Spinne ist – in Filmen und Büchern gefunden werden.

Zusätzlich werden in der psychologischen Dimension oft negative Erfahrungen als Ursache für die Entwicklung einer Spinnenphobie genannt. Als Kind eine Flasche Wein für die Eltern im Keller zu holen, dabei in ein Spinnennetz zu geraten und daraufhin eine Spinne im Gesicht zu spüren, kann starke Ängste auslösen. Was zunächst noch keine Phobie ist, kann sich zu einer solchen entwickeln, wenn die Person anfängt, diese Situation zu vermeiden und zum Beispiel nicht mehr in den Keller geht. Das Vermeiden ist demnach für die Entwicklung einer Spinnenphobie entscheidend, denn dadurch wird keine positive Lernerfahrung gemacht. Diese würde darin liegen, zu erkennen, dass man nicht jedes Mal, wenn man in den Keller geht, auf eine Spinne oder ein Spinnennetz trifft.

Eine Hypothese aufzustellen, weshalb die eigene Spinnenphobie entwickelt wurde, kann für Betroffene durchaus erleichternd sein, ist aber nicht zwingend eine Voraussetzung, um die Spinnenphobie erfolgreich zu behandeln.

Prävalenz

Studien zeigen eine  Prävalenz  der  Spinnenphobie von 5,6% bei Frauen und 1,2% bei Männern3. Tendenziell sind mehr jüngere als ältere Menschen  davon  betroffen3.  Eine  Spinnenangst,  die in der  Intensität schwächer als eine Spinnenphobie und von  der Symptomatik  her  nicht  ausreichend ist, um als solche diagnostiziert zu werden, wird sogar von bis zu 23,3% der Befragten einer Studie angegeben4.

Therapeutische Leitlinien

Die therapeutischen Leitlinien für die Behandlung der Spinnenphobie sind klar und bevorzugen einen verhaltenstherapeutischen Ansatz, da die Studienlage sehr fundiert ist und der langfristige Effekt auch durch Metaanalysen gezeigt werden konnte5. Im  Rahmen  einer  verhaltenstherapeutischen  Psychotherapie gegen Spinnenphobie ist die Konfrontation mit dem angstauslösenden Stimulus zentral. Eine Exposition in vivo mit echten Spinnen sollte geplant und durchgeführt werden.

Einblick in die Praxis

Um eine Spinnenphobie mittels Psychotherapie erfolgreich zu behandeln, bieten sich sowohl Einzel- wie auch Gruppensettings an. Im Einzelsetting ist es für den Klienten möglich, das Tempo selbst zu bestimmen, es besteht jedoch die Gefahr, dass der Therapeut das einzige Modell ist. Hilfreich ist hingegen, wenn mehrere Personen bei der Spinnen-Exposition und Angstbewältigung beobachtet werden können, was in der Gruppentherapie der Fall ist. In diesem Setting können sich die Teilnehmenden gegenseitig motivieren und von den Fortschritten der anderen profitieren. Wichtige Bausteine der Psychotherapie sollten sowohl Psychoedukation als auch «Bioedukation» sein. Dabei wird den Klienten erklärt, was der Unterschied zwischen natürlicher Angst und einer Phobie ist. Zusätzlich wird erläutert, dass eine Exposition wichtig ist, um neue, positive Erfahrungen zu sammeln und der konditionierten Angstreaktion entgegenzuwirken, die über die Jahre entstanden ist. Darüber hinaus werden Informationen über Spinnen und insbesondere über lokale Spinnen vermittelt. Mehr Vorwissen ist vor der Exposition in vivo nicht nötig. Ziel ist es, dass sich die Klienten möglichst rasch Bildern von Spinnen, toten Spinnen und am Schluss lebendigen Spinnen exponieren. Dies kann bestenfalls in respektvollem Berühren einer Spinne resultieren oder sogar darin, dass der Klient die Spinne in die Hand nimmt. Als Therapeut soll man den Klienten helfen, in der Realität zu bleiben, auf die Atmung zu achten und das zu üben, was zu Hause wichtig sein wird: eine Spinne selbständig zu fangen und sie ins Freie zu entlassen.

Ausblick

«Was man verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht», sagte einst Marie Curie und wird so auch von Klienten mit einer Spinnenphobie empfunden. Eine Spinne einmal länger zu betrachten, ihr Verhalten aus biologischer Sicht zu verstehen und zu üben, wie man sie fängt und befreit, sind bleibende Erfahrungen, die Spinnenphobiker meistens innerhalb von wenigen Stunden erleben und als grosse Verbesserung einordnen. Die erlebte erhöhte Selbstsicherheit im Umgang mit Spinnen muss weitergeübt werden, damit die positiven Effekte auch langfristig erlebt werden können. Am Schluss der Exposition sollen die Klienten motiviert werden, sich schon das nächste Ziel zu setzen und zu überlegen, wann und wie sie weiter üben könnten.

 

Bibliografie

  1. Rinck M, et al.: Reliability and validity of German versions of three instruments measuring fear of spiders. Diagnostica 2002; 48(3): 141-149.
  2. Hoehl S, et al.: Itsy Bitsy Spider: Infants react with increased arousal to spiders and snakes. Frontiers in Psychology 2017: 1-8.
  3. Fredrikson M, et al.: Gender and age differences in the prevalence of specific fears and phobias. Behaviour Research and Therapy 1996; 34(1): 33-39.
  4. Oosterink FM, et al.: Prevalence of dental fear and phobia relative to other fear and phobia subtypes. European Journal of Oral Sciences 2009; 117(2): 135-143.
  5. Bandelow B, et al. (Eds.): S3-Leitlinie Angststörungen. Berlin 2015: Springer.

 

Weiterführende Literatur

«Keine Angst vor Spinnen – Der Ratgeber für Menschen mit Spinnenphobie» von Ursula Galli, Gianandrea Pallich und Leandra Pörtner.

Erscheint am 15. Juni 2020
ISBN 978-3-456-86024-4 
CHF 119.-

Spinnenphobiekurse

 

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