«Die Allergologie ist wie Allgemeinmedizin durch die Lupenbrille»

Als Kind wollte er Zoologe werden und nach Afrika auswandern. Heute leitet Prof. Dr. med. Peter Schmid-Grendelmeier die Allergiestation der Dermatologischen Klinik am Universitätsspital Zürich. Wildtiere faszinieren ihn noch immer. Im Interview verrät Peter Schmid-Grendelmeier, was er in seinem zweijährigen Aufenthalt in Tansania erlebt hat und was für ihn die Allergologie ausmacht.

Prof. Dr. med. Peter Schmid-Grendelmeier im Porträt von Athena Tsatsamba Welsch

SkinMag: Prof. Schmid-Grendelmeier, warum fiel Ihre Fachgebietswahl unter anderem auf die Allergologie?

Prof. Dr. med. Peter Schmid-Grendelmeier: Ursprünglich wollte ich in die Tropenmedizin. Ich habe daher eine allgemeinmedizinische Ausbildung mit mehreren Jahren Innerer Medizin und anderen Disziplinen sowie einem IKRK-Einsatz in Peru absolviert. Ab 1990 erhielt ich die Möglichkeit zur Weiterbildung in Dermatologie und Allergologie – wobei die Allergologie ein ideales Bindeglied zwischen Innerer Medizin und Dermatologie darstellt. 1997 habe ich die Möglichkeit erhalten, als dermatologischer Konsiliararzt und Lehrbeauftragter am Regional Dermatology Training Centre (RDTC) in Tansania zu arbeiten. Dort habe ich gemerkt, dass Allergien auch in den Tropen häufig vorkommen und Allergien keine reinen Erkrankungen der industrialisierten Länder sind. Daher habe ich mich der Allergologie in Kombination mit Dermatologie verschrieben und dies versucht, auch auf akademischer Stufe umzusetzen.

Was haben Sie am RDTC gemacht und wie lange waren Sie dort?

Als dermatologischer Konsulararzt und Lehrbeauftragter war ich knapp zwei Jahre am RDTC in Moshi am Fusse des Kilimandscharo tätig. Ich habe sowohl Patienten untersucht als auch Assistenzärzte in Dermatologie und Venerologie unterrichtet. Neben Hauterkrankungen waren zudem auch Lepra und Geschlechtskrankheiten, allen voran AIDS, Teil des dortigen Curriculums.

Hat Ihre Familie Sie nach Moshi begleitet?

Ja, meine Frau Susanne und unsere beiden Kinder, die damals drei und fünf Jahre alt waren, sind mit nach Afrika gereist. Romero wurde bereits mit fünf Jahren in eine International School eingeschult, während Martina die Pre-School besucht hat. Susanne ist medizinische Laborantin, sie hat Teilzeit im allgemeinen Labor gearbeitet und später auf der Dermatologie ein Labor für mykologische Untersuchungen aufgebaut. Wir hatten beide keinen Lohn, dafür wurde uns ein Haus samt zwei Angestellten zur Verfügung gestellt. Eigentlich wollten wir kein Personal im Haus – das war uns befremdlich. Als wir jedoch darauf hingewiesen wurden, dass wir zwei Arbeitsplätze streichen würden, hat uns das letztlich überzeugt.

Was ist Ihnen aus dieser Zeit in Erinnerung geblieben?

Die Sprechstunde war übervoll. Die Patienten mussten sich bis morgens 9 Uhr in eine Warteliste eintragen, um am gleichen Tag untersucht werden zu können. Es gab Patienten, die aufgrund der Entfernung bereits am Vortag anreisten. Wer bis 17 Uhr nicht untersucht wurde, musste bis zum nächsten Tag warten. Dieses Prozedere haben die Menschen mit einer stoischen Ruhe ertragen. Darüber hinaus waren die diagnostischen und therapeutischen Mittel eingeschränkt. Einen HIV-Test gab es damals nicht, heute ist das ein Standard-Test und oft ist auch eine antiretrovirale Therapie möglich. Patienten suchten uns nicht nur wegen HIV, sondern auch aufgrund von Ekzemen, vor allem auch wegen der Atopischen Dermatitis, seltener wegen Psoriasis auf. Zudem waren natürlich auch übertragbare Hauterkrankungen wie bakterielle Hautinfektionen, Hautmykosen und Skabies sowie superinfizierte eiternden Wunden häufig. Insbesondere bei Personen mit Albinismus traten häufig schon im jungen Erwachsenenalter Spinaliome auf.

Sie haben die medizinische Versorgung mithilfe der damals noch neuen Teledermatologie in Tansania unterstützt. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Drei Monate vor Abreise ging ich nach einem Vortrag zur Teledermatologie zu Professor Günter Burg, dem damaligen Klinikdirektor der Dermatologischen Klinik am Universitätsspital Zürich. Ich schlug ihm vor, Teledermatologie nicht nur innerhalb der Schweiz, sondern auch zwischen Tansania und Zürich zu nutzen. Er willigte sofort ein. Auch der Firma Roche mit Dr. Laura Milesi als Verbindungsperson, die uns in diesem Bereich in der Schweiz unterstützt hat, gefiel diese Idee. Zwei Tage vor unserer Abreise erhielten wir zwei riesige Kisten mit dem nötigen Equipment. Es hat einige Monate in Anspruch genommen, bis wir die Technik in Moshi zum Laufen gebracht haben. Zuerst war das Gebäude nicht entsprechend ausgestattet, dann wurden die Leitungen von Termiten zerfressen und später lief der Internetzugang nicht richtig. Nach sieben Monaten hat es endlich funktioniert. Unter den Schweizer Kliniken fand alle sechs Monate eine Telekonferenz statt. Um eine halbwegs stabile Leitung zu haben, mussten wir für den Zeitraum der Übertragung kurzzeitig alle anderen Internet-User, das waren damals circa 30, in Tansania blockieren. 60 Ärzte und Studenten nahmen mit mir in Moshi an der Konferenz teil. Die Bilder wurden per Computer übermittelt, der sprachliche Austausch lief über die Telefonleitung. Das war eine technische Sensation. Damals wurde ich noch als «Spinner» betitelt, doch die Idee war visionär. Heute ist diese Vision längst Realität geworden. Die mobile Kommunikation hat in Afrika einen beispiellosen Siegeszug angetreten. Nach Schätzungen auch der WHO haben heute wohl circa 80% der Bevölkerung Zugang zum Internet. Heutzutage können Bilder von der Haut bequem mit dem Smartphone in ein entferntes Spital übermittelt werden, sodass der Arztbesuch je nach Diagnose entfällt oder zumindest eine Beratung auf Distanz möglich ist.

Sie nehmen jährlich am Internationalen Dermatologie Symposium in Moshi teil. Was macht für Sie die Anziehung dieses Landes aus?

Die Natur am Fusse des Kilimandscharo ist unbeschreiblich schön. Mich faszinieren die Wildtiere Afrikas; ich gehe gerne auf Safari, vorzugsweise in abgelegene, touristisch wenig erschlossene Regionen. Auf Kisuaheli bedeutet Safari «Reise». Ich spreche die Landesprache, das macht einen Aufenthalt einfacher. Die zwei Jahre in Moshi waren sehr intensiv und ich verbinde sehr viele Erinnerungen damit. In Moshi haben wir auch viele Freunde gefunden. Ich freue mich, wenn ich sie jährlich treffen kann. Die medizinischen Fragestellungen, mit denen wir uns beschäftigen, sind äusserst spannend. Zusammen mit Kaderärztinnen vom USZ wie Dr. med. Claudia Lang und dem Medizincampus Davos mit Prof. Dr. med. Marie-Charlotte Brüggen haben wir neue spannende Vergleichsstudien auf einem hochstehenden Niveau zwischen dem USZ, dem Zentrum in Moshi und einem Zentrum in New York in die Wege leiten können. Wir hoffen, dass wir neue Therapieansätze mit einfachen Ansätzen verknüpfen können, damit auch die Patienten in Afrika südlich der Sahara von den Ergebnissen profitieren. Ich reise nicht alleine zum Symposium, mich begleiten immer Ärzte und Pflegende. Seit Jahren ist auch PD Dr. med. Helmut Beltraminelli, Leiter der Dermatopathologie an der Dermatologischen Klinik am Inselspital Bern, dort aktiv. Er hat seit 2009 ein Netzwerk zur Entwicklung der Dermatopathologie in Afrika in Zusammenarbeit mit einigen europäischen Partnern und dem RDTC in Moshi aufgebaut. Die Kombination aus spannender Medizin und Forschung in einem ganz anderen Kontext, Freunde zu treffen und bewegende Natur erleben zu dürfen, ist es, welche die Faszination für die Symposien in Afrika für mich ausmacht. Wir hoffen, durch unsere Tätigkeit Hautkrankheiten in diesen Regionen auch vermehrt ins Blickfeld von Organisationen wie der WHO rücken zu können.

Was fasziniert Sie an der Allergologie?

Die Allergologie befasst sich nicht nur mit Hautproblemen, sondern auch mit Asthma bis zu Magendarmbeschwerden, um nur wenige Bereiche zu nennen, ebenso mit dem Zusammenspiel von Umwelt und Individuum. Auch die Psychosomatik hat einen grossen Einfluss auf den Verlauf von Allergien. Tiere können durch Haare allergische Reaktionen auslösen, ebenso wie Insektenstiche. Die Allergologie ist wie die Allgemeinmedizin sehr umfassend, nur halt viel spezialisierter und mit einem engeren Blickwinkel. Sie betrifft vom Kleinkind bis zum Greis jede Altersklasse, Frauen wie auch Männer. Natürlich können auch Nahrungsmittel Allergien oder Intoleranzen auslösen. Der Genuss von Lebensmitteln und deren Verarbeitung ist einer stetigen Veränderung unterworfen. So hat das Bundesamt für Gesundheit seit 2017 einige Insekten als Nahrungsmittel zugelassen. Wir treffen nun auch hierzulande bereits Patienten, die allergisch auf solche Insekten in Lebensmitteln wie etwa Insektenburgern reagieren.

Zum Beispiel?

Eine Patientin mit einer Meeresfruchtallergie kam nach einem anaphylaktischen Schock zu uns. Wir haben herausfinden können, dass sie auf Orangenschalen allergisch reagiert. Orangen werden gewachst, damit die Schale schön glänzt und die Feuchtigkeit in der Frucht erhalten bleibt. Was viele nicht wissen: Dieses Wachs wird aus Insekten hergestellt. Um die Orange befinden sich somit kleinste Partikel von zerkleinerten Insekten. Darin sind mit dem sogenannten Tropomyosin die gleichen Eiweisse wie in Meeresfrüchten enthalten. Es ist immer wieder faszinierend, die Ursache einer allergischen Reaktion herauszufinden.

Gibt es heute tatsachlich mehr Allergien oder gibt es nur bessere Möglichkeiten, diese zu diagnostizieren?

Einerseits haben wir bessere Möglichkeiten, Allergien zu erkennen, andererseits ist das Bewusstsein, eine Allergie entwickeln zu können, viel höher. Heute wissen Patienten und deren Angehörige, was eine Pollenallergie oder eine Nahrungsmittelallergie im Alltag bedeutet. Natürlich werden durch moderne Diagnoseverfahren auch mehr Allergien diagnostiziert, als dies früher der Fall war. Faktoren wie die Genetik, aber auch das Ess- und Hygieneverhalten spielen für die Entwicklung einer Allergie eine Rolle. Laut Hygiene-Hypothese kommen Allergien bei Kindern, die auf dem Bauernhof aufwachsen, seltener vor als bei Kindern aus der Stadt. Das Mikrobiom und damit die Darmflora wirken sich ebenso auf die Entwicklung von Allergien aus und sind Gegenstand intensiver Forschung, etwa durch die Möglichkeit der Beeinflussung durch Probiotika.

Sie haben sich unter anderem mit der Erforschung der Atopischen Dermatitis in der internationalen Fachwelt einen Namen gemacht. Was sind die aktuellen Forschungstrends in diesem Bereich?

Patienten mit einer Atopischen Dermatitis können neben der rückfettenden Basistherapie und klassischen Behandlungen durch Substanzen mit oder ohne Kortison auch von Calcineurininhibitoren oder Immunmodulatoren profitieren. Unter Umständen kommen neuerdings auch Biologika zum Einsatz, die hochwirksam und gezielt einzelne Zytokine und deren Entzündungsreaktion unterdrücken.

Sie sind häufig in einem frühen Stadium von Produkteinführungen in Produktetests involviert. Was testen Sie aktuell?

Bisher gab es wenige Therapieoptionen im Bereich der Atopischen Dermatitis. Derzeit tut sich einiges auf dem Markt. Meines Erachtens ist die Neurodermitis im Moment eine der am meist untersuchten Hauterkrankung. Aktuell werden über 50 Substanzen für die Therapie der Atopischen Dermatitis untersucht. Weitere therapeutische Studien umfassen Medikamente für allergisches und eosinophiles Asthma, Medikamente bei Urtikaria und bei der Mastozytose. Neben therapeutischen Studien bin ich auch an diagnostischen Studien involviert, vor allem zur sogenannten molekularen Allergiediagnostik, welche sehr differenzierte Aussagen über Auslöser und Kreuzallergien erlaubt.

Gibt es neue Therapieoptionen für die Behandlung der Atopischen Dermatitis?

Von verschiedenen Firmen gibt es spannende Ansätze für die Hautpflege. Es gibt Produkte mit einer guten Galenik, welche die defekte Hautbarriere restaurieren, entzündungshemmend wirken und juckreizlindernd sind. Als entzündungshemmender Wirkstoff aus der Gruppe der Phosphodiesterase-4-Hemmer könnte Crisaborol zur äusserlichen Behandlung für leichte bis moderate Ekzeme eine Option werden. In der Schweiz ist dieser Wirkstoff noch nicht zugelassen. Dupilumab ist seit letztem Jahr in der Schweiz verfügbar. Der Wirkstoff aus der Gruppe der monoklonalen Antikörper hat entzündungshemmende und selektiv immunsupprimierende Eigenschaften und wird bei einer moderaten bis schweren Ausprägung angewandt, wenn die klassischen topischen Arzneimittel nicht wirken oder für den jeweiligen Patienten nicht empfohlen sind. Zudem werden weitere hochspannende Moleküle, die selektiv in die Immunmodulation eingreifen und injiziert oder geschluckt werden können, aktuell in klinischen Studien untersucht.

Welche neuen Therapien gibt es bei Allergien?

Zum einen sind für die allergenspezifische Immuntherapie neue intralymphatische und epikutane Applikationswege in Erprobung, wie auch neue Adjuvantien. Leider schränken Lieferschwierigkeiten, Produktionsengpässe und Reduktion des Allergenspektrums die Möglichkeiten der Immuntherapie zunehmend ein. Allergien sind auch eine häufige Ursache von Asthma. Für die Behandlung von allergischem Asthma steht mit Omalizumab ein Antagonist von IgE zur Verfügung; beim eosinophilen Asthma stehen mit Benralizumab und Mepolizumab monoklonale Antikörper mit sehr potentem antiasthmatischem und entzündungshemmendem Wirkstoff nun auch in der Schweiz zur Verfügung.

Was gefällt Ihnen besonders gut an Ihrer Tätigkeit als Leiter der Allergiestation?

Die Vielseitigkeit. Einerseits bin nach wie vor als Arzt tätig und betreue Patienten. Andererseits bilde ich Assistenzärzte aus und halte auch Vorlesungen für Studenten ab. Natürlich nimmt auch die Forschung einen grossen Teil meiner Tätigkeit ein, was sehr spannend ist. Der Austausch mit anderen Zentren wie dem Medizin Campus Davos, der Patientenorganisation aha!, Zentren auf internationaler Ebene und anderen Bereichen wie Botanik oder Lebensmitteln macht meine Tätigkeit sehr abwechslungsreich. Natürlich kümmere ich mich auch um administrative Dinge, das gehört auch dazu.

Was machen Sie mit 65?

Mit 65 Jahren werde ich sicher nicht mehr die Abteilung mit einem 100% Pensum leiten. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, mich weiterhin in der Lehre zu engagieren oder beratend tätig zu sein. Das könnte auch im internationalen Kontext sein, aber nicht in Vollzeit. Darüber hinaus hätte ich gerne mehr Zeit für Natur und Tiere und natürlich auch für Reisen und Engagements in Afrika.

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