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Infektionen häufigste Todesursachen weltweit

Das neue Coronavirus hält die Welt in Atem. Es ist aber nicht das einzige infektiologische Problem, wie sich an den zunehmenden Antibiotikaresistenzen zeigt. Prof. Dr. med. Annelies Zinkernagel, USZ, erinnerte am Ärztekongress der Lunge Zürich in Davos an die bewährten Methoden zur Prävention von Infektionen: allgemeine Hygienemassnahmen und Schutzimpfungen.

Kongressbericht | Regina Scharf

«Sechs der Top 10 Todesursachen, die die WHO auflistet, sind durch Infektionen bedingt», sagte Prof. Dr. med. Annelies Zinkernagel am Ärztekongress der Lunge Zürich in Davos. Den ersten Teil ihres Vortrages widmete die designierte Direktorin der Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Universitätsspital Zürich dem SARS-CoV-2 Ausbruch. «Coronaviren sind nicht neu», sagte die Spezialistin. «Sie kolonisieren und infizieren für gewöhnlich die oberen Atemwege und sorgen bei den Betroffenen vor allem während der Wintersaison für Erkältungen. Im Unterschied dazu besitzen die Outbreak-Stämme SARS-CoV, MERS-CoV und SARS-CoV-2 eine hohe Affinität zu Rezeptoren auf den Epithelzellen der unteren Atemwege und verursachen schwere respiratorische Infektionen und Pneumonien», wie die Infektiologin erklärte1.

Ein kurzer Rückblick zeigte den raschen Verlauf nach dem Ausbruch: Am 30. Dezember 2019 informierten die chinesischen Gesundheitsbehörden über ein Cluster von Pneumonien in der 11 Millionenstadt Wuhan in Zentralchina. Mehr als 60% der Betroffenen hatten Kontakt mit dem lokalen Fischmarkt. Dieser wurde zwei Tage später geschlossen. Am 7. Januar gelang es, das Virus zu isolieren und nur wenige Tage später, am 12. Januar, zu sequenzieren. Damit waren die notwendigen Voraussetzungen für die Diagnostik geschaffen. Zu diesem Zeitpunkt ging man noch davon aus, dass der Fischmarkt die alleinige Infektionsquelle ist und keine Mensch-zu-Mensch-Übertragungen stattfinden. Das änderte sich, als kurze Zeit später erste Infektionen des involvierten Gesundheitspersonals auftraten.

Mehr Todesfälle durch Antibiotikaresistenzen

Besonders brisant im Zusammenhang mit den infektiologischen Todesursachen ist die weltweite Zunahme von Antibiotika-Resistenzen infolge eines missbräuchlichen Antibiotikaeinsatzes. Gemäss dem Antimicrobial Resistance Review 2016 wurden allein in den USA jährlich ca. 40 Millionen Menschen mit respiratorischen Problemen behandelt. Davon erhielten 27 Millionen ein Antibiotikum, obwohl eine solche Therapie nur bei 13 Millionen Patienten indiziert gewesen wäre2. An der Spitze der Antibiotikaverschreibungen in den europäischen Ländern steht Frankreich. Wie eine Studie zeigen konnte, korrelierte die Häufigkeit der Penicillin-Verordnungen direkt mit dem Auftreten Penicillin-resistenter Pneumokokken3. Häufig kommt es im Rahmen von Auslandsreisen, beispielsweise nach Afrika oder Asien, zu einer Besiedlung mit multiresistenten Bakterien. «Bei einer anschliessenden Antibiotikatherapie werden die empfindlichen Bakterien eradiziert und die resistenten überleben», sagte Prof. Zinkernagel. Untersuchungen schätzen, dass in ca. 30 Jahren etwa 10 Millionen Todesfälle durch Infektionen mit multiresistenten Bakterien verursacht werden. Das wären mehr Menschen, als aktuell an Krebserkrankungen versterben. Die Situation verschärft sich, weil es kaum neue Antibiotika gibt und die Pipeline leer ist. Gleichzeitig sind die Anreize, neue Antibiotika zu entwickeln, für die Pharmafirmen gering, denn man spare die neuen Antibiotika für die Behandlung in schwierigen Situationen auf. Alternative Optionen, um Infektionen zu reduzieren, sind Hygienemassnahmen und Schutzimpfungen. «Wir müssen die Hygienemassnahmen befolgen, sonst kommen wir nicht weiter», so die Expertin.

Das gleiche gelte für die Impfempfehlungen. Die heutige Impfskepsis hat aus Sicht der Infektiologin viel damit zu tun, dass man Erkrankungen wie die Polio, die man durch eine Impfung eradizieren konnte, heute gar nicht mehr kennt. «Noch in den 1950er Jahren hat jeder gewusst, wie schwer Polio krankmacht und sich aus Angst davor impfen lassen», sagte Annelies Zinkernagel. Ein solches Verhalten liesse sich heute möglicherweise ebenfalls beobachten, stünde ein Impfstoff gegen die Lungenerkrankung Covid-19 zur Verfügung.

Quelle | Vortrag «Update Infektiologie 2020», 59. Ärztekongress, 6. Februar 2020, Davos.

Bibliografie

  1. Wang C, et al.: A novel coronavirus outbreak of global health, Lancet 2020. doi:  https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)30185-9.
  2.  O’Neill J: Tackling drug-resistant infections globally. Review on Antimicrobial Resistance. Final report an recommendations 2016. https://amr-review.org.
  3. Goossens H, et al.: Outpatient antibiotic use in Europe and association with resistance: a cross-national database study. Lancet 2005; 365(9459): 579-587.

 

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