«Herzchirurgie ist Teamarbeit und kein Alleingang»

Pascal André Berdat ist Herzchirurg. Im Interview verrät der Belegarzt der Hirslanden Klinik, warum er mehrheitlich privatärztlich arbeitet, wie er die Rate von Wundinfektionen bei Patienten seines Teams auf Null gesenkt hat und warum er sich mehrmals im Jahr ehrenamtlich in Auslandseinsätzen engagiert.

PD Dr. med. Pascal André Berdat im Porträt von Athena Tsatsamba Welsch

PraxisDepesche: Dr. Berdat, wollten Sie schon immer Herzchirurg werden?

PD Dr. med. Pascal André Berdat: Als Kind wollte ich Bauer werden. Im Verlauf des Gymnasiums wandelte sich der Berufswunsch von der Veterinär- in die Humanmedizin. In jedem Fall sollte es etwas Chirurgisches sein. Während des Studiums hat mich vor allem das Herzkreislaufsystem fasziniert. Das Herz ist ein sehr wichtiges Organ und die Herzchirurgie eine sehr technisierte Domäne, die sehr viel Physiologie und angewandte Pathophysiologie enthalt. Als Symbiose daraus ist die Herzchirurgie zu meinem Wunschgebiet geworden.

Wie läuft ein normaler Arbeitstag ab?

Ich kann meinen Arbeitstag gut planen. Bei 99% meiner chirurgischen Tätigkeit handelt es sich um Elektiveingriffe. Eine Operation beginnt in der Regel um 8 Uhr. Je nach Eingriff kann sie mehrere Stunden dauern. Wenn ich nicht operiere, mache ich Visite im Spital oder habe Sprechstunde in der Praxis. Die Vorbesprechung für einen Eingriff mit Patienten nimmt oft eine Stunde in Anspruch. Ich führe auch Nachkontrollen durch und erledige ebenso administrative Tätigkeiten. Mittwochs und donnerstags finden ab 17 Uhr interdisziplinare Herzteambesprechungen zu Patientenfällen statt. Wir führen Herzeingriffe immer im erfahrenen Zweier- oder Dreierteam mit Prof. Dr. med. Sabine Dabritz oder Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul R. Vogt durch. Seit mehr als zehn Jahren bieten wir die Herz- und thorakale Gefässchirurgie als spezialisierte Leistung an der Hirslanden Klinik im Park an. Mit Aufhebung des Niederlassungsstopps für Spezialärzte haben wir mit Unterstützung der Konzernleitung Hirslanden den Schritt in die berufliche Selbständigkeit gewagt und am 1. November 2016 mit der Heart Care Medical AG unser eigenes Unternehmen gegründet. Wir haben einen Leistungsauftrag für die Herzchirurgie mit der Klinik im Park und mit der Klinik Hirslanden. Ich bin auch als Konsiliararzt für die Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich tätig.

Warum arbeiten Sie mehrheitlich in einem privatärztlichen Umfeld?

Eines der Hauptmotive ist die höhere Selbstbestimmung. Die Work-Life-Balance lässt sich in einer privatärztlichen Tätigkeit besser austarieren und ich kann trotzdem einen super Job machen. Das hängt auch damit zusammen, dass wir im Vergleich zu öffentlichen Spitalern überwiegend Elektiveingriffe und seltener Notfälle haben.

Arbeiten Sie auch am Wochenende?

Wir arbeiten jeden Tag, im Wechsel auch am Wochenende. Sollte ein Patient ausserhalb der Sprechstundenzeiten Probleme haben, ruft uns die Herzabteilung direkt an. Im Gegensatz zu einem öffentlichen Spital haben wir keine Assistenzärzte, die uns Arbeit abnehmen können. Für unsere Patienten sind wir rund um die Uhr erreichbar und abrufbereit. Einer von uns Herzchirurgen kann innerhalb von 15 bis 20 Minuten im Spital sein, auch am Wochenende.

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer Arbeit?

Zum einen der Patientenkontakt. Zum anderen machen die medizinischen Herausforderungen, welche die Behandlung des Herzkreislaufsystems mit sich bringen, die Tätigkeit sehr abwechslungsreich. In den letzten Jahren haben sich für die Behandlung des Herzkreislaufsystems viele neue Therapiemodalitäten entwickelt, die an der Schnittstelle zwischen interventioneller Kardiologie und Herzchirurgie angesiedelt sind.

Zum Beispiel?

Auch wenn in den meisten Bereichen eine Operation am offenen Herzen noch immer der Goldstandard ist, können wir jede Klappe mit minimalinvasiven Verfahren behandeln. Wir wenden vor allem bei Mitralklappenoperationen die Schlüssellochchirurgie an. Bei diesem minimalinvasiven Verfahren verschaffen wir uns über mehrere kleine Hautschnitte Zugang zum Herzen und operieren mithilfe der Bildgebung durch eine Videokamera. Der Kreislauf des Patienten wird während des Eingriffs über eine Herz-Lungen-Maschine umgeleitet und aufrechterhalten.

Darüber hinaus machen wir auch Katheter gestützte Klappeneingriffe. Eine Aortenklappenstenose können wir mit dem TAVI-Verfahren (Transcatheter Aortic Valve Implantation) behandeln. Dabei behandeln wir die verengte Aortenklappe durch die Implantation einer neuen biologischen Klappenprothese. Diese wird in gefaltetem Zustand meist über die Leistenarterie eingeführt. Der Brustkorb des Patienten muss dabei nicht geöffnet werden. Eine Mitralklappeninsuffizienz können wir auch durch einen Katheter mit einer MitraClip-Intervention behandeln. Über die Leistenvene wird ein Katheter mit einem Clip an der Spitze eingeführt. Die Befestigung des MitraClips erfolgt nach Positionierung mithilfe dreidimensionaler Ultraschalltechnologie an beiden Segeln der Mitralklappe, was die Undichtigkeit reduziert.

Wie reagieren Patienten, wenn Sie sie über einen notwendigen Eingriff aufklären?

Patienten, die eine Herzoperation benötigen, machen eine Art Trauerarbeit durch. Diese verläuft in diversen Phasen. Die erste Phase ist eine aggressive Abwehr der Situation, die meisten wollen ihre Situation nicht wahrhaben und hadern mit ihrem Schicksal. In der zweiten Phase beginnen sie, die Situation an sich heranzulassen. Wut und Verzweiflung wechseln sich ab. Erst mit der Verarbeitung akzeptieren sie ihre Situation im Lauf der Zeit. Es ist sehr wichtig, sich mit der Situation auseinanderzusetzen und diese zu akzeptieren. Das hilft nicht nur für den Eingriff, sondern auch für die Zeit danach. In der früh-postoperativen Phase sind Stimmungsschwankungen dann viel weniger ausgeprägt. Wenn der Patient die Situation rational versteht, heisst es nicht, dass er sie auch emotional akzeptiert.

Wie gehen Sie mit den Emotionen von Patienten um?

Wenn ein Patient in Tränen ausbricht, sage ich ihm, dass ich seinen Kummer verstehe. Ich zeige ihm gegenüber auch Empathie, diese Ebene ist für Vertrauensbildung wichtig. Gleichzeitig versuche ich, das Gespräch auf eine rationale Ebene zu bringen. Das Schicksal eines Patienten darf nicht zum eigenen werden. Im Verlauf der Zeit habe ich gelernt, damit umzugehen. Natürlich habe ich, wie viele andere auch, fürchterliche Situationen erlebt, die mir sehr nahegegangen sind. Ich habe viele Jahre Kinderherzchirurgie praktiziert. Wenn man ein Kind bei einer Operation verliert, macht das einem sehr zu schaffen. Für die emotionale Verarbeitung hilft es, im Team darüber zu sprechen.

Welche Herausforderungen sehen Sie in der Zukunft für die Herzchirurgie?

In den nächsten Jahren wird sich das Tätigkeitsgebiet der Herzchirurgie ziemlich verändern. Viele Operationsmethoden werden durch Katheter technische Eingriffe verdrängt. Übrig bleiben dann noch die grossen komplexen Operationen an den schwerstkranken Patienten. Junge Herzchirurgen können kaum noch Erfahrung durch einfache herzchirurgische Eingriffe sammeln, trotzdem müssen sie komplexe Operationen durchfuhren. In den nächsten Jahren ist es dringend nötig, das Weiterbildungscurriculum für angehende Herzchirurgen zu modifizieren. Katheter gestützte Eingriffe sollten auch von jungen angehenden Herzchirurgen erlernt werden. Es wird effektiv eine neue Berufsgruppe zwischen einem interventionellen Kardiologen und einem Herzchirurgen geben. Im Moment gibt es noch genug Herzchirurgen in der Schweiz. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das in zehn Jahren immer noch der Fall sein wird.

Das sind keine guten Aussichten…

Viele Massnahmen, die Politiker und Behörden treffen, fussen auf dem Irrglauben, dass die öffentlichen Spitaler alles abfedern können. Wir wissen, dass dies nicht der Fall ist. Allein in Zürich werden in den beiden Hirslanden Kliniken über ein Drittel aller herzchirurgischen Patienten behandelt. Wir sind versorgungsrelevant für die Bevölkerung, wir behandeln längst nicht mehr nur Privatpatienten.

Wundinfektionen nach Eingriffen sind ein Problem aller Fachdisziplinen. Wie lassen sich diese in der Herzchirurgie vermeiden?

Wundinfektionen nach Herzoperationen sind eine sehr ernsthafte Komplikation. Weltweit erleiden durchschnittlich ungefähr rund 5% der Patienten nach einer Herzoperation einen tiefen Wundinfekt am Brustkorb. Das verursacht allein in der Schweiz nicht nur Kosten von schätzungsweise 60 Millionen Schweizer Franken im Jahr, sondern es stellt für Betroffene auch erhebliche Belastungen dar. Die Folgen sind mehrwöchige Spitalaufenthalte mit wiederholten Eingriffen an der Brustwand. In manchen Fällen entstehen chronische Beschwerden auch nach der Abheilung. Wir haben uns dieses Problems im Jahr 2008 intensiv angenommen und in Zusammenarbeit mit unseren Anästhesisten und Herzchirurgen aus den USA ein multimodales Konzept zur Verhinderung von Wundinfektionen erarbeitet, das wir seither anwenden. Bei Patienten unseres Teams kommen diese nicht mehr vor.

Welche Massnahmen sind das?

Jeder Patient erhält ab Spitaleintritt eine antibiotikahaltige Nasensalbe zur Bakterienreduktion im Nasenraum, die er bis vier Tage nach der Operation anwendet. Zur allgemeinen Keimreduktion an der Hautoberflache duscht der Patient vor der Operation mit Chlorhexidin. Im Operationssaal legt der Anästhesist nach Einleitung der Narkose die zentralen Katheter über die Halsvene des Patienten unter strikt sterilen Bedingungen. Alle Infusions- und Messleitungen werden verlängert, weil dies nachweislich die Gefahr der Verunreinigung der Katheter und damit der Blutvergiftung senkt. Um die Durchblutung im Wundbereich möglichst ungestört zu halten, wird der chirurgische Zugang so schonend wie möglich während der ganzen Operation behandelt. Für den Wundverschluss bringen wir eine Antibiotikapaste in den knöchernen Teil der Brustwand und flüssiges Antibiotikum ins Gewebe der Wunde ein. Anschliessend wird die Brustwand so stabil wie möglich mit speziellen Verschlussmaterialien verschlossen. Als generellen Schutz vor Infektionen erhält der Patient zwei Dosen eines Antibiotikums intravenös. In den ersten zwei Wochen nach der Operation trägt der Patient einen wasserabweisenden Verband beim Duschen. Zum Schutz vor Infektionen besteht ein Bade- und Saunaverbot für vier Wochen. Dieses Konzept haben wir mittlerweile in über zehn verschiedenen Kliniken im Ausland eingeführt. Überall zeigt sich sofort eine massive Reduktion der Infektionsrate auf unter 1%, selbst bei Hochrisikopatienten. Zur wissenschaftlichen Analyse dieser Methode haben wir eine umfangreiche Studie an vier Zentren bei insgesamt über 10 000 herzchirurgischen Patienten durchgeführt.

Sie engagieren sich in der EurAsia Heart Foundation. Was sind die Ziele der Stiftung?

Das Ziel der Stiftung ist Hilfe zur Selbsthilfe. Ein wichtiger Kernpunkt einer langjährigen Kooperation ist die Aus- und Weiterbildung eines stabilen Teams vor Ort auf Grundlage der lokalen Infrastruktur. Die effektivste Art der Unterstützung ist es, unser Wissen, unsere Erfahrung und unsere Fertigkeiten direkt vor Ort in die Zentren zu transferieren. Wir schulen das Fachpersonal, leiten es vor Ort an und überprüfen das Gelernte. Darüber hinaus assistieren wir bei Operationen und führen schwierige Eingriffe je nach medizinischer Indikation auch selbst durch. Noch vor zwei Jahren habe ich bis zum Abschluss des Projekts vier- bis fünfmal im Jahr für zehn Tage ehrenamtlich in Eritrea gearbeitet. Es gibt natürlich auch Phasen, in denen wir neue Projekte aufgleisen.

Nach welchen Kriterien wählen Sie ein Projekt aus?

Die Stiftung erhält ständig Anfragen von Ärzten, Spitälern oder der Regierung aus der ganzen Welt. Wir gehen also nicht unaufgefordert als «heilsbringende weisse Engel» in Entwicklungsgebiete und sagen, wie es läuft. Wenn wir ein Projekt in Erwägung ziehen, verlangen wir einen schriftlichen Auftrag der Regierung. Im nächsten Schritt schauen wir uns die Gegebenheiten vor Ort an und reden mit den Ärzten und dem medizinischen Personal. Häufig ist nicht das Material oder die Ausrüstung ein Problem, sondern das fehlende Know-how. Aus diesem Grund vermittelt die Stiftung vor allem Wissen. Material kann nachgerüstet werden, damit allein ist es aber nicht getan. Wir müssen den Menschen beibringen, welche klinischen Schlüsse sie aus den Daten ziehen können, die sie zum Beispiel auf einem Monitor sehen. Ohne moderne Operationsmethoden und mit wenig Material können wir eine sehr solide Herzchirurgie praktizieren.

Wie lange dauert es, bis Sie das entsprechende Wissen weitervermitteln?

In der Regel handelt es sich um mehrjährige Engagements. Die Dauer hängt vor allem davon ab, auf welcher Ebene wir starten. Unsere Aufgabe im Bereich der Herzchirurgie ist es, ein Team aufzubauen. In vielen Entwicklungsländern besteht der Irrglaube, dass vor allem ein guter Herzchirurg für eine Operation nötig ist. Oft fehlt aber ein Anästhesist, der die Herzanästhesie durchführt, ein Kardiotechniker, der die Herz-Lungen-Maschine bedienen kann oder ein Intensivarzt, der frisch operierte Patienten betreut. Alle sprechen immer nur vom Chirurgen, aber niemand spricht vom ganzen Team. Herzchirurgie ist Teamarbeit und kein Alleingang. Wer freiwillige Arbeit für die Stiftung leisten möchte, reist mehrmals im Jahr ins Ausland und schult das Team systematisch in Bereichen, die nötig sind. Nach erfolgreicher Schulung sollten die Ärzte rund 80% der Routineeingriffe selbst gut behandeln können. Die übrigen 20%, meist schwierige Patientenfalle, operieren wir selbst mit der Unterstützung des aufgebauten Teams.

Warum engagieren Sie sich ehrenamtlich?

Uns geht es in der Schweiz so gut, dass wir es uns locker leisten können, für Patienten, die unsere Hilfe brauchen, ein paar Wochen im Jahr ehrenamtlich tätig zu sein. Diese Patienten haben keine anderweitige Möglichkeit, behandelt zu werden. Jedes Mal, wenn ich in die Schweiz zurückkehre, bin ich mir aufs Neue bewusst, dass es Menschen in vielen Teilen der Erde nicht so gut haben wie wir.

Unterstützt Ihre Familie die ehrenamtlichen Einsätze?

Ja, und das ist nicht selbstverständlich, vor allem wenn ich in Krisengebiete reise. Meine Frau hat mich während meines Studiums, der Assistenz- und Oberarztzeit immer unterstützt. Sie hat sich von Anfang an darauf eingestellt, dass sie einen Mann hat, der viel weg ist. In einer Beziehung merkt man sehr schnell, ob eine solche Konstellation funktioniert oder nicht. Hinter jedem starken Mann steckt eine noch stärkere Frau – oder umgekehrt, je nachdem wie die Aufgaben verteilt sind.

Haben Sie einen Ausgleich zum Beruf?

Ich mache viel Sport. Früher habe ich Fussball im Verein gespielt, heute fahre ich Mountainbike. Ich mache aber keine Rennen mehr. Mit zunehmendem Alter wird man risikobewusster. Die Kinder sind auch sehr sportlich. Unser Sohn Joël hat lange Fussball im Verein gespielt und unsere Tochter Anaïs ist Eiskunstläuferin beim SC Bern. Sie bestreitet regelmässig Wettkämpfe, an die wir sie begleiten, was zum Teil sehr zeitaufwändig ist.

Was machen Sie mit 65 Jahren?

Arbeiten. Sofern die Gesundheit es zulässt, stehe ich mit 65 Jahren noch mitten im Berufsleben. Das hat verschiedene Gründe. Einer davon ist mein Vater. Mit 55 Jahren hat er sich pensionieren lassen. Das hat ihm nicht gut getan. Wenn man etwas gerne macht und fit ist, sehe ich keine Notwendigkeit, zu einem bestimmten Zeitpunkt mit einem Beruf aufzuhören, nur weil die Altersuhr es einem vorgibt.

 

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