«Bei der Umsetzung der nationalen Demenzstrategie sind wir alle gefordert»

Prof. Egemen Savaskan war bei der Erarbeitung der Empfehlungen für die nationale Demenzstrategie aktiv involviert und setzt sich für deren schweizweite Implementierung ein. Obwohl sich der Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und Klinikdirektor a.i. in seiner Karriere auf Demenzerkrankungen spezialisiert hat, kommen neue Alzheimermedikamente wie Aducanumab für seinen eigenen Vater, der an Demenz erkrankt ist, zu spät. Wie es ist, nicht als Arzt, sondern als Sohn dem dementen Vater den Führerschein abnehmen zu müssen, schildert Egemen Savaskan im Porträt.

Séverine Bonini im Gespräch mit Prof. Dr. med. Egemen Savaskan

BrainMag: Prof. Savaskan, Sie haben Ihre Karriere in Zürich in der Biochemie und in der Neurologie gestartet. Heute sind Sie Klinikdirektor ad interim in der Klinik für Alterspsychiatrie der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Prof. Dr. med. Egemen Savaskan: Ich wollte immer im Bereich der Neurowissenschaften forschen. Mich interessierte speziell die Psychose-Forschung, aber als ich 1988 in die Schweiz kam, war das nicht «en vogue», sondern die Demenzforschung, wo es auch viele Mittel gab. Ich hatte die Möglichkeit, nach dem Studium den Postgraduiertenkurs in Neurologie in Zürich zu machen, wo ich Teil der Zürcher Demenzstudie war. Ich war dann anschliessend eineinhalb Jahre lang in der klinischen Forschung von Hoffmann-La Roche tätig. Ich merkte, dass mir das zu weit weg von der Klinik war und dass ich eigentlich Kliniker und Psychiater werden wollte. Ich bewarb mich bei Prof. Angst, dem Exponenten der psychiatrischen Forschung im Zürich der späten 1980er / frühen 1990er Jahre, aber er hatte keine Stelle frei. In Basel hatte ich sofort eine Stelle. Ich hatte das Ziel, bald wieder nach Zürich zu wechseln, aber im Endeffekt wurde ich sehr glücklich in Basel und blieb lange dort in der Psychiatrischen Universitätsklinik als Oberarzt.

Warum wollten Sie denn unbedingt nach Zürich?

Weil ich hier ursprünglich affiliiert war und das Burghölzli das Aushängeschild der psychiatrischen Forschung in der Schweiz war und ist. Aber die Basler Klinik war auch sehr traditionsreich. Die ersten Pharmastudien wurden dort durchgeführt. Als ich dann in Basel arbeitete, war der Wechsel kein Thema mehr, bis ich die Stelle als Leitender Arzt hier in Zürich bekam. Aber ich wohne immer noch in Basel.

Sie pendeln?

Ich pendle jeden Tag. Eine Weile habe ich in Zürich gewohnt, aber seit einigen Jahren pendle ich. Ich nehme immer den Zug um 6 : 33 Uhr, damit ich kurz nach 7 : 30 Uhr in der Klinik bin. Ich bin ausgerüstet mit Buch, iPod, iPhone, Spotify … ich lese tatsächlich sehr viel, pro Woche fast ein Buch. Manchmal arbeite ich im Zug, wobei ich das nicht immer optimal finde, denn ich muss Zugriff auf verschiedene Dokumente haben, während ich arbeite. Mails beantworten und Terminplanung geht aber.

Und wie oft hat der Zug Verspätung?

(lacht) Das ist eine gute Frage. Gerade heute Morgen hatten wir eine Viertelstunde Verspätung. Das kommt ca. zweimal pro Woche vor, aber es sind zum Glück keine massiven Verspätungen wie zum Beispiel in Deutschland.

Was gefällt Ihnen an Basel?

Meine ganze Sozialisation ist dort, ich kenne ganz viele Leute vom Metzger bis zur Politikerin. Es ist ja ein kleiner Stadtkanton, und trotzdem eine kosmopolitische Stadt mit einem grossen Kulturangebot. Die Nähe zu Deutschland und Frankreich macht sehr viel aus. Ich habe eine schöne Maisonettewohnung im Neubadquartier, im Süden der Stadt in der Nähe des Zollis. Ich lebe seit über zwanzig Jahren in Basel und fühle mich dort mittlerweile einfach heimisch.

Und was gefällt Ihnen besonders an der Schweiz?

Mir gefallen nicht in erster Linie die Landschaften, sondern die Menschen und ihre Mentalität, die Offenheit, die liberale Haltung, die Freiheit, die man hier in verschiedenen Bereichen geniessen darf. Ich komme aus einer Diplomatenfamilie. Als ich ein Kind war, haben wir alle vier, fünf Jahre das Land, die Leute, den Kontinent gewechselt. Deshalb ist es mir wahrscheinlich auch wichtig gewesen, irgendwo Wurzeln zu schlagen. Die Schweiz ist meine Heimat geworden.

Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte sind die Demenzerkrankungen.

Das war von Anfang an so, sowohl in Zürich als auch in Basel. Ich arbeitete lange im neurobiologischen Labor, welches vom mittlerweile verstorbenen Prof. Franz Müller-Spahn und Prof. Christoph Hock gegründet worden war, der ja auch hier in Zürich später mein Chef wurde. Ich kam aus Basel als sein Stellvertreter. Prof. Hock hat im Bereich der Immuntherapien gegen Amyloid-beta geforscht und aktuell zusammen mit Prof. Roger Nitsch den Wirkstoff Aducanumab entwickelt, der kausal wirksam bei Alzheimer-Demenz eingesetzt werden soll.

In der Basler Klinik hat sich für mich die Möglichkeit ergeben, den Spagat zwischen Klinik und Forschung zu machen. Denn es ist immer ein Spagat. Man ist sehr in der Klinik involviert, und es gibt wenige Stellen, die es einem ermöglichen, zwischen Forschung und Klinik hin und her zu pendeln.

Aber jetzt als Klinikdirektor ist es ja noch schwieriger, Sie haben sehr viele administrative Aufgaben zu erledigen. Kommt da die Forschung nicht zu kurz?

Das stimmt – mein Leben vergeht in Sitzungen und Spitalleitung. Es ist anders geworden. Natürlich betreibe ich keine Laborforschung mehr und stelle irgendwelche Experimente her, das machen die jungen Kollegen. Ich supervisiere die Forschungsprojekte. Ich bin der Senior, der dahintersteckt und Grants und Papers für die Publikation durchliest.

Vermissen Sie die eigenhändig durchgeführte Forschung?

Ich vermisse die Laborforschung schon, aber es ist auch gut, machen das heute andere. Ich vermisse auch die Patienten, deshalb mache ich regelmässig Chefarztvisiten. Es ist mir wichtig, dass ich die stationären Patienten kenne, die aktuell bei uns sind. Ich habe aber gute Leute hier, die mich auch in der Station vertreten, aber ich bemühe mich, mindestens einmal im Monat auf jeder Station eine Visite zu machen.

Was sind weitere Forschungsschwerpunkte?

Wir haben in den letzten Jahren im Rahmen der nationalen Demenzstrategie 2014-2019 die Leitlinienentwicklung für die Diagnostik und Therapie der neuropsychiatrischen Symptome der Demenz vorangetrieben, wobei wir das in der Schweiz nicht Leitlinien, sondern Empfehlungen nennen. Dann haben wir die Empfehlungen für die Diagnostik und Therapie des Delirs im Alter sowie die Empfehlungen für die Diagnostik und Therapie der Depressionen im Alter fertiggestellt. Aktuell sind wir daran, die Empfehlungen für die Diagnostik und Therapie der Abhängigkeitserkrankungen im Alter und der Psychosen im Alter abzuschliessen.

Diese Projekte waren sehr zeitaufwändig. Ich habe an sechs Teilprojekten der nationalen Demenzstrategie mitgearbeitet. Es war wichtig, dass wir im Rahmen der nationalen Demenzstrategie auch im Sinne von Qualitätsförderung die Leitlinien etablieren, und das nicht nur in den Zentren, sondern auch in der Peripherie. Wir wollten das Bewusstsein über das Problem in der Bevölkerung stärken und auch die Politik mit ins Boot holen.

Wer ist «wir»?

Es ist immer ein interprofessioneller, interdisziplinärer Ansatz. Wir machen das mit dem SBK zusammen, dem Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner. Federführend ist aber immer die Schweizerische Gesellschaft für Alterspsychiatrie und Psychotherapie. Wir sind in den Arbeitsgruppen manchmal mit den Geriatern zusammen, manchmal mit den Neurologen, aber auf jeden Fall ist jedes Mal die Pflege mit dabei.

Jetzt sind die Empfehlungen der Demenzstrategie publiziert, was sind die nächsten Schritte?

Es ist schon einiges passiert. In vielen Kliniken entstehen nun Konzepte auf der Basis der Empfehlungen und die Behandlung wird dann State-of-the-Art durchgeführt. Flächendeckend dauert die Implementierung natürlich aber noch lange, denn es sind keine juristischen Verpflichtungen mit der Demenzstrategie verbunden. Das müssen wir in den nächsten Jahren vorantreiben. Das Problem in der Altersmedizin ist, dass es für viele Medikamente und nichtmedikamentöse Therapiestrategien keine ausreichende Evidenz gibt. Das gleiche Problem gibt es ja auch in der Pädiatrie. Deswegen ist es wichtig, über diese Leitlinienentwicklung hinaus gewisse Therapiestrategien auf der Basis der klinischen Evidenz auch durchzusetzen. Ein besonderes Anliegen der Empfehlungen war, dass wir gerade in der älteren Bevölkerung die nicht-pharmakologischen Therapien in den Vordergrund stellen und für sie eine Evidenzbasis auf Grund der klinischen Erfahrung schaffen. Ich denke hier zum Beispiel an Musik-, Kunst-, Aroma- oder Bewegungstherapie, an psychotherapeutische Interventionsmöglichkeiten. Es geht aber auch um eine kritische Evaluation der medikamentösen Therapie, die bei älteren Personen eben problematisch ist.

Aktuell arbeiten Sie an den Empfehlungen zu Abhängigkeitserkrankungen im Alter. Können Sie hierzu schon etwas sagen?

Die wichtigsten Probleme bei älteren Menschen in der Schweiz wie auch in der restlichen westlichen Welt beinhalten Alkohol- und Benzodiazepin- sowie Opiat-Abhängigkeit. Schwerere Drogen wie Heroin oder Kokain sind in der älteren Bevölkerung noch kein grösseres Problem, es gibt hier nur vereinzelte Fälle. Wir gehen auch auf nicht-substanzgebundene Süchte wie Spiel- und Computersucht, Nikotin und Cannabis ein. Es sind wirklich sehr umfassende Empfehlungen, die 2020 publiziert werden.

Hätten Sie vor dreissig Jahren gedacht, dass Sie später in der Alterspsychiatrie tätig sein werden?

Nein. Während der Studienzeit wollte ich plastischer Chirurg werden und habe eine Weile als Assistenzarzt in der plastischen Chirurgie gearbeitet. Aber das war nur eine vorübergehende Flause, denn das Interesse für das Gehirn und für das Nervensystem war eigentlich immer da. Ich wollte dann eine Psychoanalyse-Ausbildung in Wien machen, aber dafür gab es keine Finanzierung, so dass ich in die Schweiz gekommen bin, wo die Forschungsmöglichkeiten gut waren und eigentlich auch heute immer noch sind. Ich bin direkt in die Demenzforschung eingestiegen und von da an war klar, dass mein beruflicher Weg in Richtung Alterspsychiatrie, Geriatrie oder Neurologie gehen würde.

Warum wollten Sie überhaupt Arzt werden?

Das war mir eigentlich relativ früh schon als junger Schüler klar. Ich war immer an Biologie interessiert, auch meine Hobbies gingen in diese Richtung. Ich hatte zum Beispiel eine grosse Schmetterlings- und Käfersammlung, ich habe das lange Zeit sehr systematisch gemacht.

Die Psychiatrie berührt sehr viele Themen, von Philosophie bis zu Theologie, Neurologie und Geriatrie – alles kommt in der Psychiatrie zusammen. Das hat mich immer gereizt und auch forschungsmässig ist natürlich sehr vieles möglich in der Psychiatrie.

Ihre Eltern stammen aus der Türkei. Leben sie noch in Deutschland?

Mittlerweile leben sie wieder in der Türkei. Mein Vater hat eine Demenzerkrankung, deswegen besuche ich sie sehr oft. Zum Glück hat er eine sehr hohe kognitive Reserve und kann das sehr gut kompensieren. Momentan ist er nicht sehr pflegebedürftig, ich hoffe, das bleibt noch lange so.

Ist man als Psychiater, der auf Demenzerkrankungen spezialisiert ist, dann trotzdem nur Sohn oder doch auch der Arzt?

Das ist unterschiedlich. Es ist vor allem für meine Eltern problematisch, weil sie mich natürlich in erster Linie als Sohn sehen und nicht als Demenzspezialisten oder Arzt. Sie nehmen keine Ratschläge von mir entgegen. Ich spüre manchmal Hilflosigkeit in mir, weil ich mittendrin bin in der Entwicklung von Alzheimermedikamenten, die in fünf bis zehn Jahren auf den Markt kommen werden, was für meinen Vater aber zu spät sein wird. Es ist schwierig, mit diesem Wissen umzugehen. Aber mein Vater kompensiert wirklich sehr gut.

Kann Ihr Vater von Ihrem Know-how profitieren?

Ich konnte ihm Präventionsstrategien mitgeben, also viel Bewegung, die richtige Nahrung usw. Aber mein Vater war sowieso immer ein sportlicher Mensch, der auf sich geachtet hat. Das kommt ihm jetzt zugute.

Haben Sie denn gemerkt, dass mit ihm etwas nicht stimmt?

Meine Mutter hat es als erste bemerkt. Er hat wie gesagt eine sehr hohe kognitive Reserve, so dass die Demenz erst spät klinisch manifest wurde. Er hat sich lange gewehrt gegen eine Untersuchung. Sehr schwierig wurde es, ihm den Führerschein wegzunehmen. Das Gleiche erlebe ich übrigens auch bei meinen Patienten. Alle in der Familie hatten Angst, mit im Auto zu fahren.

Haben Sie als Alterspsychiater einen lockereren Umgang mit dem eigenen Altern?

Ich negiere das ein bisschen. Es hilft sicher, dass heutzutage viele ältere Menschen im hohen Alter weiterhin fit sind, die offizielle Altersgrenze ist aber immer noch bei 65. Und das ist bald. Ich weiss, dass ich mehr Sport machen müsste, aber unter der Woche ist das einfach schwierig. Ich darf nicht so viel essen, wie ich möchte. Aber ich bin sehr kreativ und intellektuell sehr herausgefordert – das hilft vielleicht auch, das Altern zu verlangsamen.

Was machen Sie Kreatives?

Ich bin sehr an Kunst interessiert, schreibe viele Artikel und halte Vorträge. Auch die Spitalleitung ist in gewisser Weise ein kreativer Akt.

Sind Sie visuell veranlagt, da Sie Kunst mögen?

Ich bin tatsächlich ein sehr optisch und olfaktorisch orientierter Mensch. Gerüche sind für mich sehr wichtig. Ich mag die Reizüberflutung durch die Kunst. Das ist mein Weg, um abzuschalten, meine Art, auf eine andere Ebene zu kommen, auch gewisse Sachen zu lockern, damit man die Dinge neu ordnen kann. Das ist eine Strategie, die ich mir angeeignet habe. Deswegen bin ich auf diese optischen Reize aus, die ich dann auch aktiv suche.

Gehen Sie also ins Museum, wenn Sie einen schlechten Tag haben?

Genau. Oder ich schliesse mich zuhause ein und schaue mir viele Filme an (lacht).

Was ist der beste Tipp, den Ihnen jemand gegeben hat?

Mein erster Chef in der Biochemie in der Schweiz sagte zu mir: «Du darfst jeden Fehler machen, aber nicht zum zweiten Mal.» Das habe ich verinnerlicht.

Was machen Sie mit 65?

Wahrscheinlich werde ich dann in die Praxis gehen und mit einem 50%-Pensum weiterhin Patienten sehen. Und dann will ich gerne Spanisch lernen und vielleicht auch Kunstgeschichte an einer Seniorenuniversität studieren.

 

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