«Ich bin gerne selbstständige Onkologin»

Dr. med. Helene Freimann führt in Sursee die einzige Praxis für Onkologie. Diese liegt unmittelbar neben dem Spital und entsprechend eng ist die Zusammenarbeit. Die Anbindung ans Spital bringt viele Vorteile, sowohl für das Spital als auch für die Praxisärztin: «Eine klare Win-win-Situation». Helene Freimann betreut aber nicht nur Patienten. Sie hat ausserdem eine Familie mit drei Kindern, ein Pferd und viele Interessen. Wie sie das alles unter einen Hut bringt, erzählt sie im Interview.

Dr. med. Eva Ebnöther im Gespräch mit... Dr. med. Helene Freimann

Praxisdepesche: Dr. Freimann, Sie arbeiten in einer speziellen Konstellation. Ihre Praxis ist zwar an das Spital Sursee angegliedert, Sie arbeiten aber trotzdem selbstständig. Wie ist es dazu gekommen?

Dr. med. Helene Freimann: Ich entschied mich vor fünf Jahren, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Damals hatte ich schon zwei Kinder – inzwischen sind es drei – und ich sah in einer eigenen Praxis auch den Vorteil, dass ich mir meine Zeit selbst würde einteilen können. Es war für mich klar, dass ich teilzeit arbeiten würde, deshalb kam eine Einzelpraxis mit dem Angebot von ambulanten Therapien nicht in Frage. Mein Mann, Roland Sperb, ist hier am Spital Sursee Chefarzt der Inneren Medizin und Stellvertretender Leiter der Onkologie und Hämatologie. Wir entwickelten zusammen einen Business-Plan für ein neuartiges Praxismodell für privat praktizierende Onkologen und ein öffentliches Spital, in dem beide Partner gleichermassen voneinander profitieren. 

Wie funktioniert es?

Besprechung, Planung und Vorbereitung der Therapien finden hier in der Praxis statt. Danach gehen die Patienten fertig vorbereitet und mit der Verordnung ins onkologische Ambulatorium, das sich gleich im Haus nebenan befindet. Hier in der Praxis führen wir keine intravenösen Therapien durch, diese finden im Ambulatorium statt. Auf diese Weise werden die Infrastrukturen von Spital und Ambulatorium möglichst gut ausgenutzt. 

War es von Anfang an ein Erfolg?

Wir beschlossen, das Modell vorerst ein Jahr lang auszuprobieren. Es zeigte sich aber schnell, dass diese Konstellation für alle Beteiligten eine Win-win-Situation ist. In der Praxis habe ich keinen hohen personellen Aufwand und muss keine grossen Investitionen in die Räumlichkeiten tätigen, und im Ambulatorium kann man Personal und Räume optimal auslasten. Das System hat sich sehr bewährt.

Wie wichtig ist für Sie die Nähe zum Spital?

Sie ist unabdingbar, denn ich nutze zum Beispiel in der Diagnostik viele Dienstleistungen des Spitals. Wir bieten einen 7 × 24-Stunden-Dienst für onkologische Notfälle, was wichtig ist für die Sicherheit unserer ambulanten Patienten. Hier in Sursee profitieren wir aber alle von diesem Modell: das Spital, das onkologische Ambulatorium und ich in der Praxis. Unsere Leistungen ergänzen sich sehr gut und wir arbeiten Hand in Hand.

Kommen die Patienten über das Spital zu Ihnen?

Der grösste Teil wird vom Spital an mich überwiesen. Ausserdem habe ich auch Zuweisungen von Hausärzten oder niedergelassenen Spezialisten. Oft ist es so, dass die Diagnose beispielsweise beim Gynäkologen gemacht wird, dann gehen die Patientinnen für die Operation ins Spital Sursee und danach kommen sie zu mir für die Planung der adjuvanten Therapien.

Sursee ist ja ein deutlich kleineres Spital als Luzern, wo Sie vorher waren. Welche Unterschiede nehmen Sie wahr?

Hier ist alles überschaubarer, die Wege sind direkter und kürzer, jeder kennt jeden. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich. Ich persönlich finde das Arbeiten dank der überschaubaren Grösse aber sehr angenehm. Wir können hier in Sursee vieles von dem machen, was auch in Luzern angeboten wird, nur wirkliche Spezialfälle müssen wir nach Luzern oder sogar in ein Universitätsspital überweisen. Seit einem Jahr haben wir hier auch eine Oncospitex. 

Können Sie sich genügend gut austauschen mit Kollegen, zum Beispiel bei problematischen Fällen?

Inzwischen sind wir hier in Sursee fünf Onkologinnen und Onkologen und wir haben permanenten Kontakt. Zudem sind wir eng verbunden mit dem Luzerner Kantonsspital und nehmen an fünf oder sechs unterschiedlichen Tumorboards teil. Für genügend fachlichen Austausch ist also gesorgt. Da ich lange in Luzern war, habe ich auch ein persönliches Netzwerk von Spezialisten, die ich bei speziellen Fragen konsultieren kann. Und ich gehe regelmässig an Fortbildungen in Europa – zum Beispiel an den ESMO-Kongress oder an die St. Gallen Breast Cancer Conference in Wien –, an die Onkologie Updates in Deutschland und auch an kleinere Veranstaltungen in der Umgebung.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Hausärzten?

Im Allgemeinen sehr gut. Manche Patienten wollen zur Nachbetreuung wieder zum Hausarzt, manche zu mir und da arbeite ich jeweils mit den Hausärzten zusammen. Vor allem in den ersten Jahren nach der Diagnose kommen die meisten Patienten zumindest alternierend auch noch zu mir. Die Beziehung zwischen Hausärzten und Patienten ist hier auf dem Land häufig noch sehr eng. Allerdings kommen jetzt viele alteingesessene Hausärzte, die ihre Patienten in- und auswendig kennen, ins Pensionsalter. Ihre Praxen werden oft durch Gruppenpraxen ersetzt, und dort ist die Beziehung zwischen den Ärzten und Patienten schon anders. 

Wie sind Sie zur Onkologie gekommen?

Eigentlich wollte ich ja Tierärztin werden. Während der Kantonsschule ging ich zu einem Grosstierarzt schnuppern und merkte dann, dass man, wenn man mit Grosstieren arbeitet, als Frau rein körperlich im Nachteil ist. Ausserdem bekam ich plötzlich das Gefühl, ich würde als Tierärztin das Hobby zum Beruf machen. Die Medizin faszinierte mich aber sehr und so studierte ich Human- anstatt Veterinärmedizin. Nach dem Studium arbeitete ich in der Chirurgie, stellte aber bald fest, dass Chirurgie definitiv nicht mein Fach war. Anschliessend ging ich in die Innere Medizin. Gegen Ende meiner Facharztausbildung stand ich vor der Frage, ob ich Internistin bleiben oder doch eher in die Hausarztmedizin gehen wollte. Gleichzeitig hatte ich die Möglichkeit, das Fachgebiet der Onkologie kennenzulernen. Dieses hatte mich vorher eher abgeschreckt, aber als ich einen vertieften Einblick erhielt, begann mich die Onkologie zu faszinieren. Ich machte dann in Luzern während acht Jahren noch die Ausbildung zur Onkologin. In dieser Zeit erlebte ich einen Chefarztwechsel, der für mich fast wie ein Stellenwechsel war, denn die Arbeitsweise der beiden Chefärzte war sehr unterschiedlich. Mit Stefan Aebi kam ein komplett neuer Wind und das hatte für mich den Vorteil, dass ich das Grundhandwerk der Onkologie auf verschiedenen Ebenen erlernen konnte. 

Haben Sie schon früh geplant, eine Praxis zu übernehmen?

Eigentlich nicht. Ich wusste nur, dass ich keine akademische Karriere machen wollte. Die Onkologie in Luzern wuchs enorm, während ich dort arbeitete: Vor zwölf Jahren waren es sechs Ärztinnen und Ärzte, inzwischen sind es rund doppelt so viele. Diese Veränderungen waren für mich spannend, ich merkte aber auch, dass ich längerfristig nicht im Spital bleiben wollte. Ich habe es gern etwas kleiner, überschaubarer und vor allem schätze ich den Kontakt mit den Patientinnen und Patienten sehr. Deshalb entschied ich mich für die Praxistätigkeit.

Haben Sie ein besonderes Interessensgebiet innerhalb der Onkologie?

Ich mache mit Vorliebe und schwerpunktmässig gynäkologische Onkologie und arbeite auch eng mit den hiesigen Gynäkologen zusammen. Weniger nahe ist mir die Hämatologie. Diese ist hier aber sehr gut über meinen Mann abgedeckt – Hämatologie ist sozusagen sein Steckenpferd. Dass wir so unterschiedlich getaktet sind, ist ein grosser Vorteil für die Patientenversorgung. Wir ergänzen uns sehr gut.

Wie organisieren Sie gemeinsam die Familie und die Kinderbetreuung?

Mein Mann arbeitet voll, ich rund 70% pro Woche. Zwei Tage in der Woche kümmert sich eine Nanny um die Kinder, den Rest decken wir aktuell mit Grosseltern und Tagesstrukturen ab. Ohne Nanny ginge es inzwischen nicht mehr – sie ist eine grosse Hilfe. Und sie ist auch da, wenn eines der Kinder krank ist. Für mich stimmt diese Aufteilung – ich finde es ideal, arbeiten zu können und auch Zeit für die Kinder zu haben. Ich würde wahrscheinlich auch nicht 100% arbeiten, wenn ich keine Kinder hätte. Ich habe einfach noch zu viele andere Interessen, für die ich mir gerne Zeit nehme. 

Welche sind das?

Ich liebe Pferde und das Reiten. Mein Vater hatte immer Pferde, deshalb bin ich mit diesen Tieren gross geworden. Zwei- bis dreimal pro Woche bin ich bei meinem Pferd, um das sich zu zwei Dritteln mein Vater kümmert, das restliche Drittel übernehme ich. Allein könnte ich das Pferd nicht «stemmen», denn Reiten ist ein sehr schönes, aber auch zeitaufwändiges Hobby. Ich jogge auch gerne und versuche, das mehrmals pro Woche zu machen. Dafür nutze ich oft die Mittagspause. Beim Joggen fliessen meine Gedanken und wenn ich ein Problem wälze, kommen mir beim Joggen immer die guten Ideen. Joggen hat fast eine therapeutische Wirkung. Im Winter fahre ich auch sehr gern Ski und ich lese gern, habe dafür aber leider oft zu wenig Zeit.

Welchen Aspekt Ihrer Arbeit lieben Sie besonders?

Ganz klar den direkten Kontakt mit den Menschen. Sie zu betreuen, zu begleiten, Vertrauen aufzubauen. Wenn ich merke, dass die Beziehung auch bei schwierigen Entscheidungen trägt.

Und was gefällt Ihnen weniger?

Der administrative Aufwand und das «Geknatsch» mit den Krankenkassen. Dass man zunehmend Rechenschaft schuldig ist, wie man Patienten behandelt – das nervt. Ich finde es behindernd, dass mir die Kassen quasi vorschreiben können, wie ich zu behandeln habe. Und die Diskussionen mit den Kassen fressen oft sehr viel Zeit und sind zermürbend. 

Sursee ist kein städtisches Zentrum wie Luzern oder Bern. Gibt es einen Unterschied zwischen den Patienten in der Stadt und auf dem «Land»?

Wir sind zwar kilometermässig nicht weit weg von Luzern, aber ich spüre einen deutlichen Unterschied. In der Stadt sind die Menschen oft fordernder und nehmen sich wichtiger. Hier auf dem Land sind sich die Leute eher gewöhnt, dass sie selbst für sich sorgen müssen, und sie fokussieren auf das, was jetzt möglich ist. Sie warten auch eher mal ab und rennen nicht gleich von Pontius zu Pilatus. Ich bin zwar in der Stadt aufgewachsen, aber mir liegt die ländliche Mentalität und ich arbeite sehr gern hier auf dem Land. Ich wohne auch selbst ländlich und könnte mir nicht mehr vorstellen, in der Stadt zu leben. Das viele Grün und die Ruhe und dass man die Kinder einfach vor die Haustür zum Spielen schicken kann, schätze ich ungemein.

Haben Sie auch Patienten, denen Sursee zu «provinziell» ist und die an ein grösseres Spital wollen?

Praktisch nie. Die meisten Patienten sind froh, dass sie hier, wo sie zuhause sind, behandelt werden können. Die Patienten sagen mir eher, dass sie nicht gern nach Luzern gehen für eine Therapie und sie fragen, ob man das nicht hier in Sursee machen könne.

 

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