«Allergien sind der Preis für unser komfortables Leben»

Von hygienischen Massnahmen, um eine potenzielle Allergikerkarriere zu verhindern, rät Dr. med. Peter Eng, Leiter Pädiatrische Pneumologie und Allergologie / klinische Immunologie am Kantonsspital Aarau, ab. Kinder sollten lieber raus in die Natur, um sich den Erdbakterien auszusetzen, so dass das Immunsystem von Anfang an eine Toleranz entwickeln kann. Im Interview erzählt er von der ambivalenten Datenlage bezüglich Ernährungsempfehlungen bei Säuglingen und dem vernünftigen Umgang mit Haustieren in Risikofamilien.

Séverine Bonini im Gespräch mit… Dr. med. Peter Eng  

SkinMag: Dr. Eng, wie stehen Sie zur Hygienehypothese?

Dr. med. Peter Eng: Die Hygienehypothese versucht zu erklären, weshalb die Häufigkeit der Allergien in der westlichen Bevölkerung zugenommen hat. Tatsächlich haben wir vor allem in den Städten im Gegensatz zu früher weniger Kontakt mit Schmutz und Mikroorganismen der Erde. Unser Immunsystem hat zu wenig Arbeit und stürzt sich deshalb auf eigentlich harmlose Substanzen wie Pollen oder Nahrungsmittel, die ja keine Schädlinge sind. Es kommt zu einer Fehlleistung des Immunsystems im Sinne einer Allergie. Die Hygienehypothese darf aber nicht missverstanden werden, denn wir sollen deswegen nicht unhygienisch leben und zum Beispiel unsere Hände nicht mehr waschen. Ohne Hygiene steigt das Risiko für Infektionskrankheiten wieder. Schliesslich hat unsere Gesellschaft in den letzten Jahrhunderten enorme Fortschritte gemacht, wir haben Abwasseranlagen gebaut, Strassenreinigungsequipen organisiert und beseitigen den Abfall. Infolgedessen sind viele Infektionskrankheiten wie Lepra, Pest oder Typhus in westlichen Ländern nahezu ausgerottet. Zurückzugehen auf eine unhygienische Linie ist nicht umsetzbar. Wir können von Schwangeren nicht verlangen, dass sie auf den Bauernhof umziehen, um ihr Kind vor potenziellen Allergien zu schützen. 

Das heisst in der Konsequenz, dass Allergien nicht vermeidbar sind, sondern ein Prozess unserer Zivilisation?

Wir haben uns eine hygienische Welt geschaffen, leben komfortabel und fast ohne Infektionskrankheiten, aber der Preis dafür ist die Zunahme von Allergien.

Wie ist das in unhygienischeren Ländern?

Australische Forscher haben eine Untersuchung gemacht mit Leuten aus Sri Lanka, die nach London ausgewandert sind. In diesem neuen, hygienischen Milieu haben viele von ihnen Allergien entwickelt. Ihr Immunsystem, das sich vorher mit Würmern und Erdbakterien auseinandergesetzt hat, war in London unterbeschäftigt und hat sich dort auf die Hausstaubmilben gestürzt. In den Londoner Wohnräumen gibt es sehr viele hochflorige Teppiche und dicke Vorhänge – ein ideales Milieu für Hausstaubmilben. Im Verhältnis zur englischen Bevölkerung gibt es heute mehr Leute aus Sri Lanka, die in England schweres Asthma haben. 

Müssten die Schweizer in der Schweiz dann nicht weniger Asthma haben? Das Milieu ist ja kein neues. 

In der Schweiz ist seit ungefähr 100 Jahren statistisch belegt, dass Kinder und Erwachsene aus Bauernfamilien weniger Heuschnupfen haben als Personen im städtischen Milieu. Kinder, die in der Stadt aufwachsen, haben zunehmend weniger Kontakt zu natürlichen Mikroorganismen und das Immunsystem kommt eher auf die Idee, Pollen zu bekämpfen. Unter dem Strich hilft es am meisten, wenn wir gesund und ausgewogen leben und Zeit in der Natur verbringen. Die Kinder sollten nicht zuhause vor dem PC oder TV sitzen, sondern raus in die Natur gehen. 

Die Zunahme des Asthma bronchiale in der Schweiz, vor allem in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, kann aber durch die Hygiene-Hypothese und unseren «westlichen Lebensstil» alleine nicht erklärt werden. Andere Umgebungsfaktoren dürften hier auch eine wichtige Rolle spielen. Allerdings ist zu bemerken, dass in den westlichen Ländern – dies gilt für Europa, USA und Australien – seit der Jahrtausendwende die Asthma-Häufigkeit ein Plateau erreicht hat und aktuell sogar rückläufig ist, während in den Schwellen- und Entwicklungsländern ein Anstieg der Patientenzahlen verzeichnet wird.

Sollen Kinder allergischer Eltern frühzeitig mit Allergenen in Kontakt kommen oder nicht?

Früher hat man gemeint, Risikokinder – dazu gehören Kinder mit Geschwistern oder mindestens einem Elternteil mit Allergien – sollten möglichst lange keinen Kontakt zu Allergenen haben. Diese These hat sich als falsch erwiesen. Man soll sich relativ früh mit der Natur auseinandersetzen, weil das Immunsystem dann eine Toleranz entwickeln kann. Dies ist ein aktiver Prozess, der in den ersten fünf Lebensjahren stattfindet. 

Danach ist es zu spät?

In der Regel ist der Prozess mit fünf, sechs Jahren abgeschlossen.

Dürfen Allergikerkinder Haustiere haben, wenn sie auf diese nicht allergisch sind? 

Da sind die Bücher noch nicht geschlossen. In den Nuller Jahren hat man gesagt, dass in Risikofamilien keine Haustiere leben dürfen. Kam ein Kind zur Welt, sollte in Allergikerfamilien das vorhandene Haustier weggegeben werden, um ein allergenfreies Milieu zu schaffen. Davon ist man heute weg. Es gibt aber auch Experten, die nun sagen, man solle bewusst einen Hund oder eine Katze anschaffen, damit sich eine aktive Toleranz entwickeln kann. In der Schweiz appellieren wir an die Vernunft der Patienten. Sicher muss ein Haustier nicht präventiv weggegeben, aber auch nicht extra angeschafft werden. 

Wie steht es um die aktuellen Allergikerempfehlungen zur Ernährung bei Säuglingen?

Ebenfalls in der Nuller Jahren ging man davon aus, dass man bei Säuglingen möglichst lange keine potenziell allergenen Nahrungsmittel einführen darf. Auch die Schweizerische Ernährungskommission empfahl: keine Eier, kein Fisch, keine Kuhmilch, keine Erdnüsse und Baumnüsse in den ersten Lebensjahren. Neue Studien aus England und den USA haben vor rund fünf Jahren das Gegenteil bewiesen: Je früher man bei Risikokindern Eier, aber auch Erdnüsse einführt, umso grösser die Chance, dass sie eine Toleranz entwickeln. Aber auch hier gibt es Studien, die wiederum das Gegenteil belegen. Die Datenlage ist unklar. Die Schweizerische Ernährungskommission hat sich entschieden, folgende Empfehlung herauszugeben: eine normale Ernährung im ersten Lebensjahr sowohl für Risiko- als auch für Nicht-Risikokinder, d. h. Schritt für Schritt Beikost für alle ab dem vierten bis sechsten Lebensmonat. 

Gilt immer noch: Je länger man stillt, desto besser die Allergentoleranz?

Auch das ist kontrovers. Leider gibt es keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass Stillen die Entwicklung von Asthma und Heuschnupfen eindämmen kann. Hingegen kann Stillen wohl die Entstehung eines atopischen Ekzems im ersten Lebensjahr verringern, aber die Datenlage ist auch hier eher schwach. Stillen hat psychologische und immunologische Vorteile. Die Allergieentstehung hemmt Stillen aber nicht, da spielen andere Faktoren mit. 

Gibt es denn überhaupt eine Allergie-Prävention?

Je mehr wir über den Erfolg primär präventiver Massnahmen wissen, desto mehr sehen wir, dass eben sehr vieles genetisch bedingt ist. Durch eine reine Umstellung der Ernährung können wir nur wenig erreichen. Die Prädisposition für Allergien liegt in den Genen. Wir empfehlen, dass Familien einen gesunden Lebensstil mit einer ausgewogenen, abwechslungsreichen Ernährung pflegen. Wir sehen viele junge Eltern, die alles richtig machen wollen, im Endeffekt ihre Kinder aber zu einseitig ernähren. Veganes Essen zum Beispiel birgt das Risiko einer Mangelernährung in sich, insbesondere für Kleinkinder. Die Kinder müssen raus in die Natur, in die Berge, in den Wald! Das hilft. Auch die Städte sollten begrünt werden. In Singapur zum Beispiel gibt es Hochhäuser mit vertikalen Gärten. Ich finde das sinnvoll. 

Wachsen sich Allergien bei Kindern aus?

Nahrungsmittelallergien und atopisches Ekzem können sich tatsächlich auswachsen. Bezüglich Asthma gibt es eine Langzeitstudie aus Melbourne, die gezeigt hat, dass ein frühes, schweres Asthma bis ins Alter von 50 Jahren persistieren kann. Aber selbst da manifestiert sich das Asthma nicht einfach 50 Jahre lang. Es gibt immer Phasen mit Asthmamanifestation und Remission. Asthma kommt und geht, abhängig von der aktuellen Lebenssituation und Umweltfaktoren. Grundsätzlich gilt aber: Die Bereitschaft für Allergien wird vererbt. Ob sich daraus auch tatsächlich eine manifeste Allergie entwickelt, entscheiden neben den Genen viele Umweltfaktoren.

Kann durch geeignete Therapien der Krankheitsverlauf positiv beeinflusst werden oder sind die Therapien immer nur symptomatisch?

Die Therapie besteht aus drei Stufen. Bei Auftreten einer Allergie ist das oberste Prinzip die Allergenkarenz. Bei gewissen Allergien geht das relativ einfach, zum Beispiel bei isolierten Nahrungsmittelallergien. Bei der Pollenallergie ist das aber schwierig – man kann ja nicht von den Leuten verlangen, dass sie während der ganzen Pollensaison nur zu Hause bleiben. Wenn die Allergenvermeidung schwierig umzusetzen ist, kommt Stufe 2 zum Tragen, d. h. die medikamentöse Behandlung. Uns stehen sehr gute antiallergische Medikamente zur Verfügung: Antihistaminika, Nasensprays und Asthma-Medikamente sowie Biologika. Die meisten Medikamente sind nur symptomlindernd. Die dritte Stufe der Behandlung allergischer Krankheiten ist die ursächliche Therapie: Die Immuntherapie oder Hyposensibilisierung kommt bei gewissen allergischen Erkrankungen wie der Pollen- oder Hausstaubmilbenallergie, respektive bei schweren Bienen- und Wespengiftallergien zum Zug.

Verabreichen Sie die Immuntherapie bei Kindern nur sublingual oder auch subkutan?

Beide Therapieformen haben ihre Vor- und Nachteile. Im Sinne einer personalisierten Medizin wird dies individuell entschieden. Wir fragen die Kinder und die Eltern, welche Route im persönlichen Alltag für sie vorteilhaft ist. Der Entscheid, ob eine Immuntherapie begonnen wird und ob die sublinguale oder subkutane Form gewählt wird, soll durch den Arzt, unter Berücksichtigung der individuellen Vor- und Nachteile und unter Einbezug der Familie und des Kindes, erfolgen. Wenn die Familie im Alltag sehr beschäftigt und aktiv ist, geht eine sublinguale Tablette gerne vergessen, dann sind Spritzen sinnvoller. Es gibt tatsächlich schon fünfjährige Kinder, die kein Problem mit Subkutaninjektionen haben. Auf der anderen Seite sehen wir zehnjährige Kinder, die partout keine Spritzen wollen und sich heftig dagegen wehren. Da entscheiden wir uns eher für die sublinguale Therapie.

 

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