© olly/Adobe Stock

Medikamentöse Therapie der Borderlie-Störung primär auf Krisen beschränken

Personen mit Borderline-Störung sollten in erster Linie psychotherapeutisch und nicht medikamentös behandelt werden. Dass viele Betroffene regelmässig Psychopharmaka einnehmen, zeigt, wie gross der Druck auf die Ärzte ist, die Not der Betroffenen zu lindern.

Kongressbericht | Regina Scharf

Die Beschreibung der Borderline-Störung vor rund 80 Jahren durch den amerikanischen Psychoanalytiker Adolph Stern ist auch heute noch hochaktuell. Demnach handelt es sich um emotional instabile Personen, deren Behandlung nicht selten mit Schwierigkeiten verbunden ist. Klassische Symptome, die von den Diagnosesysteme ICD-10 und DSM-5 aufgelistet werden, sind die Impulsivität der Betroffenen, eine Identitätsstörung mit ausgeprägter und andauernder Instabilität des Selbstbildes und der Selbstwahrnehmung, interpersonelle Probleme, vor allem eine ausgeprägte Sensibilität für Zurückweisungen sowie nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV) und Suizidalität. Wie andere psychiatrische Erkrankungen auch, ist die Borderline-Störung teilweise genetisch determiniert. Entscheidend für das Auftreten ist die Gen-Umwelt-Interaktion. Dabei scheinen vor allem Bindungsstörungen eine Rolle zu spielen1, 2.

Unterschiedliche Verhaltensmuster

Die Prävalenz der Borderline-Störung beträgt im Allgemeinen zwischen ca. 1,5 und 6%. In psychiatrischen Einrichtungen ist sie mit 10-25% deutlich höher. Die Erkrankung tritt bei Frauen und Männern etwa gleich häufig auf3, 4. «Dennoch sieht man im klinischen Setting kaum Männer mit einer Borderline-Störung», sagte Dr. med. Sebastian Euler von der Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik des Universitätsspitals Zürich an den Medidays in Zürich. Der Grund dafür sind die unterschiedlichen Verhaltensmuster. Männer neigen zu einem externalisierenden Verhalten und Aggressionen und werden häufig mit einer anti-sozialen Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Ihre Behandlung erfolgt oft in Suchtabteilungen; nicht selten hat ihr Verhalten gemäss Dr. Euler auch einen Gefängnisaufenthalt zur Folge.

Interessanterweise findet man auch in der Hausarztpraxis viele Borderline-Patienten. Diese befinden sich häufig aufgrund psychiatrischer oder somatischer Komorbiditäten in Behandlung, während die Borderline-Störung oft undiagnostiziert bleibt5-7. Ein Grund, die Diagnose nicht zu stellen, ist die Hemmung der Ärzte vor einer anhaltenden Stigmatisierung der Betroffenen. «Früher ist man von einer lebenslangen Beeinträchtigung durch die Erkrankung ausgegangen», sagte der Spezialist. Ergebnisse von Langzeitstudien und Erfahrungen aus der Praxis zeigen aber, dass bestimmte Symptome, wie beispielsweise die Impulsivität, das NSSV und die Suizidalität, nachlassen. Das Risiko psychosozialer Probleme ist dagegen anhaltend.

Herausfordernde Behandlung

Die Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung ist essenziell, um unverzüglich eine störungsspezifische Behandlung einleiten zu können. «Die Verhaltensstörung ist ein Zeichen der inneren Not der Betroffenen», sagte Dr. Euler. Die Patienten würden oft als manipulativ und nicht als seelisch krank eingestuft. Dabei kompensierten sie mit ihrem Verhalten ein Defizit, das in ihrer Lebensgeschichte entstanden sei.

Vielfach ist die Therapie auch in der somatischen Medizin eine Herausforderung: Die behandelnden Personen werden oft mit starken Emotionen, Verweigerung der Behandlung, respektlosem, forderndem oder einschüchterndem Verhalten konfrontiert. «Hier gilt es, den Patienten Halt zu geben, aber auch Grenzen zu setzen und Konflikte zu entschärfen, indem man nach gemeinsamen Lösungen sucht», sagte der Spezialist. Um eine therapeutische Beziehung aufzubauen, sei es zudem wichtig, die Patienten regelmässig und nicht nur in Krisensituationen zu sehen.

Die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) hat basierend auf einer Expertengruppe unter Leitung von Dr. Euler Empfehlungen für die Behandlung von Patienten mit Borderline-Störung herausgegeben. Diese sind im Internet frei unter psychiatrie.ch abrufbar. «Empfohlen wird bei diesen Patienten eine ambulante störungsspezifische Psychotherapie», erklärte der Zürcher Experte.

Und Medikamente?

Eine medikamentöse Behandlung der Borderline-Störung ist im Allgemeinen nicht indiziert. «Zudem existiert kein Medikament, das spezifisch für diese Indikation zugelassen ist», so der Referent. Der Druck auf die behandelnden Ärzte, die Not der Betroffenen zu lindern, ist jedoch gross. Wie Untersuchungen zeigen, nehmen mehr als 80% regelmässig mindestens ein Psychopharmakon ein. Ein Fünftel wird mit vier oder mehr Psychopharmaka behandelt. Der Spezialist ermutigte die Workshop-Teilnehmenden, bei den Betroffenen eher mal ein Medikament abzusetzen, als ein zusätzliches zu verordnen. «Der Einsatz von Medikamenten sollte primär auf krisenhafte Situationen beschränkt werden.» Im Bedarfsfall können bei impulsivem und aggressivem Verhalten Lamotrigin und Topiramat eingesetzt werden. Bei Irritabilität und kognitiv-perzeptiven Symptomen eignet sich eine vorübergehende Behandlung mit Quetiapin oder Aripiprazol. Die Dosierung sollte generell eher niedrig gewählt werden. Eine Behandlung mit Antidepressiva ist nicht empfohlen, das gleiche gilt für den Einsatz von Benzodiazepinen. Letztere reduzieren das Angst- und Schmerzempfinden und damit zwei Funktionen, die die Betroffenen davon abhalten können, sich zu verletzen oder anderweitig risikoreich zu verhalten.

Stationäre Krisenintervention

Eine stationäre Krisenintervention, beispielsweise bei Suizidalität, sollte möglichst kurz (1 Tag bis max. 2 Wochen) und auf freiwilliger Basis erfolgen. Obwohl die Betroffenen bevorzugt auf einer offenen Abteilung hospitalisiert werden sollten, wird dieses Vorgehen häufig nicht umgesetzt. Einige psychiatrische Kliniken bieten eine störungsspezifische stationäre oder teilstationäre Behandlung an, um die Betroffenen über längere Zeiträume zu begleiten. «Die bevorzugte Behandlung für Personen mit Borderline-Störungen bleibt aber eine ambulante», verdeutlichte Dr. Euler. Dabei ist die Vernetzung zwischen somatischen Medizinern, Psychiatern, Psychotherapeuten und ggf. involvierten Institutionen wie etwa stationären Abteilungen zur Krisenintervention besonders bedeutsam.

Quelle | Workshop «Die Borderline-Patientin in der Hausarztpraxis», Medidays, 2. September 2019, Zürich.

Bibliografie

  1. Amad A, et al.: Genetics of borderline personality disorder: systematic review and proposal of an integrative model. Neurosci Biobehav Rev 2014; 40: 6-19.
  2. Fonagy P, et al.: Epistemic Petrification and the Restoration of Epistemic Trust: A New Conceptualization of Borderline Personality Disorder and Its Psychosocial Treatment. J Pers Disord 2015; 29(5): 575-609.
  3. Kernberg OF, et al.: Borderline personality disorder. Am J Psychiatry 2009; 166(5): 505-508.
  4. Paris J, et al.: Antisocial and borderline personality disorders revisited. Compr Psychiatry 2013; 54(4): 321-325.
  5. Sansone RA, et al.: Borderline Personality in the Medical Setting. Prim Care Companion CNS Disord 2015; 17(3).
  6. Gross R, et al.: Borderline personality disorder in primary care. Arch Intern Med 2002; 162(1): 53-60.
  7. Dubovski AN, et al.: Borderline personality disorder in the primary care setting. Med Clin North Am 2014; 98(5): 1049-1064.

 
Komorbiditäten der Borderline-Störung5

Psychiatrische Komorbiditäten

60-80% Angststörung / PTBS

50-64% Substanzstörung

50-60% Depression

34,4% Somatisierungsstörung

13-30% Bulimia nervosa

Somatische Komorbiditäten

62,5-80,3% chronische Schmerzzustände

21,1% gastrointestinale Erkrankungen

18,8% Urininkontinenz

17,2-27,7% chronische Schmerzerkrankung

15,3% kardiovaskuläre Erkrankungen

Übergewicht

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

0
0
0
s2sdefault