«Die Eindämmung von Infektionskrankheiten hat einen polizeilichen Charakter»

Er erforscht mit Hilfe von historischen Sterberegistern und hochmodernen Patienten-Trackingsystemen die Übertragung von Infektionskrankheiten. Welchen Nutzen er aus den historischen Daten für das Heute zieht und warum er sich manchmal als «Seuchenpolizist» sieht, erklärt Prof. Dr. med. Lukas Fenner im Gespräch.

Tanya Karrer im Gespräch mit… Prof. Dr. med. Lukas Fenner

PraxisDepesche: Medizinstudium, Mikrobiologie, International Health, Forschungsaufenthalte in Afrika, Professor und Kantonsarzt. Ein vielseitiger Lebenslauf.

Prof. Dr. med. Lukas Fenner: Mit einem roten Faden. Schon während des Studiums hatte ich grosses Interesse an Infektionskrankheiten, was mich zur Klinischen Mikrobiologie führte. Infektionskrankheiten wiederum gibt es fast nur in ärmeren Ländern, so kam ich zur International Health. Schon zu Studienzeiten war ich deshalb öfters im südlichen Afrika. 

Später auch als Forschungsleiter …

Als ich 2008 ans Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Uni Bern kam, war man gerade daran, der Infektionsepidemiologie neues Leben einzuhauchen. Später war ich für zwei Jahre in Tansania stationiert, war aber auch auf Mission und in Projekten in vielen anderen afrikanischen Ländern involviert. Wir beforschten die Tuberkulose, HIV und andere Infektionskrankheiten, trieben aber auch die lokale Forschungsagenda vor Ort voran und arbeiteten zusammen mit den Menschen vor Ort.

Was bewog Sie, der Feldforschung den Rücken zu kehren und Kantonsbeamter zu werden?

Es war ein nahtloser Übergang. Infektionskrankheiten und Public Health haben viel mit dem Gesundheitswesen zu tun. Die Kantone sind für den Vollzug von Massnahmen und auch des Epidemiengesetzes zuständig.

Noch immer haben Sie nebenher ein kleines Forschungs-Pensum an der Uni. Lust oder Last?

Ganz klar Lust. Der Spagat zwischen Verwaltung und Forschung ist sehr befruchtend. Wir betreiben gemeinsame Projekte. Jeden Freitag bin ich an der Uni. Ich erlebe viele Synergien, auch wenn die beiden Ämter im Alltag zwei komplett verschiedene Paar Schuhe sind.

Womit beschäftigen Sie sich am ISPM?

Ich bringe neue Ideen ein und treibe die Feldforschung voran. Es wird gerade diskutiert, ob man die Tuberkulose-Kohorten im südlichen Afrika neu aufgreifen soll.

Im Zusammenhang mit Tuberkulose haben Sie auch zwei historische Studien durchgeführt. Was inspirierte Sie dazu?

Während des Tansania-Aufenthalts wollte ich einen Link zur Schweiz herstellen. Ärmliche Verhältnisse wie in den sog. «unplanned areas» (Slums, Anm. d. Red.) von Daressalam mit Armutskrankheiten wie Tuberkulose gab es einst auch in der Schweiz. Für einen Vortrag wollte ich diesen Vergleich bildlich illustrieren. Ich suchte fieberhaft nach einem historischen Foto der ärmlichen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts.

Wurden Sie fündig?

Zuerst fand ich nur Fotos von herzigen Kinderwagen und schönen Strassenzeilen. Da begann ich zu verstehen, dass früher vor allem Fotos von schönen Szenen gemacht wurden. Fotografien, die Armut dokumentieren, kamen erst später auf. Nach langer Suche wurde ich im Stadtarchiv von Bern fündig.

Wo Sie auch Sterberegister fanden.

Ja. Mithilfe der alten Sterberegister konnten wir einen Zusammenhang zwischen Influenza und Tuberkulose herstellen. In Südafrika wurde die Beziehung bereits für die heutige Zeit beforscht. Eine solche Studie bedingt eine Situation, in der beide Erkrankungen in hohen Fallzahlen auftreten. Für die Schweiz war das nur historisch möglich, für die Zeit der russischen bzw. spanischen Grippe 1889 und 1918. Wir konnten zeigen, dass es – wie in Afrika heute – eine höhere Mortalität gibt, wenn zur Tuberkulose zusätzlich eine Influenza-Pandemie oder eine saisonale Epidemie hinzukommt1.

Ihre nachfolgende Arbeit handelt vom Berner Arzt Dr. Friedrich Wilhelm Ost2. Wie kam es dazu?

Während der ersten Studie fragten wir uns, wieso es in Bern so gute historische Daten gibt. Wir fanden heraus, dass sie Dr. Ost zu verdanken sind. Er war Polizeiarzt oder eben Seuchenpolizist der Stadt Bern Ende des 19. Jahrhunderts.

Seuchenpolizist?

Ein Seuchenpolizist musste die Seuchen erkennen und Massnahmen ergreifen. Zum Erkennen von Seuchen gehört auch das Sammeln von Daten. Die Seuchenpolizei ist die Vorläuferin der kantonsärztlichen Dienste.

Dann sind Sie auch ein Seuchenpolizist?

Die Eindämmung von Infektionskrankheiten hat tatsächlich einen polizeilichen Charakter. Um eine Person unter Quarantäne zu stellen, muss ich als verwaltungsrechtliche Massnahme eine Verfügung ausstellen. Das ist sehr direktiv. Bei der Ebola-Bekämpfung in Westafrika ist das ähnlich. Man stellt nicht viele Fragen, sondern greift durch, um die Seuche einzudämmen. Deshalb finde ich den Ausdruck «Seuchenpolizei» noch immer treffend.

Wie hat sich der Job seit Doktor Ost verändert?

Es sind viele neue Aufgaben dazugekommen. Das Seuchenpolizei-Element ist eher in den Hintergrund getreten, weil es Infektionskrankheiten wie Typhus, Cholera und Pocken kaum mehr gibt. In diesem Sinne hat sich der Polizeicharakter etwas verändert, er ist aber noch in der Bewilligung und Aufsicht von Ärztinnen und Ärzten erkennbar.

Sollte man in der Medizin häufiger zurückblicken?

Ja. Allerdings ist es schwierig, gute Daten zu finden. Hat man diese jedoch, sind sie ein reicher Fundus für epidemiologische Analysen von Zuständen, die es heute bei uns nicht mehr gibt, aber womöglich in anderen Ländern. Sie lassen sich natürlich nicht 1 : 1 auf die heutige Zeit übertragen, werfen aber doch ein Schlaglicht auf die Mechanismen, wie sich Krankheiten ausbreiten und sich auf die Sterblichkeit auswirken.

Wozu würden Sie gerne noch historisch forschen?

Ich hätte gerne etwas zu Masern gemacht – zum Beispiel zu den grossen Masernepidemien in Schweizer Städten in der Vergangenheit mit Hunderten von Toten. Die realen Masernfälle anfangs Jahr hatten mich und die anderen Kantonsärztinnen und Kantonsärzte aber so belastet, dass keine Zeit dafür blieb.

Müssen wir Angst haben vor neuen Masern- und Tuberkulose-Epidemien?

Angst haben nicht. Wir haben ein hochentwickeltes Gesundheitssystem, das einiges aushält. Es ist aber wichtig, sich den nötigen Respekt vor diesen Krankheiten zu bewahren und ihre Ausrottung nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Noch vor hundert oder hundertfünfzig Jahren erkrankten Tausende, Hunderte starben.

Wie haben sich die Forschungsmethoden seither verändert?

Dr. Wilhelm Ost hat Tote gezählt. Heute sind wir da viel weiter.

Wie weit?

In einem Township von Kapstadt in Südafrika planen wir – vorerst in einer Pilotstudie – eine Primary Care Clinic komplett zu verkabeln. Ein anonymes Trackingsystem erfasst die Patientenströme, wie es auch die SBB oder Coop tun. Zusammen mit Daten von CO2- und Luftfeuchtigkeitsmessgeräten kann der Wert der geteilten Luft ermittelt werden. Sie ist ein Indikator für die Übertragungswahrscheinlichkeit von über die Luft übertragenen Krankheiten wie Influenza oder Tuberkulose. Auch klinische Daten werden verknüpft, sodass die Wege eines TB-Falls in der Klinik anonym zurückverfolgt werden können. Dazu kommen Bio-Air-Sampler, die Keime aus der Luft für die Analyse filtern. Und wir werden Mikrofone installieren, die die Intensität und Häufigkeit des Hustens festhalten. Selbstverständlich halten wir alle Ethik-Standards ein.

Das sind viele auszuwertende Daten.

Die Datenanalyse ist hochkomplex und durchläuft verschiedene Algorithmen. Dafür können wir die Übertragung der Tuberkulose anschliessend besser verstehen.

Seuchenpolizist und Datenanalyst. Wer würde das bei einem Kantonsarzt erwarten?!

Ich kann nur sagen: Es ist eine äusserst vielfältige und interessante Aufgabe.

Bibliografie

  1. Zürcher K, Ballif M, Zwahlen M, Rieder HL, Egger M, Fenner L: Tuberculosis Mortality and Living Conditions in Bern, Switzerland, 1856-1950. PLoS One 2016; 11(2): e0149195.
  2. Fenner L, Zürcher K, Egger M: Contagion and Public Health in Switzerland: Wilhelm Ost, MD (1853-1922), Polizeiarzt. Am J Public Health 2018; 108(5): 629-630.

 

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