«Geriatrie ist jung und sexy»

Früher Leiterin der Notfallstation im Spital Bülach, heute Leitende Ärztin an der universitären Klinik für Akutgeriatrie im Stadtspital Waid in Zürich – Dr. med. Annette Ciurea lebt die viel gepriesene Entschleunigung. Was die Mitbegründerin des Netzwerks Junge Geriater mit der Autorin von «Fifty Shades of Grey» gemeinsam hat, erzählt sie im Interview.

Séverine Bonini im Gespräch mit … Dr. med. Annette Ciurea

BrainMag: Dr. Ciurea, Sie bezeichnen sich selber als junge Geriaterin. Was hat es damit auf sich?

Dr. med. Annette Ciurea: Zusammen mit anderen Geriatern habe ich das Netzwerk Junge Geriater Schweiz gegründet. Hintergrund ist, dass sich fünf von uns 2016 als Students in der European Academy of Medicine of Ageing (EAMA) kennengelernt haben. Das Verrückte ist, dass wir uns in der Schweiz vorher nicht begegnet sind. Und dies, obwohl wir zum Teil sogar im gleichen Jahr die Prüfung abgelegt haben und die Schweizer Geriatrieszene nicht sehr gross ist. Das wollten wir ändern. Es kamen noch ein paar weitere Interessierte dazu und im Jahr 2018 haben wir unser Netzwerk lanciert. Ziel ist es, flächendeckend für die Schweiz regionale Ansprechpartner für Geriatrie- interessierte junge Kolleginnen und Kollegen anzubieten.

Wie sind Sie aufgestellt?

Im Kernteam sind wir ungefähr zehn Personen, die sich etwa dreimal im Jahr treffen und regelmässig austauschen. Wir besprechen jeweils aktuelle Themen, die uns beschäftigen, und legen fest, an welchen Kongressen wir die junge Geriatrie repräsentieren möchten. Wir haben einen Newsletter, den man abonnieren kann und der etwa vier Mal pro Jahr erscheint. Aktuell sind wir immer noch ein Think Tank und kein Verein. Wir sind Mitglieder bei der SFGG, der Schweizerischen Gesellschaft für Geriatrie, und werden von der Gesellschaft ideell und finanziell unterstützt. Wir sind auch auf der Homepage der SFGG präsent.

Wie sind Sie an Kongressen unterwegs?

Wir haben dieses Jahr am Frühjahrskongress der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) einen Stand für die SFGG betrieben und zwei unserer Mitglieder haben ein Referat zum Thema «Delirium in der Notfallstation» gehalten. Es geht uns aktuell in erster Linie darum, bekannter zu werden, da bietet sich die Präsenz an einem Kongress zum Austausch an. Wir haben auch den Kontakt zu den jungen Hausärzten gesucht und waren an ihrem Kongress in Thun diesen Frühling präsent. Ganz toll war natürlich die Einladung unseres Netzwerks an den diesjährigen deutschen Geriatriekongress nach Frankfurt, der das Motto hatte: «Geriatrie: Jung und grenzenlos».

Junge Geriatrie – gibt es da eine Alterslimite?

Ich bin ja selber auch schon 51 Jahre alt (lacht). Das Alter per se spielt keine Rolle, sondern dass man neu in der Geriatrie ist oder gerade die Weiterbildung abgeschlossen hat. Man sollte sich als «Junger Geriater» in jedem Fall für Nachwuchsförderung interessieren. Es ist egal, ob man in der Klinik arbeitet, in einem Pflegeheim oder in einer Memory Klinik. Im Kanton Graubünden zum Beispiel gibt es eine einzige Geriaterin, Dr. med. Martina Heim. Sie ist leitende Ärztin im Kantonsspital Chur und natürlich enorm gefragt, da sie eine ganze Region repräsentieren muss.

Dann ist also das Ziel des Netzwerkes, Nachwuchs heranzuziehen?

Ja genau. Wir wollen ein modernes, junges Bild der Geriatrie vermitteln. In der Geriatrie gibt es unglaublich viele Entwicklungsmöglichkeiten. Wir wollen die Chancen aufzeigen, die man beruflich haben kann. Geriatrie kann man im Spital, in der Langzeitpflege und in der Rehabilitation betreiben, es gibt Forschung, und auch Teilzeitarbeit ist in der Geriatrie gut möglich. Auch Karriereförderung ist ein Thema. Wir haben einen «career planer» in unserer Gruppe, der so erfolgreich ist, dass er schon selber stellvertretender Chefarzt ist (lacht). Wenn man sich kennt, regelmässig trifft, hat man einen viel besseren Zugang zueinander und kann sich austauschen und voneinander lernen.

Wollen Sie so gross werden wie die «jungen Hausärzte»?

Das werden wir kaum schaffen, denn die jungen Hausärzte haben um die 1000 Mitglieder – so viele Geriater gibt es in der Schweiz gar nicht. Aber die jungen Hausärzte haben auch klein angefangen mit einem Think Tank. Sie haben es geschafft, mit guten Strukturen voranzukommen und sind hervorragend vernetzt – das spornt uns natürlich an.

Ist es auch ein Ziel, einen eigenen Kongress für junge Geriater auf die Beine zu stellen?

Das wäre natürlich toll. Think big! Es gibt auch die jungen Neurologen, Internisten oder die jungen Pharmakologen – die Jungen sind da. Ich glaube allerdings nicht, dass wir das aktuell alleine stemmen könnten, aber die Nachwuchsförderung ist bei allen Fachgebieten ein grosses Thema. Es macht sicher Sinn, dass wir uns als Netzwerk bei den Internisten einbringen. Schliesslich haben wir Geriater alle auch den Facharzttitel in Innerer Medizin. Wir haben bei uns in der Klinik aktuell drei Oberärztinnen – zwei erfahrene Internistinnen und eine Intensivmedizinerin – die jetzt alle zusätzlich den Schwerpunkt in Geriatrie erwerben wollen. Mir ist es ja damals genau gleich ergangen: Ich war zuerst internistische Oberärztin, dann Leitende Ärztin einer Notfallstation und bin erst danach zur Geriaterin geworden.

Wie kam es dazu?

Ich habe eine neue Herausforderung gesucht.

War der alte Job zu langweilig?

(lacht) Auf dem Notfall? Keineswegs. Ich habe sieben Jahre lang die Notfallstation im Spital Bülach geleitet. Das war mit enorm viel Aufbauarbeit verbunden, bei der ich sehr viel gelernt habe. Mit 45 habe ich mich gefragt, ob ich das jetzt noch 20 Jahre lang so weiter machen möchte. Ich wusste für mich: Nein, ich möchte mich nochmals verändern, etwas lernen. Eine gute Freundin und wichtige Mentorin für mich hat mir die Geriatrie nahegelegt. Ich habe mir dann überlegt, ob Geriatrie wirklich etwas für mich ist, habe mich zum Thema eingelesen und dann gemerkt: Ja, das ist es.

Warum war es das?

Die Entschleunigung war mir wichtig. Ausserdem kann ich in der Geriatrie auf mein Wissen aus der Inneren Medizin zurückgreifen. Ich wollte wieder ganzheitlich tätig sein und den ganzen Menschen behandeln, nicht nur fokussiert auf Herzschmerzen oder eine Halbseitenlähmung. Und fachlich habe ich mir dadurch auch neue Gebiete erschlossen. Ich habe meine Entscheidung nie bereut.

Warum sind Sie überhaupt Internistin geworden?

Als ich das Staatsexamen gemacht habe, wollte ich entweder in die Neurologie, Pädiatrie oder Innere Medizin. Ich habe dann in Biel mit Chirurgie angefangen, hatte aber für später bereits eine Stelle in der Inneren Medizin in Männedorf in Aussicht. Damals, 1995, musste man sich weit im Voraus für eine Stelle als Ärztin bewerben. Ich dachte dann zuerst, dass ich Hausärztin werde. Als ich ambulante Medizin machte, merkte ich, dass ich nicht gleich in die Praxis, sondern die Innere Medizin noch vertiefen möchte. So wurde ich Oberärztin. Das Thema Entschleunigung war aber damals schon ein Thema, und ich habe mit der Psychosomatik bei Professor Langewitz in Basel geliebäugelt. Aber als die Stelle als interdisziplinäre Leiterin der Notfallstation in Bülach ausgeschrieben war, wollte ich das unbedingt machen. Ich habe mir überlegt: Annette, wenn du jetzt in die Psychosomatik gehst, dann bist du zwar entschleunigt, «slow». Aber mach doch zuerst «fast», denn von «slow» kommst du nicht mehr zu «fast», aber von «fast» kann man immer zu «slow» wechseln. So bin ich in den Notfall. Mein «slow» ist jetzt die Geriatrie.

Warum war Entschleunigung immer ein Thema für Sie?

Vielleicht, weil ich eine philosophische Ader habe. Was ist ein gutes Leben? Was ist der Sinn des Lebens? Wenn man schnell unterwegs ist, ist es sehr schwierig, den Blick fürs Ganze zu haben. Es tut gut, einmal nachzudenken, anstatt immer sofort handeln zu müssen. Aber ich habe sicher beide Aspekte in mir, sonst hätte ich nicht sieben Jahre Notfall gemacht. Das Schnelle fasziniert mich schon auch.

Ist es nicht schwierig, nicht in alte Verhaltensmuster zurückzufallen?

Ich geniesse es, ältere Menschen zu betreuen. Mit ihnen hat man automatisch mehr Zeit, denn alles geht etwas langsamer – und deshalb habe automatisch auch ich mehr Zeit. Ich glaube ganz fest, dass der Beruf etwas mit einem macht. Als ich auf dem Notfall gearbeitet habe, hat mein Mann oft gesagt, dass ich zu Hause mit einem Kommandierton gesprochen habe – zack zack! Ich fand das irgendwie schlimm, zumal ich es selber gar nicht gemerkt habe. Aber bei der Arbeit auf einer Notfallstation muss es einfach zack zack gehen. Ich hatte das Gefühl, dass ich auf dem Notfall oft hart war zu den Assistenzärzten, denn ich habe viel gefordert. Auch von mir wurde viel verlangt, denn es können so schnell Fehler passieren, und man will keine Fehler machen, schliesslich geht es um Menschenleben. Ich bin heute viel entspannter und auch verständnisvoller gerade gegenüber dem Nachwuchs. Wir können von den Jungen viel über die Work-Life-Balance lernen.

Was machen Sie selber für Ihre Work-Life-Balance?

Viel zu wenig (lacht). Ich habe Anfang Jahr versucht, mein Pensum auf 80% zu reduzieren. Das habe ich ungefähr fünf Monate lang durchgehalten, dann habe ich zu meinem Chef gesagt: «Roland, das klappt einfach nicht.» Ich musste die gleiche Arbeit statt in fünf einfach in vier Tagen erledigen. An meinem freien Tag habe ich mich zu Hause eingeloggt und dort weitergearbeitet, wo ich tags zuvor stehen geblieben bin. Ich habe realisiert, dass ich meinen aktuellen Job nur mit einem 100%-Pensum bewerkstelligen kann, also habe ich die Prozente wieder erhöht.

Aber haben Sie trotzdem noch Zeit für Entspannung?

Mit meinem Mann teile ich die Leidenschaft für Kunst, wir schauen sehr gerne gemeinsam Ausstellungen an und verbinden das auch mit unseren Reisen. Wir haben keine Kinder. Gerne würde ich wieder Klavier spielen, aber ich komme einfach nicht genügend zum Üben. Auch Sport sollte ich mehr machen. Mit 51 merkt man: Wenn man nichts macht, lässt die Fitness nach. Gärtnern fände ich auch noch toll, wobei ich das überhaupt nicht kann. Kochen und Backen entspannt mich auch. Und ich verbringe gerne Zeit mit meinen Nichten, das ist für mich auch Entspannung. Meine Schwester – sie ist Zahnärztin – hat eine Tochter, die schon 15 Jahre alt ist. Die Kinder meines verstorbenen Bruders sind vier und sieben Jahre alt und haben einen unglaublichen Blick auf die Welt. Sie fordern einen. Die Siebenjährige kann mich zum Beispiel fragen: «Gotti, bist du altersschwach?» Ich finde den kindlichen Blickwinkel einfach unglaublich erfrischend.

Was ist mit Ihrem Bruder geschehen?

Mein Bruder war Pilot bei der Swiss. Er ist vor drei Jahren mit dem Militär-Helikopter am Gotthard abgestürzt. Das war ein schwerer Schicksalsschlag für die Familie, der uns alle noch mehr zusammengeschweisst hat. Sein Tod hat mir gezeigt, wie fragil unser Leben ist. Es kann so rasch etwas passieren. Ich habe dadurch aber auch gemerkt, wie viele Menschen Ähnliches erleben. Ich kenne so viele in meinem Umfeld, die einen Verlust erlitten haben, auch bei meinen Patienten. Gerade im Alter kommen sehr viele sehr berührende Geschichten zutage. Ich bewundere die Resilienz der Betroffenen – und doch können einen solch einschneidenden Verluste im Alter wieder einholen. Auch Depressionen im Alter sind in diesem Zusammenhang ein grosses Thema.

Am Kongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie in Frankfurt haben Sie vor kurzem aber nicht zu Depressionen, sondern zum Thema «Sexualität im Alter» einen Vortrag gehalten. Seither sind Sie mit dem Thema in den Medien präsent. Haben Sie in ein Wespennest gestochen?

Ich habe nicht mit diesem Echo gerechnet und war am Anfang auch ein wenig überfordert damit (lacht). Warum habe ich da bloss zugesagt?! Das ist ja mitnichten mein Spezialgebiet. Ich wollte nicht, dass man mich im Internet nur noch mit dem Thema Sexualität assoziiert. Als ich meinem Mann erzählte, dass ich für diesen Vortrag zugesagt und auch meine Bedenken ihm gegenüber dazu geäussert habe, zeigte er mir einen aktuellen Artikel aus der NZZ, wo die Autorin von «Fifty Shades of Grey» interviewt worden war. Darin sagt sie sinngemäss: «Wenn ich Interviews gebe, befragt man mich immer nur zu Sexspielen, dabei habe ich auch eine Meinung zum Brexit. Die will nur keiner hören.» Ich finde es sehr wichtig, dass das Thema Sexualität im Alter jetzt aufs Tapet kommt. Es trifft auch den Zeitgeist mit dem Älter werden der Babyboomer. In meinem Vortrag habe ich unter anderem aufgezeigt, dass wir Ärzte und Pflegende punkto Sexualität unserer Patienten ein Hindernis darstellen. Wir fragen bei einem Klinikeintritt systematisch Dinge wie Essgewohnheiten, Ausscheidungen, Patientenverfügung ab, aber nach der Sexualität fragen wir nie. Die steht im Spital vielleicht nicht im Vordergrund, aber das Bedürfnis nach Intimität ist bei einem Heimeintritt durchaus relevant. Hier besteht ein enormes Potenzial für mehr Lebensqualität im Alter, negative Altersstereotypen sind passé!

Am Kongress stellten Sie auch das Netzwerk Junge Geriater Schweiz vor. Wie war das Echo?

Hervorragend. In Deutschland gibt es kein vergleichbares Netzwerk für den Nachwuchs und unser Konzept fand regen Anklang, was auch die anschliessende Diskussion mit dem Publikum gezeigt hat. Die Geriatrie hat noch nicht den Stellenwert als medizinisches Fach, den sie heute haben sollte. Bei Geriatrie denkt man immer an Pflegeheime. Aufgrund der Überalterung der Gesellschaft ist geriatrisches Know-how dringend angesagt, auch in Spitälern. In operativ tätigen Fächern werden immer mehr betagte Patienten behandelt, und diese brauchen dann eine umfassende Betreuung, beispielsweise wegen einem postoperativen Delir. Wir haben mit den deutschen Kollegen darüber diskutiert, wie man den Nachwuchs begeistern kann. In der Schweiz gibt es zum Beispiel das Mantelfach Geriatrie im Studium, so dass man bereits im Studium mittels Praktika entsprechende Schwerpunkte setzen kann. Das gibt es in Deutschland nicht.

Wie sehen Sie den Trend?

Geriatrie ist ein wichtiges Zukunftsfach und hebt sich immer mehr ab von der Inneren Medizin. Ich war ja lange «nur» Internistin, bevor ich in die Geriatrie gewechselt habe. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben damals gesagt: «Aber Annette, Geriatrie mache ich ja auch: Ich betreue auch alte Menschen.» Aber erst, wenn man Geriatrie als solches macht, merkt man, was das Fach Geriatrie alles beinhaltet. Es ist einfach eine andere Flughöhe. Man hat vielmehr den Blick für Funktionalität, die Ziele des Patienten und die Lebensqualität per se. Ich behandle nicht einfach eine Herzschwäche oder einen Schlaganfall. Ich habe auch die Alltagseinschränkungen im Blick, die Familie, das soziale Umfeld, kognitive Einschränkungen … Die Vernetzung mit anderen Fachdisziplinen wird immer relevanter, zum Beispiel gibt es mittlerweile auch die Alterstraumatologie, geriatrische Onkologie oder die Bezüge zur Neurologie, die enorm viele Chancen auch für junge Ärztinnen und Ärzte bieten.

Wieso sind Sie Ärztin geworden?

Meine Mutter war Ärztin, das hat meine Berufswahl beeinflusst. Sie hat im Unispital in der Radioonkologie gearbeitet und mich manchmal in die Klinik mitgenommen. Ich wollte sein wie sie. Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, durfte ich an ihrem Bürotisch sitzen, wo es ganz viele Stempel gab. Sie musste Berichte korrigieren, und ich durfte in der Zwischenzeit stempeln. Ich dachte: «Meine Mama ist eine unglaublich wichtige Person, wenn sie so viele Stempel hat.» Das wollte ich auch. Meine Oma mit Jahrgang 1917 wollte schon Medizin studieren, aber der Zweite Weltkrieg hat ihre Ambitionen zunichte gemacht und meine ganze Familie mütterlicherseits zerstört. Sie hat meine Mutter alleine grossgezogen. Dass meine Mutter Medizin studieren konnte und ich danach auch, empfinde ich schon als grosses Privileg. Allerdings wäre es fast ganz anders gekommen.

Wie meinen Sie das?

Ich bin durchs zweite Propädeutikum gefallen und musste noch einmal zur Prüfung antreten. Schon im ersten Propädeutikum hatte ich in Physik eine 2 im ersten Anlauf. Das war die erste wirkliche Niederlage in meinem Leben. Im zweiten Propädeutikum überforderte mich die Fülle des abgefragten Wissens. Ich habe ganz knapp nicht bestanden und dann habe ich mir gesagt: «Annette, jetzt musst du dir schon noch einmal überlegen, ob Medizin wirklich das richtige für dich ist. Naturwissenschaften sind vielleicht nicht so dein Ding.» Ich stellte mir die Frage, was ich mache, wenn ich effektiv durch die Prüfungen falle. Eine Option war damals für mich, die Hotelfachschule in Lausanne zu besuchen. Dann würde ich heute irgendwo auf der Welt ein Hotel leiten. Das war mein Plan B.

Sind Sie froh, ist es nicht zum Plan B gekommen, oder trauern Sie heute diesem Lebensentwurf nach?

Die Hotellerie ist ein Riesenstress und mit vielen Ortswechseln verbunden. Da gibt es in der Medizin mehr Konstanz und die Familie ist auch in der Nähe, was mir wichtig ist. Auch hätte ich ja dann gar nicht meinen Ehemann kennengelernt! Nein, nein – ich bin ganz zufrieden mit meinem Job als Ärztin. Menschen zu helfen und ein Stück weit zu begleiten, ist ein Privileg und gibt einem auch viel zurück. Und in der Geriatrie kann man auch selbst gut altern.

 

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