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Arzneimittelsicherheit: Ist das Geschlecht von Bedeutung?

Am Jahreskongress der Schweizerischen Gesellschaft für Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie (SGAMSP) sprach Prof. Dr. med. Waldemar Greil, Vizepräsident der SGAMSP und ehemaliger Ärztlicher Direktor des Sanatoriums Kilchberg, über Genderfragen bei der Arzneimittelsicherheit.

Jede Zelle von Tier und Mensch hat ein Geschlecht, betont die Gesundheitsbehörde der USA (NIH). Dennoch wurden über viele Jahrzehnte bei Zelluntersuchungen vorwiegend Zellen von weiblichen Tieren und bei Tiermodellen fast ausschliesslich männliche Versuchstiere für klinische Tests verwendet. Dies hat zur Folge, dass Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten bei Frauen auch heute noch zum Teil nur schlecht erforscht sind. Darauf machte in Kilchberg Prof. Dr. med. Waldemar Greil, Vizepräsident der SGAMSP und ehemaliger Ärztlicher Direktor des Sanatoriums Kilchberg, in seinem Vortrag aufmerksam. In den USA hat sich mittlerweile durchgesetzt, dass das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Mäusen in der Forschung ausgewogen sein muss. Bei der Einführung der Vorschrift im Jahr 2014 wurde dies in der Presse als «Mäusequote im Labor» bezeichnet. Im selben Jahr warnte die US-Zulassungsbehörde (FDA), man solle den Frauen nur die Hälfte der üblichen Dosis des Schlafmittels Zolpidem verschreiben. Zwei Jahre zuvor war das Lehrbuch von Prof. Dr. med. Vera Regitz-Zagrosek erschienen: «Sex und Gender Differences in Pharmacology» (Springer 2012). Prof. Regitz-Zagrosek ist derzeit Gastprofessorin am Universitätsspital Zürich, und Prof. Greil verwies in seinen Ausführungen auf ein interessantes Interview mit ihr, das Mitte Oktober in der NZZ erschienen war. Sie erwähnt darin unter anderem, dass ein Schlafmittel bei Frauen viel zu stark wirkt, was zu Verkehrsunfällen am Folgetag der Einnahme führen kann.

In einer Auswertung von Daten aus dem Projekt AMSP (1994-2014) konnte gezeigt werden, dass Frauen deutlich öfter Medikamenten-Nebenwirkungen aufweisen als Männer. Vor allem Hautallergien und Ödeme kommen bei Frauen häufiger vor, und auch pathologische Laborwerte finden sich öfter. Ein wichtiger Risikofaktor für allergische Hautreaktionen sind Frauen im gebärfähigen Alter, wie Prof. Greil in einer Studie nachweisen konnte.

Weitere Unterschiede gegenüber Männern:

  • Frauen berichten mehr über unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW)
  • Frauen erhalten seltener Monotherapie und häufiger Polypharmazie
  • Frauen sind kleiner und wiegen weniger
  • CYP-Enzyme der Leber sind weniger aktiv
  • Sie rauchen weniger
  • Frauen verstoffwechseln daher Medikamente langsamer
  • Die Blutspiegel von vielen Medikamenten sind somit bei Frauen höher.

Prof. Greil hielt zudem fest, dass Frauen auffällig mehr Psychopharmaka erhalten als Männer, vor allem Antidepressiva, Beruhigungs- und Schlafmittel. Frauen sind auch deutlich häufiger durch potenziell inadäquate Medikationen gefährdet als Männer. Trotz der zu erwartenden höheren Blutspiegeln erhalten Frauen bei der Behandlung von Depressionen fast gleich hohe Dosen von Psychopharmaka wie Männer. Auch Zolpidem wird bei Frauen und Männern gleich hoch dosiert. «Überdosieren wir Patientinnen generell?», fragte Prof. Greil abschliessend. (sbb)

Quelle | Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie (SGAMSP), Kilchberg, 31. Oktober 2019.

 

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