Die Glatze, ein uraltes Phänomen 

Seit über 3500 Jahren gilt die ungewollte Glatze als Makel. Unzählige Anwendungen, Rezepte und Mittel brachten seither kaum Abhilfe. Die moderne Medizin macht Fortschritte, doch auch sie kann viele Männer noch nicht von der Leere auf dem Kopf befreien.

Text | Tanya Karrer

Der Naturforscher Charles Darwin hatte eine halbe, der Schauspieler Bruce Willis besticht mit seiner, Mahatma Ghandi wäre unvorstellbar ohne, diejenige des sowjetischen Politikers Gorbatschow ist gezeichnet, Julius Cäsar schämte sich für seine. Die Rede ist von der Glatze. Sie trifft häufig Männer – Frauen sind seltener betroffen – und dies schon seit Menschengedenken. Der ägyptische Papyrus «Eber» nannte bereits in der Zeit um 1550 v. Chr. Rezepte gegen Kahlköpfigkeit. Ob die Kur noch heute wirksam ist, lässt sich aus Artenschutz-Gründen kaum mehr überprüfen, beinhaltete die Rezeptur doch Fett eines Löwen, eines Nilpferds, eines Krokodils, eines Katers, einer Schlange und eines Steinbocks. Der griechische Arzt Hippokrates, vermutlich selbst Träger einer Glatze, befasste sich um 400 v. Chr. nicht nur mit der Behandlung, sondern auch mit den Ursachen des ungewollten Haarausfalls. Seine Beobachtung, dass Eunuchen von Glatzen verschont bleiben, konnte die Wissenschaft aber erst 1960 bestätigen.

Zeichen der Schwäche und des Alters

Warum aber diese jahrtausendealte Beschäftigung, ja bisweilen, Obsession mit einem Phänomen, das selten einen Krankheitswert hat? Schliesslich trägt gemäss Statistik in unseren Breitengraden jeder zweite Mann ab fünfzig eine Glatze und lebt danach trotzdem noch viele Jahre munter und gesund weiter. Die Gründe liegen in der Kulturgeschichte. Sowohl in der Bibel wie auch im antiken Griechenland galten lange Haare als Zeichen von Kraft, Stärke und Mut; Eigenschaften junger Männer. Mit zunehmendem Alter nehmen diese Merkmale meist ab. Das Alter selbst zeigt sich wiederum oft mit einer Glatze. Schwäche und Alter sind eher unliebsame Attribute, folglich auch die Glatze. Das willentliche Abrasieren der Kopfhaare galt als Zeichen der Busse, Strafe oder Askese, auch dies Sinnbilder der Schwäche.

Unter Julius Cäsar kam langes Haar aus der Mode, er verteufelte es sogar als barbarisch. In den eroberten Provinzen mussten sich die Soldaten auf seinen Befehl hin einen Kurzhaarschnitt verpassen lassen. Zu behaupten, die Scham über sein eigenes lichtes Haupthaar hätte ihn dazu verleitet, ist gewagt, aber auch nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Cäsars schütteres Haar soll seinen Gegnern immer wieder Anlass zu Witzen geboten haben. Angeblich trug auch kein anderer römischer Kaiser mit solcher Vorliebe einen Lorbeerkranz.

Männliche Haarmode im Lauf der Zeit

Im Mittelalter kam das lange Männerhaar als kirchlich verordnete Mode wieder zurück, auch wenn es grundsätzlich kürzer zu sein hatte als dasjenige der Frauen. Damit rückte auch die Glatze als unerwünschtes und zu bekämpfendes Phänomen wieder in den Fokus. Vielfältig sind denn auch die überlieferten Rezepte. Wie schon früher in der Geschichte enthalten sie oft Zutaten tierischen Ursprungs wie Maulwurf, Bär, Eidechse oder Blutegel. Den Höhepunkt – oder besser: die Maximallänge – erreichte die männliche Haarpracht zur Zeit des Barocks und Rokokos, als sich die edlen Herren mit langen, dichten und in Locken gelegten Haaren brüsteten. Doch selten war es der eigene Schopf, der über die Schultern wallte, sondern die Perücke. Unter ihr wird sich die eine oder andere Glatze verborgen haben.

Seit dem 19. Jahrhundert ist es für Männer üblich, mehr oder weniger kurzes Haar zu tragen. Ungewollter Haarverlust stellt dennoch für viele ein Problem dar. Es erstaunt daher nicht, dass sich auch die moderne Medizin des Kahlkopfs angenommen hat. Seit dem frühen 20. Jahrhundert wird über die Ursache von Alopezie geforscht.

Reizung der Kopfhaut als Anti-Glatzenmittel

Dass die männliche Alopezie genetischen Ursprungs sein muss, dürfte sich auch den alten Gelehrten offenbart haben. Doch scheint es, dass sie lange Zeit lieber nach einfacher zu behandelnden Ursachen forschten. 1906 führte eine Studie die Glatze auf eine falsche Atemtechnik zurück. Das Tragen von Hüten stand als Sündenbock unter Generalverdacht, ebenso die exzessive oder die vernachlässigte Haarpflege. Der mangelnden Durchblutung der Kopfhaut als Ursache widmete sich 1922 der Arzt Dr. Thedering. Um das Haarwachstum zu stimulieren, müsse die Kopfhaut gereizt werden, schreibt er in seinem Buch. Dies könne mit Luft und Sonne, häufigem Schneiden und Rasieren oder anderen Lockmitteln geschehen. Auch das zu jener Zeit fast als Allheilmittel eingesetzte Quarzlicht empfahl der Mediziner zur Anregung des Haarwachstums. Die Strahlung löse eine Hautreizung und eine Entzündung aus, dadurch entstehe ein Blutüberschwemmungsgebiet, das wiederum die Haarpapillen stimuliere. Günstiger und zeitsparender sei allerdings die Röntgenbestrahlung. Diese müsse von einem Spezialisten durchgeführt werden, denn eine zu starke Bestrahlung hätte wiederum Haarausfall zur Folge. Kahlköpfigkeit beobachtete Thedering übrigens überwiegend bei «geistigen Arbeitern». Er stellte sich dabei die Frage, «ob nicht das angestrengt tätige Gehirn die zum Kopf strömende Blutmenge vorwiegend einsaugt, so dass der Haarboden unter andauernder Blutarmut und das Haar an Unterernährung zu leiden hat.»

Haarforschung im 20. Jahrhundert

Was heute lustig klingt, war 1922 relativ fortschrittlich, denn die wissenschaftliche Haarforschung kam erst 1954 mit dem Artikel «Growth of the Hair» von Herman Chase richtig ins Rollen. Der Mechanismus des genetisch bedingten Haarausfalls konnte 1974 beschrieben werden: Das Enzym 5α-Reduktase ist bei Männern mit Glatzenbildung besonders aktiv. Das erste wirksame Mittel gegen Haarausfall war, wie so oft in der Medizingeschichte, eine Zufallsentdeckung. Beim 1979 in den USA zugelassenen Blutdrucksenker Minoxidil zeigte sich unerwartetes Haarwachstum als Nebenwirkung. Als die Firma Merck 1992 einen 5α-Reduktase-Hemmer zur Behandlung der vergrösserten Prostata entwickelte, hofften die Forscher bereits auf eine haartreibende Nebenwirkung. Sie trat ein. Als Alternative bleiben noch Haartransplantationen, Toupets oder die Kahlrasur. Gepflegte Vollglatzen, gerne in Verbindung mit einem Rauschebart, gelten heutzutage aber immerhin als attraktiv und durchaus männlich.

 

Bibliografie

  1. Chase H B: Growth of the Hair. Physiological Reviews 1954; 34(1): 113-126. https://doi.org/10.1152/physrev.1954.34.1.113.
  2. Heidelberg, Haarzentrum: Geschichte Der Mittel gegen Haarverlust – Vom Schlangenöl zur evidenzbasierten Medizin. Abgerufen am 13.8.2019. https://www.haar-zentrum.com/haarlexikon/geschichte-haarverlust/.
  3. Kudlien F: Der Beginn des Medizinischen Denkens bei den Griechen: Von Homer bis Hippokrates. Die Bibliothek der Alten Welt, Reihe Forschung und Deutung. Artemis, 1967.
  4. Thedering F: Haarkrankheiten und Glatze: Ihre Verhütung und Behandlung mit Licht und Röntgenstrahlen. Stalling, 1922.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

0
0
0
s2sdefault