«Militär- und Zivilmedizin sind immer mehr verzahnt»

Am 17. Mai 2019 fand der 43. Weltkongress für Militärmedizin in Basel statt. Das wissenschaftliche Programm bot auch Fortbildungen für Zivilmediziner an. Diskutiert wurde unter anderem über die zivil-militärische Zusammenarbeit. Wir sprachen mit dem Organisator, Oberfeldarzt Divisionär Dr. med. Andreas Stettbacher, in der Armeeapotheke in Ittigen bei Bern, um mehr über die zivil-militärischen Schnittstellen zu erfahren.

Dominique Götz im Gespräch mit … Oberfeldarzt Divisionär Dr. med. Andreas Stettbacher

PraxisDepesche: Dr. Stettbacher, Sie haben den diesjährigen Militärmedizinischen Weltkongress in Basel organisiert. Nutzten viele Schweizer Zivilmediziner die Weiterbildungsangebote?

Dr. med. Andreas Stettbacher: Es nahmen rund 1100 Teilnehmer aus 92 Nationen teil; aus der Schweiz kamen rund 550 Mediziner. Mehrheitlich waren dies Militärmediziner, aber auch einige Zivilmediziner.

Die Militär- und Katastrophenmedizin ist dem Bundesamt für Gesundheit, dem BAG, unterstellt und ist Teil des Schweizer Gesundheitswesens. Welches sind die wichtigsten Schnittstellen zur Zivilmedizin?

Grundsätzlich ist der koordinierte Sanitätsdienst, KSD, im Auftrag des Bundesrates zuständig für die Vorbereitung auf mögliche Katastrophen, bis zum Krieg. Ziel ist es, die Behörden zu sensibilisieren und die Krisenreaktionsplanung voranzutreiben. Wir beraten beispielsweise Spitäler in Bezug auf bakteriologische, chemische oder nukleare Notfälle und bieten hierzu Ausbildung und Material, wie Antidota-Sets für die kantonalen Dekontaminationsspitäler.

Gibt es konkrete Beispiele für die zivil-militärische Zusammenarbeit?

Der Sanitätsdienst der Armee unterstützt unter anderem Spitäler und Pflegeheime bei Personalmangel in der Betreuung der Patienten, zum Beispiel während eines Ausbruchs des Norovirus. Möglich ist auch der Einsatz unserer zentralen Sterilisationsanlage, welche den Ausfall einer grossen Spitalsterilisation überbrücken kann. Oder der Einsatz eines mobilen Desinfektionsgeräts, welches Matratzen in grosser Menge desinfizieren kann. Die Erkenntnisse aus der Militärmedizin im Bereich der Kontrolle starker Extremitätenblutungen haben zur Einführung des Tourniquets im zivilen Rettungswesen und in den Notfallaufnahmen der Spitäler geführt.

Wie sieht es im medizinischen Ausbildungsbereich aus?

Das heutige Verständnis der Kriegsführung und die hohe Siedlungsdichte der Schweiz führen zu einer massiven Verzahnung zwischen Militär und Zivil. Die Armee muss damit rechnen, dass der Sanitätsdienst neben Militärpatienten auch viele zivile Opfer, wie Kinder und ältere Menschen, betreuen muss. Nebst der Grundausbildung in Notfall- und Katastrophenmedizin bieten wir daher auch Fachkurse an, wie «Paediatric Advanced Life Support». Momentan entwickeln wir in Zusammenarbeit mit den medizinischen Fakultäten die Ausbildung der «Forward Surgical Teams». Es geht darum, für unsere vier Spitalbatallione kleine mobile Teams in notfallchirurgischen Techniken (damage control surgery) auszubilden. Ziel ist es, dass diese Ausbildung auch für die Zivilmedizin genutzt werden kann.

Inwiefern unterscheiden sich die Diagnosen der militärmedizinischen Grundversorgung von der zivilen Hausarztmedizin?

Es gleicht sich immer mehr an. Der grosse Teil sind banale Alltagskrankheiten. Es gibt aber auch Krankheiten, die ins Militär eingeschleppt werden, wie beispielsweise Norovirus-Infektionen, die sich in einem 12er-Zimmer rasch ausbreiten können. Generell haben wir weniger komplexe Krankheitsbilder. Wir sehen aber immer häufiger fortgeschrittene Krankheitsbilder, bis hin zum Hodgkin-Lymphom. Denn es gibt die Tendenz, dass junge Männer, um Franchise und Prämien zu sparen, den Arztbesuch bis zur militärischen Eintrittsmusterung hinauszögern. Grundsätzlich bieten wir Hausarztmedizin an, mit dem Zusatzaspekt der stationären Behandlung.

Wie sieht es heute mit der Meningitis aus?

Meningitis ist ein spannendes und hochaktuelles Thema. Seit 2001, als die Meningitis-Impfung für Rekruten eingeführt wurde, gab es kaum mehr Meningitis-Fälle in der Armee. In den letzten zwei Jahren ist jedoch ein anderer Meningitisstamm dominierend geworden, gegen den die bisherige Impfung nicht schützt. In der Armee hatten wir drei Fälle dieses Y-Typs. Daher haben wir sehr früh in Zusammenarbeit mit dem BAG auf einen Impfstoff gewechselt, welcher den Y-Meningitisstamm abdeckt und impften diesen zu Beginn der aktuell laufenden RS.

Die Armee propagiert Impfungen sehr stark. Daneben gibt es noch weitere schweizweite Präventionskampagnen, wie beispielsweise die Unfall- und Schadenprävention zum Thema «Ablenkung im Strassenverkehr». Laufen zurzeit noch andere Kampagnen?

Viel wird auch gemacht im Bereich der sexuellen Gesundheit. Im Rahmen des Militärdienstes ist generell die Gesundheitsprävention wichtig, wie Hitze- oder Kältemanagement, Hygiene und Infektionsprophylaxe wie Hände waschen. Daneben werden spezielle orthopädische Schuhe und Socken entwickelt, um die Blasenbildung an den heute turnschuhverwöhnten Füssen zu vermindern. Wir führen im Rahmen der Rekrutierung und während den Rekrutenschulen auch Sensibilisierungskampagnen zur Knochenmark- und Organspende durch, was bei den Knochenmarkspenden zu einer nachhaltigen Erhöhung des Spenderpools geführt hat.

Man hört immer wieder von diesen Armeestudien – die bekannteste ist die über die Spermaqualität bei den Männern. Gibt es noch andere?

Die Spermastudie läuft seit Jahren als Nationalfondsprojekt. Und wir sind laufend an longitudinalen Studien zu Körpergrösse und -gewicht beteiligt. Wir werden auch regelmässig für Studien angefragt. Diese gehen bei uns jedoch erst durch eine Ethikkommission. Sie müssen eine wissenschaftliche Relevanz haben und immer universitär verankert sein. Zudem erfolgt die Studienteilnahme immer nur auf freiwilliger Basis.

Hat die Militärmedizin Einfluss auf die Entwicklung der Sportmedizin oder ist es eher umgekehrt?

Natürlich gibt es einen Zusammenhang. Wir arbeiten Hand in Hand mit der Sportmedizin zusammen. Die alten Ausbildungsmodalitäten haben gezeigt, dass junge Rekruten viel zu stark belastet wurden, so extrem wie Profi-Radrennfahrer. Darum hat die Armee zusammen mit der Sportmedizin und Sportpsychologie ein progressives Sportförderungsprogramm ausgearbeitet, das seit fünf Jahren umgesetzt wird. Seit Neuestem wird durch die Armee auch eine individuelle Trainings App «ready» bereitgestellt. Darum haben wir heute am Ende der Rekrutenschule fittere und resilientere junge Leute als noch vor ein paar Jahren. Die totale Erschöpfung eines Rekruten ist heute die Ausnahme. Wir haben uns auch am Fitnessboom angepasst und stellen Krafträume zur Verfügung.

Welches sind die Anforderungen an einen Militärmediziner?

Militärärzte sind immer auch Zivilärzte. Angehende Militärmediziner müssen heute eine umfassende notfallmedizinische Ausbildung, die PHTLS, ATLS und ACLS, und nach dem Staatsexamen Weiterbildungen, die PALS, absolvieren. Sie müssen das Militärsystem kennen und Verständnis haben für die spezielle Situation, in der sich die jungen Männer und Frauen während des Militärdienstes befinden. Diese sind ja nicht freiwillig dabei und haben individuelle Bedürfnisse, auf welche man eingehen muss. Es gilt aber, Patientenwünsche und medizinische Notwendigkeit voneinander abgrenzen zu können, vor allem auch beim Ausstellen von Dispensen.

Es arbeiten auch immer mehr Ärztinnen in der Militärmedizin. Haben diese alle eine militärische Ausbildung?

In der Regel nicht, aber es gibt ein paar und hoffentlich immer mehr, welche die militärmedizinische Ausbildung absolvieren. Über 30 Milizärztinnen kommen über den Rotkreuzdienst zur Armee. Zudem arbeiten bei uns auch festangestellte Zivilärztinnen in Voll- und Teilzeit sowie im Mandatsverhältnis.

Einerseits wird es für die Armee immer schwieriger, junge Medizinstudenten für eine Armeekarriere zu gewinnen. Andererseits studieren gemäss FMH zurzeit mehr Frauen als Männer Medizin. Werden Frauen in Zukunft in der Militärmedizin eine grössere Rolle spielen?

Es ist nicht so, dass wir immer weniger Männer haben. Wir werden Ende Jahr die höchste Zahl brevetierter Militärärzte haben seit den 1990er Jahren. Das Interesse der Jungen, die attraktive militärmedizinische Ausbildung zu absolvieren, nimmt zu. Dennoch sind wir wegen der zunehmenden Feminisierung der Medizinalberufe auf immer mehr Frauen angewiesen. Ich bin ein starker Verfechter davon, dass man auch die Frauen an die Orientierungs- und Rekrutierungstage einlädt. Aus persönlicher Sicht und insbesondere im Bereich der Militärmedizin spricht nichts gegen eine Dienstpflichtgleichbehandlung der Frauen.

Wie kamen Sie eigentlich zur Armee?

Ich habe mich ganz normal mit 18 Jahren gestellt und wurde den Sanitätstruppen zugeteilt. Während des Studiums habe ich WKs gemacht und konnte mich bis zum Hauptmann der Sanität ausbilden lassen. Danach habe ich meine Facharztausbildung absolviert, erst in Thun, danach im Tiefenauspital in Bern und zuletzt auf der Herz-Thorax-Chirurgie im Inselspital. Parallel dazu habe ich mich milizmässig in der Armee weiterentwickelt.

Haben Sie sich bewusst für eine Armeekarriere entschieden?

Nein, das war überhaupt nicht geplant. Mein Ziel war eine weitere Spezialisierung in der Gefässchirurgie; diesen Titel hätte ich jedoch erst zehn Jahre später abschliessen können. Stattdessen ging ich nach Südafrika, arbeitete dort als Trauma- und Allgemeinchirurg und hatte die medizinische Direktion sowie die chirurgische Leitung eines Regionalspitals und die Leitung des Chirurgiedienstes eines weiteren Regionalspitals inne, welche zusammen die grösste Traumaversorgung in Südafrika anboten. Nach Einführung der «affirmative action policy» im Gesundheitswesen wurde mein Posten aber an einen einheimischen Arzt vergeben und ich stand als weisser Ausländer mit temporärer Aufenthaltsgenehmigung plötzlich ohne Lebensgrundlage da. Dies war für mich und meine Familie eine grosse Zäsur. Da zufällig in der Schweiz eine Stelle beim Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, VBS, als wissenschaftlicher Adjunkt frei wurde, war dies für mich eine willkommene Gelegenheit, um in der Schweiz wieder Fuss zu fassen, als Experte für Kriegs und Katastrophenmedizin. Schlussendlich ist daraus eine militär-medizinische Managementkarriere geworden.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen, denen sich die Militärmedizin in den nächsten Jahren stellen muss?

Generell sind dies für das Schweizerische Gesundheitswesen die Krisenreaktionsplanungen, beispielsweise bei Terroranschlägen oder Pandemien. Dies betrifft alle Stufen bis zum Hausarzt, der sich überlegen muss, wie kann ich meine Praxis betreiben, wenn ich keinen Strom habe oder keinen Nachschub an Medikamenten bekomme? Wie kann ich mich in einer Katastrophe einbringen? Eine grosse Herausforderung ist auch die artificial intelligence, welche die Zivil- und Militärmedizin revolutionieren wird. Auch neue Entwicklungen, wie die Telemedizin, mit der wir uns momentan intensiv auseinandersetzen.

Sie sind schon seit Jahren als militärische Führungsperson tätig. Haben Sie die klinische Arbeit als Arzt nie vermisst?

Im Rahmen meiner Management-Funktionen habe ich noch häufig mit klinischen Fragen zu tun. Das Chirurgische fehlt mir schon zwischendurch. Allerdings habe ich in Südafrika schon sehr viel operiert und bin heute mit den vielfältigen Aufgaben als Divisionär voll gefordert. In Südafrika habe ich mich vorwiegend um Traumapatienten gekümmert, Opfer bürgerkriegsähnlicher Zustände in Armenvierteln. Diese Kenntnisse haben mir sehr geholfen, einerseits den Sanitätsdienst innerhalb der Armee weiter zu entwickeln und mich andererseits sehr intensiv mit Fragen der Katastrophenmedizin auseinander zu setzen. Diese Erfahrungen hallen bis heute nach.

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