Vulvovaginale Atrophie – kein unabwendbares Schicksal

Rund die Hälfte aller Frauen in der Peri- und Postmenopause leidet an einer vulvovaginalen Atrophie. Im Interview erklärt die Gynäkologin Dr. med. Anna Raggi von Zentrum für Kinderwunschbehandlung, Frauen- und Männermedizin fertisuisse in Basel und Olten, was hinter dem Problem steckt und welche Behandlungsoptionen heute zur Verfügung stehen.

Susanna Steimer Miller im Gespräch mit Dr. med. Anna Raggi

PraxisDepesche: Dr. Raggi, wie äussert sich die vulvovaginale Atrophie?

Dr. med. Anna Raggi: Zu den typischen Symptomen gehören die Scheidentrockenheit, die häufig mit Missempfindungen im Bereich der Vagina verbunden ist. Weiter können Brennen und Juckreiz auftreten. Betroffene Frauen empfinden den Geschlechtsverkehr vielfach als schmerzhaft, weil ihre Vagina nicht ausreichend feucht wird und nach der Menopause auch enger werden kann. Manche Frauen müssen ausserdem öfter zur Toilette und haben Schmerzen beim Wasserlassen. Als Folge der vulvovaginalen Atrophie erkranken Frauen in der Peri- und Postmenopause wieder häufiger an Blasenentzündungen, manche gar an rezidivierenden Zystitiden.

Welche Ursachen stecken hinter der vulvovaginalen Atrophie?

Der Mangel am Geschlechtshormon Östradiol führt zu einer Reduktion der Milchsäurebakterien in der Vaginalflora. Dadurch steigt der pH-Wert in der Scheide und damit auch die Anfälligkeit für Infektionen. Zudem wird die Vaginalschleimhaut durch den Hormonrückgang weniger gut durchblutet. Die Vaginalwand wird glatter, weil die vielen Falten auf der Schleimhaut verschwinden. Dadurch nimmt die Elastizität des Gewebes ab.

Was sind die Folgen?

Heute wissen wir, dass Sex für viele Menschen eine wichtige Rolle für die Lebensqualität spielt. Bei der Hälfte der Frauen, die nach der Menopause von vulvovaginaler Atrophie betroffen sind, wirken sich die Beschwerden negativ auf die Lebensqualität aus. Betroffene empfinden den Geschlechtsverkehr als schmerzhaft, weil ihre Vagina nicht mehr feucht wird und weniger elastisch ist. Häufig entsteht ein Teufelskreis: Aufgrund der Schmerzen meiden die betroffenen Frauen den Geschlechtsverkehr zunehmend, was die Situation weiter verschlechtert, denn Geschlechtsverkehr fördert die Durchblutung der Vaginalschleimhaut und wirkt der Atrophie entgegen.

Viele Begleiterscheinungen der Menopause nehmen mit der Zeit ab. Wie sehen die Prognosen bei der vulvovaginalen Atrophie aus?

Im Gegensatz zu anderen typischen Beschwerden der Menopause, wie Hitzewallungen, Reizbarkeit und Schlafstörungen, klingt die vulvovaginale Atrophie nicht spontan ab. Ohne Behandlung nimmt das Leiden mit der Zeit eher zu.

Warum sprechen viele Frauen die Scheidentrockenheit in der Sprechstunde nicht an?

Ein Teil der Frauen beurteilt das Problem als normale Alterungserscheinung und akzeptiert die Situation. Sie konsultieren ihre Ärztin oder ihren Arzt nur dann, wenn sie zum Beispiel an einer Blasenentzündung erkranken. Viele Betroffene sind sich aber nicht bewusst, dass der Hormonmangel für die steigende Infektanfälligkeit verantwortlich ist.

Frauen, für die die Sexualität einen hohen Stellenwert hat und die sexuell aktiv sind, sprechen das Thema eher an. Wenn sie den Geschlechtsverkehr als schmerzhaft empfinden, wollen sie etwas dagegen unternehmen.

Weshalb sprechen viele Ärztinnen und Ärzte das Thema nicht von sich aus an?

Die Sexualität ist auch für Fachpersonen mit Scham verbunden. Viele wissen nicht, wie sie das Thema ansprechen sollen. Aus meiner Erfahrung weiss ich, dass gewisse Fragen hilfreich sein können, um das Gespräch über die vulvovaginale Atrophie zu eröffnen. Wichtig ist, dass die Fachperson die Frage so formuliert, dass die Frau die Möglichkeit hat, zu entscheiden, ob sie über das Problem sprechen will oder nicht. Eine Frage kann zum Beispiel sein: «Viele Frauen in Ihrem Alter haben Beschwerden wie Scheidentrockenheit, wodurch der Geschlechtsverkehr schmerzhaft werden kann. Kennen Sie dieses Problem?». Natürlich kann man als Fachperson das Problem auch direkter ansprechen, zum Beispiel mit der Frage: «Sind Sie mit Ihrer Sexualität zufrieden?»

Welche Behandlungsmöglichkeiten existieren heute?

Der Einsatz eines Gleitmittels kann hilfreich sein. Bei leichten Beschwerden können auch rückfettende und befeuchtende Cremen Linderung verschaffen. Diese Präparate bilden eine Schicht auf der dünngewordenen Schleimhaut und reduzieren die Beschwerden temporär. Um den Zustand der Schleimhaut aber langfristig zu verbessern, sind jedoch lokal anwendbare Östrogene die Mittel der Wahl.

Welche Vorteile bieten diese Präparate?

Sie wirken dem Hormonmangel lokal in der Vagina entgegen und bauen die Schleimhaut wieder auf. Ausserdem wirken sie sich positiv auf die Elastizität der Scheide aus. Der Einsatz von niedrigdosierten, lokal anwendbaren Hormonpräparaten ist nicht mit einer systemischen Hormonersatztherapie zu vergleichen, weil sie nicht zu einem Anstieg des Östrogens im Blut führen. Die Präparate wirken nur lokal.

Was müssen Frauen über die Behandlung der vulvovaginalen Atrophie wissen?

Am Anfang kann die Behandlung mit lokal anwendbaren Östrogenpräparaten ein Brennen verursachen. Ich erkläre das meinen Patientinnen jeweils mit dem folgenden Vergleich: Wer an sehr trockener Haut leidet und sich nach dem Duschen eincremt, empfindet dies zu Beginn manchmal auch als unangenehm. So kann das anfänglich auch beim Einsatz von lokal anwendbaren Östrogenpräparaten sein. Wichtig ist, dass Frauen deshalb die Therapie nicht sofort abbrechen. Die Begleiterscheinungen der Behandlung verschwinden in der Regel nach kurzer Zeit. Lokal anwendbare Östrogenpräparate sollten mindestens während drei Monaten eingesetzt werden. Sie können aber auch bedenkenlos dauerhaft angewendet werden. Die Präparate sind in Form von Vaginaltabletten, Ringen, Gels und Cremen erhältlich.

Nicht zuletzt müssen Frauen wissen, dass regelmässiger Geschlechtsverkehr dazu beitragen kann, die Elastizität der Vaginalschleimhaut zu erhalten.

Wann empfehlen Sie, mit einer Therapie zu beginnen?

Wenn es um die Behandlung der vulvovaginalen Atrophie geht, gilt die Devise: je früher die Frau mit einer Behandlung anfängt, desto besser. So kann es nicht zu einer Verschlimmerung der Symptome kommen. Am besten ergreifen Frauen also beim Auftreten der ersten Symptome Massnahmen. Bei milden Beschwerden können Betroffene hormonfreie Methoden ausprobieren. Bei starken Beschwerden empfehle ich jedoch, lieber sofort mit lokal anwendbaren und niedrigdosierten Hormonpräparaten zu behandeln.

Die Sexualität ist ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität und beeinflusst diese bis ins hohe Alter. Deshalb sollten Frauen das Problem Scheidentrockenheit nicht unterschätzen.


Impressum

Interview | Susanna Steimer Miller
Redaktion | David Husi
Mit freundlicher Unterstützung von
Novo Nordisk Pharma AG
CLN CH19VG00003
© medEdition Verlag GmbH, Hirzel 2019

 

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