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Phytotherapie in der Dermatologie

Pflanzliche Wirkstoffe halten auch in der Schulmedizin Einzug. Prof. Dr. med. Christoph Schempp, Oberarzt an der Klinik für Dermatologie und Venerologie in Freiburg im Breisgau erläuterte anlässlich der Fortbildungsreihe für komplementäre und integrative Medizin die Wirkung von sieben pflanzlichen Extrakten in der klinischen Dermatologie.

Die Phytotherapie ist eine der ältesten medizinischen Heilmethoden. Auch wenn klinische Studien für das Gros der Pharmafirmen wirtschaftlich nicht attraktiv erscheinen, wurde die Wirksamkeit einiger Phytotherapeutika wissenschaftlich belegt. Prof. Dr. med. Christoph Schempp stellte anlässlich der Fortbildung pflanzliche Heilmittel vor, die ihre Wirksamkeit in der Dermatologie durch Studien belegen konnten.

Gartenwolfsmilch – aktinische Keratosen

«Die Wolfsmilch hat es zu einer Neuzulassung eines Arzneimittels geschafft», erläuterte Prof. Schempp. «Der Milchsaft der Gartenwolfsmilch (Euphorbia peplus) enthält durch seine zytotoxischen und entzündungsfördernden Eigenschaften hautreizende Wirkstoffe.» Das Präparat mit dem Wirkstoff Ingenolmebutat (Picato) wird zur topischen Behandlung von nicht-hyperkeratotischen und nicht-hypertrophen aktinischen Keratosen in Form eines Gels auf der Haut angewandt. Je nach Dosierung wird das Präparat an zwei, bzw. an drei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils einmal täglich auf die betroffene Stelle aufgetragen. Gemäss Zulassungsstudie ist die aktinische Keratose bei fast der Hälfte der behandelten Patienten komplett abgeheilt und bei knapp 64% der Patienten teilweise1. «Nach Anwendung des rezeptpflichtigen Arzneimittels ist die Anzahl der Hautkrebsflecken an lichtgeschädigten Arealen um 83% gesunken. Das sind sehr gute Abheilungsraten.»

Grüntee-Extrakt bei Condylomen

«Auch der Grüntee-Extrakt hat die Arzneimittelzulassung für die Haut erhalten.» Der Grüntee-Extrakt enthält Polyphenole. «Das im Grüntee enthaltene Epigallocatechingallat (EGCG) ist das wissenschaftlich am besten untersuchte Polyphenol.» Der hochkonzentrierte Catechin-Extrakt stammt aus Japan (Mitsui Norin). Der Wirkstoff heisst Polyphenon und wurde vom Biotechnologieunternehmen Medigene AG in München zum Arzneimittel entwickelt. Der Grüntee-Extrakt hat als topisches Virostatikum durch zwei Studien die Zulassung als Arzneimittel bei sexuell übertragbaren Virusinfektionen erhalten. Das Arzneimittel ist in der Schweiz zugelassen und wird für die Behandlung von äusserlichen Feigwarzen im Genital- und Perianalbereich dreimal täglich angewandt2, 3.

Flavonoide – Lichtschutz, Handekzem

Flavonoide zählen zur Gruppe der sekundären Pflanzenstoffe. Sie sind einerseits für die Farbgebung der Pflanzen verantwortlich und schützen andererseits durch ihre antioxidative Wirkung vor schädlichen Umwelteinflüssen. «Wir haben mehrere Jahre an den Flavonoiden geforscht und setzen sie durch ihre antioxidative Wirkung in der Klinik therapeutisch ein.» Flavonoide absorbieren langwelliges UVA-Licht und schützen vor schädlicher UV-Strahlung. Pflanzliche Farbstoffe wirken antioxidativ und entzündungshemmend und neutralisieren bestimmte Entzündungsmoleküle direkt. Die Firma Beiersdorf hat die Wirksamkeit und Hautverträglichkeit der Kombination von Flavonoiden mit Lichtschutzfiltern bei Patienten mit zu Sonnenallergie neigender Haut wissenschaftlich nachgewiesen. «Das Unternehmen hat α-Glykosylrutin, ein Glykosyl-Flavonol, welches aus dem Pagodenbaum (Sophora japonica L.) gewonnen wird, mit dem Lichtschutz kombiniert.»

Süssholz, Bitterstoffe – Neurodermitis

«Patienten mit Neurodermitis synthetisieren zu wenig Schutzproteine und Lipide. Die Haut verliert Wasser und trocknet aus.» Betroffene leiden vor allem unter quälendem Juckreiz und einer Entzündung der Haut. Diese Erkenntnisse haben dazu geführt, dass auch in konventionellen Präparaten immer mehr Aminosäuren und natürliche Feuchtigkeitsfaktoren enthalten sind. «Phytotherapeutika sind weit mehr als eine Basispflege, also als eine reine Zufuhr von Fett. In Kombination mit Wirkstoffen können sie Entzündungen hemmen und stellen eine pflanzliche Alternative zu Kortison dar.» Die Firma Beiersdorf hat eine kontrollierte Studie mit Licochalcone A aus dem Süssholz und Omega-6-Fettsäuren durchgeführt. Die Häufigkeitsrate von Rezidiven wurde gemäss Studie um 60% im Vergleich zum Vehikel reduziert. Der Wirkstoff Licochalcone A führte zur Reduktion von lokalem SCORAD und Pruritus sowie zur Reduktion des Feuchtigkeitsverlustes (läsionale und nicht läsionale Haut) und zur Erhöhung der Hydratation (läsionale und nicht läsionale Haut)4.

Mahonie, Indigo – Psoriasis

Bei Psoriasis und trockenen, schuppenden oder ekzematösen Dermatosen empfiehlt Prof. Schempp eine homöopathische Salbe, die einen Extrakt aus der Rinde der amerikanischen Berberitze (Mahonia aquifolium) enthält. Die Wirkung wurde in einer amerikanischen Studie an 200 Patienten belegt5. Bei der mit dem Wirkstoff behandelten Gruppe verbesserte sich die Psoriasis nach Auftragen der Creme (Omida Rubisan N Salbe) nach zwölf Wochen um 50%. «Bei Plaque Psoriasis könnte Indirubin, die Wirksubstanz aus der Pflanze Indigo naturalis, künftig eine grössere Rolle in der Dermatologie spielen.» Indigo hat einen anti-psoriatischen Effekt auf die Zellteilung und Ausreifung von Keratinozyten6. Zudem reduziert Indigo die Interleukin-17-Expression und ist als topische Therapie bei Schuppenflechte sehr wirksam7.

Korianderöl – Pyodermie

Koriander (Coriandrum sativum) ist mehr als nur ein Gewürz, vor allem das aus den Samen gewonnene ätherische Korianderöl wirkt antibakteriell und eignet sich zur äusserlichen Anwendung auf der Haut. Hauptbestandteil des ätherischen Korianderöls ist Linalool Enantiomere. «Es wirkt sehr gegen unterschiedliche Bakterienstämme und hemmt zuverlässig Streptokokken und multiresistente Staphylokokken in einer Konzentration von 1%.» Die dermatologische Klinik in Freiburg verwendet rund 1000 kg Rezepturen mit Korianderöl pro Jahr in der stationären Therapie und verzichtet bewusst auf Antibiotika. «Bei einer 1%igen Konzentration eignet es sich hervorragend für die Behandlung von Neurodermitis, Ekzemen, Wund- und Gürtelrose sowie von Impetigo im Gesicht», betonte der Experte und fügte hinzu: «Bedauerlicherweise gibt es derzeit keine Fertigprodukte mit Korianderöl. Ätherisches Korianderöl lässt sich jedoch hervorragend in Ölen und Emulsionen einarbeiten. Wichtig ist es, Antioxidantien in üblicher Konzentration zu geben.»

Betulin – Verbrennungen, Wundheilung

Betulin-Extrakt wird aus Birkenkork angereichert. Die Creme wird nur aus 80% Betulin sowie Öl und Wasser ohne Emulgatoren hergestellt. «Es ist eine galenische Revolution, eine so stabile haltbare Creme ohne Emulgatoren zu entwickeln», betonte Prof. Schempp. Das Arzneimittel Oeleogel S10 (Episalvan) hat die Zulassung der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) in der EU für Brandwunden und oberflächliche Wunden erhalten. Episalvan ist noch nicht auf dem Markt erhältlich, weil die Zulassungsstudien zur Epidermolysis Bullosa noch laufen. (atw)

Quelle | Fortbildung Komplementäre und integrative Medizin: Phytotherapie in der Dermatologie, 27. November 2018, Zürich.

Bibliografie

  1. Lebwohl M, et al.: Ingenol mebutate gel for actinic keratosis. N Engl J Med 2012; 366(11): 1010 – 1019.
  2. Stockfleth E, et al.: Topical Polyphenon E in the treatment of external genital and perianal warts: a randomized controlled trial. Br J Dermatol 2008; 158(6): 1329 – 1338.
  3. Tatti S, et al.: Polyphenon E: a new treatment for external anogenital warts. Br J Dermatol 2010; 162(1): 176 – 184.
  4. Angelova-Fischer I, et al.: Stand-alone Emollient Treatment Reduces Flares After Discontinuation of Topical Steroid Treatment in Atopic Dermatitis: A Double-blind, Randomized, Vehicle-controlled, Left-right Comparison Study. Acta Derm Venereol 2018; 98(5): 517 – 523.
  5. Bernstein S, et al.: Treatment of Mild to Moderate Psoriasis with Reliéva a Mahonia aquifolium Extrat-A Double-Blind, Placebo –Controlled Study. Am J Ther 2006; 13(2): 121 – 126.
  6. Lin YK, et al.: Anti-psoriatic effects of indigo naturalis on the proliferation and differentiation of keratinocytes with indirubin as the active component. J Dermatol Sci 2009; 54(3):168 – 174.
  7. Cheng HM, et al.: Clinical efficacy and IL-17 targeting mechanism of Indigo naturalis as a topical agent in moderate psoriasis. BMC Complement Altern Med 2017; 17(1): 439.

 

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