« Die Restitutio ad integrum ist das Ziel»

Seit einem Dreivierteljahr ist Alexander Navarini Chefarzt Dermatologie am Universitätsspital Basel. Er schwört auf Kaizen und hat bereits die Fotografie am Spital von traditionellen Spiegelreflexkameras auf den Ganzkörper-Scan sowie auf iPhones abgeändert. Navarini will die Dermatologie weg vom Elfenbeinturm bringen und sucht die Nähe zur Bevölkerung.

Séverine Bonini im Gespräch mit … Prof. Dr. med. Alexander Navarini

SkinMag: Prof. Navarini, Sie sind gebürtiger Basler und jetzt seit November Chefarzt Dermatologie am Universitätsspital Basel. Ist ein Lebenstraum wahr geworden?

Prof. Dr. med. Alexander Navarini: Tatsächlich ist das ein Lebenstraum. Ich bin in Basel geboren, aber im Aargau und in Graubünden aufgewachsen. Zum Studieren bin ich nach Basel zurückgekommen, wo auch meine Grossmutter wohnte, und nach den ersten Dermatologievorlesungen war für mich klar, dass das genau die Position ist, die ich mir eigentlich wünschen würde (lacht). Die konkrete Entscheidung für die Dermatologie ist aber effektiv im Auslandjahr gefallen: In Paris, der Geburtsstadt der Dermatologie, habe ich zwei Dermatologen beim Konsil begleitet – das war für mich ein Schlüsselmoment.

Wollten Sie schon immer Arzt werden?

Ja. Es hat mich schon immer unheimlich interessiert, wie der Körper funktioniert. Ich erinnere mich an Situationen aus der Kindheit, bei denen ich mit meinem Vater zum Beispiel darüber diskutiert habe, wie das mit der Blutzirkulation genau geht. Dass es Gefässe gibt, habe ich damals zuerst nicht verstanden. Auch heute noch denke ich gerne darüber nach, wie die Haut funktioniert. Die Dermatologie hat so etwas Wunderschönes an sich. Es geht hier nicht nur um schreckliche Krankheiten, sondern auch um Gesundheit, so dass man auch über die gesunden Funktionen der Haut nachdenken kann.

Prof. Peter Itin war vor Ihnen über zwölf Jahre Lehrstuhlinhaber in Basel, jetzt sind Sie seit November 2018 in Basel der Chefarzt. Was haben Sie verändert?

Ich habe am Anfang sehr stark darauf geschaut, dass ich möglichst wenig verändere, weil die Klinik schon damals ein Juwel war. Das Team funktioniert sehr gut und geht positiv miteinander um, es herrscht ein grosser Respekt untereinander, auch in der Pflege und im Sekretariat. Ich wollte nicht, dass dieser Zauber verloren geht.

Wir haben mittlerweile gewisse technische Verbesserungen implementiert, zum Beispiel ein Ganzkörperfotogerät. Dabei werden die Patienten in einem Raum quasi paparazzimässig von allen Seiten fotografiert und Hautveränderungen somit grossflächig dokumentiert. Wir haben hier bezüglich Dokumentation ein ganz anderes Level erreicht.

Haben Sie das Geld reingeholt für das Gerät?

Ja genau. Ich wurde natürlich auch einberufen, weil die Leute wussten, dass ich Innovationen einführen möchte. Das war sicher auch ein Kriterium für meine Wahl.

Bei was hilft das Gerät?

Der Ganzkörper-Scan ist vielseitig einsetzbar. Wir können zum Beispiel alle Muttermale auf einmal abfotografieren und haben dann eine 3D Oberfläche, die analysiert wird. Bei einer Kontrolle sechs Monate später erkennt das Gerät, ob sich etwas verändert hat. Das ist für viele Leute sehr wertvoll, und wir bieten dies als Selbstzahlerleistung an. Wir gehen von einem grossen Potenzial aus bei der Bildgebung. Wir dokumentieren aber auch sonstige generalisierte Hauterkrankungen, da Veränderungen einfach detektiert werden können.

Ziel ist sicher auch, Ihre dermatologische Klinik attraktiv zu machen für das Einzugsgebiet …

Das hoffe ich, ja. Wir haben vom Standort her einen gewissen Nachteil, da wir nur 120 Grad Schweizer Einzugsgebiet haben. Durch gewisse Attribute, die wir jetzt nach und nach einführen werden, denke ich, dass wir doch auch Patienten aus Deutschland und Frankreich anziehen werden. Ich war beispielsweise letztes Wochenende in Lörrach und sprach mit einem Ladenbesitzer, der mir aus irgendeinem Grund spontan erzählt hat – ohne zu wissen, dass ich Dermatologe bin –, dass es in Basel neu einen Ganzkörper-Scan gibt. Da habe ich geschmunzelt und gemeint, dass das eine super Idee wäre und ihm dann meine Visitenkarte gegeben. Es ist doch eigentlich schade, dass man das Dreiländereck nicht mehr nutzt. Über die Grenzen zu gehen, Brücken zu schlagen, ist interessant, in jeder Beziehung. 

Neu bieten wir im Selbstzahlerbereich beim Bahnhof SBB ästhetische dermatologische Eingriffe an. Mit der Expertise der Margarethenklinik für Regeneration und medizinische Gestaltung sind wir auch für die Lörracherin und den Strassburger interessant, unabhängig vom Versicherungsstatus.

Haben Sie noch weitere Veränderungen in Basel implementiert?

Klinisch bin ich sicher relativ modern in Bezug auf Medikamentengebrauch. Wir haben sehr viele Patienten, die neu auf Biologics und sonstige moderne Medikamente gut eingestellt sind. Ich bin mit meinen Patienten sehr empathisch, d.h. ihr Schicksal kann mich auch einmal bedrücken. Einer der schönsten Momente seit dem Start war für mich deshalb gerade gestern, als eine Patientin mit kompletter Alopecia areata nach sechsmonatigem Einsatz mit Tofacitinib mit schönen, dicken Haaren in der Sprechstunde bei mir erschienen ist. Sie war so happy! Ich war dann ebenfalls den ganzen Tag gut aufgelegt. Das sind die Momente, für die ich jeden Tag aufstehe.

Im Sinne des japanischen Kaizen fördere ich zudem, dass die Belegschaft Verbesserungsvorschläge macht, die dann auch implementiert werden. Das ist im Gesundheitswesen extrem wichtig. Man muss die Leute zu Wort kommen lassen, es ist unglaublich, wie viele gute Ideen sie haben. So haben wir sehr viele Verbesserungen der Pflege zu verdanken, zum Beispiel einen Praxissimulator für Assistenzärztinnen und -ärzte, wo diese zwei Patienten in einer Art Zweierzimmer gleichzeitig unter Beisein der Pflege behandeln können – ähnlich wie sie es in der Praxis später machen werden. Das sind Konzepte, die, wie ich denke, schon einen Unterschied für die persönliche Entwicklung von unseren Nachwuchsärztinnen und -ärzten machen. Wir sind aber noch in der Testphase. Schliesslich ist es auch ein Raumproblem.

Wie stehen Sie zur Teledermatologie in Basel?

Teledermatologie wird in Basel aktiv gelebt. Wir sind auf hautproblem.ch erreichbar, und ich denke, dass dies ein sehr gutes Angebot für die Patienten ist, um rasch zu einer dermatologischen Diagnose zu gelangen. Initial wurde die Teledermatologie von traditionellen Dermatologen kontrovers gesehen. Ich war von Anfang an sehr positiv eingestellt. Allerdings darf man nur diejenigen Probleme teledermatologisch behandeln, die man auch tatsächlich anhand einer Fotografie beurteilen kann. Die Realität zeigt, dass die Leute sehr häufig einfach besorgt sind und rasch eine Einschätzung erhalten wollen. Sie wollen nicht unbedingt die finale Antwort über ihr Handy erfahren. Aber dass der Dermatologe innerhalb von 24 Stunden Auskunft darüber geben kann, dass der Hautfleck kein tödlicher Tumor ist und der Termin in der Sprechstunde nicht eilt, ist einem Selbstzahler schon CHF 75 wert. Das ist die Richtung, in die wir als Dermatologen gehen sollten, denn am Ende stärkt sie unser Fach. Wir haben uns nämlich mit unseren Wartezeiten von teilweise drei Monaten im Elfenbeinturm verschanzt und müssen nun ein Portal bieten, wie uns die Leute wieder schneller erreichen können.

Sie sind ja auch auf Twitter und Instagram als @AlexNavarini präsent, aber nicht sehr aktiv. Warum nutzen Sie das nicht mehr?

Social Media muss zielgerichtet bewirtschaftet werden. Meine über 5000 Follower auf Twitter sind überwiegend Dermatologen. Ich habe den Account eine Zeit lang sehr aktiv bewirtschaftet und gefüttert mit Fragen usw. Aufgrund anderer Prioritäten lag das nun eine Weile brach, aber ich habe jetzt jemanden an Bord geholt, der mich unterstützen wird. Die Interaktion auf Twitter ist aber insgesamt weniger intensiv, als ich sie mir gewünscht hätte. So wahnsinnig viel Feedback kommt von den Dermatologen nicht, da sind Dermatopathologen beispielsweise sehr viel aktiver.

Die letzten Monate mussten Sie als Chef in Basel erst mal «ankommen». Was war Ihre Priorität Nr. 2?

Definitiv die Familie. Ich habe diese Arbeitsstelle mit einem grossen Respekt vor den fachlichen Herausforderungen angenommen, aber auch mit einer gewissen Vorsicht in Bezug auf die familiäre Situation. Es gibt genug Beispiele, wo die Beziehung aufgrund einer solch anspruchsvollen und zeitintensiven Stelle gescheitert ist. Ich bin freudig erleichtert, dass meine Stelle sehr gut kompatibel ist mit meinem Familienleben. Es ist toll, dass meine Frau, die als Kinderkardiologin und Pädiaterin ebenfalls zwei Praxen hat, an meinem Job «vorbeikommt».

Wo haben Sie Ihre Frau kennengelernt?

Wir haben zwar beide in Basel Medizin studiert, uns aber erst im Auslandjahr in Paris kennengelernt. Seither haben wir verschiedene Abenteuer zusammen erlebt, die uns zusammengeschweisst haben. Ob in Paris, London, Afrika, Asien, Südamerika – jede Auslanderfahrung ist prägend und relevant. Die schönsten Erlebnisse aber haben wir mit den Kindern.

Wie passen Ihre Kinder in Ihre hochbeschäftigte Tätigkeit?

Da ich meine Arbeit frühmorgens beginne, komme ich kurz nach den Bürozeiten heim, und so sehe ich sie (fast) jeden Abend und wir verbringen natürlich immer die Wochenenden gemeinsam. Es ist mir sehr wichtig, präsent zu sein und als Vater auch eine Rolle im Leben meiner Kinder zu spielen. Der erste Schultag meines Sohnes Nicolas war diesen August, ich konnte mit ihm zur Schule spazieren und habe diesen besonderen Moment miterlebt. Darauf bin ich ein wenig stolz, denn es wäre mit meiner aktuellen Rolle so einfach, alles der Arbeit unterzuordnen und daheim wenig präsent zu sein.

Haben Sie eine altruistische Ader?

Absolut. Die Dermatologie deckt das ganze Spektrum der Menschheit ab wie wohl kein anderes Fach. Wir behandeln auch die sozial schwächsten, dazu gehören sehr viele arme Leute mit chronischen Wunden. Diese repräsentieren Krankheitsbilder, die viel Zeit brauchen und in der schnelllebigen Medizin unbeliebt und auch nicht kostendeckend sind. Es ist mir ein ganz grosses Anliegen, unsere Medizinangebote weiterzuentwickeln, um diese Patienten besser zu betreuen. Vor vielen Jahren war ich auch mit meiner Frau in Afrika, und neuartige Projekte mit dem Tropeninstitut werden bald starten: So werden wir unsere Bildanalyse-Techniken für Wunden in Uganda nun auf Smartphones gratis der Bevölkerung zur Verfügung stellen, um bei Kindern das gefährliche Buruli-Ulcus früh zu erkennen und der Behandlung zuzuführen.

Wie unterscheidet sich der berufliche Standort Basel von Zürich?

In Basel ist alles familiärer. Kompetition wird in Basel sicher nicht weniger, aber auf eine freundlichere und diskretere Art und Weise gelebt. In Basel sind die Wege kürzer. Wir sind hier fantastisch in die Innenstadt eingebettet. Es ist ein unheimliches Plus an Lebensqualität, aus dem Spital gehen zu können und rasch einen Spaziergang in der Altstadt zu machen oder im Umfeld essen zu gehen. Ich habe zwei Labore, eines ist im Departement Biomedizin in 200 Meter Entfernung, das andere in Allschwil zehn Minuten entfernt. In Zürich hingegen musste ich 40 Minuten mit dem Bus fahren, bis ich bei mir im Labor in Schlieren war. Am Flughafen Kloten sind bald die ambulanten Patienten, der stationäre Standort ist am USZ und die Forschung in Schlieren – d. h. die fahren konstant herum. Das ist für die Kreativität und die Arbeitszufriedenheit sicher nicht förderlich. Wir haben übrigens auch eine fantastisch gute Mensa am Unispital Basel. Einer der Köche war früher im Hotel Mandarin Oriental in Tokyo und bereitet exzellente asiatische Gerichte zu.

Was war Ihr eindrücklichster Fall?

Am USZ habe ich einen Patienten sehr lange betreut, der mir ans Herz gewachsen ist. Er hatte einen Lupus erythematodes verrucosus. Unter einem Biologic haben wir die wirklich schrecklichen Entstellungen fast weggebracht, doch das Produkt wurde später verboten. Wir haben danach nie mehr den gleichen Effekt hingekriegt. Ich denke auch oft an eine Patientin mit Porphyria cutanea tarda zurück, die wir nur schwer behandeln konnten. Ich habe von vielen Fällen unter anderem gelernt, dass bei Patienten mit entzündlichen Dermatosen, bei denen wir verzweifelt waren, die Bestimmung der wichtigsten Botenstoffe nützlich sein kann. Mit Einsatz von zielgerichteten Botenstoff-Blockern hat das Krankheitsbild dann plötzlich sistiert, beispielsweise bei der schweren Akne der Kopfhaut. Hierzu habe ich auch schon Publikationen verfasst.

Was ganz anderes: In Ihrem Lebenslauf steht, Sie mögen Karten?

Das kommt vermutlich von meiner Mutter, sie ist spezialisiert auf Standortanalysen. Da zeichnete sie jeweils auf detaillierten Karten ein, wo welche Bevölkerungsdichte ist und welche Verkehrsströme zu erwarten sind. Sie konnte auf diese Weise berechnen, wo der perfekte Standort für ein Geschäft ist. Das fand ich immer sehr spannend. Als ich mich hier in Basel beworben habe, habe ich eine Karte gezeichnet, auf der unter anderem die Dermatologen und die Patientendichte eingetragen waren, wobei ich Deutschland und Frankreich als Loch bewusst ausgespart habe. Das war meine Grundlage dafür, wie ich die Klinik weiterentwickeln wollte. Obwohl ich Landkarten liebe oder vielleicht gerade deshalb, bin ich in der Orientierung relativ schlecht. Wenn wir in einer Stadt unterwegs sind, sagt meine Frau, wo es langgeht. Ich bin ohne Google Maps komplett verloren (lacht).

Haben Sie noch andere Hobbies?

Ich fotografiere gerne und habe konstant die Kamera in der Hand. Die Fotografien hier in meinem Büro sind alle von mir. Ein anderes Hobby ist erst kürzlich prominent geworden: Bei meiner Vorstellung als Professor in Basel vor der Fakultät wurde vom einführenden Kollegen deklariert, eines meiner Hobbies sei es, gut essen zu gehen. Das war mir erst ein bisschen peinlich, aber nachher habe ich als positiven Nebeneffekt von den anderen Professoren zig Einladungen in die guten Restaurants erhalten (lacht). Es lohnt sich also, ein solches Hobby anzugeben. Am liebsten esse ich Meeresfrüchte-Türme, zum Beispiel im Lipp, das ist eines meiner Lieblingsrestaurants. Mit den ganzen Werkzeugen hinter ein paar solche Schalentiere zu gehen, mache ich furchtbar gerne.

Was war Ihr erstes Auto?

Ein Lancia Delta GT i. e.. Das war ein relativ sportliches Auto. Meine Grosstante in Genf ist immer Sportwagen gefahren und hat dann mit fast 90 das Fahren aufgegeben und mir als 18-Jährigem überraschend das Auto überlassen. Das war eine meiner grössten Freuden im Leben (lacht). Den Lancia habe ich sehr geliebt und ihn dann leider, in einem unbedachten Moment, verkauft. Das bereue ich heute noch.

Warum haben Sie ihn verkauft?

Ich brauchte ihn nicht mehr, wir hatten damals zwei Autos, und der Lancia war das unbequemere Auto von beiden. Er stand eigentlich nur noch in Graubünden bei meinen Eltern auf dem Parkplatz herum. Ich hatte nicht realisiert, wie sehr ich emotional noch an dem Wagen hing.

Wenn eine gute Fee kommen und sagen würde: «Du darfst das Auto nochmals fahren», wo würden Sie damit hinfahren?

In Paris durch den Kreisel beim Arc de Triomphe. Da wird es nie langweilig … mein Lieblingsplatz, um mit dem Auto herumzufahren.

Neben Paris und Afrika waren Sie auch in London.

Ja, in London waren wir von 2012 bis 2014. Unser jüngerer Sohn ist da geboren. Es war eindrücklich, diesen doch sehr unterschiedlichen Lebensstil kennenzulernen, jeden Tag mit den roten Bussen herumzufahren. Eine regelrechte Auszeit.

Warum kamen Sie zurück in die Schweiz?

Weil es nie der Plan war, in England zu bleiben. Meine Frau und ich wollten in London unsere Forschungsinteressen vertiefen und dann in der Schweiz weiterentwickeln. England war eine wunderschöne Erfahrung, aber kein Ort, wo ich meine Kinder aufziehen wollte. Das Klassensystem ist sehr starr und unfair. Es ist entscheidend, auf die richtige Eliteschule zu gehen. Das wollte ich nicht, meine Kinder gehen jetzt in die reguläre öffentliche Primarschule in Reinach.

Wenn ich nochmal zurückgehen könnte, würde ich aber sicher noch mehr aus meinen Auslandaufenthalten machen. Das macht die Würze im Leben eines Arztes aus. Aus diesem Grund ist es auch 100% verständlich, dass man für eine Führungsposition in der Medizin längere Auslandaufenthalte fordert. Das kann man nicht überschätzen, es ist so wichtig.

Was steht in der Klinik aktuell an?

Mein Vorgänger hat sich zum Schluss ein wenig zurückgehalten, um gewisse Entscheidungen nicht vorwegzunehmen. So darf ich jetzt das elektronische Patientendossier neu einführen. Die Fotografie habe ich von traditionellen Spiegelreflexkameras bereits auf den Ganzkörper-Scan sowie auf iPhones abgeändert. Jeder Arzt und jeder Ärztin bei uns hat ein iPhone, mit dem klinische Fotos gemacht werden, alle aber auch Zugriff haben auf ein Lehrbuch, das ich mache, das Dermakonsil mit vielen tausend Bildern und Entscheidungsunterstützung. Wir wollen auch allen unseren Kolleginnen und Kollegen ausserhalb der Klinik die neuesten Entscheidungsunterstützungsalgorithmen digital anbieten. So versuchen wir, die Dermatologie langsam zu verbessern. Meine übergreifende Mission: Ich möchte die Dermatologie als wichtiges Portalfach ein wenig weg vom Elfenbeinturm bringen. Wir sollten eine höhere Expertise aufbauen bei den dermatologischen Krankheiten, die wir bisher leider nur partiell gut behandeln können. Narben behandeln wir heute zum Beispiel eher nicht weiter, wenn die entzündliche Erkrankung kontrolliert ist – weil die Krankenkasse dies nicht übernimmt. Dabei können wir Narben eigentlich sehr gut behandeln, und die daran interessierten Patienten bezahlen diese Behandlungen auch selbst. Wir haben hier noch extrem viel aufzuholen, und das ist eigentlich eines der wichtigsten Anliegen, die ich habe.

Was ist die Zukunft der Dermatologie?

Die Diagnose wird für die häufigen Krankheiten immer leichter werden, da hier Computer-Unterstützung bereitstehen wird. Für die seltenen Erkrankungen hingegen könnte es sogar noch schwieriger werden, da es immer weniger extrem erfahrene Dermatologen geben wird. Wir sehen schon jetzt, dass die akademische Karriere stark an Attraktivität verloren hat. In der eigentlichen Tätigkeit haben wir auch Veränderungen zu erwarten. Da wir nun für die allermeisten schweren Hautkrankheiten immer bessere Medikamente haben, werden wir immer mehr mit milden Formen konfrontiert werden. Gerade bei diesen ist die Herausforderung, sie perfekt behandeln zu können. In der traditionellen Dermatologie hat man nur behandelt, wenn etwas einigermassen Schweres vorlag. Heutzutage müssen wir mehr können. Die Leute kommen immer früher mit «minimal disease», und wir können schon heute auch kleinste Narben und Frühstadien von Hauterkrankungen behandeln. Aus diesem Grund lernt auch jeder Assistent und jede Assistentin bei mir die ganzen interventionellen Techniken, die immer wichtiger werden: Laser, Filler, Botox, Radiofrequenz, Chirurgie. Für mich ist die mikroskopische Dermatologie die zukünftige Form unseres Faches. Ich möchte die Gesundheit wo möglich bis in die einzelnen Zellen hinab wiederherstellen, eine Restitutio ad integrum schaffen.

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