«Eine Depression im Jugendalter sollte nicht verharmlost werden»

Anlässlich des diesjährigen SGAD-Symposiums an der SGPP-Jahrestagung in Bern sprachen wir mit PD Dr. med. Gregor Berger, Zürich, über Omega-3-Fettsäuren und ihren Stellenwert in der Depressionsbehandlung bei Kindern und Jugendlichen.

Sonia Fröhlich de Moura im Gespräch mit… PD Dr. med. Gregor Berger

BrainMag: Dr. Berger, wie unterscheidet sich die Depression bei Kindern und Jugendlichen von derjenigen bei Erwachsenen?

PD Dr. med. Gregor Berger: Die Depression ist bei Kindern sehr unspezifisch. Häufig haben sie selbst gar nicht die Worte, um ihre Gefühle zu benennen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Krankheitssymptome bei Kindern stark fluktuieren können. Selbst schwer depressive Kinder können Phasen von guter Stimmung haben, sobald sie abgelenkt werden, kippen jedoch innert kurzer Zeit wieder in einen depressiven Modus, wenn sie wieder alleine in der Umgebung sind, wo sie zuvor in depressiver Stimmung waren. Diese schnellen Stimmungswechsel können natürlich die Diagnosestellung erschweren und führen dazu, dass die Krankheit häufig über lange Zeit nicht erkannt wird.

Jugendliche können ihre Gefühle zwar zunehmend besser artikulieren, doch häufig fehlt bei ihnen die für die bei Erwachsenen beschriebene Depression typische Trauer. Da sind, gerade bei männlichen Jugendlichen, eher Gereiztheit, Aggression, sozialer Rückzug und Freudlosigkeit typisch. Auch hier kann deshalb die korrekte Diagnose erschwert sein.

Wie zeigt sich die erste depressive Episode bei Kindern und Jugendlichen?

Sie tun plötzlich Dinge nicht mehr, die sie vorher – vielleicht über Jahre hinweg – immer gerne gemacht haben. Sie verlieren die Freude daran oder haben nicht mehr die Energie dazu. Häufig zeigen depressive Kinder auch einen Einbruch in der schulischen Leistung sowie eine fehlende Initiative. Sie verändern sich in ihren Interaktionen mit Mitmenschen und ziehen sich zunehmend sozial zurück. Ein solcher «Lebensknick» sollte Bezugspersonen unbedingt aufrütteln.

Eine depressive Episode kann sich ja auch unbehandelt wieder bessern. Warum sollte man dennoch behandeln?

Das ist eine berechtigte Frage. Bevor es die heutigen Therapien gab, gingen depressive Episoden bei Kindern und Jugendlichen auch vorüber – wahrscheinlich unterstützt durch intuitiv richtiges Verhalten der Eltern: Aktivierung und Sozialisierung des Kindes sowie Reduktion von Druck und Stress. Das machen wir heute in der Therapie alles auch – und es wirkt bei der Mehrzahl der depressiven Kindern.

Schätzungsweise 10-20% der kindlichen Depressionen nehmen aber einen schweren Verlauf und müssen in der Regel auch medikamentös behandelt werden. Denn schwer verlaufende Depressionen verändern das Gehirn. Sie «brennen» sich ein, es entstehen depressive neuronale Bahnen, die reaktiviert werden können und so das Rezidivrisiko bei Stress deutlich erhöhen. Eine frühe Intervention kann verhindern, dass sich diese Bahnen bilden, welche die Entwicklung einer chronisch verlaufenden Depression begünstigen.

Es ist also essentiell, dass Symptome einer Depression nicht verharmlost werden, weil man Angst hat, das Kind oder den Jugendlichen zu stigmatisieren. Die meisten Experten würden der Meinung zustimmen, dass eine Depression besonders bei Kindern und Jugendlichen benannt und diagnostiziert werden sollte, damit frühzeitig entsprechend dem Schweregrad reagiert werden kann.

Wie sieht die Behandlung aus?

Kinder, die ins Jugendalter kommen, haben – gerade mit Einsetzen der Pubertät – häufig einen depressiogenen Lebensstil. Sie geben ihre Hobbies auf, verlassen Strukturen, die ihnen einen klaren Rhythmus gaben, bewegen sich weniger, ernähren sich ungesund, verbringen mehr Zeit mit digitalen Medien und schlafen weniger. Es kommen also viele depressionsbegünstigende Faktoren zusammen. Darum mache ich mir bei Kindern und Jugendlichen mit Verdacht auf Depression immer zuerst ein Bild von ihrem Lebensstil und frage nach: «Was hast du früher gemacht, was dir gut getan hat?» Anschliessend versuche ich, ein bis zwei dieser Elemente wieder in ihrem Leben zu etablieren. In einer depressiven Stimmung ist das gar nicht so einfach.

Zudem versuche ich, bei den Betroffenen das Verständnis dafür zu wecken, dass jetzt – im Rahmen der depressiven Erkrankung – ihre Eltern wieder mehr Verantwortung übernehmen sollten. Bei einer körperlichen Erkrankung wie zum Beispiel einer Grippe ist es ja völlig normal, dass die Kinder den Eltern das Teekochen oder die Medikamenteneinnahme übergeben. Im Falle einer Depression können Eltern beispielsweise mehr Kontrolle bezüglich Medienkonsum oder Bildschirmzeit übernehmen.

Wo in diesem Behandlungsschema setzt Ihre Studie Omega-3-pMDD an?

Die Studie setzt bei denjenigen Patienten an, bei welchen die vorher beschriebenen Lebensstilmassnahmen nicht greifen und die Psychotherapie nicht ausreicht. Also bei den mittelgradig bis schwer depressiven Kindern. Diese erhalten im Rahmen der Studie hochdosiert Omega-3-Fettsäuren, bevor ein Antidepressivum eingesetzt wird oder zusätzlich dazu. Es gibt nämlich Hinweise, dass Omega-3-Fettsäuren besonders in Ergänzung zu einer medikamentösen Therapie einen positiven Effekt haben.

Mit der Omega-3-pMDD-Studie wollen wir untersuchen, ob besonders Kinder und Jugendliche, die an einer mittelgradigen bis schweren Depression leiden und einen vorbestehenden Mangel an Omega-3-Fettsäuren oder einen erhöhten inflammatorischen Grundstatus aufweisen, von einer Therapie mit Omega-3-Fettsäuren profitieren. Studien mit erwachsenen Patienten geben Hinweise, dass dies der Fall sein könnte, und wir erwarten, dass dieser Effekt bei Minderjährigen noch ausgeprägter ist. Dass er also umso stärker ausfällt, je jünger die Patienten sind.

Worauf beruht der antidepressive Effekt der Omega-3-Fettsäuren?

Das ist eine sehr schwierige Frage, die wir noch nicht abschliessend beantworten können. Es gibt kleine, messbare Effekte der Omega-3-Fettsäuren auf ganz verschiedenen Ebenen. Wir haben beispielsweise im Zellmodell gezeigt, dass die Neurogenese durch Omega-3-Fettsäuren angeregt wird. Im Tierversuch hat sich dieser Effekt bestätigt. Weiter konnte ein Einfluss auf den serotonergen Stoffwechsel gezeigt werden. Zudem ist bekannt, dass Omega-3-Fettsäuren einen positiven Effekt auf den Hippocampus, die Myelinisierung sowie die Darmflora und das Metabolische Syndrom haben. Alle diese Effekte sind für sich alleine nicht sehr ausgeprägt, könnten aber in ihrer Kumulation für den antidepressiven Effekt der Omega-3-Fettsäuren verantwortlich sein.

Ihr Vorredner, Prof. Martin Preisig, hat über Prädiktion und Entwicklung von Depressionen im Jugend- und Erwachsenenalter gesprochen. Was erhoffen Sie sich in diesem Kontext von der Omega-3-pMDD-Studie?

Die Chance, den Verlauf einer Depression positiv zu beeinflussen, steigt, je schneller man eingreift – das ist für mich eine grosse Motivation, diese Studie durchzuführen. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Antidepressiva ist es wahrscheinlich, dass wir anhand der Blutspiegelbestimmung der Omega-3-Fettsäuren die Gruppe selektionieren können, die davon profitiert. Dies ist ein erster Schritt in Richtung individualisierte Therapie. Wenn uns so die Möglichkeit einer individualisierten und frühen Intervention gegeben wird, können wir das Leben der Betroffenen und ihre biopsychosoziale Entwicklung massgeblich verändern. Das ist entscheidend.

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