«Ich mache häufig mehrere Sachen gleichzeitig»

Die Tage von Ulrich Hemmeter, Chefarzt Alters- und Neuropsychiatrie der Psychiatrie St. Gallen Nord, haben vermutlich mehr als 24 Stunden – anders lässt sich das Pensum des Psychiaters und Psychologen nicht erklären. Immerhin hat er tatsächlich ein leichtes Schlafdefizit, wie er selber zugibt. Mit dem Altern hat der gebürtige Deutsch-Schweizer Doppelbürger kein Problem. Seine Pensionierung möchte er aber gerne noch ein wenig hinauszögern.

Séverine Bonini im Gespräch mit… PD Dr. med. Dr. phil. Ulrich Michael Hemmeter

BrainMag: Dr. Hemmeter, Sie haben ursprünglich Psychologie studiert und mit Diplom abgeschlossen, bevor Sie Mediziner wurden. Wie kam es dazu?

PD Dr. med. Dr. phil. Ulrich Michael Hemmeter: Der Wechsel kam zwischendrin, beim Vordiplom. Schon zu Schulzeiten hat mich fasziniert, wie der Mensch funktioniert – das Denken, die Emotionen, das Verhalten. Also habe ich nach dem Schulabschluss mit dem Psychologie-Studium angefangen, dann aber durch diverse Praktika, unter anderem am Max-Planck-Institut in München, bald realisiert, dass ich zum Verstehen dieser Vorgänge und für deren Umsetzung im klinischen Alltag breiter aufgestellt sein muss. Ich habe dann das Glück gehabt, schnell einen Studienplatz in Medizin zu bekommen. Nach dem Physikum in Medizin, heute Bachelor, habe ich das Psychologiestudium wieder aufgenommen und beide Studiengänge dann parallel abgeschlossen.

Sie sind heute Dr. med. und Dr. phil. Hat Ihr Tag mehr als 24 Stunden?

Ich packe einfach viel in meine Tage hinein, damals schon. Wenn man Dinge ähnlicher Thematik parallel macht, kann man manches verbinden und pragmatisch für mehrere Gebiete gebrauchen. Ich habe mich daran gewöhnt – aus der Not geboren – häufig mehrere Sachen gleichzeitig zu machen. Ich fand die Psychologie eine sehr gute Abrundung – auch für mich selber. Da ich Psychologie und Medizin gleichzeitig studiert habe, konnte ich mich im Bereich Psychologie an Forschungsprojekten beteiligen, bei denen es einen Mediziner brauchte. Auf diese Weise bin ich schnell in gute Forschungsgruppen hineingekommen, was mir ermöglicht hat, durchgehend sehr gute Arbeitsstellen zu bekommen, an denen ich viel profitieren konnte und auch gefördert wurde.

Was wollten Sie als Kind werden?

Vor dem Schulstart ganz klassisch: Pilot oder Fussballer. Skifahrer fand ich auch noch toll, ich habe damals viele Rennen gesehen. In der Schulzeit wollte ich dann zunächst Lehrer werden, bis ich mein Interesse für die Grundlagen des menschlichen Denkens und Funktionierens entdeckte. In der Weiterbildung war ich in den verschiedenen Arbeitsstellen dann auch in der studentischen Lehre tätig. So konnte ich auch mein Interesse für den Lehrberuf mit meiner Tätigkeit als Kliniker und früher klinischer Forscher verbinden.

Sie waren früher in Basel an der Psychiatrischen Universitätsklinik tätig, bevor sie zurück nach Deutschland sind. Was war Ihr Schwerpunkt in Basel?

In Basel war ich vor allem auf der damaligen Depressionsstation tätig, die sich später zum Zentrum für Depression, Angststörungen und Schlafmedizin weiterentwickelt hat. Ich bin damals nach Basel, weil dort im kleinen Rahmen schon ein Schlaflabor bestand, das ich zusammen mit dem dort tätigen sehr guten Team zur schlafmedizinischen Ambulanz und auch für Forschungsprojekte weiter entwickeln konnte. So konnte ich zum Beispiel ambulante 24-Stunden-Schlafableitungen initiieren, wodurch nicht nur der Nachtschlaf, sondern auch die Schläfrigkeit am Tage, weitere EEG-Phänomene und somit die Schlafregulation insgesamt erfasst werden konnten.

Wie sind Sie bei der Alterspsychiatrie gelandet?

Ich bin sicher breit aufgestellt. Ich habe mich im Lauf meiner beruflichen Entwicklung schon mit verschiedenen Themen im Schwerpunkt Klinik und Forschung befasst: zunächst Angststörungen, Depression, Stress. Dann kam das Thema Schlaf, der bei psychiatrischen Erkrankungen eine grosse Rolle spielt. Wer Psychologie studiert, beschäftigt sich auch viel mit kognitiver Psychologie und Neuropsychologie. In Basel habe ich mich mit kognitiven Störungen bei Depressionen beschäftigt, die Schnittmenge zum Alter und zu dementiellen Syndromen ist da relativ gross. Gerade im Alter stellt sich oft die Frage der Differenzialdiagnose Depression oder Demenz. Die Differenzierung dieser beiden Krankheitsbilder mit kognitiv-psychologischen Techniken wie auch mit Biomarkern hat mich dann für die Alterspsychiatrie motiviert, so bin ich in die Alterspsychiatrie ein wenig hineingerutscht. Auch die kognitive Leistungsfähigkeit spielt bei allen Erkrankungen der Psychiatrie eine wesentliche Rolle und bestimmt in vieler Hinsicht die Leistungsfähigkeit und Lebenszufriedenheit im Alltag. Dies wird mit zunehmendem Alter immer wichtiger.

Was für Patienten sehen Sie heute?

Im Schwerpunkt sind es schon alterspsychiatrische Patienten. Wir haben hier in Wil eine sehr grosse Alterspsychiatrie mit stationären und ambulanten Angeboten. Weitere ambulante Angebote sind an verschiedenen Standorten im Kanton verteilt. Ich sehe selber aber nicht mehr so viele Patienten, da ich einen sehr grossen Aktionsradius im Kanton habe, viel mit administrativen Tätigkeiten betraut und auch viel unterwegs bin: Ich mache an allen kantonalen Standorten und zum Teil auch an externen Kliniken Supervisionen im Bereich der Schwerpunkte Alterspsychiatrie und Konsiliar- und Liaisonpsychiatrie. Für die Weiterbildungsstätte Alterspsychiatrie der Psychiatrieverbunde St. Gallen sind dies neben Wil und St. Gallen die Standorte Uznach / Rapperswil, Pfäfers und Heerbrugg. Dort höre ich jeweils von vielen Patientenfällen und bekomme zum Teil auch sehr schwierige Fälle vorgestellt.

Dann sehen Sie also keine Patienten mehr?

Ich mache zwischendurch auch Visiten und habe zudem eine kleine Privatpraxis für Patienten aus der Region, die nicht in die Klinik kommen wollen. Da sind die Schwerpunkte kognitive Störungen im Alter oft gepaart mit verschiedenen somatischen Erkrankungen, aber auch Schlafstörungen. Zudem gibt es auch Patienten mit Fragestellungen aus der Sportpsychiatrie, mit der ich mich auch seit Jahren im kleinen Rahmen befasse. Diese Patienten sind aber meist nicht bei mir in Therapie, sondern ich sehe sie konsiliarisch, mache Therapievorschläge und bahne den Weg in die entsprechend indizierte Therapie.

Sie sind seit 2010 Chefarzt Alters- und Neuropsychiatrie in St. Gallen. Was hat sich in den letzten zehn Jahren in der Alterspsychiatrie getan?

Die grosse Veränderung fand schon etwas früher statt, denn vor zehn Jahren gab es in der Schweiz das Fachgebiet der Alterspsychiatrie als Schwerpunkttitel der Psychiatrie schon. Der grosse Umbruch war in den Jahren 2000 bis 2010, als überhaupt das Bewusstsein dafür aufkam, dass die Alterspsychiatrie über die übliche Erwachsenenpsychiatrie hinausgeht und ein eigenes Spezialgebiet darstellt. Die Schnittmenge ist zwar gross, aber die Interaktion mit somatischen Erkrankungen und die Veränderungen in der Biologie und im Verhalten spielen zunehmend eine Rolle. Das betrifft auch die psychosoziale Versorgung dieser Patienten, denn ältere Menschen leben vermehrt alleine und verlieren ihr soziales Netzwerk; dies kann zu Unsicherheit, Hilflosigkeit und letztlich zu Angst und Depression führen. Das Bewusstsein darüber ist in den letzten zehn Jahren sehr gestiegen, so dass die Alterspsychiatrie sich als ein Spezialgebiet entwickelt hat, das die ganze Versorgungskette umfasst. Die Alterspsychiatrie sollte somit nicht nur eine begrenzte Station in der Klinik sein, sondern ein Versorgungnetzwerk mit ambulanten Angeboten bis zur Spitex und zu den Hausärzten umfassen. Die nationale Demenzstrategie, die der Bund von 2014 bis 2019 lanciert hat und gerade abgeschlossen wird, hat diese Themen aufgenommen. Ich hatte das Glück, eines der Teilprojekte dieser Strategie federführend mitgestalten zu können.

Wenn man sich beruflich mit der Alterspsychiatrie beschäftigt, beobachtet man dann ganz genau, wie man selber älter wird?

Die Zeit habe ich gar nicht (lacht). Mit dem Alter kann sich zunehmend auch die Angst vor Krankheiten entwickeln. Dies war bei mir früher aber viel schlimmer. Wenn man Medizin studiert, schaut man ganz genau hin, ob man nicht selber eine der Erkrankungen hat, die man gerade lernt. Da bestand bei mir schon ein gewisses hypochondrisches Element. Natürlich merkt man, dass man älter wird. Die Gedanken bezüglich Alter und Zukunft sind anders, als sie es früher waren. Mir geht es aktuell aber noch recht gut. Was ich durch den Kontakt mit den alterspsychiatrischen Patienten für mich selber lerne, ist, dass es extrem wichtig ist, seinen augenblicklichen Funktions- und Leistungsstand zu akzeptieren und zu schauen, was man aktuell damit am besten macht. Vielen älteren Menschen fällt es schwer zu akzeptieren, dass sie nicht mehr so leistungsfähig und ggf. auch auf Hilfe angewiesen sind. Das sind psychosoziale Stressoren, die die Lebensqualität beeinflussen! Ich kann heute mein Alter wesentlich besser akzeptieren als zum Beispiel im Alter von 30 bis 40 Jahren, als ich gemerkt habe, dass ich nicht mehr zu grösseren sportlichen Leistungen fähig bin und jüngere im Vergleich zu mir immer schneller und besser wurden.

Was machen Sie mit 65?

Das ist in dreieinhalb Jahren. Wenn ich mich dann komplett aus meiner aktuellen Tätigkeit zurückziehen müsste, fände ich das schade, und ich denke, dass dies auch nicht passieren wird. Wenn ich weiter so fit bin wie jetzt, könnte ich mir gut vorstellen, noch zwei bis drei Jahre weiter zu arbeiten – vielleicht nicht mit einem 100-, aber einem 70- oder 80%-Pensum. Wir sind hier in St. Gallen in einer permanenten Entwicklung, das ist sehr spannend. Wir sind dabei, der Psychiatrie im Kanton ein neueres Gesicht zu geben, zudem sind wir dabei, das Medizinstudium in St. Gallen im Rahmen des Joint Medical Masters mit der Universitätsklinik Zürich zu konzipieren. Dies sind Themen, an denen ich mich auch über das 65. Lebensjahr hinaus einbringen könnte. Ich engagiere mich seit Längerem auch in verschiedenen Gremien zum Thema der zukünftigen Finanzierung der Psychiatrie in der Schweiz. Auch hier denke ich, dass ich noch viel von meinem bisher erworbenen Wissen und meiner Erfahrung einbringen kann. Es gibt aber neben der Klinik noch andere Aufgaben wie zum Beispiel interessante Gutachtenanfragen zu speziellen Themen, die Forschung, die Privatpraxis … nein, ich werde sicher nicht gleich aufhören zu arbeiten, zumal meine Frau noch ein bisschen jünger ist als ich und auch noch etwas weiterarbeiten wird.

Wie stehen Sie zur Frage, ob Therapeuten Medikamente abgeben dürfen?

Bei der sich zunehmend verschärfenden Personalsituation in der Psychiatrie sind sicher neue Wege gefordert. Es gibt aber meines Erachtens zunächst andere ärztliche Aufgaben, die nicht-ärztliche Therapeuten übernehmen könnten, zum Beispiel im Bereich der Diagnostik und der nicht-medikamentösen Therapien. Deshalb würde ich zum jetzigen Zeitpunkt zu einem Nein tendieren. Man muss meiner Meinung nach zuerst die Definition der Medizinalberufe – die Psychologen sind da bisher noch gar nicht integriert – nochmals überdenken und schärfen. Wichtig ist, dass jede Berufsgruppe ihre Kompetenzen und Aufgaben exakt kennt und sich dies mosaikartig zu einem Gesamtpuzzle als Team zusammenfügt, das dann aufgrund einer guten Abstimmung eine optimale Versorgung bieten kann. Die Aufgaben verschiedener Medizinalberufe werden sich verändern. Was aber nicht sein darf, ist, dass andere Berufsgruppen am Ende zu einem grossen Teil das Gleiche machen wie der Arzt. Hier muss sehr genau geschaut werden, welche Aufgaben von nicht-ärztlichen Berufsgruppen übernommen werden können und welche Aufgaben die Kernkompetenzen des Arztes bzw. des Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie sind. Es kann durchaus sein, dass andere Berufsgruppen in Zukunft auch Medikamente abgeben. Dies muss dann aber in der Aus- und Weiterbildung entsprechend berücksichtigt werden. Psychologen haben diesbezüglich bereits eine gute theoretische Aus- und Weiterbildung, ich denke aber, dass es für die Medikamentenverschreibung einen fundierten medizinischen Hintergrund, insbesondere aber auch eine grössere klinische Erfahrung braucht. Bei den Medikamenten gibt es nicht nur die Wirkung, sondern auch Nebenwirkungen, Interaktionen und Komorbiditäten. Es braucht viel medizinisches Know-how und Erfahrung, um da gute Entscheidungen treffen zu können. Dies müsste bei den anderen Berufsgruppen erst entwickelt werden.

Es ist bewiesen, dass Musizieren gut für die Kognition ist. Spielen Sie ein Instrument?

Leider nein. Ich bedauere wenig in meinem Leben, aber das bedauere ich. Ich habe lange Klavier spielen gelernt, dann aber im Teenageralter lieber die Gitarre zur Hand genommen und das Klavier links liegen gelassen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich, um besser zu werden, intensiver üben müsste, also habe ich es dann – aufgrund anderer Interessen – ganz gelassen. Die Musikerkarriere war damit beendet. Ich interessiere mich aber für ein breites Spektrum der Musik und gehe gerne in Konzerte. Wir haben ein Klavier zuhause stehen, vielleicht spiele ich ja doch wieder eines Tages darauf. Aber was Sie sagen, ist schon richtig: Musik, vor allem auch in Kombination mit Tanzen oder Tanztherapie, ist präventiv sehr gut wirksam, damit man geistig fit bleibt.

Tanzen Sie?

Leider auch nicht (lacht). Es ist sicher im Hinterkopf, aber es liegt seit Jahren brach.

Haben Sie etwas auf Ihrer Bucket List, das Sie unbedingt noch erleben oder erreichen wollen im Leben?

Beruflich ist in St. Gallen der Medical Master sehr aktuell, ich engagiere mich dort als Vertreter der Psychiatrie. Wir sind dabei, den Lehrplan Psychiatrie zu erstellen, was aufwändig ist. Das liegt mir sehr am Herzen, ich möchte noch den funktionierenden Betrieb des Medizinstudiums in St. Gallen und noch einige Medizinstudenten, die ich in meinem Fachgebiet unterrichten kann, erleben. Privat bin ich viel gereist und sehr zufrieden. Andere Länder und Kulturen, Sprachen, interessieren mich sehr. Ich möchte aber unbedingt nochmals ans Jazz Festival nach New Orleans. Ich war einmal dort, eine sehr inspirierende und lebendige Erfahrung. Auch Hawaii würde ich gerne noch meinen Kindern zeigen. Ein Familienmitglied ist vor Generationen dorthin ausgewandert und es gibt dort heute ein Hemmeter Building in Waikiki Beach.

Wenn Sie sich entscheiden müssten, wären Sie lieber alt und weise oder jung und unverbraucht?

Die Mischung wär’s. Ich könnte mit beidem leben. Ich könnte gut nochmals genauso anfangen.

Wie stehen Sie der eigenen Vergänglichkeit gegenüber?

Die muss man einfach akzeptieren und darf sich nicht grämen, es ist eine Tatsache. Wichtig ist es, dem Nachwuchs, der nachkommt und die Zukunft gestaltet, möglichst viel an Wissen und Erfahrung mitzugeben, solange man dies kann.

Was machen Sie am Wochenende?

Was immer Thema ist: der Garten. Ich bin sehr gerne im Garten und mag die Ruhe dort. Was ich nicht mag, ist, wenn ich aufgrund des Wetters zeitlich unter Druck komme und noch viel im Garten zu tun ist. Ansonsten gehen wir am Wochenende manchmal nach Konstanz, Zürich oder St. Gallen zum Einkaufen oder wir verbringen die Zeit am und im Bodensee oder auch mal im Schnee. Wochenende ist grundsätzlich Familienzeit, es gibt dann mindestens ein ausgedehntes Familienessen. Gutes Essen in einem entsprechenden Ambiente schätze ich sehr. Ich muss aber gestehen, dass ich auch beruflich Dinge abarbeite, bei denen man etwas Ruhe braucht, zum Beispiel um Artikel oder Stellungnahmen zu schreiben.

Sie wirken sonst so ruhig und besonnen. Nervt es Sie regelrecht, wenn Sie im Garten wegen des Regens unter Stress kommen?

Das kann vorkommen. Wenn der Garten zu kurz kommt oder die Steuererklärung oder irgendwas im Haus liegenbleibt, weil ich zu viele berufliche Dinge zu erledigen habe, stresst mich das schon. In vielerlei Hinsicht komme ich mit Stresssituationen aber gut zurecht. Dies ist vielleicht auch ein Vorteil des Alters. Es gibt aber auch Zeiten, in denen mir alles zu viel wird. Drei Sachen gleichzeitig zu machen, die alle innerhalb einer Stunde fertig sein müssen – da muss ich mich schon sehr zusammennehmen, mich sammeln und dann erst mal alles priorisieren.

Welches war beruflich Ihr eindrücklichster Fall?

Es gibt einen Fall, den ich eigentlich jedes Jahr den Studenten im Unterricht erzähle. Das war noch in Marburg, wo wir im Jahr 2000 eine Gedächtnis-Sprechstunde zusammen mit der Neurologie initiierten. Wir waren damals die ersten, die eine gemeinsame Sprechstunde von Neurologie und Psychiatrie an einer deutschen Universitätsklinik durchführten. Mittlerweile ist das ja als Memory Clinic etabliert. Einmal kam ein Professoren-Ehepaar zu uns. Der Mann war emeritiert und geistig noch recht fit. Die Ehefrau war körperlich fit, hatte aber Gedächtnisstörungen entwickelt und konnte zunehmend den Haushalt nicht mehr bewältigen, zum Beispiel auch nicht mehr kochen. Der Hausarzt überwies sie zur Demenzabklärung. Die Frau hatte aufgrund einer jahrelangen Schlafstörung und leichter Depressionen Benzodiazepine und ein klassisches Antidepressivum eingenommen, das sich aufgrund der anticholinergen Nebenwirkungen negativ auf die Gedächtnisleistung auswirken kann. Die Patientin zeigte dann bei den Untersuchungen auch das klinische Bild einer leichten bis mittelgradigen Demenz. Das Professoren-Ehepaar lebte in einem sehr schönen Haus in Marburg mit grossem Garten. Sie waren schon dabei, das Haus aufzugeben und in eine Alterswohnung zu ziehen. Wir haben dann die Patientin stationär aufgenommen und die Medikamente umgestellt auf Substanzen, die das Gedächtnis nicht beeinträchtigen und zudem den Schlaf regulieren. Ihr Zustand hat sich dadurch so verbessert, dass das Ehepaar mit einer gewissen sozialen Unterstützung noch lange weiter im Haus leben konnte. Die Diagnose einer Demenzerkrankung war damit hinfällig. Was wie eine Demenz aussieht, muss noch lange keine demenzielle Erkrankung sein. Deshalb ist es wichtig, dass die Patienten in einer Memory Clinic gut abgeklärt werden und die entsprechend notwendigen Massnahmen eingeleitet werden. Dafür ist es nie zu früh.

Die letzte Frage: Was ist der beste Tipp, den Ihnen jemand gegeben hat?

Herr Professor Florian Holsboer, der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, hat mir damals empfohlen, von Basel nach Marburg zu wechseln. Er war über eine lange Zeit meines Berufslebens so eine Art Mentor für mich und dieser Tipp war wegweisend für mich sowohl beruflich als auch privat. Ich war zuvor fast zehn Jahre in Basel tätig gewesen und dann einer von ganz wenigen Medizinern, die aus der Schweiz nach Deutschland gingen. In Marburg konnte ich mich dann recht schnell habilitieren und auch in Forschungsprojekten weiterqualifizieren. Ich habe damals viele Forschungsgelder von der europäischen Union und auch der deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) erhalten und konnte mich in dem Rahmen weiterentwickeln, aber auch viele junge Mediziner und Psychologen fördern. Einige davon sind heute Chefärzte und Professoren, was mich sehr freut. Am besten war dieser Tipp aber für meinen privaten Bereich. Ich habe in Marburg meine heutige Ehefrau kennengelernt, meine beiden Kinder sind in Marburg geboren. Wir sind dann – nachdem ich die Möglichkeit erhielt, wieder in der Schweiz zu arbeiten – an den Bodensee umgezogen, unter anderem da ich den Wunsch hatte, dass meine Kinder wie ich – ich bin in Lindau auf der Insel im Bodensee aufgewachsen – am See und in der Nähe der Berge, mit der ganzen Natur dort aufwachsen können. Ohne den Umweg über Marburg hätte sich dies nicht so entwickelt.

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