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Trends im schweizerischen Gesundheitswesen

Die Hochschule für Wirtschaft Zürich (HWZ) und die wittlin stauffer ag haben zur Klärung gegenwärtiger Trends im Gesundheitswesen Heidi Hanselmann, Gesundheitsdirektorin des Kantons St. Gallen und Präsidentin der Schweizerischen Konferenz kantonaler Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK), zum Gespräch geladen.

Dänemark hat kürzlich das Gesundheitswesen radikal umgebaut und zentralisiert neu die Spitäler in «Superspitälern». Wäre das auch eine Lösung für die Schweiz? Heidi Hanselmann, Präsidentin der GDK, begegnet solchen Erwägungen mit Skepsis. Für sie gehört der Föderalismus zur DNA der Schweiz, weshalb keine Struktur eines anderen Landes über das der Schweiz gestülpt werden soll. Unmöglich wäre das Vorbild Dänemarks wohl nicht, meint sie, nur müsse das Gerüst zur Zentralisierung erstmal vorhanden sein. Die Forderung, überregional zu denken, besteht dennoch.

Komplexität und Kostendämpfung

Zuständig für das Schweizer Gesundheitswesen sind der Bund, die Kantone, die Versicherer und die Leistungserbringer. Die Komplexität dieses Systems erschwert dessen Organisation, was die Reduktion der Kosten nicht eben erleichtert. Mit den Änderungen der Spitalfinanzierung und mit der Forderung, in bestimmten Bereichen ambulant und nicht mehr stationär zu behandeln, versuchte der Bund das Gesundheitssystem der Schweiz zu verbessern. Dies schmälert jedoch die Einnahmen der Spitäler und facht somit, mit der freien Spitalwahl, den Wettbewerb unter diesen an, meint Hanselmann.

Um das demografisch und Fortschritts-bedingte Kostenwachstum im Gesundheitswesen der Schweiz weiter einzudämmen, legte der Bund 2018 ein Massnahmenpaket zur Prüfung und Umsetzung vor. Dies enthält beispielsweise

  • die einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Behandlung
  • Pauschalen für die ambulante Versorgung
  • eine Tariforganisation für den ambulanten Bereich (ähnlich des stationären)
  • den Experimentierartikel (die gesetzlich geregelte Möglichkeit der Kantone, ausserhalb des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) neue Behandlungs- und Finanzierungsmethoden auszutesten).

Mit der einheitlichen Finanzierung sollen Fehlanreize beseitigt werden, welche die Patienten dazu verleiten, sich stationär behandeln zu lassen. Im Gegensatz zu den Versicherungen geht die GDK mit dem Bund einig, dass die Änderungen sinnvoll und erforderlich sind. So bestätigt Heidi Hanselmann die möglichen Einsparungen durch die einheitliche Finanzierung von stationären und ambulanten Behandlungen mit einschlägigen Zahlen. Eine ambulante chirurgische Behandlung von Krampfadern zum Beispiel koste den Patienten etwa 2500 CHF, eine stationäre 6074 CHF, mit Zusatzversicherung sogar 10 073 CHF. Bei stationärer Behandlung bezahlt der Kanton 55%, der Versicherer hingegen 45% der Kosten, ambulant bezahlt der Versicherer hingegen 100%. Im Verhältnis seien die Kosten für den Versicherer ambulant aber dennoch geringer, so Hanselmann.

Integrierte Versorgung, Prävention und Fachkräftemangel

Nach Hanselmann begrüsst die GDK auch den Experimentierartikel, der die Möglichkeit bietet, den Menschen selbst in den Vordergrund medizinischer Versorgung zu stellen und nicht das Geld. Dabei legt die GDK ihren Schwerpunkt auf die integrierte Versorgung. Gemäss dieser soll künftig der Behandlungsablauf verbindlich geplant werden, so dass die Patienten während der gesamten Behandlung von einer bestimmten Person betreut werden und so der Fokus nicht auf das jeweilige Organ gelegt wird, sondern auf den ganzen Menschen. Wie die integrierte Versorgung, im Rahmen des Experimentierartikels, von den Kantonen unterstützt und umgesetzt werden könnte, wurde in einem Leitfaden zusammengefasst, der auf der Internetseite des GDK (www.gdk-cds.ch) eingesehen werden kann.

Ebenfalls Teil der Reduzierung von Gesundheitskosten ist für Hanselmann die Prävention. So habe die Gesundheitsförderung Schweiz mittels den 2% der Gelder, welche ihr für die Prävention zur Verfügung stehen, in den letzten Jahren tiefgreifende Änderungen der Rauchkultur erreichen können.

Nebst den fehlenden Geldern im Gesundheitswesen herrscht in der Schweiz ein Fachkräftemangel. Aus diesem Grund muss oftmals auf Personal aus dem Ausland ausgewichen werden, so Hanselmann, was zusätzliche Komplikationen und Kostensteigerungen in der Betreuung von Patientinnen und Patienten verursachen kann. Ziel sei es deshalb, künftig, ähnlich wie nach dem Vorbild des Kantons St. Gallen, vermehrt medizinisches Personal auszubilden oder Personal zum Wiedereinstieg zu bewegen. Auch müssten hier nicht-universitäre Spitäler, um auf die Spitalliste zu kommen, mindestens 14 Ausbildungswochen pro ausgebildete Person sicherstellen. Allerdings sei das Potential an Anstellungen für Mitarbeitende in der Langzeitpflege und in der Spitex derzeit noch weit unterschritten.

Gesprächsrunde und Diskussion

In der dem Referat folgenden Gesprächsrunde mit Absolventinnen und Absolventen der HWZ und der anschliessenden Diskussion mit dem Auditorium stellte sich weiter heraus, dass nach der GDK die Möglichkeit zur Kosteneinsparung auch für die Spitäler selbst in der integrierten Versorgung und Finanzierung liegt. Der Wettbewerb zwischen den verschiedenen Spitälern wirke sich aufgrund des Benchmarkings nicht negativ auf die Volkswirtschaft aus, hingegen würden die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit zwischen den Spitälern auch hier durch die föderalistischen Strukturen der Schweiz eingeschränkt. Ebenfalls bei den Kantonen bliebe die Verantwortung, dass eine Kostenumlenkung auf neue Ambulatorien verhindert werde. Schliesslich betont Heidi Hanselmann, dass das Ziel in der Einschränkung des Kostenwachstums liege und nicht in der Senkung der Prämien. (jr)

Quelle | Donnerstagsrunde «Grosswetterlage Gesundheitspolitik – Welche Trends lenken das schweizerische Gesundheitswesen?», 27. August 2019, Hochschule für Wirtschaft Zürich & wittlin stauffer ag.

 

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