«Der langsamere Anstieg der Demenzzahlen ist kein Grund zur Euphorie»

Das Alter ist der wichtigste Risikofaktor für eine Demenz. Aber auch jüngere Menschen können erkranken. Eine frühzeitige Abklärung ist wichtig für die Integration der Betroffenen, aber auch um eine existenzielle Bedrohung zu verhindern. Die Diagnostik von Demenzerkrankungen ist eine wichtige Aufgabe der Memory Clinic Zentralschweiz, aber nicht die einzige, erklärt Dr. med. Marion Reichert, Leitende Ärztin der Zentralschweizer Memory Clinic an der Luzerner Psychiatrie.

Regina Scharf im Gespräch mit …  Dr. med. Marion Reichert

BrainMag: Dr. Reichert, Sie sind Leitende Ärztin der ambulanten Alterspsychiatrie und der Memory Clinic in der Zentralschweiz. Was hat Sie dorthin verschlagen?

Dr. med. Marion Reichert: Das Interesse am Gebiet. Meine ersten Erfahrungen in der Gerontopsychiatrie habe ich am Anfang meiner Ausbildung gesammelt. Die Arbeit hat mich sehr geprägt: Im Kontakt mit älteren Menschen sind sehr schöne Interaktionen möglich und es werden einem viel Dankbarkeit und Wertschätzung entgegengebracht. Vor zehn Jahren bin ich zufällig auf die Stelle in der Luzerner Psychiatrie (lups) aufmerksam geworden. Ich schätze die Arbeit an der Memory Clinic Zentralschweiz, in einem interdisziplinären Team mit Neuropsychologen, Neurologen, Psychiatern etc. Die Stadt Luzern hat ein grosses kulturelles Angebot, die Umgebung ist gut erschlossen und die Landschaft wunderschön. Zudem hat man in der lups noch die Möglichkeit, seinen Arbeitsplatz mitzugestalten. All das macht den Arbeitsort zu einer guten Wahl.

Die Menschen leben auch mit Komorbiditäten immer länger. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Tatsächlich haben sich die Abklärungszahlen in den letzten drei Jahren verdoppelt. Wir spüren also die Bevölkerungsentwicklung. Die Demenzerkrankungen steigen aber nicht so stark an, wie befürchtet. Trotzdem muss man vorsichtig sein mit der Euphorie. Weil wir die körperlichen Erkrankungen immer besser in den Griff bekommen, werden wir immer älter. Das Alter ist der wichtigste Risikofaktor für eine Demenz. Mehr als 40 Prozent der 90-jährigen Frauen und Männern sind an Demenz erkrankt.

Bei welchen dementiellen Erkrankungen verzeichnen Sie die grösste Zunahme?

Ich kann an unserer Memory Clinic keine Zunahme einzelner Demenzerkrankungen beobachten. Mir fällt aber auf, dass uns immer häufiger junge Menschen zugewiesen werden. Ein Teil der gestiegenen Anmelderaten erklärt sich wahrscheinlich dadurch, dass man heute viel früher abklärt, ob sich hinter Veränderungen, beispielsweise einer chronischen Depression, etwas anderes verbergen könnte. Möglicherweise ist die Hemmschwelle für eine Abklärung auch geringer, wenn es in der Nähe eine Institution wie die Memory Clinic gibt.

Welche Rolle spielt die frühe Diagnose bei Demenz?

Ich halte es für sinnvoll, die Diagnose zu stellen, wenn die Erkrankung sich auf den Alltag auszuwirken beginnt. Das gilt besonders für jung Erkrankte, bei denen nach dem Verlust der Arbeitsstelle sehr schnell finanzielle Probleme auftreten können. Die Diagnose erlaubt uns, die Betroffenen wieder finanziell abzusichern und die nächsten Schritte zu planen. Die frühe Diagnose ist aber auch wichtig, um die Integration zu erhalten oder zu fördern. Integration erfordert ein gewisses Mass an Information. Die Reaktion ist eine andere, wenn man seinen Freunden mitteilt, dass man sich nicht an ihre Namen erinnern kann, sie einem deshalb aber nicht gleichgültig sind. Wichtig ist die frühe Diagnose auch für den Beginn einer medikamentösen Therapie. Damit lässt sich, zumindest im Falle einer Alzheimer-Demenz, das Krankheitsniveau für eine gewisse Zeit stabilisieren. Am Endpunkt ändert sich aber nichts.

Mit welchen Symptomen kommen die Menschen in aller Regel zu Ihnen in die Memory Clinic?

Häufig ist die Apathie das erste Zeichen. Die Personen sind weniger aktiv, weil sie sich vieles nicht mehr zutrauen. Sie ziehen sich zurück und nehmen nicht mehr am Gespräch teil. Bei den meisten Demenzen treten die Gedächtnisstörungen erst an zweiter Stelle auf. Diese sind aber der Grund, warum die Leute zu uns kommen.

Die Abklärung in unserer Memory Clinic erfolgt oft auf die Anregung von Dritten, beispielsweise den Hausarzt oder die Angehörigen. Nur ein kleiner Teil unserer Klienten sucht uns aus eigenem Antrieb auf. Meistens handelt es sich dabei um jüngere Personen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI).

Welche Unterstützung können Sie in einer solchen Situation anbieten?

Zunächst mal eine vernünftige Diagnostik. Alleine, dass wir die Erkrankung beim Namen nennen und Probleme direkt ansprechen, führt bei vielen Betroffenen zu einer gewissen Erleichterung. Zu unseren Tätigkeiten gehört es aber auch, die Klienten in der ersten Phase der Krankheitsbewältigung zu unterstützen und weitere Schritte zu planen. Wir arbeiten eng mit der Infostelle Demenz im Kanton Luzern zusammen und versuchen frühzeitig, den Kontakt zu den Betroffenen herzustellen. Grundsätzlich sind wir eine Abklärungsstelle. Die Betroffenen werden weiter vom Hausarzt betreut. Um die Krankheitsentwicklung zu überprüfen, findet nach einigen Monaten ein Verlaufsgespräch, gegebenenfalls eine Verlaufstestung statt. Die komplette Betreuung oder Fallführung übernehmen wir nur in Ausnahmefällen, beispielsweise bei jung Erkrankten, wo unter underem die Regelung der Invalidenversicherung und der Kontakt mit dem Arbeitgeber sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Für die Diagnose sind zusätzliche Abklärungen notwendig. Welche sind das?

Auch aus wirtschaftlichen Gründen erfolgt die Abklärung nach einem Stufenschema. Wir erheben bei allen Patienten eine ausführliche Anamnese, inkl. der Fremdanamnese. Den Grossteil der Patienten kann man mit anschliessenden neuropsychologischen Tests und einem einfachen MRI einordnen. Ist das nicht möglich, versucht man sich der Diagnose mit Zusatzuntersuchungen, wie einem PET-CT, alternativ mit einer Liquoruntersuchung zu nähern. Das Problem ist, dass wir die komplizierten Funktionen des Gehirns mit unseren Untersuchungen nicht eindeutig abbilden können und die Ergebnisse nicht in jedem Fall zuverlässig sind. Es gibt immer mögliche andere Ursachen und wir kommen mit den unterschiedlichen Befunden zur wahrscheinlichsten Lösung.

Welche Medikamente stehen für die symptomatische Behandlung der Demenz zur Verfügung und in welchem Stadium sind sie indiziert?

Die medikamentöse Behandlung ist für mich nicht erste Wahl. Mit einer guten Information und Beratung des persönlichen Umfelds können sehr viele Medikamente eingespart und bessere Erfolge erzielt werden. Was ich schon früh medikamentös behandle, sind depressive Symptome. Diese treten vor allem am Anfang der Demenz auf und nehmen im Verlauf häufig wieder ab. Zurückhaltend bin ich mit dem Einsatz von Neuroleptika. Mit der Behandlung ist oft der Wunsch verbunden, gereizte und aggressive Betroffene ruhig zu stellen. Aus meiner Sicht hilft es den Angehörigen viel weiter, wenn man sie berät, wie man eine solche Situation deeskaliert. Reine Antidementiva wie Memantin und Gingko empfehle ich dagegen gerne. Sie haben einen positiven Einfluss auf Verhaltensstörungen und können in allen Phasen der Demenz und auch über den Pflegeheimeintritt hinaus eingesetzt werden.

Bei der Entwicklung von Medikamenten gegen Demenz konzentriert sich die Forschung vor allem auf die pathologischen Ablagerungen von Amyloid-beta und TAU im Gehirn. Wie ist der Stand bei den klinischen Studien?

Es sind immer noch einige klinische Studien aktiv, die den Amyloid-beta und den TAU-Ansatz sowie andere Ansätze verfolgen. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre sind meine Hoffnungen nicht allzu gross, dass die Studien zu handfesten Ergebnissen führen. Vermutlich setzen wir mit unserer Forschung zu spät an. Die ersten Veränderungen der Erkrankung beginnen 20 – 30 Jahre vorher, d.h. eigentlich müsste man dann die Behandlung beginnen. Es wäre schön, wenn ich mich irre.

 

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