Daniele Buetti; Looking for Love (Christian Dior), 1997/2000; Daimler Art Collection, Stuttgart/Berlin

«Looking for Love»: die Foto-Kunst Daniele Buettis

Können Narben schön sein? Was sicher ist, sie erzählen etwas über den Menschen, der sie trägt, erinnern diesen an Erlebtes, an schmerzhaft Schönes oder Trauriges, und können daran mahnen, etwas im Leben zu verändern. Der Künstler Daniele Buetti geht in seinen Werken der Schönheit solcher Schönheitsfehler auf die Spur.

Text | Jacqueline Rüesch

Daniele Buetti, geboren 1955 in Fribourg, begann seine künstlerische Tätigkeit Ende der 1980er Jahre, wie es sich für einen Künstler gehört, provokativ. Im Mittelpunkt seiner Kunst stand das Zeichen, das sowohl Symbol als auch Logo sein kann. Er liess sich von dessen Charakter inspirieren und schuf sein eigenes, das «Flügelkreuz»: ein rechter Winkel, der auf dem Scheitel steht und sich proportional aus fünf Quadraten und zwei Halbkreisen an den Schenkelenden zusammensetzt1. Indem er das Flügelkreuz an verschiedenen Orten auf verschiedene Weise einsetzte, untersuchte er die Mechanismen der Zeichen und die der Marktwirtschaft. Buetti band sich das Flügelkreuz beispielsweise in Form riesiger Pappflügel auf seinen Rücken und stand damit auf einen Sportplatz oder er druckte es als Firmenlogo auf die Preisschilder selbstverkaufter 0-8-15-Textilien. Er brachte die Kunst da hin, wo sie kaum wahrgenommen wird: in die Welt des Konsums und der Idole.

Modemagazine und Schönheitskult

Aufmerksam geworden auf die Wirkkraft von Firmenlogos, vertiefte er seine Erfahrungen mit solchen Zeichen, indem er Firmenlogos für wenig Geld Passanten als Pseudo-Tattoo auf die Haut kritzelte. Berühmt wurde der Künstler aber durch seine Bilderreihen, die er schliesslich unter den Namen «Good Fellows» und «Looking for Love» veröffentlichte.

Buetti bearbeitete für diese Bilder Fotografien makelloser Schönheiten aus Modemagazinen auf der Rückseite, so dass auf der Vorderseite Vernarbungen entstanden, die an das Logo einer Firma, wie Louis Vuitton, Chanel oder Nike erinnern oder einfach nur verunstalten. Durch die Bearbeitung der Fotos verlieren die Models Stabilität, Unnahbarkeit und sublime Macht. Der Betrachter sieht in den fotografierten Schönheiten deren Menschlichkeit und Verletzlichkeit. Mit den beiden Bilderreihen versuchte Buetti zu ergründen, welche Rolle die Medien bei der Bildung von Identität spielen und warum wir das Bedürfnis haben, uns etwas zugehörig zu fühlen2. Zweck der Bilder ist es somit, die Idee von Schönheit und Idealen zu hinterfragen und den Einfluss der Modeindustrie auf unser privates Leben blosszulegen.

Sind Narben schön?

Manchmal können Schönheitsfehler, wie Narben, die Schönheit eines Menschen steigern, sie bringen die Persönlichkeit zum Vorschein oder machen eine Person einzigartig. Die Grenze zwischen Verschönerung und Verletzung eines Körpers scheint fliessend zu sein. Dem stimmt auch Buetti zu, nach ihm werden die ins Ätherische entrückten Schönen durch Wundmale zu irdischen Wesen, zu Heiligenbildern3.

Auch das dieser Zeit folgende Werk Buettis beleuchtet die gesellschaftliche Fixierung auf Schönheit und Ansehen. Ebenfalls mit bearbeiteten Fotografien, hier auf Lichtboxen aus Plastik gezogen und mit durchscheinenden Schriftzügen versehen, begegnet er den Fotos mit kurzen prägnanten Sätzen und macht mit ihnen auf Fehlauffassungen, Vorurteile oder Achtlosigkeiten aufmerksam. Er behandelt mit Pigmentdrucken, die an Kirchenfenster oder byzantinische Mosaike erinnern, die Themen Schmerz, Tod und Krieg, schnippelt Gesichter aus Fotos von berühmten Persönlichkeiten oder weist mit fiktiven Ausschnitten aus digitalen Nachrichten auf die Leere der WhatsApp-Kommunikation und der Sozialen Medien hin.

Daniele Buetti hat sich den Wunden und Narben der Gesellschaft verschrieben, vielleicht ist aus einer solchen Sicht das eigentlich schöne an einer Narbe, dass man sich ihrer und der Person, die sie trägt, annimmt.

Laufende Ausstellung

Forum Würth Rorschach:
Von Kopf bis Fuss Menschenbilder im Fokus der Sammlung Würth
12.02.2019 - 21.02.2020
wuerth-haus-rorschach.com
(ohne die abgebildete Fotografie)

Bibliografie

  • Swiss Institute Contemporary Art New York (Hrsg.): Maybe you can be one of us: Daniele Buetti. Hatje Cantz, 2008.
  • Buetti D: It’s all in the mind. Video. Schirn-Magazin, 2014: schirn.de oder youtube.com.
  • Polzer B: Daniele Buetti – Von der Schönheit und ihren Störungen. Kunst Bulletin 4/2018: 18-27.
  • Doswald Ch (Hrsg.): Daniele Buetti. Hatje Cantz, 2003.
  • Knaus B: Fine Art. Daniele Buetti: bernhardknaus.com.

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