«Die Gründung der African Dermatopathology Society ist ein Meilenstein»

Im Jahr 2009 besuchte PD Dr. med. Helmut Beltraminelli, Leiter Dermatopathologie an der Universitätsklinik für Dermatologie am Inselspital Bern, erstmals das Regional Dermatology Training Centre (RDTC) in Moshi, Tansania. Aus dem ursprünglichen Freiwilligeneinsatz ist eine langjährige Zusammenarbeit entstanden. Dr. Beltraminelli ist nicht nur im Ausbildungsprozess von angehenden afrikanischen Dermatopathologen involviert, sondern half auch bei der Gründung der African Dermatopathology Society.

David Husi im Gespräch mit … PD Dr. med. Helmut Beltraminelli

SkinMag: Dr. Beltraminelli, Sie haben 2009 einen sechsmonatigen Freiwilligeneinsatz im RDTC in Moshi, Tansania absolviert. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort erlebt?

PD Dr. med. Helmut Beltraminelli: Äusserst positiv. Es gibt dort sehr viele hochmotivierte Menschen. Dieses Spital ist eine Art Drehscheibe für Personen, die mit tropischer Medizin und Dermatologie zu tun haben. Die Afrikaner zeigen meist ein grosses Engagement im Aneignen von Wissen. Es sind Menschen, die nicht viele Mittel zur Verfügung haben, aber alles, was sie an Wissen erhalten, wie ein Schwamm aufsaugen.

Die Situation vor Ort kann ich als optimale Lehrsituation beschreiben. Ein Beispiel: Man ist auch bereit, Lernmeetings um 6 Uhr morgens anzusetzen, und dann später den ganz normalen Routinetag zu bewältigen.

Waren Sie vor allem für die Lehre verantwortlich oder hatten Sie noch andere Aufgaben?

Das Teaching war nur ein kleiner Teil meines Aufgabengebiets. Die dermatologische Klinik in Moshi gibt es bereits seit 1992. Als ich 2009 dort ankam, war die Klinik längst etabliert. Man kann es sich wie eine kleine Poliklinik in der Schweiz vorstellen, vielleicht etwas kleiner als die Klinik in Bern. Ich bin dort als Kliniker gegangen, von Anfang an sah ich mir viele Patienten an. Da die afrikanische Haut unterschiedlich zur europäisch-hellen Haut ist, musste ich selbst noch einiges dazu lernen. Zusätzlich musste ich mir Kenntnisse der lokalen Sprache aneignen (Swahili), da meine Patienten oft kein oder nur wenig Englisch sprachen. Parallel zu meinem Lernprozess konnte ich auch eigenes Wissen vermitteln – eine klassische Win-win-Situation. Während meines Aufenthalts habe ich jedoch auch den grossen Bedarf von Dermatopathologie-Wissen bemerkt. In der Pathologie gab es hunderte von unbefundeten Biopsien, die seit mehreren Monaten auf einen Spezialisten warteten. Ich habe dann auch alle befundet.

Wie ist dieses Projekt entstanden?

Ich ging nach Tansania mit der Absicht, für ein halbes Jahr in einem anderen und fremden Setting zu arbeiten. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine konkreten Ideen für Projekte. Bekannte haben mich davor gewarnt, bereits im vornherein etwas zu planen, da schlussendlich sowieso alles anders kommt. Vor Ort habe ich mir dann ein Bild gemacht und den tatsächlichen Bedarf und Wünsche in meine Überlegungen einbezogen. Mit einem etwa gleichaltrigen lokalen Assistenzarzt, einem talentierten Morphologen, habe ich zusammengearbeitet. Er hat hervorragende Arbeit am Mikroskop geleistet und ich habe ihn mit passender Fachliteratur versorgt, worauf er nochmals grosse Fortschritte in kurzer Zeit gemacht hat. Also habe ich ihn nach Bern eingeladen, damit er seine Fähigkeiten in einem anderen Umfeld und unter anderen Bedingungen erweitern und verbessern kann. Ich habe mich um die Finanzierung für seinen Aufenthalt gekümmert. Insgesamt war er dreimal in Bern und einmal in Südafrika.

Motiviert durch diese Erfolgsgeschichte habe ich mir Gedanken darüber gemacht, ob dieses Modell auch auf weitere motivierte Dermatologen / Pathologen aus Afrika übertragbar wäre. Kurz darauf habe ich einen Grant dafür beantragt und das Projekt nahm dann seinen Lauf. Ohne die vielen internationalen Mentoren, die in Moshi ebenfalls ein Projekt haben und die an den Erfolg dieses Projekts geglaubt haben, hätte ich es nicht geschafft und wohl auch kein Geld von anderen Stellen erhalten.

Das Ziel Ihres Projekts war also, dass es in Afrika mehr gut ausgebildetes Personal und somit ein besseres Behandlungsangebot gibt?

Es ging mir nicht per se um eine bessere Ausbildung, sondern um eine Spezialausbildung im Bereich Dermatopathologie für interessierte Dermatologen und Pathologen. Über meinen ersten Kandidaten habe ich auch einen weiteren Kandidaten gefunden, welcher einige Monate bei mir war. In diesem Fall hat er die Finanzierung für seinen Aufenthalt inkl. Ausbildung in Europa selbst aufgebracht.

Haben sich seit Ihrem ersten Aufenthalt in Moshi noch weitere Ziele herausgebildet?

Mein Ziel ist es, so viele motivierte Kandidaten aus der Dermatologie oder Pathologie wie möglich in einer vernünftigen Zeit für das Fach Dermatopathologie auszubilden. Da ich selbst in Bern nur über eine beschränkte Kapazität an Ausbildungsplätzen verfüge, habe ich mich nach weiteren Ausbildungszentren umgeschaut, die bereit sind, beim Projekt mitzuwirken. Dazu zählen Lorenzo Cerroni in Graz, Gisela Metzler in Tübingen und Nicolas Ortonne in Paris. Sie alle haben Ausbildungsplätze für dieses Projekt zur Verfügung gestellt.

Ich möchte anmerken, dass es schwierig ist, motivierte Kollegen zu finden, die an der zeitintensiven Ausbildung von Dermatopathologie-Gastärzten mitzuwirken bereit sind.

Vor Ort wird Pflegepersonal in der Dermatologie weitergebildet. Welche Aufgaben können diese Spezialisten nach der Weiterbildung zusätzlich übernehmen?

Hier nehme ich nur eine Beobachterrolle ein. Dies hat die Klinik in Moshi seit den Anfängen selbst in die Hand genommen. Anfang der 1990er Jahre gab es auf dem afrikanischen Kontinent nur wenig Ärzte. Es wurde nach einer Lösung gesucht, wie man die medizinische Versorgung verbessern konnte. Da es paramedizinisches Personal wie zum Beispiel Krankenschwestern oder Physiotherapeuten gab, bot man diesen Personen, die bereits über ein medizinisches Grundwissen verfügten, ein zweijähriges Curriculum im Bereich der Dermatologie an. Nach der Ausbildung, zu der auch zahlreiche Prüfungen gehören, sind diese Kandidaten zwar keine Ärzte, können aber mit dem erworbenen Wissen vor Ort etwa 80 % der Fälle erfolgreich behandeln. Sie sind fähig, verschiedene Crèmes wie beispielsweise Kortisoncrème herzustellen. Und sie können für die Behandlung von Keratosen Salicylvaseline zubereiten. Biopsien und kleine operative Eingriffe können sie selbständig durchführen. Vor allem in Gebieten, wo es keine Ärzte gibt, kümmern sie sich um die komplette medizinische Versorgung der lokalen Bevölkerung. Wenn sie an ihre eigenen Grenzen stossen, können sie Patienten immer noch an einen Arzt weiterverweisen.

Zu Beginn der 1990er Jahre gab es etwa zwei ausgebildete Dermatologen in Tansania, einem Land mit 50 Millionen Einwohnern! Heute sind es immerhin etwa zehn, was schon eine gewaltige Verbesserung ist. Es gab Bestrebungen, dieses Modell auch an anderen Orten aufzuziehen. In Mexiko, Patagonien und in Kambodscha hat man ähnliche Projekte realisiert, die aber an die lokalen Verhältnisse angepasst werden mussten. Aber generell ist es sehr schwierig, so etwas aufzugleisen. Es braucht dazu sehr viel Know-how, engagierte Personen und Wohlwollen der lokalen Behörden.

Welche dermatologischen Erkrankungen sind in Tansania besonders häufig?

Die «Top five» der dermatologischen Erkrankungen sind ähnlich wie bei uns in der Schweiz. Es gibt viele Ekzeme, Psoriasis und Pilzerkrankungen. Auch häufig sind Arzneimittelerkrankungen, bedingt durch mehr HIV-infizierte Patienten, die verschiedene Medikamente einnehmen müssen. Eine weitere Gruppe sind Menschen, die von Albinismus betroffen sind und relativ oft an einem Hauttumor leiden.

Wie lässt sich das Ganze finanzieren?

Die Finanzierung lief über verschiedene Ebenen. Ich habe verschiedene Grants beantragt. Zu Beginn war mein Projekt sehr klein, da war es eher schwierig, eine Finanzierung zu erhalten. Je grösser das Projekt wurde, desto besser konnte ich auf Erfolge verweisen und desto leichter wurde die Mittelbeschaffung. Bisher wurde das Projekt von der International Society of Dermatology (ISD), der International Foundation for Dermatology (IFD), der Universität Basel und von der European Academy of Dermatology and Venereology (EADV) unterstützt. In den letzten zehn Jahren sind auf diesem Weg etwa CHF 150 000 zusammengekommen und bereits vollständig investiert worden. Pro Person kostet der dreimonatige Aufenthalt in Europa etwa CHF 5000, womit alle Kosten inkl. Reise und Unterkunft im Personalzimmer abgedeckt sind.

Mein Chef, Prof. Borradori, unterstützt mich bei diesem Projekt tatkräftig. Er hat nicht nur die Werbetrommel für das Projekt gerührt, sondern war auch bei der Beantragung der Grants involviert. Ich schätze diese Unterstützung sehr und bedanke mich dafür.

Was wurde bisher erreicht? 

Wir haben etwa zehn Personen in Ausbildung, wobei sechs davon ihre Ausbildung mit der internationalen Prüfung in Dermatopathologie in Frankfurt erfolgreich abgeschlossen haben. Sie sind aktuell in ihren Ländern als Lehrpersonen an Universitäten und als Dermatologen / Dermatopathologen im Spital tätig. Aktuell haben wir mehr als zehn Personen auf der Warteliste für die Ausbildung. Im Gegensatz zu früheren Kandidaten haben die aktuellen selbst eine Finanzierung organisiert. Die Schwierigkeit liegt darin, geeignete Ausbildungsplätze für sie zu finden. Meine Aufgabe ist deshalb heute weniger, Geld für die Ausbildung aufzutreiben, sondern mich um die Weiterbildung der Kandidaten zu kümmern. Aktuell gibt es etwa 10 – 15 diplomierte Dermatopathologen auf dem afrikanischen Kontinent, die aber keine Weiterbildungsmöglichkeit hatten. Darum organisiere ich seit 2015 jährlich eine zweitägige Konferenz mit dermatopathologischen Vorträgen in Moshi. Dieses Jahr fand sie auf vielfachen Wunsch erstmals in Ruanda statt. Und in Zukunft alternierend einmal in Moshi und im folgenden Jahr wieder in einem anderen afrikanischen Land. Moshi ist immer noch sehr wichtig, da es quasi als Zentrum der Dermatoologie in Subsahara-Afrika fungiert. Nächstes Jahr kommt zusätzlich eine Delegation der American Academy of Dermatology (AAD) nach Moshi und wir haben ein einwöchiges Programm auf die Beine gestellt.

Ein weiterer Meilenstein ist die Gründung der African Dermatopathology Society, die wir zusammen mit afrikanischen Dermatopathologen vor Ort ins Leben gerufen haben. Die Gesellschaft ist offiziell registriert und wird komplett von Afrikanern gemanagt. Ich selbst bin nur als «Berater» tätig. Durch dieses offizielle Organ haben wir auch bereits finanzielle Unterstützung durch die AAD und EADV erhalten.

Wie sieht die Zukunft des Projekts aus?

Ich werde weiterhin jährlich die Weiterbildungskonferenz organisieren. Und solange ich auf dem Gebiet der Dermatopathologie tätig bin, versuche ich jedes Jahr eine bis drei Personen bei mir auszubilden und ihnen auch zusätzlich einen Aufenthalt in einer der Partnerkliniken zu vermitteln.

 

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