«Wahn ist ein schillerndes Phänomen»

Prof. Dr. med. Achim Haug, ärztlicher Leiter der Clienia Gruppenpraxis für Psychiatrie und Psychotherapie in Winterthur, ist in seiner knapp 30-jährigen klinischen Tätigkeit sehr unterschiedlichen Patienten begegnet. In seinem Buch «Reisen in die Welt des Wahns» gewährt er Einblick in vier besonders faszinierende und zugleich tragische Fälle von Wahnvorstellungen. BrainMag hat mit ihm über das Buch und seine Patienten gesprochen.

David Husi im Gespräch mit … Prof. Dr. med. Achim Haug

BrainMag: Prof. Haug, was hat Sie dazu bewogen, ein Buch über Wahn zu schreiben?

Prof. Dr. med. Achim Haug: Ich begegne in meiner praktischen Tätigkeit immer wieder faszinierenden Menschen und dem, was sie erleben. Daran wollte ich auch eine grössere Öffentlichkeit teilhaben lassen. Wahn ist ein schillerndes Phänomen, aber es ist nicht so weit weg vom Erleben des Gesunden, wie wir manchmal denken. Mein Buch soll Freude bereiten und die Leser auch dazu anregen, sich in andere Denkwelten zu begeben.

Die im Buch beschriebenen Fälle sind Extrembeispiele für wahnhafte Vorstellungen. Wie häufig sind Sie im Berufsalltag mit solchen Patienten konfrontiert?

Das kommt ein bisschen auf den Bereich an, in dem man arbeitet. Auf den Akutstationen von psychiatrischen Kliniken gibt es immer auch Menschen mit wahnhaften Vorstellungen, da hatte ich über mehr als 30 Jahre täglich mit ihnen zu tun. Im ambulanten Bereich ist das seltener, kommt aber auch dort vor.

Lässt sich bei den vier Patienten im Buch ein Schlüsselmoment ausmachen, der entscheidend zur Entwicklung des Wahns beitrug?

Nein. Ich habe ja absichtlich diesbezüglich – und auch was die Entwicklung angeht – vier unterschiedliche Patienten beschrieben. So ist bei dem Ingenieur der Wahn nah an der Persönlichkeit des Patienten. Er ist, auch wenn er keinen Wahn erlebt, ein Einzelgänger mit manchmal seltsamen Vorstellungen. Am leichtesten ist wohl solch ein Schlüsselmoment im Sinne Ihrer Frage bei der Frau in der vierten Geschichte auszumachen. Hier ist der Wahn wohl (hauptsächlich) durch die Geburt der Tochter ausgelöst worden. Es gibt aber nie nur einen Faktor, der ursächlich für einen Wahn ist.

Welche Lehren für die Praxis konnten Sie aus den Fällen im Buch ziehen?

Ich habe natürlich eher Lehren für das Buch aus der Praxis gezogen. Aber es ist schon so, dass man, wenn man ein solches Buch schreibt, auf viele Dinge aufmerksam wird, die man vielleicht vorher nicht so beachtet hat. Die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Phänomen Wahn hat mich zum Beispiel dazu gebracht, meine Meinung in einer wichtigen Frage zu ändern. Früher bin ich davon ausgegangen, dass Wahn und Gesundheit klar und weit voneinander getrennt sind. Jetzt bin ich da nicht mehr so sicher. Vielleicht ist Wahn doch ein dimensionales Phänomen, bei dem es Übergänge vom einen zum anderen gibt. Gut zuhören und sich auf die manchmal bizarren Welten einlassen, in denen die Wahnkranken leben – das ist vielleicht die wichtigste Lehre.

Beeinflusst das Überangebot an Informationen im Digitalzeitalter die Bildung von Wahnvorstellungen?

Ein Überangebot von Informationen ist grundsätzlich für Menschen, die eine Anlage zum Wahn haben, nicht gut und kann vielleicht sogar einmal ein Auslöser sein. Aber einen einzigen Einflussfaktor gibt es nicht. Die Genetik, also eine gewisse individuelle Veranlagung, hat wohl unter der Vielzahl von Einflussmöglichkeiten die grösste Bedeutung.

Realisieren Patienten mit Wahnvorstellungen, dass sie Hilfe brauchen?

Es ist eine der grundlegenden Charakteristika von Wahn, dass die Betroffenen ihre wahnhaften Überzeugungen nicht relativieren können, sie also auch nicht als Krankheit einordnen. Denn die Dinge sind ja für sie genau so, wie sie sie erleben. Wahn hat nichts mit Einbildung zu tun, es ist vielmehr eine alternativ erlebte Realität. Aber Menschen, die solch eine private Realität erleben, die abweicht von dem, was alle um sie herum denken, ecken natürlich immer wieder an. Dies kann sekundär manchmal dazu führen, dass sie deshalb Hilfe suchen. Oft werden sie aber von Angehörigen oder von der Polizei wegen ihrer Auffälligkeiten in die Klinik gebracht.

Zwischen Genie und Wahnsinn, so sagt man, liegt oft ein schmaler Grat. Können Sie diese Aussage unterstreichen?

Nein. Beiden gemeinsam ist die manchmal ausufernde Fantasie, die gerade bei Künstlern natürlich sehr willkommen ist. Aber Genies können ihre Erlebnisse ordnen, sie können reflektieren, können sich selbst in einen stimmigen Zusammenhang mit der Umgebung bringen und ihre Einfälle formal strukturieren. Das ist eine grosse Leistung, die wahnkranke Patienten nicht mehr erbringen können. In meinem Buch über «Reisen in die Welt des Wahns» gibt es ja auch ein kurzes Kapitel über Nietzsche. Zweifellos ein Genie. Aber man sieht auch, was geschieht, wenn dann in diese genialen Fähigkeiten ein Wahn einbricht.

Sind Menschen mit Wahnvorstellungen häufiger von weiteren psychischen Erkrankungen betroffen, beispielsweise von einem Burnout?

Wahnkranke werden natürlich auch ihre übliche Lebensleistung nicht mehr oder nur in vermindertem Ausmass bewältigen können. Sie können sich nicht mehr so gut konzentrieren, verkennen die zwischenmenschlichen Signale, deuten sie häufig im Sinne ihres Wahns. Wahn in diesem Sinne ist keine eigenständige Krankheit, sondern eher ein Symptom oder ein Syndrom. Man kann es sich wie das Verhältnis von Fieber als Symptom zu Masern als Krankheit vorstellen. So kann Wahn zum Beispiel bei Depressionen auftreten, im Drogenrausch, im Alkoholentzug, bei Manien, bei der Schizophrenie oder der Demenz. Bei diesen Krankheiten gibt es wiederum häufig Komorbiditäten. Zum Beispiel treten bei 50 % der Alkoholabhängigen auch Depressionen auf, es liegt damit eine 50-prozentige Komorbidität vor. Eine hohe Komorbidität gibt es auch zwischen Angsterkrankungen und Depressionen. Ob dann allerdings jeweils ein Wahn als zusätzliches Symptom dazukommt, muss in jedem Einzelfall sorgfältig untersucht werden.

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