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L’Ordre des Médecins

Zugegeben, meist sind die Ärzte ja auf der Leinwand zu sehen und nicht im Kinosaal, aber wenn Sie mal wieder Lust auf einen richtig guten Film haben, würde sich der Gang ins Kino diesen August sicher lohnen. Mit seinem Debut-Werk im Langspielfilm vom Filmfestival Locarno 2018 ist David Roux ein Film gelungen, der die charakteristische Atmosphäre des Spitals einfängt und eine Seite davon zeigt, die nicht so oft in die Kinos kommt.

David Roux, Regisseur und Drehbuchautor des Films, weiss, wovon er spricht. Er ist 1977 in Paris als Sohn zweier Ärzte geboren und von Kind auf an das Spitalleben gewohnt. Für ihn ist das Spital nicht nur ein Ort der Krankheit und des Todes, sondern auch ein Ort der Wärme und Geborgenheit, sagt er. Anders als andere Regisseure, wollte er diese beiden Seiten eines Spitals einfangen und beginnt den Film mit einer fixen Kameraeinstellung in medias res. Ohne Vorwarnung wird man als Zuschauer ins Geschehen reingeworfen und beginnt erst nach einer Weile zu begreifen, dass der Film tatsächlich begonnen hat. Diese Aufforderung, am professionellen Leben des Protagonisten Simon (Jérémie Rernier) teilzunehmen, wird durch nachfolgende Nahaufnahmen und Kameraschwenkungen auf das Privatleben übertragen.

Aus dem Leben genommen

Wie die Hauptfigur im Film ist auch Roux’ Bruder Pneumologe. Er durchlebte ähnliche Erfahrungen, als die Mutter der beiden ins Spital gebracht wurde und er zeitgleich einer Patientin im gleichen Alter wie sie eine Krebsdiagnose mitteilen musste. Roux erzählt, wie er hierdurch in eine ganz andere Situation gebracht wurde als bisher. Die Distanz zwischen Privatleben und Arbeitsalltag, die es zu wahren gilt, fing an zu bröckeln und liess die beiden Seiten miteinander kollidieren. Der Film selbst handelt deshalb nicht nur von Tatsachen aus dem Privatleben des Regisseurs, sondern bringt auch auf philosophische Weise das Thema Tod zur Sprache. Einfühlsam beleuchtet er das Dilemma des Arztes, der zwischen Strenge und Milde, Offenheit und Verschweigen, Verantwortung und Akzeptanz balancieren muss.

Ein Arzt, der kein Arzt sein darf

Was macht ein Arzt, der kein Arzt sein darf? Der Film schickt Simon auch auf eine Sinnsuche anderer Art, indem er seine Ohnmacht aufgrund der fehlenden beruflichen Spezialisierung und den Willen der Mutter, ihr Schicksal anzunehmen, seinem eigenen Willen gegenüberstellt. Wie im echten Leben holt sich Simons Mutter (Marthe Keller) ihren jiddischen Chor ins Krankenhaus und lebt das Leben zu Ende, das sie sich gewünscht hat und mit welchem sie zufrieden sein möchte. Wie im echten Leben werden die singenden Frauen im Spital vom jiddischen Chor der später verstorbenen Mutter von David Roux dargestellt. Privatleben und Berufsalltag überschneiden sich, so dass man sich fühlen könnte, wie ein Sterbender, der nicht so recht weiss, was Traum ist und was Wirklichkeit, und nur den einen Auftrag hat, das Leben solange zu leben, bis es zu Ende ist. (jr)

Quelle | L’Ordre des Médecins. Ein Film von David Roux. In den Deutschschweizer Kinos ab 8. August 2019.

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