«Orthorexie ist eine krankhafte Fixierung auf gesundes Essen»

Anorexie, Bulimie und Binge Eating sind medizinisch anerkannte Essstörungen. Anders verhält es sich mit Orthorexie, der krankhaften Fixierung auf gesundes Essen. Was es mit dieser bedenklichen Ernährungsweise auf sich hat, darüber sprach die PraxisDepesche mit Prof. Dr. med. Gabriella Milos vom Zentrum für Essstörungen an der Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik am Universitätsspital Zürich.

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PraxisDepesche: Prof. Milos, was ist unter Orthorexie zu verstehen?

Prof. Dr. med. Gabriella Milos: Der US-amerikanische Arzt Steven Bratman hat 1997 einen Fragebogen entwickelt, um krankhaftes Verhalten in Bezug auf die Ernährung zu bewerten. Bratman hat den Begriff für die Essstörung Orthorexia nervosa eingeführt, der in der Wissenschaft jedoch umstritten ist. Seiner Auffassung nach bezeichnet Orthorexie eine krankhafte Fixierung auf gesundes Essen.

Warum ist der Begriff umstritten?

Im Gegensatz zur Anorexie, Bulimie und zur Binge-Eating-Störung ist Orthorexie keine anerkannte Krankheit. Orthorexie ist eine Art zu essen, die pathologisch werden kann. Während es bei der Anorexie, Bulimie und der Binge-Eating-Störung um die Menge der aufgenommenen Nahrung geht, steht bei der Orthorexie die Qualität der Lebensmittel im Mittelpunkt. Jedoch kann die Orthorexie ein Vorläufer der Anorexie sein. Das ist der Fall, wenn jemand zu kontrolliert und damit dann auch zu wenig isst. Andererseits können diese Personen später auch unter Essanfällen leiden und die für sie verbotenen Lebensmittel erbrechen. Bulimische Essanfälle sind sehr verbreitet.

Welche Symptome deuten auf eine Orthorexie hin?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Nahrung einen sehr grossen Stellenwert einnimmt. Uns stehen viele Informationen zur Verfügung, was gesund oder ungesund ist. Teils sind diese Informationen widersprüchlich. Dennoch gibt es Menschen, welche die eigene Nahrung optimieren wollen. Für sie kommen immer mehr Lebensmittel nicht infrage, zum Beispiel, weil sie entweder nicht biologisch angebaut sind, Zucker oder ungesättigte Fettsäuren enthalten. In ihrem Alltag wird die Wahl der richtigen Nahrungsmittel zum Lebensmittelpunkt. Betroffene verwenden sehr viel Zeit, die ernährungsspezifischen Vorlieben in ihren Tagesablauf zu integrieren. Entspricht ein Nahrungsmittel nicht ihrem gesetzten Standard, verweigern sie es. Die Wahl an erlaubten Lebensmitteln wird immer kleiner.

Welche Folgen können durch eine zwanghafte gesunde Ernährungsweise entstehen?

Betroffene unterwerfen sich selbst auferlegten Regeln, die zu physischen und psychischen Beeinträchtigungen führen können. Sie schlagen eine Essenseinladung aus, weil sie nicht wissen, woher die Zutaten stammen. Häufig fühlen sie sich Menschen überlegen, die sich normal ernähren. Für Personen mit Neigung zu einer Essstörung kann diese Haltung gefährlich werden, weil sie zu einer klinischen Essstörung wie Bulimie, Anorexie oder einer Binge-Eating-Störung führen kann. Ebenso kann eine Mangelernährung eine Folge der zwanghaft gesunden Ernährungsweise sein. Häufig haben Orthoretiker einen Mangel an fettlöslichen Vitaminen wie Vitamin A, D, E und K. Es gibt orthorektische Patienten, die Vitamintabletten zu sich nehmen, weil sie diese als sicherer und reiner empfinden.

Wie können Betroffene einer Unterversorgung mit lebensnotwendigen Nährstoffen vorbeugen?

Indem sie von verschiedenen Nahrungsmitteln genügend konsumieren. Es ist zum Beispiel schwierig, sich gesund vegan zu ernähren. Veganer sollten besonders darauf achten, genügend Eiweisse und andere Nährstoffe wie Vitamin B12 zuzuführen. Diese Ernährungsweise kann zu einem Eiweissmangel oder einem anderen Nährstoffmangel führen. Die Einnahme von ausschliesslich Früchten und Gemüse reicht für eine ausgewogene, vollwertige und gesunde Ernährung einfach nicht aus. Betroffene sollten fettlösliche Vitamine, Eiweisse und Kohlenhydrate zu sich nehmen. Eine Unterversorgung mit Vitamin D und Kalzium kann zu brüchigen Knochen und Spontanfrakturen führen, auch bei jungen Menschen.

Welche Rolle spielt der Hausarzt?

Betroffene sind oft überzeugt sehr gesund zu essen. Oft suchen sie ihren Hausarzt aus einem anderen Grund auf. Der Hausarzt spielt eine sehr grosse Rolle, weil er seine Patienten in der Regel schon lange kennt. Daher fällt ihm objektiv auf, ob ein Patient in kurzer Zeit viel Gewicht verloren hat und ob sich diese Person an einer Grenze zum Untergewicht befindet. Bei einem Verdacht soll er genau fragen, wie sich die Person ernährt und die Blutwerte untersuchen und intervenieren. In einem ausführlichen Gespräch kann er einschätzen, ob es sich um eine übertriebene gesunde Ernährung oder eine ernsthafte Essstörung handelt. Er kann seinen Patienten auch an eine Institution für Essstörungen verweisen, wie zum Beispiel bei uns am USZ, bei Psychologen und Psychotherapeuten oder bei der Arbeitsgemeinschaft Essstörungen.


Weitere Informationen gibt es auf folgenden Internetseiten

www.psychiatrie.usz.ch
www.aes.ch

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