«In Luzern sind wir nicht eitel»

Mit 18 hatte Christoph Brand einen schweren Bergunfall. Er musste mehrere Wochen im Spital liegen und wusste danach: «Ich will Chirurg werden.» Inzwischen ist er aber Chefarzt der Dermatologie und Allergologie in Luzern. Wie es zu diesem Gesinnungsumschwung kam und womit der Standort Luzern zu kämpfen hat, erzählt er im Interview.

Im Gespräch mit… Prof. Dr. med. Christoph U. Brand

SkinMag: Prof. Brand, Sie sind seit 2007 Chefarzt des Zentrums für Dermatologie und Allergologie am Kantonsspital Luzern, waren aber bereits seit 2001 als Leitender Arzt für Dermatologie am Kantonsspital Luzern tätig. Sind Sie in Luzern so tief verwurzelt, weil Sie dort aufgewachsen sind?

Prof. Dr. med. Christoph U. Brand: Nein, aufgewachsen bin ich in Burgdorf, ausgebildet wurde ich in Bern. Ich bin dann zurück ins Emmental für die Weiterbildung in Chirurgie, Innerer Medizin und Anästhesie, bevor ich dann 13 Jahre lang an der Dermatologischen Klinik am Inselspital in Bern tätig war.

Und wie hat es Sie dann nach Luzern verschlagen? 

Meine Frau hat das Stelleninserat gesehen und mich darauf hingewiesen, ich selber hätte das gar nicht mitgekriegt.

Was arbeitet Ihre Frau? 

Sie ist ebenfalls Dermatologin, aber in einer Praxis. Einen Tag in der Woche ist sie als Konsiliarärztin im Ambulatorium Sursee tätig. Ich bin dort offiziell ihr Chef, aber wir haben eine flache Hierarchie (lacht).

Haben Sie zusammen studiert?

Nein, sie hat zwei Jahre unter mir studiert, wir haben uns als Assistenten in Bern kennengelernt. Ich war der älteste Assistent und schon am Habilitieren, sie war die jüngste im Team. Wir haben relativ rasch gemerkt, dass wir zusammengehören. Mittlerweile sind wir 27 Jahre verheiratet und haben zwei Söhne, Corsin und Flurin, die übrigens beide ebenfalls Medizin in Bern studieren. Das zeigt wohl, dass wir als Eltern zuhause nicht nur gejammert haben, sondern ihnen eine gewisse Freude am Beruf des Arztes vermitteln konnten. Der ältere ist in einem Jahr fertig und möchte in Richtung Neurochirurgie gehen, der jüngere interessiert sich für die Intensivmedizin und die Anästhesie. Beide leben in einer WG in Bern, aber zur Examensvorbereitung sind sie jeweils zuhause. Da müssen sie ernährt, gepflegt und unterstützt werden (lacht). 

Wie war Ihr Start in der Dermatologie in Luzern? 

Bevor ich hier war, gab es keine fixe Dermatologie am Kantonsspital Luzern. Es gab nur einen Dermatologen, eine Einzelfigur in der Stadt, der für Konsilien und Visiten ins Spital kam. Ich habe in einem alten Schwesternzimmer angefangen, und wenn man sich gebückt hat, hat man sich den Kopf gestossen. Jetzt haben wir ein Ambulatorium, eine Station, eine Allergologie. Ich bin einer der wenigen hier, die eine Klinik selbst aufgebaut und nicht einfach übernommen haben. Ich hatte aber auch viel Unterstützung und Goodwill von Direktion und Departement, was heute ja auch nicht selbstverständlich ist. 

Am Anfang habe ich Däumchen gedreht, bis sich die Sprechstunde füllte. Es hat fast ein halbes Jahr gedauert, bis die Leute gemerkt haben, dass es hier an der Klinik nun eine Dermatologie gibt. Bei meiner ersten Visite sagte eine Schwester zu mir: «Warum sind Sie da? Die Dermatologie wollen wir hier nicht mehr auf der Station!» Wir haben uns dann aber schnell zusammengerauft. Leider ist sie in der Zwischenzeit verstorben. Zuerst sind wir dann vom Bettenhochhaus in die Onkologie umgezogen, wo wir drei oder vier Zimmer hatten. Als das nicht mehr gereicht hat, haben wir hier im alten Frauenspital diesen Trakt gebaut, im nächsten Schritt die Allergologie. Es war eine meiner Hauptaufgabe, das alles aufzubauen. 

Dann ist das regelrecht Ihr Baby.

Ja, das ist es, aber man muss sich nicht zu viel darauf einbilden. Das Meiste im Leben ist Glück. Und man schafft es nie alleine, ich hatte viel Unterstützung vom Team, vom Umfeld und von der Spitalleitung. Auch eine Karriere macht man nicht alleine. Als ich habilitiert habe, habe ich zehn Jahre lang jedes Wochenende gearbeitet, auch in den Ferien. Das geht nur, wenn die Partnerin das unterstützt und mitmacht. Später habe ich die Kinder ins Labor mitgenommen, sie an eine Bench gesetzt und ihnen eine Pipette in die Hand gedrückt. Sie fanden es toll im Labor zu «arbeiten» und dann im langen T-Shirt bei der Visite in Bern dabei zu sein. Auch die Patienten hatten eine Riesenfreude (grinst). 

Wollten Sie schon immer Arzt werden?

Nein. Mit 18 hatte ich einen schweren Bergunfall und musste ein paar Wochen im Spital bleiben. Danach wusste ich: Ich will Arzt werden.

Was ist denn passiert, sind Sie gestürzt?

Es war ein Steinschlag. Ich war Sportkletterer in meiner Jugend, war auch Kunstturner und habe Handball gespielt. Beim Abseilen im Simmental kam es zu einem Felssturz und ich bin abgestürzt. Ich hatte das ganze rechte Bein offen und eine Rückenfraktur und musste für ein paar Wochen im Spital liegen.

Und wieso sind Sie dann nach diesem einschneidenden Erlebnis Dermatologe geworden und nicht Chirurg?

Tatsächlich wollte ich eigentlich in die Chirurgie. Aber als ich dann von der Ausbildung her soweit war, wurde eine Stelle in der Dermatologie frei. Da mein Vater auch Dermatologe war, passte es am Ende einfach und ich bin hängengeblieben. Ich habe es nie bereut. Das breite Spektrum gefällt mir, jung, alt, chirurgisch, internistisch… es spielen alle Disziplinen in die Dermatologie hinein.

Warum haben Sie sich für Luzern und gegen eine Unikarriere entschieden?

Das Kantonsspital Luzern ist immerhin die grösste nicht-universitäre Klinik der Schweiz. Gerade in der Dermatologie ist hier das Spektrum fast breiter und interessanter als an einem Unispital, das bestätigen mir auch unsere Auszubildenden. Wir haben praktisch keine Vorselektion, wir sehen alles! Wir haben in erster Linie eine Zuweisungssprechstunde, unsere Hauptzuweiser sind Internisten und Allgemeinpraktiker. 

Fakt ist allerdings, dass wir hier alle Sprechstundendienst machen, auch ich, und zwar jeden Tag. Das heisst zwangsläufig, dass die Forschungstätigkeit brach liegt, dafür habe ich neben meiner Managementfunktion als Chef auch noch einiger anderer Kliniken schlichtweg keine Zeit mehr. Eigentlich bin ich overbooked. 

Vermissen Sie die Forschung?

Nein, ich habe damit abgeschlossen und trauere nichts nach. Jeder Lebensabschnitt hat seine Vor- und Nachteile. Ich habe mich bewusst für diesen Weg entschieden. Ich bin hier in Luzern angekommen. 

Worin unterscheiden sich Ihrer Meinung nach Unispital und Kantonsspital? 

Wir sind hier auch ein Zentrumsspital, aber gegenüber einem Universitätsspital geht es bei uns weniger auch um die Arbeit am eigenen Ego, sondern um den Patienten. Ausserdem sind die Wege viel kürzer. Wenn man ein Problem hat, kann man sofort jemanden anrufen und muss sich nicht durch x Instanzen durcharbeiten und stösst auch nicht auf Widerstand, weil der Fall zu uninteressant ist, da er nicht publiziert werden kann. Administration gibt es hier zwar auch en masse, aber die Leute sind einfach patientenorientierter. Ich kann mich noch gut an meine eigene Ausbildungszeit erinnern. Wenn der Oberarzt mit einem Forschungsprojekt beschäftigt war, durfte man ihn nicht stören. Das gibt es hier einfach nicht.

Ihre Tür ist also immer offen?

Ja, die Tür ist offen, die Wege sind kurz. 

Das klingt nach einem guten Arbeitsklima. Gibt es denn auch weniger gute Aspekte Ihrer Tätigkeit?

Jeder Arbeitsplatz hat seine Vor- und Nachteile. Wir müssen hier in Luzern ehrlich gesagt schon sehr viel arbeiten. Die Anzahl Mitarbeiter im Verhältnis zur Anzahl Patienten, die wir täglich sehen, ist sicher um die Hälfte bis ein Drittel niedriger als an einem Unispital. Jeder von uns hat von morgens bis abends Sprechstunde plus Administration zu erledigen. Man hat nicht viel Zeit für ein medizinisches Hobby oder eine oder zwei Wochen nur Supervision. Die Sprechstunde läuft immer parallel. 

Das heisst Sie liefern, liefern, liefern…

Es ist streng. Aber die Leute hier sind dankbarer als in der Grossstadt, und diese Wertschätzung gibt einem viel. Nicht jeder zweite Patient kommt mit einem Internetauszug in die Sprechstunde und hat eine Diagnose von Dr. Google parat. Ich arbeite zudem ja auch zwei Tage die Woche in der Dependance in Sursee, die vor einem Jahr eröffnet wurde, und da ist das Gefälle zur Stadt noch grösser. Wenn ich dort die Patienten sehe, sagen sie zu mir: Du bist der Doktor, du musst sagen, was ich tun muss. Das gibt einem die Motivation, beständig in diesem Takt zu arbeiten.

Haben Sie daneben Zeit für ein Hobby?

Ich gehe ab und zu biken, spiele eine wenig Golf, gehe mit meiner Frau oft wandern oder mache Skitouren. Wir haben ein Ferienhaus im Engadin in der Nähe von S-chanf, das meine Frau von ihrem Vater übernommen hat, dort finde ich den Ausgleich. 

Klettern Sie noch?

Nein, dafür bin ich zu wenig fit. Manchmal gehe ich mit meinen Söhnen noch in einen Kletterpark, aber zum richtig Bergsteigen habe ich zurzeit weder die Kraft noch die Konstitution, da muss man topfit sein. Man wird ja auch nicht jünger. Ausserdem ist meine Frau, obwohl sie Engadinerin ist, sie stammt aus Pontresina, nicht schwindelfrei. Sobald es in die Felsen geht oder abschüssig ist, streikt sie (grinst). 

Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?

Ich stehe um 5.15 Uhr auf, lasse den Hund raus, frühstücke und bin dann kurz nach 6 Uhr in der Klinik, wo ich mit Administration starte. Gegen 6.45 Uhr kommen die ersten Patienten. Die Sprechstunde dauert bis ca. 16/17 Uhr, danach folgt wieder Klinikadministration, bis der Arbeitstag dann abends irgendwann endet. 

Und am Wochenende?

Wir haben keinen offiziellen Dienst am Wochenende, das ist natürlich von Vorteil. Ab und zu kriege ich einen Anruf vom Notfall, aber das ist die Ausnahme. Ich arbeite Mails ab oder mache ein wenig Administration. Wenn ich das nicht erledige, erschlägt mich die Menge der Mails am Montag. Den Rest des Wochenendes widme ich mich aber der Freizeit. 

Besprechen Sie Fälle mit Ihrer Frau?

Nein, ich hasse das. Ich möchte das trennen. Meine Frau fragt mich manchmal um Rat, aber ich vermeide das meinerseits möglichst.

Einer Ihrer Schwerpunkte sind Hauttumoren.

Das ist richtig, früher war die Melanom-Vakzination einer meiner Forschungsschwerpunkte. Wir sind ein zertifiziertes Hautkrebszentrum und haben aufgrund des ländlichen Einzugsgebietes sehr viele Hautkrebspatienten. 

Schicken Sie Fälle auch weiter?

Zum Teil schicken wir Fälle weiter in Studien an Unispitäler, da wir die Protokolle hier nicht anbieten können und die entsprechenden Medikamente nicht zur Verfügung stehen. Wir haben Kooperationen mit dem Universitätsspital Zürich und dem Inselspital Bern, manchmal auch mit dem Universitätsspital Basel.

Ist das nicht frustrierend?

Wir haben hier diese Eitelkeit nicht. Wichtig ist, dass es den Patienten gut geht. Jeder kämpft mit Problemen, die zum Teil ähnlich und zum Teil unterschiedlich sind. Ich sehe uns als Ergänzung, und wir sind froh um die Universitäten. Wenn wir mit einem Fall therapeutisch nicht weiterkommen, können wir noch an eine andere Instanz weiterverweisen. Wenn man das Uni-Zentrum ist, ist man praktisch die letzte Instanz. Das ist sicher auch nicht immer einfach, denn es gibt Menschen, denen man einfach nicht mehr helfen kann. Jeder kämpft natürlich bezüglich der Finanzierung. Auch bei uns ist das so dank der Tarifeingriffe von Bundesrat Berset. 

Können Sie das präzisieren?

Im stationären Bereich haben wir die schlechtere Base rate als ein Unispital, obwohl wir praktisch das gleiche Spektrum betreuen. Der Kanton bestimmt die Base rate, bezahlt aber auch 55 % an den stationären Aufenthalt. Er hat also kein Interesse daran, eine hohe Base rate bezahlen zu müssen. Auf lange Sicht geht das einfach nicht auf. Das Kantonsspital Luzern ist mit 1 Milliarde Investitionsbedarf in die «Freiheit» entlassen worden, und das muss bezahlt werden – was immer schwieriger wird. 

Wie sieht die Zukunft der drei Luzerner Spitäler aus, also Luzern, Sursee und Wolhusen?

Jetzt wird es politisch. Wenn Sie den Wolhuser fragen, braucht er natürlich das Spital in Wolhusen. Ein anderer sagt hingegen, dass es überflüssig ist. Politische Äusserungen von Chefärzten werden nicht sehr geschätzt. Ich persönlich denke, dass es das Zentrumsspital in Luzern und sicher auch das Spital Sursee braucht, denn Sursee ist eine grosse, emporkommende Agglomeration. Das Neubauprojekt für Wolhusen hingegen sollte meiner Meinung nach redimensioniert werden. Die Regierung will das Spital Wolhusen gemäss vorliegendem Projekt, nur wer soll das bezahlen? 

Vor 30 Jahren habe ich in Deutschland gearbeitet und gesehen, wie sich das mit den DRGs und dem Globalbudget entwickelt hat, und nun machen wir mit Verzögerung genau das gleiche in der Schweiz. In Deutschland sieht man ja, dass diese Ökonomisierung der Medizin der falsche Weg ist. Ich hoffe, dass das Kantonsspital Luzern nicht durch politische und finanzielle Bestrebungen kaputt gemacht wird. Ich finde es toll hier!

Sie haben von Problemen gesprochen, die überall anders sind. Was ist denn aktuell das Problem des Standortes Luzern?

Ein grosses Problem ist es, einen guten langfristigen Staff aufzubauen, der konstant ist. Aktuell kommen und gehen die jungen Leute, sobald sie etwas gelernt haben. Ich habe manchmal das Gefühl, die jungen Ärzte bleiben ohnehin am liebsten gleich an der Uni oder der ersten Praxis und bewegen sich nicht mehr gross. Flexibilität punkto Arbeitsort, die früher normal war, ist heute nicht mehr üblich. Auch wollen viele Kollegen möglichst Teilzeit arbeiten. Wir haben viele Frauen im Team, die im gebärfähigen Alter sind. Alleine in den letzten zwei Jahren hatte ich acht Schwangerschaften an meiner Klinik, das heisst man hat Ausfälle. Die meisten kommen nach dem Mutterschutz zurück, aber dann nur zu 60 oder 80 %, was die Erstellung von Arbeitsplänen schwierig macht. Die Rekrutierung gut ausgebildeter Leute bleibt eine Herausforderung, Assistenzärzte haben wir genug, aber gute Kaderärzte, die bleiben, sind Mangelware.

Woran liegt das?

Man muss den jungen Leuten bessere Arbeitsbedingungen und Perspektiven bieten. Als Oberarzt an der Klinik verdient man nicht übermässig, der Gap zum Verdienst in der eigenen Praxis ist gross. Wir versuchen nun, eine Klinik der Kategorie B zu werden, damit man drei Jahre als Assistent bleiben kann und dann vielleicht langfristig als Kaderarzt zurückkommt. 

Sie sind 59. Was steht in den nächsten sechs Jahren vor der Pensionierung noch an?

Wir starten 2019 mit der Digitalisierung, der Einführung des neuen Klinikinformationssystems – ein riesiges Projekt, das viele Ressourcen schluckt. Leute werden aus den Kliniken abgezogen, um sich um dieses Projekt zu kümmern, wobei der finanzielle Umsatz nicht einbrechen sollte. Das wird sicher ein ziemlicher Spagat, aber der Wechsel ist nötig, um effizienter und schlanker zu werden. Zudem sind die Krankenakten damit jederzeit für alle zugänglich und auch lesbar. Wenn heute jemand versucht, meine Krankengeschichten zu lesen, muss er schon eine ganze Weile hier gewesen sein, um meine Schrift entziffern zu können (lacht). Ich hoffe, dass wir in zwei bis drei Jahren mit dem Projekt Digitalisierung durch sind. Auch möchte ich den Anteil langfristig an der Klinik arbeitender ärztlicher Kadermitarbeiter erhöhen. Mein Ziel ist es, die Klinik danach meinem Nachfolger oder meiner Nachfolgerin gefestigt zu übergeben.

Hören Sie mit 65 definitiv auf?

Ich kann mir gut vorstellen, nach 65 noch in einem reduzierten Pensum zu arbeiten, aber nicht hier an der Klinik in Luzern. Ich finde es für den neuen Chef schwierig, wenn der alte noch da ist. Ausserdem wäre es für mich als ehemaliger Chef wahrscheinlich auch etwas frustrierend zu sehen, dass es mich eigentlich nicht mehr braucht. Ab einem gewissen Punkt braucht es einfach neue Besen, die kehren besser. Wenn man älter ist, hat man zwar viel Erfahrung, aber man mag auch nicht mehr auf jeden Zug aufspringen. Es braucht dann neuen Wind und neue Ideen, ich möchte da nicht stören. Ich will dann nicht als Schattengestalt durch die Gänge wanken. Ich werde nicht hadern, wenn es so weit ist.

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer Arbeit? 

Der Kontakt zu den unterschiedlichsten oft sehr interessanten Leuten, mit denen man über Gott und die Welt reden kann und nicht nur über Krankheiten. Das ist ein Privileg. Ich sehe täglich Bauarbeiter, Computerspezialisten, Elektriker… ich höre Ideen, frage meinerseits Sachen oder wir philosophieren. Es haben sich so bereits einige Freundschaften entwickelt, bei manchen Patienten freue ich mich regelrecht, wenn sie in die Sprechstunde kommen. Ich finde immer auch den Menschen hinter der Dermatose spannend. 

Gibt es einen besonderen Fall, der Sie sehr beeindruckt hat?

Spektakulär waren Melanom-Patienten mit Metastasen, die wir in Bern experimentell therapiert haben und die heute immer noch leben und zu mir in die Sprechstunde kommen. Gestern, eine ganz andere schöne Geschichte: Eine Patientin war notfallmässig bei mir und erzählte mir, dass ihre Tochter vor etwa zehn Jahren mit 15 bei mir gewesen war und heute noch von mir und meinem Approach schwärmt. So etwas freut mich enorm. Es gibt ja den Spruch «Tue Gutes und sprich davon.» Ich selbst bin der Meinung, man sollte Gutes tun und die anderen darüber sprechen lassen, dann hat man es wirklich gut gemacht.

Kommt es denn oft vor, dass Sie ganze Familien sehen?

Das gibt es schon oft, ja. Wobei man es nicht immer realisiert, denn wir sehen schon sehr viele Patienten am Tag. Man redet über die Kinder, die Familie. Das ist fast wie bei einem Hausarzt.

War es nie ein Thema, Hausarzt zu werden?

Ich habe ein paar Hausarztvertretungen in Thun und im Emmental gemacht, das hat mir sehr gut gefallen. Aber irgendwie ist es nicht dazu gekommen und ich bin in der Dermatologie hängengeblieben. Aber es hätte auch anders kommen können. Ich sehe das auch bei meinen eigenen Kindern: Irgendwann geht ein Türchen auf oder es öffnet sich ein Weg und am Schluss macht man etwas ganz anderes, als man im ersten Moment gedacht hat. Ich habe es nie bereut, Dermatologe geworden zu sein. 

Womit kann man Sie nerven?

Es ärgert mich, wie in den Zeitungen mit den Ärzten umgegangen wird, wie wir auf unsere Einkommen reduziert werden und wir als Ursache der Kostenexplosion und als Gauner dargestellt werden. Da fühle ich mich mittlerweile angeödet, denn es stimmt einfach nicht. Hier in Luzern am Kantonsspital sind wir zum Beispiel fix angestellt, wir haben keine Umsatzbeteiligung. Wie viel macht denn der Anteil der Ärztelöhne an den gesamten Gesundheitskosten aus?! Da sollte man lieber einmal bei der Pharmaindustrie die Preise für die teuren Biologika hinterfragen. Der Zertifizierungs- und Dokumentationswahnsinn muss beendet und die Administration schlanker gemacht werden, damit wir wieder echte Medizin betreiben können. Stattdessen verlangt Bundesrat Berset, dass in der Dermatologie pro Konsultation nur noch eine Viertelstunde aufgewendet wird. Das genügt vielleicht für eine Kontrolle oder einen einfachen Fall, aber komplexen Problemen wird man so nicht gerecht. 

Haben Sie politische Ambitionen?

Innerhalb der SGDV haben wir unsere Treffen und da probiere ich, mich einzubringen. Aber es hat genug Leute, die in der Tarifpolitik aktiv sind. Ich denke, dass man als Gesellschaft vorgehen muss und nicht als Einzelmaske. Wir Ärzte haben zu lange damit gewartet, auf die Politiker zuzugehen und uns einzubringen, sei es spitalintern oder gesamtpolitisch. Der Zug ist an uns vorbeigefahren und nun besteht ein Nachholbedarf, damit die Leute merken, was wir Ärzte überhaupt leisten, und zwar nicht nine to five. 

Was war der beste Tipp, den Ihnen jemand mit auf den Weg gegeben hat?

«Immer ehrlich sein, es kommt alles immer wieder zurück.» Mein Père hat das zu mir gesagt. Er hat auch gesagt: «Ich bin in erster Linie Doktor und kein Krämer.» Mein Vater war ein ganz feiner Typ.

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