«Endokrinologie ist für mich Vielfalt»

Prof. Dr. med. Gottfried Rudofsky ist Chefarzt der Klinik Endokrinologie und metabolische Erkrankungen des Stoffwechselzentrums am Kantonsspital Olten. Er wohnt mit seiner Familie in Aarau, damit seine Oltner Patienten nicht fürchten müssen, ihm im Restaurant über den Weg zu laufen – nachdem er ihnen kurz zuvor erklärt hat, was sie besser nicht essen sollten. Warum er von Heidelberg in die Schweiz kam, wieso er mit seinem Sohn in einem spitalinternen Werbespot zu sehen ist und welches seine Lieblingswörter auf Schweizerdeutsch sind, erzählt er im Interview.

Dr. med. Eva Ebnöther im Gespräch mit … Prof. Dr. med. Gottfried Rudofsky

PraxisDepesche: Prof. Rudofsky, auf der Website des Spitals gibt es ein Foto von Ihnen, auf dem Sie mit Arztkittel und Stethoskop in einer Küche stehen und Gemüse schnippeln …

Prof. Dr. med. Gottfried Rudofsky: Wir bieten hier in der Lehrküche des Stoffwechselzentrums zwei- bis dreimal im Jahr Kochabende für übergewichtige Patienten an. Die Kurse heissen «Einfach schnell gekocht» und werden von einer professionellen Köchin geleitet. Die Teilnehmenden erfahren, wie sie einfache, gesunde Gerichte kochen können – und natürlich wird auch gemeinsam gekocht und gegessen. Das Foto entstand im Rahmen eines dieser Kurse.

Sind die Kurse beliebt?

Wir können sie immer füllen, aber es findet kein Ansturm darauf statt. Diese Patientengruppe ist in der Regel schwer zu motivieren, eine Änderung in Angriff zu nehmen. Die Menschen sind zwar an den Angeboten interessiert, aber wenn wir 100 Flyer abgeben, melden sich schliesslich zwei Personen an. Unser ambulantes Diabetes-Reha-Programm mussten wir aus diesen Gründen einstellen. Es fanden sich einfach nicht genügend Teilnehmer.

Warum ist es für viele Ihrer Patienten unmöglich abzunehmen?

Gewichtsreduktion ist generell ein schwieriges Unterfangen. Zum einen ist einem wenig bewusst, wie viele Kalorien man einsparen muss, um lediglich 1 Kilo abzunehmen. Zum anderen empfindet der Körper die einsetzende Gewichtsreduktion schnell als Existenzbedrohung. Er reagiert bereits auf zwei bis drei Kilogramm Gewichtsverlust und hält dagegen. Und Essen ist nicht nur Belohnung, sondern auch Lebenserhaltungstrieb. Deshalb ist es für viele Menschen schwierig, nur eine kleine Portion zu essen, weil diese erst recht hungrig macht. Das lässt sich mit unserer Urgeschichte erklären: Wenn Höhlenbewohner ein paar Beeren fanden, machten diese Appetit und motivierten zur Suche von weiteren Beeren, denn wo eine Beere ist, müssen ja noch mehr sein! Dieser Trieb ist genetisch verankert und steckt noch immer in uns. Ich versuche meinen Patienten zu erklären, dass sie gegen Mechanismen ankämpfen, die während Millionen Jahren entwickelt wurden, um die Menschen vor dem Verhungern zu schützen. Das ist tricky. Übergewicht hat oft nichts oder nicht nur mit mangelnder Disziplin zu tun: Man war achtlos und ist in diese Gewichtssituation hineingerutscht – und herauszukommen, ist verdammt schwer.

Und oftmals nur noch mit bariatrischer Chirurgie möglich?

Der chirurgische Eingriff hilft oft. Ich sehe ihn jedoch eher als Notfallmassnahme. Es ist widernatürlich, wenn man einen Teil des Darms oder den Magen sozusagen amputiert. Man «grätscht» der Natur von hinten in die Beine, deswegen funktioniert‘s.

Aber die Patienten sind sehr motiviert für eine solche Operation?

Ja, weil viele vom Zustand der ewigen und frustranen Gewichtsreduktion ohne Operation sehr frustriert sind. Es ist falsch zu sagen, Übergewichtige, die sich operieren lassen, wählen einfach den leichteren Weg. Denn alles, was die Patienten ohne Operation machen sollen, um abzunehmen, müssen sie auch machen, wenn sie sich operieren lassen. Sie müssen sehr auf die Ernährung achten. Wenn sie das nicht tun, kommt es nicht gut und man erreicht nicht die volle, mögliche Gewichtsreduktion bei gleichem oder gar höherem Risiko. Oft haben die Patienten unrealistische Vorstellungen, was die Gewichtsreduktion nach der Operation betrifft. Sie erhoffen sich, ihr Körpergewicht um die Hälfte zu reduzieren, aber mehr als 20 oder 30 % erreicht man nur, indem man den Lebensstil komplett umkrempelt. Die besten OP-Patienten sind diejenigen, die das gut verstehen und sich bereits vor dem Eingriff um eine Gewichtsreduktion bemühen.

Werden Patienten mit einer Indikation für eine Operation psychiatrisch abgeklärt?

Ja, sie gehen für ein Gespräch zum Psychiater. Wobei es in der Regel auch der Adipositas-Internist oder der Chirurg merkt, wenn ein bestimmter Patient kein guter Kandidat für eine Operation ist. Auch unsere Ernährungsberaterinnen haben für psychiatrische Probleme ein feines Gespür. Deswegen ist die Betreuung im Team ja auch so wichtig. Zum anderen wissen die Patienten natürlich auch, was sie in einem Abklärungsgespräch sagen sollen und was nicht – darüber informieren sie sich in Online-Foren.

Sie haben aber nicht nur Patienten mit Adipositas …

Richtig, nur Diabetes oder Adipositas, so gerne ich mich damit befasse, wäre auf Dauer nicht erfüllend. Das Faszinierende am Fach Endokrinologie ist für mich die Vielfalt: Von jung bis alt, von einem Mann, der lieber eine Frau sein will, zur Frau, die lieber ein Mann sein will, von Schilddrüsenproblemen bis zu Wachstumsproblemen ist alles dabei.

Behandeln Sie in Olten Transgenderpersonen, obwohl es kein universitäres Zentrum ist?

Ja, für die Einstellung der Hormontherapie kommen diese Patienten zu uns. Dies ist ein Punkt, warum ich gerne in der Schweiz arbeite: Es gibt hier ein exzellentes Gesundheitssystem, wo jeder Patient das bekommt, was er braucht und was sinnvoll ist. Und wir haben hier auch noch mehr Zeit für unsere Patienten als beispielsweise in Deutschland. Alle Beteiligten – Politik, Versicherungen, Spitalleitungen, Ärzte, Patienten – sollten dazu beitragen, das zu erhalten. Das System wird zunehmend wie ein Wirtschaftszweig betrachtet, dabei ist es primär für kranke und alte Menschen da. Man muss auf Wirtschaftlichkeit achten, aber wir sind nicht vergleichbar mit BMW oder Novartis. Ich versuche, den Spagat zwischen Rentabilität und sinnhaftem Tun zu schaffen.

Wie sind Sie in die Schweiz gekommen?

Mein Interesse für die Schweiz als Arbeitsort entwickelte sich bereits im Jahr 2000, als ich in Zürich Unterassistent war. Mich haben damals der kollegiale und freundliche Umgang und die Patientenorientiertheit des Systems nachhaltig beeindruckt. Vor fünf Jahren habe ich mich dann bei Prof. Stefano Bassetti, dem Chefarzt für Innere Medizin, beworben. Mein Vorgänger machte damals 30 % Endokrinologie und war zusätzlich für die allgemeine innere Abteilung zuständig. Ich dachte, wenn ich als junger deutscher Schnöselprofessor 100 % auf der Endokrinologie arbeite, wird es lange dauern, bis wir die Sprechstunde gefüllt haben, und dass es eher ruhig und beschaulich sein wird. Dies war ein Irrtum, denn es gab im Raum Olten grossen Bedarf an endokrinologischer Betreuung. Von Anfang an war die Sprechstunde überbucht, und das ist bis heute der Fall. Ich wurde sehr offen empfangen, gerade auch von den niedergelassenen Ärzten. Das habe ich sehr geschätzt. Anfangs war ich alleine, heute sind wir eine grosse, inzwischen eigenständige Klinik mit sechs ärztlichen Mitarbeitenden. Ich bin auch stolz darauf, dass wir den Kolleginnen und Kollegen einen attraktiven Arbeitsplatz bieten können. Olten ist klein, aber fein.

Mussten Sie jemals gegen das Vorurteil vom «ruppigen Deutschen» ankämpfen?

Hmm, da müssten Sie mal bei mir im Team nachfragen (schmunzelt). Schweizer sind anders sozialisiert als Deutsche. Ich finde, es gibt so viele schöne Schweizer Eigenarten, die man als Deutscher, so helveticophil man auch ist, vermutlich nicht richtig trifft. Alleine schon wie Kritik formuliert wird. «Das war jetzt aber nicht so gut» oder so ähnlich – das kann ich gar nicht, ich bin da immer etwas plumper. Aber ich habe den Eindruck, dass mich die allermeisten Patienten und Arbeitskollegen schätzen. Unachtsamkeiten in der Kommunikation sind nie böse gemeint. Als wir von Heidelberg nach Aarau gezügelt sind …

Sie benutzen tatsächlich das Wort «gezügelt» …

Ich spreche ein wenig Schweizerdeutsch, das setze ich aber nur ein, wenn das Team wieder einmal lachen möchte. Ich sage dann «Zischtig» oder «Dunschtig», und dann ist die Stimmung im Team auf einmal wieder gut. Vermutlich klingt meine Aussprache so grausam. Bei Vorträgen, die ich in Deutschland halte, verwende ich automatisch auch Schweizer Ausdrücke wie «Spital» oder «Notfall». Manche Schweizer Ausdrücke sind auch treffender als hochdeutsche, beispielsweise «es isch gäbig» oder «gruusig». Bis ich realisiert habe, dass mit dem Schweizer Ausdruck «poschte» das Einkaufen gemeint ist, habe ich zu Beginn in der Sprechstunde einfach brav genickt und mir gedacht, dass Schweizer einfach sehr häufig die Post aufsuchen.

Warum wohnen Sie in Aarau statt in Olten?

Olten ist cool, ich gehe sehr gerne hier in verschiedene Restaurants oder Läden. Ich habe aber auch gern ein wenig Distanz und Privatsphäre, vor allem auch wegen meiner Patienten. So müssen sie nicht fürchten, mir im Restaurant über den Weg zu laufen, nachdem ich ihnen kurz zuvor in der Sprechstunde empfohlen habe, was sie besser nicht essen sollten... In Aarau konnten wir ein schönes Häuschen mieten, was toll ist für unsere beiden kleinen Kinder.

Als ich vorher in der Cafeteria des Spitals Olten auf die Informationsbildschirme schaute, sah ich plötzlich Sie mit Ihrem Sohn, wie Sie für die spitalinterne Kinderkrippe werben …

(seufzt) Dazu hat man mich überredet … Ich bringe die Kinder an vier Tagen in die Krippe, weil meine Frau in Bern arbeitet. Wir holen die Kinder jeder an je zwei Tagen ab, was mich ein wenig entlastet, da ich an den «freien» Abenden etwas länger im Büro bleiben kann.

Gelingt es Ihnen, die berufliche Belastung und die familiären Verpflichtungen unter einen Hut zu bringen?

Die Belastung ist schon gross, da werde ich leider etwas ungeduldiger mit den Kindern. Da bin ich dann meinem Vater ähnlich, der auch immer viel gearbeitet hat und dann ebenfalls manchmal ungeduldig mit uns war. Obwohl ich mir vorgenommen habe, nicht so zu werden, stelle ich dann ähnliche Wesenszüge fest. Das hat also leider nicht ganz geklappt (schmunzelt).

Sie wollten anders sein als Ihr Vater?

Ja, obwohl ich meinen Vater sehr geschätzt und geliebt habe. Mein Vater war Angiologe und für das Fach Lehrstuhlinhaber am Uniklinikum Essen, ein sehr leidenschaftlicher Arzt. Er hat sich für den Beruf aufgeopfert und ist auch für den / durch den Beruf gestorben. Er hatte ein Bronchialkarzinom, war Kettenraucher, wie es sich für einen guten Angiologen gehört (seufzt). Das Rauchen war für ihn sicherlich ein Ventil, mit dem Stress, der Belastung und der Verantwortung für die Patienten umzugehen. Er hatte auch einmal recht lange an einem Lehrbuch geschrieben, als ich noch ein kleiner Junge war. Dadurch hatte er nicht viel Zeit für die Familie. Einmal sagte ich zu ihm: «Papa, wenn ich gross bin, werde ich auch Arzt und dann helfe ich dir bei deinem Scheissbuch.»

Also war Ihre Berufswahl vorhersehbar …

Nicht wirklich, denn in der Schule war ich in allen Fächern schlecht, ausser in Biologie. Wälder, Bäume und Pflanzen, das fand ich alles grossartig, Fussball interessierte mich weniger. Mit 18 Jahren brauchte ich dann Geld. Mein Vater riet mir, im Spital als Pflegehilfskraft zu arbeiten. Die Arbeit mit den Patienten machte mir dann grossen Spass. Danach wollte ich herausfinden, ob mir diese Arbeit auch über längere Zeit Freude bereitet, und ich habe 15 Monate Zivildienst in der Pflege absolviert. Das war für mich eine tolle Zeit! Ich habe noch heute Briefe, die mir Patienten damals geschrieben haben. Mein Studium war dann eine logische Konsequenz. Nach einigen spannenden Jobrotationen, auch auf dem Notfall, wurde ich schliesslich zum Endokrinologen. Mir gefällt das Intellektuelle am Fach, die Kombination aus Laborwerten, Klinik und Bildgebung.

Sie haben eine ausserplanmässige Professur in Heidelberg. Was muss man sich darunter vorstellen?

In der Schweiz nennt man dies wohl «Titularprofessor». An Personen mit den richtigen Qualifikationen, die eine gewisse Anzahl an Publikationen veröffentlicht und die auch genügend Drittmittel eingeworben haben, kann ein solcher Titel verliehen werden. Ich wollte diesen Professortitel auch aus dem Grund, da er mich verpflichtet, die durch den Titel bei den Patienten entstehenden Erwartungen zu erfüllen und für sie das Beste zu geben. Meinen Lehrauftrag in Heidelberg erfülle ich sehr gern, denn die Lehre liegt mir am Herzen. Momentan mache ich pro Semester einmal ein eintägiges Seminar und einen zusätzlichen dreitägigen Block, zusätzlich kümmere ich mich noch um die Korrektur Patientenberichte der Studierenden, um mein Lehrdeputat in Heidelberg zu erfüllen. Und neu unterrichte ich seit diesem Semester ja auch noch an der ETH in Zürich.

Was beinhaltet dieses Projekt?

Im Lehrgang «Bachelor of Medicine» darf ich den Teil «Vom Symptom zur Diagnose» im Bereich Endokrinologie lehren. Ich liebe es, den Studenten die Differenzialdiagnose, das Spannende am Fach, zu vermitteln. Ich arbeite mit Prof. Dr. med. Giatgen Spinas zusammen, dem ehemaligen Ordinarius für Endokrinologie am USZ. Eine solche Anerkennung bekommt man in Deutschland nur selten, dort bleiben die Ordinarien lieber unter sich. Das ist in der Schweiz ganz anders. Prof. Donath, der Ordinarius für Endokrinologie am USB in Basel, ist für mich der Marc, und wenn ich ein Problem habe, darf ich mich bei ihm melden und er freut sich darüber. So ist das auch mit vielen anderen Berufskollegen in der Schweiz. Das finde ich sehr angenehm.

Ist die Karriere an einer Universitätsklinik für Sie keine Option?

An einer modernen Universität wird viel Wert auf Grundlagenforschung gelegt und man ist permanent mit Anträgen, Zellkulturen, Mäuseversuchen und Manuskripten beschäftigt. Obwohl ich gerne klinisch wissenschaftlich arbeite, wollte ich das nicht auf Dauer. Das war für mich ein wichtiger Grund, an ein kleineres Spital wie Olten zu gehen. Meine wissenschaftlichen Qualifikationen wollte ich in erster Linie erreichen, um eine qualifiziertere Patientenversorgung anbieten zu können.

Was ist Ihr Ausgleich zum Berufsleben?

Im Moment stehen die Kinder im Fokus. Und wir fahren gerne weg, so kann ich bestens abschalten, denn wenn man weg ist, denkt man nicht die ganze Zeit an die Dinge, die beruflich noch zu tun sind, oder die Hecke, die man noch schneiden sollte oder an die Lampe, die noch dringend aufgehängt werden muss. Früher bin ich gerne mit meinem Oldtimer herumgefahren, aber für das Herumschrauben am Auto fehlt mir momentan schlicht die Zeit. In ein paar Jahren wird es aber sicher wieder mehr Zeit für anderes geben. Dann kommen auch meine Frau und ich wieder mehr zum Zug.

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