«Die Schweiz soll in der Schokoladenforschung federführend sein»

Wäre es nicht schön, wenn man gastroenterologische Erkrankungen mit Schokolade behandeln könnte? Prof. Dr. med. Mark Fox, Leiter der Klinik für Motilitätsstörungen und funktionelle Magen-Darm-Erkrankungen an der Klinik Arlesheim, hat in einer Pilotstudie den Einfluss von Kakao in Form dunkler Schokolade auf die Verdauung und das Gehirn untersucht. Im Interview erzählt Mark Fox, was die Resultate seiner «Schokoladen-Studie» bedeuten und ob Patienten mit Reizdarm-Syndrom schon bald von einer Therapie auf Schokoladebasis profitieren könnten.
David Husi im Gespräch mit … Prof. Dr. med. Mark Fox
PraxisDepesche: Prof. Fox, was hat Sie dazu bewogen, den Einfluss von Schokolade auf die Verdauung und aufs Gehirn zu untersuchen?

Prof. Dr. med. Mark Fox: Im Prinzip interessiert sich ja fast jeder für das Thema Schokolade. Wir glauben, dass der Konsum von Schokolade glücklich macht. Und wir erinnern uns an den Ratschlag von Oma, bei unruhigem Magen ein wenig dunkle Schokolade zu essen. Meine ehemaligen Kollegen im Claraspital und ich wollten dies genauer wissen und haben letztes Jahr eine Studie gemacht, bei der wir den Effekt von dunkler Schokolade mit 70 % Kakaoanteil mit dem Effekt von weisser Schokolade mit 0 % Kakaoanteil auf die Verdauung untersucht und verglichen haben1. Wir haben unter anderem die Parameter Magenentleerung, Darm- und Dickdarmtransitzeit sowie die Stuhlfrequenz gemessen. Beim Magen und der Verdauung gab es keinen grossen Einfluss. Allerdings konnten wir im Dickdarm eine signifikante Verlangsamung des Transits feststellen. Und die Studienteilnehmenden hatten weniger Stuhlgänge und eine festere Stuhlkonsistenz. Der Effekt war bei diesen gesunden Probanden nicht übertrieben stark, aber konsistent. Oma hatte also tatsächlich recht. Für uns ist das interessant, weil das Bedürfnis nach natürlichen Produkten aus dem Bereich der Phytomedizin bei vielen Patienten mit Magendarmerkrankungen da ist. Patienten, die an chronischen, persistierenden Magendarmbeschwerden leiden, möchten nicht jeden Tag starke pharmakologische Medikamente einnehmen und bevorzugen eine natürliche Alternative. Und wenn wir mit Hilfe der Substanzen, die in Schokolade enthalten sind, den Patienten helfen können, ist das eine gute Sache.

War es schwierig, Probanden für die Studie zu finden, die bereit waren, so viel Schokolade zu essen?

Im Gegenteil! Für die Pilotstudie haben wir nur 16 Probanden benötigt. Wir wollten aufzeigen, ob Schokolade überhaupt einen Effekt hat und haben dazu verschiedenste Messungen vorgenommen. Wir haben über 200 Bewerbungen erhalten. Es klang wohl einfach sehr verlockend, für ein Forschungsprojekt zwei Wochen lang leckere Schokolade zu essen und dabei noch etwas Gutes zu tun.

Welche Auswirkungen haben die Ergebnisse der Studie auf Ihre Patienten?

Den Probanden unserer Studie ging es vor und auch nach der Studie bestens, sie blieben von schweren Nebenwirkungen verschont (schmunzelt).

Wir haben nicht nur den Magen-Darm-Bereich, sondern, zusammen mit PD Dr. med. Freimut Jüngling, auch Einflüsse auf das Gehirn mit einem nuklearmedizinischen Imaging-Verfahren untersucht. Wir hatten einen Effekt auf das «Glückszentrum» im Gehirn, genauer im limbischen Kortex, erwartet, konnten aber in diesem Bereich keinen Unterschied zwischen dunkler und heller Schokolade nachweisen. Es ist wahrscheinlich, dass sowohl dunkle als auch weisse Schokolade einen glücklich machen! Allerdings konnten wir zeigen, dass bei Einnahme von dunkler Schokolade der ganze hintere Teil des Gehirns aktiviert wurde. Dieser Teil ist für die visuelle Stimulation, also für die Interpretation der visuellen Eindrücke verantwortlich. Für uns war das eine Überraschung, obwohl wir später herausgefunden haben, dass das Ergebnis mit der Literatur auf diesem Gebiet übereinstimmt. Es wurde wissenschaftlich bewiesen, dass man nach Einnahme von dunkler Schokolade zum Beispiel gewissen Objekten besser folgen oder Farben schneller erkennen kann. Wir waren hier die ersten, die dies anhand des Gehirn-Imagings belegen konnten.

Natürlich wirft diese Pilotstudie auch viele Fragen auf. Wir hoffen aber, dass zum Beispiel Patienten mit Reizdarmsyndrom in Zukunft durch die nachgewiesenen Effekte von Schokolade im Magen-Darm-Bereich und Gehirn profitieren können.

Die Ergebnisse der Studie haben gezeigt, dass Schokolade den Darm beruhigt und den Stuhl festigt. Werden Sie die Wirkung von Schokolade auf die Verdauung in weiteren Studien untersuchen?

Ja, das ist geplant und die Vorarbeit läuft sogar bereits. Ich arbeite eng mit den Kolleginnen und Kollegen von der St. Clara Forschung zusammen, dazu gehören PD Dr. med. Bettina Wölnerhanssen und Dr. phil. Anne Christin Meyer-Gerspach. Sie kümmern sich um die metabolische Forschung und ich bin für die Magendarm-Forschung zuständig. Wir arbeiten auch mit Prof. Thilo Hühn von der ZHAW Wädenswil zusammen, der für uns eine «gesündere» Schokolade mit geringerem Zuckergehalt entwickelt. Gleichzeitig soll die Konzentration der nützlichen Bestandteile aus den Kakaobohnen wie Flavonoide, Vitamine und Mineralien erhöht werden.

Man muss sich fragen, warum es trotz des vorhandenen Wissens bisher keine medizinischen Produkte auf Schokoladebasis gibt.

Es liegt zum Teil an den Herstellern, die lieber ein Luxusprodukt verkaufen möchten und wenig Interesse daran haben, den Gesundheitsaspekt einzubeziehen. Meines Erachtens ist dies ein Fehler, denn nicht nur im Magen-Darm-Bereich wird geforscht, sondern auch im Bereich Metabolismus. Dort gibt es erstaunlicherweise verschiedenste Studien, die zeigen, dass Probanden, die regelmässig dunkle Schokolade konsumieren, weniger Diabetes, weniger Herzerkrankungen und sogar weniger Demenz haben.

Nicht nur Ihre Schokoladen-Studie, auch ein Experiment zur Erforschung des Völlegefühls bei verschiedenen Weihnachtsmenüs, das im «European Journal for Gastroenterology and Hepatology» veröffentlicht wurde, fand Erwähnung in Publikumsmedien. Befassen Sie sich gezielt mit Themen, die auch für ein Laienpublikum interessant sind?

Auf jeden Fall. Die klinische Forschung ist nicht nur für das Laienpublikum, sondern auch für viele junge Ärzte schwierig zugänglich. Die Ergebnisse werden oft sehr verschlüsselt präsentiert. Wir achten darauf, dass unsere Studien korrekt durchgeführt und dokumentiert werden. Aber wir kommunizieren unsere Ergebnisse in einer Art und Weise, die mehr zugänglich ist, weil wir wissen, dass dies geschätzt wird. Anstatt die Wirkung von Fett und Alkohol auf die Magenmotorik und Sensorik zu untersuchen, versuchen wir beispielsweise herauszufinden, was man am besten zu einem Schweizer Käsefondue trinkt2 oder was in der festlichen Jahreszeit gegessen wird3.

Und durch diese Art der Kommunikation möchte ich nicht nur der Allgemeinheit gute und verständliche Informationen liefern, sondern auch meine Kolleginnen und Kollegen für die Magen-Darm-Funktion begeistern.

In meinem Labor im Zentrum für integrative Gastroenterologie der Klinik Arlesheim verfügen wir über das gesamte Spektrum an Technologien, mit denen wir die Magen-Darm-Funktion, die Speiseröhre oder die Enddarmfunktion wunderschön und klar darstellen können, in einer Art und Weise, dass es auch Patienten verstehen. Und darauf basierend können wir klare und brauchbare Diagnosen stellen, die nicht abstrakt sind, sondern die Beschwerden bzw. die Funktionsstörung der Patienten erklären. Jede Diagnostik ist auf die Therapie orientiert. Basierend auf diesen Erkenntnissen wird ein vernünftiger therapeutischer Ansatz empfohlen, um die Symptome zu reduzieren und die Lebensqualität im Alltag deutlich zu erhöhen. Dies ist sehr hilfreich für meine Patienten und auch für die überweisenden Ärzte.

Was empfehlen Sie Patienten mit chronischen Verdauungsproblemen?

Es kommt natürlich darauf an, mit welchen Beschwerden die Patienten zu mir kommen. Bei Refluxbeschwerden empfehle ich Patienten, die möglichst auf Medikamente verzichten möchten, nach den Mahlzeiten Kaugummi zu kauen. Durch das Kauen und Schlucken wird der Magen entspannt und gleichzeitig wird Säure durch Speichel neutralisiert. Für manche Patienten ist das ausreichend. Generell sollte man bei Reflux keine allzu fetthaltigen Speisen zu sich nehmen, denn dies sensibilisiert den Darm. Also zum Dessert besser ein Sorbet als ein crèmiges Glacé. Meine bereits vor zehn Jahren veröffentlichten Studien zeigen, dass man durch fettärmeres Essen die Refluxbeschwerden nach den Mahlzeiten um bis zu 40% reduzieren kann. Dieser Tipp ist übrigens genauso effektiv bei Völlegefühl oder Übelkeit4.

Bei Unterbauchbeschwerden wie Blähungen oder Stuhlunregelmässigkeiten können Flohsamen helfen. Dadurch wird im Darm eine Art Gel produziert, wodurch weiche, volumige Stuhlgänge den Darm leichter passieren können. Auch Blähungen werden dadurch reduziert.

Ein modernerer Ansatz besteht darin, gezielt Lebensmittel zu konsumieren, welche die Verdauung günstig beeinflussen. Auch eine ruhige Atmung mit dem Zwerchfell, bei der die Thorax- und Abdominalmuskulatur entspannt wird, beeinflusst das Blähbauchgefühl positiv. In der Praxis kombinieren wir die verschiedenen Ansätze natürlich. Patienten, die keine Medikamente schlucken möchten, können über diese alternativen Ansätze sehr viel erreichen.

Sie haben Anfang Jahr an die Klinik Arlesheim gewechselt. Was ist Ihre Aufgabe am neuen Arbeitsort?

Meine persönliche Aufgabe in der Klinik ist, ein überregionales Center of Excellence im Bereich der Diagnostik und der Behandlung von Motilitätsstörungen und funktionellen Erkrankungen des Verdauungssystems aufzubauen. Bereits seit 20 Jahren ist mein Spezialgebiet die Entwicklung neuer Technologien, bei der die Magen-Darm-Funktion schön und klar dargestellt werden können5. Eine solche Technologie inklusive «hoch-auflösender Manometrie (HRM)», «Endo-FLIP», ambulanter Reflux-Messungen und detaillierter Untersuchungen der Enddarmfunktion mittels HRM und Barostat haben wir jetzt hier eingeführt.

Zusammen mit meinem Kollegen Dr. med. Philipp Busche möchten wir hier in Arlesheim ein integratives Zentrum für Gastroenterologie aufbauen. Das Ziel ist, neben schulmedizinischen Ansätzen auf höchstem Niveau auch eine ganzheitliche Medizin anzubieten, wo wir Ansätze wie Diät und Lebensstil einbeziehen. Wir wollen Gesundheit fördern und nicht nur Krankheiten bekämpfen. Dazu steht uns in der Klinik Arlesheim auch die anthroposophische Medizin zur Verfügung, die für einen nicht unerheblichen Anteil unserer Patienten wichtig ist.

Wir glauben, dass diese ganzheitliche Medizin von grossem Vorteil ist, weil es für unsere Patienten wichtig ist zu verstehen, was los ist. Erst wenn sie nämlich darüber Bescheid wissen, können die meisten Patienten anfangen, sich selbst zu heilen.

Mögen Sie selbst auch Schokolade?

Ja, selbstverständlich. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich noch ein Kind war. Meine Mutter, sie ist Schweizerin, hat uns damals immer, wenn keine Zeit fürs Kochen blieb, «Schoggibrot» gemacht. Auch als wir in England lebten, hatten wir zu Hause immer Schweizer Schokolade vorrätig. Ich mag zwar Schokolade ganz unterschiedlicher Geschmacksrichtungen, aber jetzt, wo ich so viel über die mögliche Wirkung von Kakao gelernt habe, widme ich mich vermehrt der dunklen Schokolade mit mindestens 70 % Kakaoanteil. Wenn es ein Forschungsgebiet gibt, bei dem die Schweiz führend sein könnte, dann müsste es doch die Schokoladeforschung sein!

Bibliografie

  1. Fox M, et al.: Effect of cocoa on the brain and gut in healthy subjects: A randomised controlled trial. British Journal of Nutrition 2018; 1-8. doi:10.1017/S0007114518003689
  2. Heinrich Het, et al.: Effect on gastric function and symptoms of drinking wine, black tea, or schnapps with a Swiss cheese fondue: randomised controlled crossover trial. BMJ. 2010; 341: c6731.
  3. Parker HL, et al.: What to eat and drink in the festive season: a pan-European, observational, cross-sectional study. Eur J Gastroenterol Hepatol. 2017; 29: 608-614.
  4. Fox M, et al.: The effects of dietary fat and calorie density on esophageal acid exposure and reflux symptoms. Clin Gastroenterol Hepatol. 2007; 5: 439-444.
  5. Fox M, et al.: Clinical measurement of gastrointestinal motility and function: who, when and which test? Nature Reviews Gastroenterology & Hepatology 2018; 15, 568-579. (Deutsche Version: Hausarzt Praxis)

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