«Alle Tiere schlafen – auch Würmer und Fliegen»

Die Schlafforschung gehört zu den grossen Leidenschaften von Prof. Dr. med. Claudio Bassetti, Klinikdirektor und Chefarzt an der Universitätsklinik für Neurologie, Inselspital Bern. Um den menschlichen Schlaf besser zu verstehen, untersucht er unter anderem auch das Schlafverhalten von Tieren. Warum er weder Psychiater noch Basketball-Profi geworden ist und welche wichtige Rolle ein Beinbruch in seinem Leben spielte, erklärt er im Interview.

Dr. med. Eva Ebnöther im Gespräch mit... Prof. Dr. med. Claudio Lino Alberto Bassetti

Das Sprechzimmer von Prof. Bassetti ist hell, aufgeräumt und – erstaunlich für ein Büro – richtig gemütlich. Das liegt an den Bildern und Gegenständen, mit denen der Chefarzt Neurologie am Inselspital diesen eigentlich nüchternen Raum dekoriert hat. Sie zeugen von seinen zahlreichen Interessen: Fotos von der Familie und Freunden, Bücher über Kunst, Memorabilien von Patienten und an der Wand zwei Werke seiner Schwester Fiorenza und eine Ikone.

BrainMag: Prof. Bassetti, was hat es mit der Ikone auf sich?

Prof. Dr. med. Claudio L. Bassetti: Ich hatte schon immer ein Faible für die russische Kultur. Bereits mit elf Jahren machte ich meine ersten Schulprojekte zum Thema Russland, und ich wollte immer russisch lernen. Inzwischen bin ich mit einer Ukrainerin verheiratet, habe drei Söhne mit italienischen und russischen Namen und zuhause sprechen wir russisch und italienisch.

Sie sprechen russisch?

Ja, fliessend. Ich konnte das schon, bevor ich meine Frau Tatiana kennenlernte. Ich hatte immer den Traum, dass meine Kinder einmal russisch sprechen.

Woher kommt diese Vorliebe? Waren Sie als Jugendlicher ein Verfechter von kommunistischen Ideen oder hat Sie eher die Kultur angezogen?

Meine Faszination begann schon im Kindesalter, als ich die russische Literatur noch nicht kannte. Russland war für mich ein Land des Rätsels, ein Mysterium, zu dem ich intuitiv Zuneigung empfand. Die Natur, die gewaltige Grösse, die Weite – das hat mich alles interessiert. Auch das ernste Auftreten der russischen Athleten an den olympischen Spielen, obwohl ich von der Musik gleichzeitig wusste, dass die Russen sehr emotional sind. Auch berühmte Schachspieler aus Russland haben meine Faszination für das Land beflügelt. Und da gab es auch noch den eisernen Vorhang. Russisch zu lernen, bedeutete für mich, etwas zu durchdringen, das nicht allen möglich war. Mein ältester Sohn, der jetzt 15 ist, hat eine ähnliche Leidenschaft für Japan entwickelt. Bei ihm haben sicher Mangas eine Rolle gespielt, Trickfilme und auch das Essen.

Möchte er Japanisch lernen?

Ja, aber er muss sich momentan auf Prüfungen in der Schule konzentrieren. Er spricht bereits fünf Sprachen: russisch, italienisch, deutsch, französisch und englisch, und er versteht ukrainisch. Ich spreche selbst auch sechs Sprachen. Reisen und die Offenheit gegenüber anderen Kulturen sind für mich wichtig. Ich schätze die grosse Diversität, die wir hier haben. In der Medizin sähe ich Bern gerne noch internationaler.

Sind Sie wie Ihre Kinder mit mehreren Sprachen aufgewachsen?

Nein, ich bin in Bellinzona mit italienisch gross geworden. Deutsch, französisch und englisch habe ich in der Schule gelernt, die anderen zwei Sprachen nebenbei …

Wie kamen Sie zur Medizin?

Als 14-Jähriger brach ich mir beim Skifahren das Bein und lag lange Zeit im Spital. Heute wäre das eine Sache von wenigen Tagen – bei mir hat es dreieinhalb Monate gedauert, denn es gab eine Komplikation nach der anderen. Diese Zeit war prägend für mich. Ich hatte zwar einen sehr guten Arzt, dessen menschliche Art ich sehr schätzte, doch eigentlich war ich noch ein Kind, das auf der Station der Erwachsenen lag. Das war nicht einfach für mich. Ich lernte, mich selbst zu organisieren. Meine Klassenkameraden brachten mir den Schulstoff vorbei und ich lernte selbstständig. So verpasste ich nicht den Anschluss und konnte in derselben Klasse bleiben. Ich verlor auch meine Angst vor dem Spital. Mit der Zeit gefielen mir die Abläufe: die Arbeiten der Krankenschwestern, die Arztvisite usw.

Bei der Berufswahl war die Medizin für mich ein Mittelweg zwischen meinen zwei grossen Vorlieben Biologie und Geschichte, zwischen Natur- und Geisteswissenschaft. Zu Beginn des Studiums hatte ich noch Zweifel, ob Medizin die richtige Entscheidung war. Aber später realisierte ich, was es bedeutet, Medizin zu praktizieren: der Mensch, das Leiden, die Begleitung der Patienten und die Verantwortung, die man für sie trägt.

Waren Ihre Eltern stolz auf Ihre Berufswahl?

Mein Vater, ein Ingenieur, hatte den Wunsch, dass ich in seine beruflichen Fussstapfen trete, und war dann anfangs etwas enttäuscht, als ich mich für die Medizin entschied. Er hat meine Entscheidung aber sportlich genommen, und mein Verhältnis zu ihm blieb trotzdem gut. Meine Mutter sah mich wegen meiner Art, des Charakters und den kommunikativen Stärken als zukünftigen Diplomaten. Eigentlich hatte sie mit ihrer Einschätzung nicht so unrecht, denn ich habe wohl eine politische Begabung. Meine Mutter wollte ursprünglich selbst Medizin studieren, konnte diesen Traum aber nicht verwirklichen, da sie aus einfachen Verhältnissen kam.

Wieso haben Sie sich auf Neurologie spezialisiert?

Zu Beginn war ich mehr von der Psychiatrie fasziniert, weil ich dort alles sah, was die Medizin sein kann: das Biologische, das Menschliche. Allerdings kannte ich keinen Psychiater, von dem ich so richtig begeistert war. Und ich hatte zudem grossen Respekt vor der Aufgabe als Psychiater: dass man neurobiologisch, aber auch psychosozial stark tätig sein muss. Dies erschien mir, als ich ein junger Arzt war, als eine zu schwierige Aufgabe. Also entschied ich mich für das «Einfachere», die Neurologie. Heute bin ich sehr zufrieden und denke, dass dies die richtige Entscheidung war. Ich begann meine berufliche Laufbahn in Basel, dann war ich im Tessin und parallel dazu in der Neurologie in Bern und Lausanne, dann in den USA, dann in Zürich und schliesslich kam ich mit einem Umweg übers Tessin wieder nach Bern zurück. Und das gern, da ich die Stadt sehr mag.

Können Sie Ihr Interesse für die Psychiatrie auch in der Neurologie ausleben?

Meine Einstellung zu neurologischen Krankheiten war immer holistisch geprägt. Es ist mir wichtig, dass man verschiedene Aspekte einer Krankheit zu verbinden versucht. In meiner dreijährigen Zeit im Tessin habe ich eine Stiftung übernommen, die diese Einstellung weiterträgt, die «Fondazione Sir John Eccles». Wir versuchen, den Dialog zwischen den verschiedenen Disziplinen Neurowissenschaften, Psychologie, Psychiatrie, Philosophie und Pädagogik zu fördern und organisieren Tagungen zu verschiedensten Themen wie Musik, Bewusstsein, Sprache, Mathematik oder auch Magie. Heutzutage ist die Superspezialisierung so weit fortgeschritten – da braucht es den Willen und die Mittel, die dafür sorgen, dass die Spezialisten untereinander im Gespräch bleiben. Mein Engagement für die Stiftung begann, als der Ruf nach Bern kam. Ich fühlte mich verpflichtet, weiterhin das Tessin zu unterstützen, auch wenn ich nicht mehr immer dort sein kann. Ich war auch lange im Ente Ospedaliero Cantonale (EOC) als Berater tätig, aktuell bin ich noch im Advisory Board des «Istituto di Ricerca in Biomedicina», dem stärksten Forschungsinstitut des Tessins. Ich bin froh, dass ich noch etwas für meinen Kanton machen kann.

Sie forschen vor allem im Bereich der Schlafmedizin.

Als junger Assistenzarzt in der Neurologie begann ich mich für Zustände wie Locked-in-Syndrom, vegetativer Zustand etc. zu interessieren, und ich schrieb meine Doktorarbeit zum Thema Koma. Über das Koma und komaähnliche Zustände kam ich zum Schlaf, da dies alles phänomenologische Variationen desselben Themas sind. In Basel betrieb ich anderthalb Jahre lang neurophysiologische Grundlagenforschung bei Prof. Leo Hösli, der auch zum Thema Schlaf doktoriert hatte. Und mein Vorgänger hier in Bern, Prof. Christian Hess, hat mich motiviert, mich mit Schlafmedizin und -forschung zu befassen. Dies sei das spannendste Gebiet, meinte er.

Haben Sie das Schlafzentrum hier in Bern gegründet?

Nein, es bestand schon in den 1980er Jahren und war das erste multidisziplinäre Schlafzentrum in der Schweiz. Als ich 2012 wieder nach Bern kam, sorgte ich aber dafür, dass die Grundlagenforschung zum Schlaf nach Bern kommt. Mein Kollege Prof. Dr. Antoine Adamantidis, eine Kapazität der Schlaf-Grundlagenforschung, hat mir geholfen, das Zentrum für Experimentelle Neurologie (ZEN) aufzubauen. Ich selbst betreibe auch Grundlagenforschung, aber nicht auf seinem Niveau. Das war einer der Gründe, warum ich vom Tessin nach Bern gekommen bin: Hier habe ich viel mehr Möglichkeiten in der Forschung. Die Forschung zum Thema Schlaf in Bern, Zürich, Lausanne, Genf, Basel, an ETH und EPFL sowie im Tessin ist sehr gut. Wir haben in den letzten zwei bis drei Jahren ein Schweizer Konsortium im Rahmen eines NCCR-Grant-Proposals gründet. Die Bandbreite an beteiligten Experten ist riesig, vom Grundlagenforscher, der mit Fruchtfliegen arbeitet, bis zu Personen, die in der Hausarztmedizin tätig sind. Man könnte fast von einem «Sleep Silicon Valley Schweiz» sprechen.

Schlafen Fruchtfliegen?

Ja. Alle Tiere, die wir untersuchen, schlafen, auch beispielsweise Würmer. Die Fliege nimmt eine Körperposition ein, an der wir erkennen, dass sie schläft, und man kann den Schlafzustand auch von den Neuronen ableiten. Wenn wir die Fliegen am Schlafen hindern und sie dann endlich schlafen können, tun sie dies etwas länger als normal – genau wie Menschen.

Gibt es innerhalb der Schlafmedizin ein Gebiet, das Sie speziell interessiert?

Als Neurologe interessiert mich natürlich der Zusammenhang zwischen Schlaf- und Gehirnerkrankungen. So wissen wir heute, dass Schlafapnoe ein Risikofaktor für einen Hirnschlag ist. Durch die Behandlung von Schlafstörungen kann man auch gewissen Krankheiten des Gehirns vorbeugen oder ihren Verlauf positiv beeinflussen, zum Beispiel Epilepsie, Hirnschlag oder Demenz. Ein zweites Gebiet, für das ich mich sehr interessiere, sind die Erkrankungen des Gehirns, die sich früh mit Schlaf-Wach-Störungen manifestieren, wie beispielsweise Parkinson oder Alzheimer-Demenz.

Als Neurologe haben Sie oft mit Patienten zu tun, die an sehr schweren degenerativen Krankheiten leiden. Wie gehen Sie damit um?

Manchmal ist es sehr schwierig, weil sich mit den Patienten, die ich ja immer wieder sehe, ein persönliches Verhältnis entwickelt. Ich pflege eine direkte und ehrliche Kommunikation und muss manchmal mit den Patienten über sehr schwierige Dinge reden. Man kann lernen, damit umzugehen oder die richtigen Worte für eine entsprechende Situation zu finden, aber richtig daran gewöhnen kann man sich nicht. Ausser wenn man die Menschlichkeit nicht mehr zuliesse … Die Lebenserfahrung hilft mir sehr bei der Wahrnehmung des Patienten und seinen Problemen. Trotzdem erlebe ich auch Situationen, in denen ich realisiere, dass ich an meine Grenzen stosse. Manchmal findet man einfach nicht die richtigen Worte oder die richtige Emotion, die für einen spezifischen Patienten im gegebenen Moment wichtig wäre. Früher hat man den Patienten oft medizinische Informationen vorenthalten, heute hat man die Tendenz, sofort mit allem rauszurücken, was das andere Extrem ist. Besser wäre, jedem Patienten die richtige Dosis Informationen im passenden Umfeld zu verabreichen. Das ist eine tägliche Herausforderung.

Haben Sie Hobbys, um abzuschalten?

Ich liebe es zu lesen, ins Kino zu gehen, Kunst, Musik und auch die Natur zu geniessen. Auch Sport habe ich sehr gern. Früher spielte ich Basketball und Fussball, und es war eine grosse Enttäuschung in meinem Leben, dass ich nicht das Talent für eine Basketball-Profikarriere hatte (lacht). Heute gehe ich joggen, Ski fahren, schwimmen – und natürlich an die Fussballspiele meines zweiten Sohns, der Torhüter ist.

Sie sind klinisch und in der Lehre tätig, Sie forschen und Sie sind Klinikdirektor. Welche dieser Aufgaben gefällt Ihnen besonders gut?

Ich schätze den Patientenkontakt sehr, und wenn ich helfen kann, ist das für mich eine enorme Befriedigung. Was ich auch sehr mag, ist der kreative Aspekt, wenn ich bei einem Forschungsprojekt etwas Neues denken kann oder beim Schreiben eines wissenschaftlichen Artikels die Resultate synthetisieren muss. Und der Kontakt mit angehenden Medizinern, die eine Begeisterung für das Fach zeigen, macht mir ebenfalls viel Spass. Ich mache gerne verschiedene Dinge, auch wenn ich in einigen davon nicht besonders gut bin (schmunzelt). Dafür kann ich mit einem gewissen Grad an Ungenauigkeit besser umgehen als andere.

Was nervt Sie?

Ich habe es nicht gern, wenn man in Diskussionen nicht zur Sache kommt und um den Brei herum redet. Dafür bin ich zu ungeduldig. Unehrlichkeit macht mich wütend – man kann natürlich nicht immer alles laut aussprechen, aber zwischen diplomatischer Zurückhaltung und Lügen gibt es doch einen Unterschied. Und ich habe Mühe, wenn ich merke, dass jemand bei der Arbeit kein Interesse und keine Leidenschaft zeigt.

Welche Erlebnisse waren für Ihre berufliche Laufbahn prägend?

Da gibt es so viele … Einmal erhielt ich als Assistent einen langen Brief eines Kollegen, eines Professors, den ich mitbetreut hatte und der sich kritisch zu meiner Arbeit äusserte. Dieser Brief brachte mich zum Nachdenken und veränderte meine Einstellung. Ich habe den Brief immer noch!

Ich denke auch an einige Patienten mit degenerativen Krankheiten wie Parkinson oder ALS, die mich von Zürich ins Tessin und dann nach Bern begleitet haben. Obwohl ich medizinisch nicht viel für sie tun konnte, wollten sie von mir betreut werden. Sie haben mir gezeigt, dass es für manche Menschen einfach wichtig ist, von jemanden, dem sie vertrauen, in ihrem Schicksal begleitet zu werden. Auch das hat mich sehr geprägt.

Zudem musste in meiner Karriere auch lernen, Nein zu sagen. Es ist natürlich schwierig, sich etwa einem Vorgesetzten zu widersetzen, aber wenn man dafür gute Gründe hat, ist es richtig. Ich empfehle das auch meinen jüngeren Kolleginnen und Kollegen: Lernen, Nein zu sagen.

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