Oft geht in der Hausarztpraxis vergessen, was ein Orthopädist alles zu bieten hat. Bei Patienten mit Knochenkrebs, Missbildungen oder chronischen Muskelerkrankungen können speziell angefertigte Hilfsmittel die Mobilität und die Lebensqualität verbessern. Die Korrespondentin der PraxisDepesche schaute den Orthopädisten der Basler Firma Hueskes über die Schulter und lernte dabei nicht nur viel über die Herstellung von Orthesen und Prothesen, sondern auch über das Schicksal von deren Besitzern.

Hinter einer milchigen Glaswand sitzt Arnaud S. auf seinem Stuhl und zieht seine schwarze Unterschenkelprothese aus. Jean Luc Solimeno beugt sich über Arnauds linkes Bein und streicht darüber: Es ist dünner geworden. Die beiden Männer beraten und diskutieren. Der Karbonschaft sei unten zu dick, findet Arnaud. Solimeno nimmt sich Zeit, um für Arnauds neue Prothese die optimale Lösung zu finden – neben Funktionalität und Komfort spielt auch die Ästhetik eine grosse Rolle. Ausschlaggebend sind dabei das Körpergewicht und der Lebensstil des Patienten: Arnaud ist sehr schlank und sportlich. Als Chefkoch steht er den ganzen Tag auf den Beinen und in der Freizeit fährt er Ski. Er hat darum seinen aufklappbaren Skischuh zur Anprobe mitgebracht.

Partner fürs Leben
Als Arnaud zehn Jahre alt war, musste aufgrund eines Ewing-Sarkoms sein Fuss amputiert werden. Nun fahre er schon seit 22 Jahren von Porrentruy nach Basel, weil Hueskes Orthopädie auf Prothesen spezialisiert sei, erzählt der 32-jährige Jurassier. Prothetiker sind Lebenspartner und begleiten die Patienten über Jahrzehnte hinweg. Dies erklärt auch, warum viele Kunden hier mit Vornamen angesprochen werden.

Hueskes Orthopädie liegt nur einen Steinwurf vom Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) entfernt. Der jüngste Patient kam mit 18 Monaten für eine Strampelprothese in die Werkstatt der Hueskes. Ihm fehlten wegen einer Dysmelie der linke Unterschenkel und die Finger. Heute, mit über 30 Jahren, arbeitet er als Jurist und spielt in seiner Freizeit Ping Pong mit Hilfe einer Handschuh-Orthese. Der Firmengründer, Dr. h. c. Daniel Hueskes, arbeitete schon früh mit Chirurgen und Pädiatern zusammen und versorgte Kinder und Jugendliche, die von Amputationen oder Dysmelien betroffen sind. «Der Erstkontakt mit dem Patienten ist nicht einfach, er will ja keine Hilfsmittel oder keine Prothese haben. Man muss Empathie zeigen, darf jedoch nicht zu viel Mitleid verspüren. Es gibt aber schon zwei, drei Schicksale, die einen bewegen», erklärt der Geschäftsführer Benjamin Hueskes.

Handwerk und Tüftelei
In der Werkstatt riecht es nach Leim. Hier stapeln sich orthopädische Hilfsmittel aus Karbon, Kunststoff, Leder oder Metall in allen Grössen und Farben. Vier Orthopädisten und ein Lehrling stehen an ihren Werkbänken und bohren, feilen und hämmern an Drei-Punkt-Korsetten, Oberschenkelprothesen und Fussheber-Orthesen. Der 75-jährige Daniel Hueskes steht am Fenster und klebt Ledersohlen auf Schuheinlagen. Noch immer arbeitet er mit Leidenschaft und besucht seine Kunden sogar im Spital. Er lacht: «Heute arbeite ich als Tagelöhner meines Sohnes.» In der Werkstatt werden auch Schienbeinschoner und Gesichtsmasken aus Karbon für den FC Basel hergestellt. Viel Erfahrung haben die Mitarbeiter mit Sportprothesen: «Alle Leute sollten Sport treiben, besonders behinderte Menschen, denn das ist wichtig für ihr Selbstbewusstsein», findet Daniel Hueskes. Darum hat Hueskes Orthopädie auch schon die Hälfte der Kosten von Sportprothesen zusammen mit «Plusport», der Schweizer Fachstelle für Behindertensport, übernommen.

Auch Arnaud S. hätte gerne eine Sport- oder Wasserprothese, doch diese werden von der IV nicht übernommen. Er findet dies, in einem reichen Land wie der Schweiz, inakzeptabel. Prothesen sind teuer und arbeitsintensiv: Oberschenkelprothesen kosten mindestens 7000 Franken, allein der industriell gefertigte Fuss ist um die 3000 Franken.

Interessant sind für die Mitarbeiter Spezialaufträge: Eine oberschenkelamputierte Jugendliche wollte unbedingt am Abschlussball der Schule teilnehmen und tanzen. Der Orthopädist baute ihr eine Prothese mit einem C-Leg, also einem elektronisch gesteuerten Knie. Neben Prothesen und Orthesen hat sich Hueskes Orthopädie auf Schuhanpassungen und Stoma-Pflege spezialisiert. Häufig gefragt sind auch Arthrose-Bandagen und Korsetts.

Gipsen

Beim Gipsen

Beruf und Berufung
Orthopädisten müssen nicht nur handwerklich geschickt, sondern auch erfinderisch sein. Wie Jean Luc Solimeno, der einen Gipsabdruck von Arnauds Unterschenkel macht. Arnaud muss sein Bein mit dem getrockneten Gips in die knatternde Röhre eines hochmodernen Gerätes stecken, das mit Hilfe von Luftkissen den Gipsverband an die Haut presst, um die Form des Stumpfs genau abzudrucken. Obwohl neue Geräte auf den Markt kommen und 3-D Scans möglich sind, modelliert der Orthopädist die Feinheiten immer von Hand.

Vier Jahre dauert die Ausbildung zum Orthopädisten. Vater und Sohn Hueskes engagieren sich schon seit Jahren in der Aus- und Weiterbildung – Daniel Hueskes unterrichtete angehende Ärzte an der medizinischen Fakultät in Basel. Erstaunlich, denn Daniel Hueskes erzählt, er sei als Jugendlicher ein Revoluzzer gewesen. Sein Vater habe ihn schliesslich von der Schule genommen und in die Werkstatt eines befreundeten Orthopädisten gebracht, wo er dann als junger Mann seine Berufung fand. In der Zeit der Contergan-bedingten Missbildungen entwickelte Daniel Hueskes wegweisende orthopädische Hilfsmittel für Kinder mit verstümmelten oder fehlenden Gliedmassen und initiierte in Vietnam ein Projekt zur Versorgung von Menschen mit einer Behinderung. 2006 wurde Daniel Hueskes für sein Engagement mit dem Ehrendoktor der medizinischen Fakultät der Universität Basel ausgezeichnet.

Von Daniel Hueskes kreativen Innovationen profitiert auch Arnaud S. Sein Bein ist noch weiss vom Gipsverband. In etwa drei Wochen kann er seine neue Karbonprothese mit dynamischem Fuss anprobieren. Er zieht sich an, nimmt seinen Skischuh in die Hand und verabschiedet sich: «A bientôt!»

Text und Fotos | Dominique Götz

Kontakt
Hueskes Orthopädie AG  
St. Johanns-Vorstadt 31
CH-4001 Basel
T +41 61 322 77 70
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hueskes-orthopaedie.ch

Weitere Informationen und Projekte

  • Vietnam Hilfsprojekt 
    hueskes.ch/vietnam-project.html
  • Schweizer Orthopädie-Netzwerk
    swiss-ortho.ch
  • Plusport
    Finanzielle Unterstützung für Behindertensportler, Fachstelle für Behindertensport
    in der Schweiz
    plusport.ch

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