Athena Tsatsamba Welsch im Gespräch mit...PD Dr. med. Daniel Pohl

Als Leiter des Funktionslabors am Universitätsspital Zürich erforscht Daniel Pohl neue Untersuchungsmethoden und treibt diese zielstrebig voran. Die Hybridtechnologie ist sein Spezialgebiet. Im Interview berichtet er, warum Ekel bei anorektalen Untersuchungen für ihn kein Thema ist, wie er den Patienten das Gefühl des Sich-schämen-müssens nimmt und welche neue Form der Zusammenarbeit er mit Hausärzten anstrebt.

PraxisDepesche (PD): Dr. Pohl, wie starten Sie in den Tag?
PD Dr. med. Daniel Pohl (DP):
Schlafend, möglichst lange (lacht). Der Wecker klingelt erst um 7 Uhr. Acht Stunden Schlaf sind mir wichtig, dafür verzichte ich auf Frühstück. Ich springe unter die Dusche, mache mich fertig und laufe in die Klinik. Das ist mein kleines morgendliches Sportprogramm. Im Büro ziehe ich mich um und treffe mich um 7.50 Uhr mit dem Team der Gastroenterologie zum Morgenrapport. Neben dem Alltagsgeschäft besprechen wir jeden Morgen einen anderen Themenschwerpunkt, wie zum Beispiel die Aufnahmen und Untersuchungen vom Wochenende, den Röntgenrapport, anstehende Konferenzen und die Assistentenfortbildung mit computergenerierten Fragen. Das dauert meist 10-20 Minuten. Anschliessend gehen wir gemeinsam in die Cafeteria und trinken, so noch Zeit bleibt, einen schnellen Kaffee bis gegen 08.15 Uhr das Tagesgeschäft startet.

PD: Wollten Sie schon immer Arzt werden?
DP: Ursprünglich nicht. Mein Vater ist Arzt, er hat lange als Chirurg gearbeitet und ist heute noch als niedergelassener Hausarzt mit eigener Praxis tätig. Wenn ich das erwähne, heisst es immer, «ah der der Vater war schon Arzt». Ja, er hat mir einen interessanten Beruf vorgelebt, dessen Arbeitsbelastung mir aber immer bewusst war. Als kleiner Junge habe ich mich wohl morgens öfters beschwert, mit «Papa nie Patzen gehen», was bedeuten sollte «Papa soll nicht in die Praxis gehen».

PD: Wie kamen Sie dann zur Medizin?
DP: Auf Umwegen. Am Ende meiner Schullaufbahn bin ich im Rahmen der damaligen Wehrpflicht in Deutschland zur Marine gegangen und bin zum Navigator ausgebildet worden. In dieser Phase habe ich meinen «Heimaturlaub» genutzt um zwei Praktika zu absolvieren. Ein Praktikum habe ich in einer juristischen Wirtschaftsprüfungskanzlei gemacht – Jura mit Wirtschaft kombiniert war damals besonders angesagt. Das andere war ein Krankenhauspraktikum. Die Arbeit auf der Chirurgie inklusive Nachtdienst hat mir so gut gefallen, dass ich meinen Studienplatz für Jura in Heidelberg abgesagt und mich stattdessen für Medizin beworben habe. Den Studienplatz habe ich dann in Mainz angetreten, wo ich eine sehr schöne Studienzeit hatte. Dort habe ich auch Familie: meine Grossmutter und mein Vater mit Geschwistern kommen aus Wiesbaden.

PD: Wie läuft ein normaler Arbeitstag ab?
DP: Es gibt keinen täglich einheitlichen Ablauf. Nach dem Morgenrapport startet das endoskopische Programm, die ambulante Sprechstunde in der Funktionsabteilung und im sogenannten Funktionslabor werden Spezialuntersuchungen wie unter anderem die Ösophagus-Manometrie (HRM, Speiseröhrendruckmessung), die Säuremessung der Speiseröhre und Nahrungsmittelbelastungstests für Menschen mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten gemacht. Ich habe mich insbesondere auf Hybridtechniken spezialisiert, wo ich gleichzeitig funktionstechnische Untersuchungen der Speiseröhre und des Magens während Endoskopie in Sedation durchführe. Hier ist besonders der untere Ösophagus-Schliessmuskel interessant, der die physiologische Refluxbarriere darstellt aber auch spastisch sein kann und dem Patienten dann die Nahrungsaufnahme erschwert. Eine solche Hybriduntersuchung dauert zwischen 45 und 75 Minuten, je nachdem, ob Sie rein diagnostisch oder auch therapeutisch ist. Die Sprechstunde endet in der Regel um 17 Uhr. Dann bearbeite ich die zahlreichen E-Mails, schreibe an Artikeln, kümmere mich um die Administration meiner Abteilung und korrigiere Berichte. Um Patienten und Zuweisern eine möglichst hohe Qualität und ein einheitliches Berichtswesen zu garantieren, lese ich alle Berichte, die Funktionslabor- oder Ambulanz verlassen, gegen. Das ist zwar sehr aufwendig, aber aufgrund der Komplexität unserer Untersuchungen und der Konsequenzen daraus wichtig und wertvoll.

PD: Sie sind Leiter des Funktionslabors für funktionelle Magen-Darm-Erkrankungen an der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am Universitätsspital
Zürich. Was sind Ihre Aufgaben?
DP: In der Funktionsdiagnostik leite ich ein Team, das aus einer Oberärztin und zwei spezialisierten Assistenzärzten besteht, die ausschliesslich in der Funktionsdiagnostik arbeiten. Ein weiterer Assistenzarzt rotiert in unsere Spezialsprechstunde. Im Funktionslabor arbeiten drei spezialisierte MPAs. Ich bin auch für Aus- und Weiterbildung meines Teams zuständig und stelle sowohl Pflege als auch Ärzte selber ein. Neben den klassischen Leitungsaufgaben organisiere ich Forschung und Lehre, baue die Infrastruktur meiner Abteilung aus und kümmere mich um die Zukunftsplanung.

PD: Welche Untersuchungen führen Sie dort durch?
DP: Im Funktionslabor werden Untersuchungen, die die Funktion des Magen-Darmtrakts charakterisieren, durchgeführt. Hierzu stehen uns verschiedenste Methoden, von Untersuchungen der Speiseröhre, des Magens, Funktion von Dünn- und Dickdarm sowie des Beckenboden und Anorektum zur Verfügung. Bei Patienten mit Dysphagie nach inkonklusiver Endoskopie führen wir zum Beispiel eine hochauflösende Ösophagusmanometrie (HRM) durch und messen die Funktion der Speiseröhre. Nach Betäubung der Nase mit einem Gel führen wir einen dünnen Katheter mit multiplen Druckmesssonden über die Nase am wachen Patienten ein. Während der Untersuchung bekommt der Patient Wasser zu trinken und eine Testmahlzeit mit Reis. Mittels moderner Techniken beobachten wir, wie das Essen durch die Speiseröhre abfliesst, welche Druckmuster bestehen, ob der Schliessmuskel ausreichend relaxiert und wir können Symptome des Patienten mit Untersuchungsergebnissen in Relation setzen. Bei Patienten mit refraktären Refluxbeschwerden oder ungenügendem Ansprechen auf PPI sowie vor jeder geplanten Anti-Refluxoperation führen wir zur Diagnosesicherung einer gastroösophagealen Refluxerkrankung eine 24h-Impedanz-pH-Metrie durch. Wir setzen eine dünne Sonde durch die lokal betäubte Nase ein, an die ein kleiner Computer angeschlossen ist. Der Patient geht damit nach Hause und ernährt sich ganz normal. Die Sonde misst 24 Stunden lang die Säure im Magen und in der Speiseröhre. Wir können aufgrund der Impedanztechnik auch einen Reflux von nicht-saurem Mageninhalt ermitteln, der für die verbleibende Symptomatik verantwortlich sein kann. Des Weiteren führen wir auch Magenentleerungsstudien durch. Der Patient kommt nüchtern zu uns. Während der Untersuchung trägt der Patient eine Nasenbrille, die kontinuierlich seine Atemluft misst. Er bekommt eine standardisierte Testmahlzeit aus Brot, frisch zubereitetem isotopenmarkiertem Ei und trinkt Wasser dazu. Durch Messungen der Änderungen der Isotopenverhältnisse messen wir, wie schnell sich der Magen entleert. Sollte eine Entleerungsstörung vorliegen, führen wir weitere Untersuchungen durch. Zur Beurteilung, ob ein Pylorospasmus besteht, führe ich eine Endoskopie mit einem sogenannten EndoFLIP durch, in der ich mittels spezialisiertem Impedanz-Druckmessverfahren die Funktion des Magenausgangs messe. Die Endoskopie mit der Hybridtechnik zeigt, ob der Magenausgang spastisch oder zu eng ist. Sollte dies der Fall sein, kann der Magenausgang in der gleichen Untersuchung auf ein Zehntel Millimeter genau mittels computergesteuerter Hydraulikpumpe nach einem eigens entwickelten Protokoll aufdilatiert werden. So machen wir nicht nur Diagnostik, sondern bieten dem Patienten auch eine Therapie in der gleichen Sitzung an.

PD: Die Funktionsabteilung besteht auch aus der Funktionsambulanz an. Was ist der Unterschied zum Funktionslabor?
DP: Die Funktionsambulanz ist eine Sprechstunde, die ich noch als Oberarzt vor vier Jahren gegründet habe. An inzwischen vier Tagen pro Woche bieten wir Menschen mit unklaren Magen-Darm-Problemen die Abklärung in unserer Sprechstunde an. Uns suchen viele junge Patienten mit insbesondere Reizdarm und -magen auf, die gegebenenfalls bereits abgeklärt wurden, deren Beschwerden aber nicht ausreichend kontrolliert sind oder die noch eine komplette Abklärung benötigen. Diese Patienten betreuen wir klinisch und wissenschaftlich und auf dieses Patientenkollektiv sind wir besonders spezialisiert. Wir führen sämtliche Abklärungen sehr strukturiert durch, um den Patienten eine Beurteilung ihrer gesamten Magen-Darmfunktion zu ermöglichen und wichtige Differentialdiagnosen auszuschliessen. Aktuell läuft in unserer Ambulanz eine vom Schweizer Nationalfonds geförderte Studie im Zusammenhang mit Reizdarm, Gelenkhypermobilität und Nahrungsmittelunterverträglichkeiten. Wir führen auch wissenschaftliche Studien im Bereich Ösophagusmotilitätsstörung, Gastroparese sowie Nahrungsmittelunverträglichkeiten insbesondere für fermentierbare Zucker (FODMAP) durch und können nach Einverständnis unserer Patienten und Ethikkommission deren Daten aus der Sprechstunde und Funktionslabor nutzen, und damit auch Erkenntnisse aus der Datenanalyse in unsere Behandlung einfliessen lassen.

PD: Eine Untersuchung ist die anorektale Manometrie. Ist eine Untersuchung für Patienten mit Stuhlinkontinenz nicht extrem belastend?
DP: Untersuchungen, die den Schambereich des Patienten betreffen, stellen immer eine gewisse Belastung dar. Allerdings ist unser Team sehr erfahren in diesem Bereich. Man muss auch unterscheiden, wer sich untersuchen lässt. Ältere Patienten mit Inkontinenz haben meist weniger ein Schamproblem bezüglich einer anorektalen Diagnostik als jüngere Patienten, insbesondere Männer, die an Obstipation und vermuteter Beckenbodendyssynergie leiden. Es sind wichtige Details, die dem Patienten helfen, sich möglichst wohl zu fühlen. Die Untersuchung findet in einem extra abgetrennten und beheizten Raum mit einer speziellen Liege statt. Für jeden einzelnen Patienten nehmen wir uns viel Zeit. Zu Beginn machen wir ein ausführliches Anamnese-Gespräch. Wir reden über Probleme, den Verlauf der Beschwerden und bereits eingenommene Medikamente. Das schafft eine Vertrauensbasis. Zudem sind die Assistenten, die bei mir Untersuchungen durchführen, wirkliche Spezialisten in ihrem Fach. Während der Untersuchung kündigen wir dem Patienten jeden Schritt an und erklären genau, was wir machen. Wir unternehmen alles, um dem Patienten sowohl die Angst als auch die Scham zu nehmen und diese Untersuchung nicht traumatisch für ihn zu gestalten.

PD: Sie beschäftigen sich mit Funktionen, welche die meisten Menschen als peinlich empfinden. Ist Ekel kein Problem?
DP: Wir beschäftigen uns mit der Funktion von Hohl- und Schlauchorganen, wie der Speiseröhre, dem Magen und dem Anorektum. Daran ist nichts peinlich; jeder Mensch auf der Welt nutzt deren Funktionen täglich, bewusst und unbewusst. Ohne diese Funktionen können wir kaum leben. Wenn Sie Ekel auf Untersucherebene ansprechen: Geplante Untersuchungen im Gastrointestinaltrakt sind in der Regel sehr saubere Verfahren. Der Magen des Patienten ist leer. Bei einer Darmspiegelung nimmt der Patient vorab hohe Dosen Abführmittel ein und kommt vorbereitet zu uns. Für mich steht der Patient mit seinem Problem im Vordergrund. Ich versuche mit meinem Team so gut es geht, seine Magen-Darmfunktion zu charakterisieren. Ekel hat in der Gastroenterologie keinen Platz.

PD: Was gefällt Ihnen ganz besonders an Ihrer Arbeit?
DP: Die Gastroenterologie ist ein extrem breites und praktisches Feld. Ich schätze die Mischung aus praktischer und intellektueller Arbeit sowie die Verbindung Anamnese und Planung eines Prozedere mit dem Patienten, optischen, technischen Untersuchungen wie Endoskopie, Messung der Funktion durch meine Funktionsdiagnostik und Therapie, sei es medikamentös, durch Ernährungsanpassung oder durch interventionelle Techniken. Die Möglichkeit, neue Untersuchungsmethoden zu erforschen und voranzubringen, ist sehr faszinierend. Die noch junge Hybridtechnologie aus Endoskopie und Funktionsdiagnostik ist meine Spezialität – europaweit führen wir auf diesem Gebiet aktuell die meisten Untersuchungen durch. Vor allem möchte ich Betroffene und deren Angehörige aufklären, denn es bestehen noch immer viele Fehlinformationen in diesem Bereich, insbesondere was chronische Abdominalbeschwerden angeht. Da es keine schweizweite Interessensvertretung in diesem Fachbereich gab, haben Kollegen und ich die Schweizer Gesellschaft für Neurogastroenterologie SwissNGM gegründet, die uns innerhalb der Schweiz vernetzt und die Belange unserer Spezialdisziplin vertreten soll. Besonders gefällt mir auch der Austausch; ich versuche möglichst häufig ein internationales Spitzenzentrum zu besuchen, um Neues zu lernen, Kooperationen zu knüpfen und auch die eigene Arbeit zu hinterfragen.

PD: Was macht die Schweizer Neurogastro- und Motilitätgesellschaft (SwissNGM)?
PD: Die SwissNGM beschäftigt sich mit Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes, die häufig auf einer Dysbalance zwischen dem zentralen und peripheren Nervensystem basieren. Die Funktionsdiagnostik bei anorektalen Funktionsstörungen, die gastroösophageale Refluxerkrankung und Ösophagusmotilitätsstörung gehört ebenso wie Intoleranzen auf gewisse Nahrungsmittel mit konsekutiv Magen-Darmbeschwerden zu diesem Themengebiet. Auf swissngm.ch bieten wir KollegInnen und PatientInnen Informationen an. Darüber hinaus organisieren wir Veranstaltungen, richten alle zwei Jahre einen Teachingcourse für Ärzte und für das Pflegefachpersonal zu bestimmten Themen wie zum Beispiel zur Manometrie und pH-Metrie aus. Am 22. Juni 2019 führen wir einen zweijährlich stattfindenden Schweizer Kongress für Ärzte, Ernährungsberater und Physiotherapeuten durch, den SwissNGM Neurogastro Day. Es sind aber auch weitere Interessierte willkommen, die sich durch unser Programm angesprochen fühlen. Gleichzeitig wollen wir den Anschluss ans europäische Feld ausbauen, uns mit internationalen Experten vernetzen und Studien voranbringen. Seit kurzem sind wir auch Mitglied der europäischen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (ESNM). Im August letzten Jahres bin ich ins Exekutivkomitee der ESNM gewählt worden und vertrete die Gesellschaft mit dem Präsidenten nach aussen. Europaweit, auch Russland und Israel eingeschlossen, haben wir über 3000 Mitglieder.

PD: Arbeiten Sie auch am Wochenende?
DP: Am Wochenende ist die Funktionsabteilung geschlossen. Ich nutze die Zeit, um die Woche aufzuarbeiten und mich meiner Forschungstätigkeit zu widmen. Darüber hinaus bereite ich Vorträge vor, schreibe Artikel und bin häufig unterwegs, um Vortragstätigkeit auszuführen oder meinen Ämtern nachzugehen. Insbesondere die Vorstandsaktivität bei SwissNGM und in der ESNM ist zeitintensiv. Derzeit organisiere ich mit Kollegen die europäische Tagung in Lissabon, welche im September 2019 stattfinden wird.

PD: Haben Sie einen Ausgleich zum Beruf?
DP: Mein Beruf ist auch mein Leben. In meiner knapp bemessenen Freizeit versuche ich, mich einigermassen fit zu halten. Ich gehe ab und zu joggen, laufe zur Arbeit, vermeide Lifte und gebe meiner Muskulatur durch regelmässige Liegestützen, sagen wir, eine gewisse «Grundstimulation» (lacht). Darüber hinaus mache ich Saisonsport – ich gehe regelmässig Kitesurfen. Im Winter fahre ich zwei Wochen Ski. Gemeinsame Skiferien haben in meiner Familie eine lange Tradition. Seit ich zehn Jahre alt bin, feiern wir den Geburtstag meines Vaters in Zermatt. Diese Tradition führen wir noch immer weiter. Meine Eltern sehe ich nicht so oft, weil sie in Westfalen wohnen. Das sind doch über 600 km Wegstrecke. Mein Vater arbeitet Vollzeit in seiner Praxis in Bielefeld, auch mit nun 76 Jahren ist er noch topfit und immer auf dem neuesten Stand der Medizin. Leider schafft meine Schwester es selten, dabei zu sein. Sie ist Kunsthändlerin und im März findet meist eine Kunstmesse in Hongkong statt. Von ihr habe ich meine Leidenschaft für zeitgenössische Kunst mitbekommen. Das kommt allerdings gerade zu kurz.

PD: Was schauen Sie regelmässig im TV?
DP: Vom klassischen TV schauen bin ich abgekommen. Heute nutze ich einen Streaming Dienst. Die Qualität der Produktionen ist wirklich gut, die Länge der Formate kurz und kulturell divers. Aktuell schaue ich «Narcos», eine Serie über Pablo Escobar in Originalsprache mit englischen Untertiteln. So bleibt das Spanisch wenigstens etwas frisch (lacht).

PD: Sie sprechen Spanisch?
DP: Im Studium habe ich fünf Wochen bei einer Familie in Ecuador gelebt, die kein Deutsch gesprochen hat. Ich habe täglich 6 Stunden Sprachunterricht genommen und war nach meinem Aufenthalt fliessend. Zwei Jahre später habe ich als Student in Santiago de Chile auf der chirurgischen Notaufnahme gearbeitet. Das war eine Erfahrung fürs Leben. Die Chilenen sind hart im Nehmen. Ich erinnere mich an einen Patienten mit einer Schussverletzung. Er kam erst drei Wochen nach dem Vorfall in die Klinik, weil er noch Geld verdienen musste, um sich die Behandlung in der Notaufnahme leisten zu können. Der Steckschuss war natürlich infiziert. Später war ich an der Uniklinik in Santiago de Chile in der Kardiologie tätig. Ging also ganz gut mit Spanisch. Aber, was man nicht benutzt, verlernt man.

PD: Wie sind Sie auf die Gastroenterologie gestossen?
DP: Am Ende des Medizinstudiums habe ich in New Orleans an der Tulane University gearbeitet. Eigentlich habe ich in der Pneumologie promoviert, weil ich ursprünglich Pneumologe werden wollte. Mein Mentor in New Orleans war Prof. Roy Orlando, ein sehr bekannter Gastroenterologe und herausragender Lehrer. Er bot mir an, am Weltkongress für Gastroenterologie, der gerade in New Orleans stattfand, teilzunehmen. Der Kongress und mein Mentor haben mich so inspiriert, dass ich mein Fachgebiet gewechselt habe. Zufall oder Schicksal? Ich weiss es nicht (lacht). Später war ich in Charleston an der Medical University of South Carolina tätig und habe mich dort insbesondere mit der Funktionsdiagnostik der Speiseröhre unter Prof. Donald Castell beschäftigt, dem damaligen «Papst» der Ösophagologen. Ich besuche Ihn heute noch, wenn ich wie fast jedes Jahr wieder einmal in Charleston bin. Später, nach abgeschlossener Ausbildung zum Internisten und Gastroenterologen, bin ich dann durch Prof. Gerhard Rogler zum Leitenden Arzt Gastroenterologie befördert worden.

PD: Was ist Ihr eindrücklichster Patientenfall?
DP: Der beschäftigt mich noch heute. Es geht um eine junge Frau mit einer weltweit fast einzigartigen Erkrankung. Ihr Intestinalsystem funktioniert nicht mehr regelrecht. Von der Speiseröhre bis zum Dickdarm hat der gesamte Verdauungstrakt verschiedene Dysfunktionen. Darüber hinaus hat sie eine begleitende neurologische Erkrankung. Drei Jahre lang haben wir, nachdem sie jahrelang in externer Betreuung war, nach dem Auslöser gesucht und sind schliesslich auf einen Antikörper gegen Nervenzellen im Kopf und im Magen-Darm-Trakt gestossen, der eigentlich nur bei Tumorerkrankungen vorkommt. Die Patientin hat diese Beschwerden aber schon seit 20 Jahren. Die Diagnose zu stellen, war eine grosse Herausforderung, ganz zu schweigen von der Behandlung. Die Patientin leidet unter einer antikörpervermittelten chronisch-intestinalen Pseudoobstruktion (CIPO). Damit hat niemand auf der Welt wirklich Erfahrung – ich und auch meine Kollegen sind bestens vernetzt, sind aber weltweit mehrheitlich auf Schweigen gestossen. Als Therapie haben wir einerseits eine immunsuppressive Therapie mit Cyclophosphamid durchgeführt, da wir Antikörper im Knochenmark vermuteten, die durch T-Zellen vermittelt werden. Andererseits haben wir über mehrere Jahre in verschiedenen Operationen ihren Magen-Darm-Trakt gekürzt und umstrukturiert. Bevor sie zu uns kam, wog sie noch knapp 40 kg und hatte sich fast aufgegeben. Die Patientin ist aktuell wieder in der Lage, sich oral zu ernähren. Dieser Fall ist sehr interdisziplinär, derzeit befindet sich die Patientin in hämatologischer und neuroimmunologischer Behandlung und ist monatlich im Universitätsspital vorstellig. Unser Ziel ist es, sie wieder ins aktive Leben zurückzuführen und ihr eine gute Lebensqualität zu ermöglichen. Jedoch bin ich mir bewusst, dass sie immer meine Patientin bleiben wird.

PD: Wo sehen Sie Optimierungsbedarf im Zusammenspiel mit den Hausärzten?
DP: Die Hausärzte in der Schweiz haben ein ausgezeichnetes Niveau. Ich halte sehr gerne Vorträge über meine Spezialgebiete bei ihnen; sie stellen immer gute und praxisrelevante Fragen. Bei den Hausärzten hat sich unsere Tätigkeit in der Funktionsabteilung durchaus herumgesprochen – unsere Sprechstunde ist lange im Voraus ausgebucht. Die Zusammenarbeit ist sehr angenehm, wobei sie sich meist auf schriftliche Korrespondenz sowie Gespräche nach zum Beispiel Vorträgen beschränkt. Spezielle Fälle bespreche ich mit den Kollegen am Telefon; entscheidend ist ja, dass die Kollegen langjährige Ansprechpartner für ihre Patienten bleiben können, was bei komplexen Fällen nur gemeinsam geht. Im Rahmen der Vorstellungsveranstaltungen des USZ-Standortes «The Circle», den wir Ende 2020 am Flughafen Zürich eröffnen, habe ich gute Unterhaltungen führen können. Hier wünsche ich mir als zukünftiger Leiter der Gastroenterologie am Flughafen einen noch engeren Kontakt mit den Hausärzten und Spezialisten. Auch eine direktere Form der Zusammenarbeit ist erstrebenswert. Ein Vorteil wäre zum Beispiel, wenn Hausärzte auf unsere Buchungsslots zugreifen könnten und direkt sehen könnten, wann wir Kapazität für Patienten zum Beispiel für eine Vorsorge-Koloskopie haben. Daran arbeiten wir noch.

PD: Wie sind Sie überhaupt nach Zürich gekommen?
DP: Durch Zufall. Ich war Unterassistent in St. Gallen und habe an einer Veranstaltung mit dem Namen «Gastro-Highlights» in Zürich teilgenommen. Ich war ganz begeistert, wie sehr das gastroenterologische Symposium am Puls der Zeit ist. Die Referenten hatten gerade die aktuellen Forschungsergebnisse des Jahres zusammengefasst, die in New Orleans auf dem Weltkongress vorgestellt worden waren, an dem ich als Student teilgenommen hatte. Eine Menge Zufälle, finden Sie nicht? (lacht) Daraufhin habe ich dem damaligen Leiter der Gastroenterologie am Universitätsspital Zürich, Prof. Michael Fried, eine Initiativbewerbung geschrieben. Ein Jahr später bin ich als Assistenzarzt im Funktionslabor für eine Kombinationsstelle in Klinik und Forschung eingestellt worden. Mir war damals nicht bewusst, dass ich für eine universitäre Stelle, anders als im Ausland, eigentlich Erfahrung in Innerer Medizin hätte vorweisen müssen – sonst hätte ich mich nicht einfach so beworben. Mit der Anstellung infolge Forschungstätigkeit hat es dennoch geklappt. So bin ich nach Zürich gekommen und habe die Stadt lieben gelernt.

PD: Was gefällt Ihnen denn besonders an Zürich?
DP: Zürich hat einen wunderschönen See – ich brauche zwingend Wasser an meinem Wohnort. Es beruhigt und stimuliert mich gleichermassen. Früher war ich mit dem Segelclub des Universitätsspitals oft auf dem See unterwegs. Im Sommer gehe ich abends spät schwimmen und schaue mir den Sonnenuntergang an. Zürich hat ein schönes Stadtbild, mir gefällt die Architektur und ich schätze die Internationalität. Die Stadt ist sehr grün, sie hat ein vielfältiges kulturelles Angebot und super Restaurants. Zürich ist einfach eine tolle Stadt mit einer sehr guten Anbindung zum Flughafen. Von Zürich aus komme ich überall gut hin. Seit Dezember bin ich stolzer Stadtzürcher (lacht).

PD: Was mögen Sie an der Schweiz?
DP: Für mich vereint die Schweiz positive Aspekte aus Deutschland und den USA, den beiden Ländern, wo ich ausser der Schweiz den Hauptteil meines Lebens verbracht habe. Deutschland ist ein riesiger Sozialstaat, und die USA gar keiner. Die Schweiz ist für mich die goldene Mitte, ein organisiertes Gemeinwesen mit einem sozialen Gedanken und leistungsbewussten, fleissigen Menschen. Europaweit gibt es wohl niemanden, der so viel arbeitet wie die Schweizer. Aber gleichzeitig haben die Menschen einen Sinn für Lebensqualität, Kultur, Essen und Freizeit. Die Natur ist hier auch ein Traum.

PD: Wie sieht Ihr Feierabend aus?
DP: Wenn ich gegen 20 Uhr nach Hause komme, kümmere ich mich um den Haushalt und koche. Ich werfe auch im Winter meinen Gasgrill an und bereite mir ein Stück Fleisch entweder mit Gemüse oder Salat zu oder koche Pasta. Dafür nehme ich mir immer Zeit. Morgens frühstücke ich nicht, dafür esse ich ordentlich am Mittag und am Abend und dann 16 Stunden lang nichts. Ich habe gehört, dass man dies nun als «Intervallfasten» bezeichnet. Soll gesund sein (lacht). Zur Entspannung höre ich Musik – von deutschem Hiphop bis Rachmaninov ist da alles dabei. Unter der Woche gehe ich nur selten aus. Dafür telefoniere ich mit meinen sozialen Kontakten. Da ich acht Stunden Schlaf brauche, gehe ich gegen 23 Uhr ins Bett. Ich bin halt noch jung (lacht).

PD: Was machen Sie mit 65?
DP: Da stehe ich wohl noch voll im Berufsleben – mit 70 wahrscheinlich auch noch. Mein Ziel ist es, lange aktiv zu bleiben. Natürlich muss die Gesundheit mitspielen. Ich hoffe, dass ich weiterhin meine sportlichen Hobbies betreiben kann. Wenn die Gene meiner Eltern durchschlagen, sollte es klappen (lacht). Zudem würde ich gerne etwas mehr Zeit im Ausland mit meinen Liebsten verbringen. Vielleicht kann ich mir den Traum von einem Ferienhäuschen in Charleston irgendwann erfüllen. Die Südstaaten haben es mir angetan.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

0
0
0
s2sdefault