© Goran Bencun

Anlässlich des diesjährigen Swiss Forum for Mood and Anxiety Disorders (SFMAD) hat die Schweizerische Gesellschaft für Angst und Depression (SGAD) ihr 10-jähriges Jubiläum begangen. Das Jubiläumsprogramm präsentierte den State of the Art bei den Behandlungsstandards sowie bei den aktuellen Entwicklungen und Fortschritten im Verständnis der häufigsten psychischen Störungen Angst und Depression. 

Ein Jubiläum ist die Gelegenheit für Rückschau, Standortbestimmung und Blick in die Zukunft. In diesem Sinne begrüsste Prof. em. Dr. med. Edith Holsboer- Trachsler, Präsidentin past der SGAD sowie Extraordinaria für klinische Stress- und Traumaforschung, Universität Basel, die Teilnehmer zum 10th Swiss Forum for Mood and Anxiety Disorders (SFMAD). Das Jubiläumssymposium widmete sich dem State of the Art in der Erforschung und Behandlung von Angststörungen und Depressionen. Erste Gratulantin des Tages war Frau Nationalrätin Doris Fiala. Sie würdigte nicht nur den wichtigen täglichen Einsatz der Psychiater und Psychotherapeuten zum Wohle der Angst- und Depressionspatienten, sondern auch das langjährige aufklärerische Engagement der SGAD: «Was Zwingli zu seiner Zeit leistete, tun Sie noch heute!» Sie ist überzeugt, dass es die SGAD auch die kommenden 10 Jahre noch dringend braucht.

Mit der Zukunft befasste sich auch Prof. Dr. Paul Unschuld M. P. H., Institut für Theorie, Geschichte, Ethik chinesischer Lebenswissenschaften, Charité, Berlin, in seinem Eröffnungsreferat mit dem Titel «Symptom: Angst. Diagnose: Nationalismus. Therapie: Ungewiss. Das schmerzliche Ende einer Illusion» basierend auf seinem jüngst erschienen Buch «Transition – Deutschlands Weg in eine neue Identität» (Cygnus-Verlag Berlin). Er erörterte nichts weniger als eine mögliche post-nationale Wirklichkeit. Die althergebrachte Idee des Nationalstaates als identitätsstiftende Wertegemeinschaft ist nämlich derzeit einer Belastungsprobe ausgesetzt, wie er am Beispiel Deutschlands und seiner rasant wachsenden ethnischen und kulturellen Heterogenität aufzeigte. Professor Unschuld betonte, dass Identität nicht allein auf Vernunft und Fakten beruht, sondern in hohem Mass auf Emotionen. Hier dominiert in Deutschland in weiten Teilen der Bevölkerung zunehmend die Angst, gespeist durch die Unsicherheit über den Fortbestand der gewohnten Lebensart. Es gilt, diese Angst ernst zu nehmen und nicht pauschal als Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit abzutun. Zur Behandlung des verbreiteten Symptoms Angst sieht Prof. Unschuld primär ein wirksames Mittel: Vertrauen schaffen auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der Gruppierungen unterschiedlicher Weltanschauung möglichst konfliktfrei zusammen leben können.

State of the Art bei Angststörungen – Schwerpunkt Epigenetik
Professor Dr. Dr. med. Katharina Domschke M.A. (USA), Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg, präsentierte spannende Einblicke in die Interaktion zwischen Genetik und Umwelteinflüssen bei der Entstehung von Angsterkrankungen. Genetische Faktoren spielen eine grosse Rolle. Hunderte von Genen sind dafür bekannt, dass sie in einem komplexen Zusammenspiel das Risiko für eine Angsterkrankung erhöhen. Ist eine gewisse genetisch bedingte Vulnerabilität vorhanden, können soziale Ereignisse und Umweltfaktoren dazu beitragen, die Schwelle zur Erkrankung zu überschreiten. Doch wer übernimmt die Aufgabe des Dolmetschers zwischen genetischer Prädisposition und psychosozialen Risikofaktoren? Sogenannte epigenetische Modifizierungen. Dies sind biochemische Veränderungen der DNA und deren Raumstruktur, welche die Genaktivität und damit die Proteinproduktion steuern. Eine Art der epigenetischen Modifizierung ist die Methylierung von regulatorischen DNA-Sequenzen (Promotoren). Ist ein Promotor methyliert, wird das entsprechende Gen weniger aktiv abgelesen. Wird die Methylierung entfernt, steigt die Genaktivität. Dieser Zusammenhang konnte für das Monoaminooxidase-A-Gen (MAOA), ein bekanntes Risikogen für Angsterkrankungen, bestätigt werden. Der MAOA-Methylierungsstatus im Blut korreliert negativ mit der MAOA-Aktivität im Gehirn. Und diese hat wiederum Auswirkungen auf neurobiologische Prozesse, die entscheidend für den psychischen Gesundheitsstatus sind. So wurde bei Patienten mit Panikerkrankungen oder Depressionen im Vergleich zu Gesunden ein niedriger MAOA-Methylierungsstatus festgestellt, welcher somit als Marker oder Risikofaktor für diese Erkrankungen gelten könnte. Zudem kann der MAOA- Methylierungsstatus als Prädiktionsfaktor für das Ansprechen auf eine SSRI- Therapie bei Depression dienen: Patienten mit niedrigem MAOA- Methylierungsstatus erzielten nämlich schlechtere Therapieerfolge als Patienten mit hohem Methylierungsstatus.

Eindrücklich zeigte Prof. Domschke auf, dass epigenetische Modifizierungen durch Lebensereignisse dynamisch verändert werden können: So korreliert die Erfahrung von subjektiv negativen Lebensereignissen mit einem verminderten MAOA-Methylierungsstatus. Positive Lebensereignisse hingegen korrelieren mit einem erhöhten MAOA-Methylierungsstatus. Auch Psychotherapie kann Methylierung wiederherstellen: Es wurde gezeigt, dass Menschen mit einer Panikstörung, die auf eine kognitive Verhaltenstherapie ansprachen, nach der Therapie eine signifikante Erhöhung der MAOA-Methylierung aufwiesen. Bei denjenigen Patienten, die nicht auf die Therapie ansprachen, blieb sie hingegen gleich oder nahm sogar ab.

Prädiktion und Entwicklung von Depressionen im Jugend- und Erwachsenenalter
Professor Dr. med. Martin Preisig, Psychiatrische Universitätsklinik Lausanne, befasst sich mit seiner Forschungsgruppe seit über 20 Jahren mit der Frage, welche prädiktiven Faktoren die Entstehung von unipolaren oder bipolaren Affektstörungen begünstigen. Die Identifikation und Kenntnis von modifizierbaren Risikofaktoren ist wertvoll, da dies eine Möglichkeit für präventive Massnahmen darstellt. So ist das Risiko für Kinder, bei denen ein Elternteil eine bipolare Störung (Manie/ Hypomanie) hat, um den Faktor 9 erhöht, ebenfalls an dieser Störung zu erkranken. Für Kinder mit einem depressiven Elternteil ist das Risiko immer noch mehr als doppelt so hoch. Generell haben bipolare Störungen oder Depressionen ihren Ursprung bereits im frühen Kindesalter. Die Prädiktoren für bipolare Störungen und Depression sind dabei unterschiedlich. So ist bei Manien/Hypomanien eine bipolare Störung der Eltern und/oder eine schon vorhandene Depression ein ausgeprägter prädiktiver Faktor. Bei Depressionen hingegen spielen Psychotraumata, wie etwa sexueller Missbrauch oder Gewalt in der Familie, eine grössere prädiktive Rolle.
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Prof. Dr. med. Martin Preisig (Bild: Goran Bencun)

Im Gegensatz dazu ist die Prädikation einer Depression bei Erwachsenen vom Subtyp der Depression abhängig. So sind bei einer unspezifischen Depression Life Events prädiktiv, wohingegen bei der melancholischen Depression Neurotizismus und vorgängige unterschwellige depressive Syndrome eine Rolle spielen. Bei der atypischen Depression ist zusätzlich zu Neurotizismus und vorgängigen unterschwelligen depressiven Syndromen auch ein erhöhter BMI prädiktiv. Zusammenfassend sind die prädiktiven Faktoren von Depressionen im Jugend- und Erwachsenenalter sehr unterschiedlich und bieten so eine Möglichkeit die Krankheit gezielt abzuwenden.

Omega-3-Fettsäuren gegen mittelgradige und schwere Depressionen im Kindes- und Jugendalter
PD Dr. med. Gregor Berger, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrische Universitätsklinik PUK, Zürich, betonte, dass Depressionen bei Kindern und Jugendlichen häufig nicht oder falsch diagnostiziert werden. So erfüllt beispielsweise ein Grossteil der Kinder und Jugendlichen mit der Diagnose «Anpassungsstörung» auch die Kriterien einer – zumindest leichten – Depression. Zur Problematik bei der Diagnosestellung kommt erschwerend eine bei Kindern und Jugendlichen sehr eingeschränkte Zahl an pharmakologischen Therapieoptionen hinzu. So ist in der Schweiz kein Antidepressivum zur Behandlung der klinischen Depression zugelassen. Dabei wäre gerade bei dieser Patientengruppe eine optimale, langfristige Behandlung der Schlüssel zum Erfolg. Nach der ersten depressiven Episode erleidet die Hälfte der Betroffenen eine zweite Episode. Nach der zweiten Episode erhöhte sich das Risiko für eine zusätzliche Episode bereits auf 80% und man kann von einer Chronifizierung ausgehen. Spätestens nach der dritten depressiven Episode ist eine lebenslange Rückfallprophylaxe empfohlen.

PD Dr. Berger forscht intensiv zur antidepressiven Wirkung von Omega-3- Fettsäuren bei Kindern und Jugendlichen und leitet die derzeit laufende multizentrische Schweizer Studie Omega-3-pMDD – mit einer angestrebten Zahl von 220 eingeschlossenen depressiven Kindern und Jugendlichen die grösste Studie dieser Art weltweit. Die Omega-3-pMDD-Studie ist randomisiert und placebokontrolliert. In der Behandlungsgruppe werden zusätzlich zur Basistherapie die beiden Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (eicosapentaenoic acid, EPA, 1000 mg täglich) und Docosahexaensäure (docosahexaenoic acid, DHA, 500 mg täglich) verabreicht. Die bisherige Evidenz zur antidepressiven Wirkung von mehrfach ungesättigten Fettsäuren legt nämlich nahe, dass EPA einen Anteil von mindestens 60% der Gesamtmenge ungesättigter Fettsäuren ausmachen sollte und dass eine Kombination von EPA und DHA effektiver ist als EPA bzw. DHA allein. Die Omega-3-pMDD-Studie wird untersuchen, ob besonders Kinder und Jugendliche, die einen vorbestehenden Mangel an Omega-3-Fettsäuren oder einen erhöhten inflammatorischen Grundstatus haben, von dieser neuen Therapieoption profitieren.

Schweizerische Gesellschaft für Angst & Depression – SGAD
Die Schweizerische Gesellschaft für Angst und Depression (SGAD) ist in den Bereichen Prävention und Gesundheitsförderung, insbesondere bezüglich den häufigsten psychischen Störungen Depression und Angststörungen sowie deren Komorbiditäten, tätig. Der Verein will in Zusammenarbeit mit Ärzten, Partnern im Gesundheitswesen, Institutionen, Patientenorganisationen und Sponsoren zur Weiterentwicklung und Verbreitung von Wissen und Behandlungsmöglichkeiten zum Wohle der Patienten sowie zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit beitragen. Des Weiteren fördert der Verein Aus-, Weiter- und Fortbildungsmassnahmen im genannten Bereich. Der Verein verfolgt weder Erwerbs- noch Selbsthilfezwecke.
Die Schweizerische Gesellschaft für Angst und Depression ist eine Informationsplattform und Anlaufstelle für Betroffene, Angehörige, Interessierte, Ärzte, Fachpersonen, Medien, Unternehmen und Politik.

Kontakt 
Medienstelle SGAD IACULIS GmbH
Sonia Fröhlich de Moura
Ringstrasse 70
8057 Zürich
Tel:     044 / 434 20 20
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Web: www.sgad.ch

(Quelle: Medienmitteilung)

 

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