Séverine Bonini im Gespräch mit...Prof. Dr. med. Nicolas Rodondi

Nach dem Weggang von Peter Jüni als Direktor des Berner Instituts für Hausarztmedizin (BIHAM) brachte Nicolas Rodondi als sein Nachfolger neuen Wind in die Berner Hausarztmedizin. Der Lausanner putzte Klinken und erreichte, dass der Berner Grossrat für eine Erhöhung der Hausarzt-Assistenzstellen stimmte. Über die Ergebnisse nach seinen ersten zwei Jahren im Amt spricht Nicolas Rodondi im Interview. 

PraxisDepesche (PD): Prof. Rodondi, Sie wurden 2016 zum Nachfolger von Peter Jüni als ordentlicher Professor für Hausarztmedizin am Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) ernannt. Reto Auer, der wie Sie früher am Centre hospitalier universitaire vaudois (CHUV) in Lausanne gearbeitet hat, sollte sich die Aufgaben von Peter Jüni mit Ihnen teilen. Wie funktioniert das?
Prof. Dr. med. Nicolas Rodondi (NR): Nach dem Weggang von Prof. Jüni beschloss die Fakultät, seine 100-Prozent-Stelle in zwei halbe Stellen aufzuteilen: 50 Prozent entsprechen meiner Funktion als Direktor des BIHAM und Ordinarius für Hausarztmedizin, 50 Prozent sollte ein jüngerer Kollege vertreten, damit auch der Nachwuchs sich weiterentwickeln kann. Aber Sie sind ja selbst noch jung. Das stimmt, aber Reto Auer ist doch noch etwas jünger (schmunzelt). Wir haben 2016 das BIHAM dann neu organisiert mit vier Bereichen und vier Leitern: Lehre (Dr. Roman Hari), Nachwuchs und Vernetzung (Prof. Sven Streit), Forschung (Prof. Reto Auer) und Statistik & Methodologie (Dr. Cinzia del Giovane). Prof. Arnaud Chiolero ist zudem stellvertretender Direktor. Wir haben somit zwei neue Bereiche eingeführt und vier Professoren am BIHAM – das ist die schweizweit grösste Anzahl an Professuren in der Hausarztmedizin, obwohl wir noch vor vier Jahren keineProfessuren in diesem Bereich in Bern hatten. Seit ich das BIHAM übernommen habe, konnten wir die Mitarbeiterzahl mehr als verdoppeln. Wir sind stark gewachsen, von 18 auf aktuell 38 Mitarbeitende.

PD: Wie konnten Sie sich das leisten?
NR: Viele Stellen bzw. Forschungsprojekte sind durch Drittmittel ermöglicht worden, durch den Schweizerischen Nationalfonds, die EU oder durch Stiftungen oder die Erhöhung der Studenten in Bern bis 320, die die verschiedenen Mitglieder der Direktion erhalten haben.

PD: Am CHUV leiteten Sie die Lipidsprechstunde, bevor Sie 2011 die Leitung der Poliklinik des Inselspitals Bern übernahmen, wo Sie auch heute noch zu 50 Prozent als Chefarzt tätig sind – und wiederum die Lipidsprechstunde leiten. Sind kardiovaskuläre Risikofaktoren Ihr Steckenpferd?
NR: Kardiovaskuläre Risikofaktoren und Cholesterin bleiben für mich von grossem Interesse in Klinik und Forschung, obwohl ich jetzt mehr im Bereich der Überversorgung forsche. Diese Themen entwickeln wir nun am BIHAM weiter.

PD: Aber Hausarzt sind Sie nicht.
NR: Im klassischen Sinn nicht, ich habe keine eigene Praxis. Aber ich betreue ambulante Patienten drei halbe Tage pro Woche an der Klinik und mehrere als Hausarzt seit mehr als zehn Jahren.

PD: Kurz nach Ihrem Stellenantritt im Sommer 2016 gaben Sie dem «Bund» ein Interview. Darin sagten Sie: «Unter meinem Vorgänger wurde die Forschung ausgebaut. Unter mir kommen nun die Nachwuchsförderung und die Vernetzung mit den Hausärzten hinzu.» Wie schaffen Sie diese Vernetzung?
NR: Wir pflegen einen sehr engen Kontakt zur Ärztegesellschaft des Kantons Bern (BEKAG) und dem Verein Berner Haus- und Kinderärzte/innen (VBHK). Das ist sehr nützlich für alle politischen Themen, die wir gemeinsam mit dem Kanton Bern verhandeln. Die Zusammenarbeit hilft, denn die Verhandlungen in Bern sind häufig schwieriger als in anderen Kantonen.

PD: Warum?
NR: Das Budget ist in Bern nicht immer in den schwarzen Zahlen. Budgetdiskussionen sind immer schwierig. Durch die enge Zusammenarbeit mit der BEKAG und dem VBHK ist es uns nun auf kantonaler Ebene gelungen, für die Nachwuchsförderung die Hausarzt-Assistenzstellen von 21 auf 35 zu erhöhen. Das ist schweizweit das grösste Hausarztprogramm.

PD: Wie ist Ihnen das gelungen?
NR: Der politische Teil meiner Tätigkeit nimmt viel Zeit in Anspruch. Am Ende aber konnten wir den Kanton, der einen grossen Teil dieses Ausbaus auf 35 Stellen ja bezahlt, überzeugen. Wir bewegen uns hier im Millionenbereich! Und doch haben wir es geschafft, dass bei der Abstimmung darüber im Grossrat 129 Ja- zu 0 Nein-Stimmen gezählt wurden. Die Politikerinnen und Politiker zu überzeugen, gleichzeitig zu den grossen Sparmassnahmen des Kantons mehr Geld für die Hausarztmedizin auszugeben, war aufwändig. Besonders viele Gespräche, viel Zeit, viele Präsentationen, viele Abende waren notwendig. Die Vernetzung mit den zwei Verbänden hat uns sehr geholfen. Aber der Aufwand war tatsächlich gross.

PD: Gefällt Ihnen das Lobbying?
NR: Ich bin jetzt nicht mehr alleine, dann geht das mit dem Aufwand. Der neu geschaffene Bereich Nachwuchs und Vernetzung steht unter der Leitung von Prof. Streit, er ist die erste Ansprechperson für solche Anliegen und hilft sehr. Überhaupt ist der Bereich Nachwuchs und Vernetzung mittlerweile eine Stärke des BIHAM. Genauso wie das neu geschaffene Curriculum für Allgemeine Innere Medizin mit über 130 Rotationsmöglichkeiten. Das ist ein sehr gutes Angebot für die jungen Kollegen.

PD: Besser als in den anderen Instituten für Hausarztmedizin?
NR: Es ist schwierig, das zu vergleichen, und wir versuchen eher zusammen für die Stärkung der Hausarztmedizin zu kämpfen. In anderen Kantonen gibt es leider sehr wenige Rotationen bei den Hausärzten. Es gibt immer Sachen, die in einem Kanton einfacher funktionieren als in einem anderen. Im Kanton Waadt gibt es zum Beispiel viel mehr Mittel vom Kanton als bei uns. In einem übergeordneten Verein aller Schweizer Hausarztinstitute (SAFMED) versuchen wir, uns gegenseitig zu unterstützen, gerade auch bei politischen Gesprächen. Dem BIHAM hat zum Beispiel Christian Häuptle, Leitender Arzt des Zentrums für Hausarztmedizin in St. Gallen, sehr geholfen. Wir pflegen alle einen guten Kontakt untereinander und treffen uns zweimal pro Jahr.

PD: Bei seinem Weggang von Bern bemängelte Ihr Vorgänger in einem Interview mit der PraxisDepesche, dass es nicht gelungen war, die Clinical Trial Unit (CTU), das Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) und das BIHAM unter dem Dach eines gemeinsamen Zentrums zusammenzuführen. Seit Mai 2018 ist das aber Realität. Ihr Verdienst?
NR: Nein, das war schon vorher in der Pipeline. Aber ich war dafür. Die physische Nähe zueinander ist ideal für die enge Zusammenarbeit und die Stärkung der Forschung.

PD: Können Sie ein Beispiel nennen?
NR: Ich leite ein grosses EU-Projekt mit 40 Forschenden, OPERAM, bei dem es um die Multimorbidit.t und Polypharmazie geht und das bis April 2020 dauert. Acht Länder nehmen teil, 8 Millionen kostet das Projekt. Wir haben 2000 ältere, schwer multimorbide Patientinnen und Patienten eingeschlossen. Aktuell machen wir den Follow-up, und die Resultate kommen im Frühling 2020 heraus.

PD: Sind Sie beruflich immer noch mit dem CHUV in Lausanne verbunden?
NR: Bis vor kurzem war noch eine Study Nurse am CHUV für mich tätig, die meine alten Studien durchgeführt hat. Aktuell haben wir Kollaborationen und Projekte, zum Beispiel eine Studie zu elektronischen Zigaretten unter der Leitung von Reto Auer. An dieser Studie nimmt auch die Universität Lausanne teil.

PD: Hilft Ihnen Ihre Westschweizer Herkunft in Bern?
NR: Sicher in den Gesprächen mit Regierungsrat Pierre-Alain Schnegg, da wir auf Französisch diskutieren können (lacht). Es ist gut, wenn wir Westschweizer in Bern arbeiten. Der Kanton ist zweisprachig – oder sollte es zumindest sein. Am Inselspital gibt es viele Romands. Das ist in Zürich oder Basel sicher anders.

PD: Bevor Sie zum Ordinarius für Hausarztmedizin ernannt wurden, waren Sie bereits Chefarzt und Leiter der Poliklinik an der Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin am Inselspital. Sie haben nun beide Stellen zu je 50 Prozent inne. Was hat Sie zu diesem Stellenwechsel bewogen?
NR: Ich habe immer viel im Bereich der ambulanten Medizin geforscht und klinisch gearbeitet, deshalb war das für mich ein natürlicher Schritt. In der Schweiz ist die patientenzentrierte klinische Forschung sehr schwach. Es gibt zwar grosse Bedürfnisse, aber wenig Geld. Mit dem Wechsel ins BIHAM hatte ich die Möglichkeit, grössere Studien zu entwickeln und den Nachwuchs in diesem Bereich zu fördern. Das BIHAM verfügt über das grösste Hausärzte-Netzwerk der Schweiz.

PD: Steht das BIHAM denn so gut da?
NR: Der Ruf des BIHAM war schon immer gut. Bereits vor meiner Zeit gab es enge Beziehungen zu den Hausärzten schweizweit. In unserem Netzwerk sind 700 Hausärzte, nicht nur aus Bern, sondern aus anderen Kantonen, inklusiv aus der Ost- und Westschweiz. Alle 700 sind bei uns in der Lehre involviert. Das ist für die Studierenden und unser Rotationsmodell attraktiv. Zudem machen wir mit den PraxisUpdates sehr erfolgreiche Fortbildungen zusammen mit den Hausärzten, mit häufig mehr als 300 teilnehmenden Hausärzten. Wir sind auch in der Politik aktiv. Die 130 Rotationen unseres Curriculums finden zudem Anklang. Die Ärztinnen und Ärzte schätzen einfach, dass wir uns in allen Bereichen stark einsetzen. Beziehungen muss man auf verschiedenen Ebenen pflegen.

PD: Und das schaffen Sie alles in einem 50-Prozent-Pensum?
NR: Ich bin ja nicht allein. Ich leite ein Team und eine Direktion mit sechs Personen, die viele Aufgaben übernehmen.

PD: Gerade der Hausarztberuf eignet sich für Frauen in Teilzeit. Ihre eigene Stelle ist ebenfalls auf 50 Prozent festgelegt. Warum macht eigentlich keine Frau Ihren Job?
NR: Ja, auch das wäre sicher gut gewesen. Ich glaube, es gab damals nur eine weibliche Bewerberin unter den zehn Kandidaturen für die Professur, aber diese Bewerberin war nicht sehr jung und arbeitete nicht in der ambulanten Medizin. Auf dem Markt sind aktuell leider nur sehr wenige geeignete Kandidatinnen vorhanden. Zwar arbeiten immer mehr Frauen in Führungspositionen, aber vor 20 Jahren war das selten. Mittlerweile haben wir mehr Assistenzärztinnen als Assistenzärzte in der Allgemeinen Inneren Medizin, und seit zwei, drei Jahren auch mehr Oberärztinnen. Langsam füllen sich auch die Leitenden Positionen mit Frauen. Aber die akademische Karriere ist ein langer Weg, mit Weiterbildung, Forschung mit Auslandaufenthalt, Drittmittelbesorgung, Habilitation, Leitender Position. Das dauert zehn, fünfzehn Jahre. Ich denke, dass wir in einigen Jahren so viele Frauen wie Männer in Führungspositionen haben werden. Meine Stellvertreterin in der Leitung der Poliklinik ist eine Frau, PD Dr. Maria Wertli.

PD: Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Ihnen aus?
NR: Ich stehe früh auf, um 5.20 Uhr. Um 6.45 bin ich im Zug und um Viertel nach acht am Inselspital. Morgens sehe ich Patienten, am Nachmittag bin ich dann mehr am BIHAM oder habe externe Sitzungen. Ich bin auch im Forschungsrat des Schweizerischen Nationalfonds – auch da sind die Sitzungen in der Stadt Bern. Ich versuche, abends jeweils um 19 Uhr zuhause zu sein, um mit der Familie essen zu können und die Kinder zu sehen. Es gelingt nicht immer, zumal es auch Sitzungen abends gibt.

PD: Wollten Sie schon immer Arzt werden?
NR: Nein, erst mit 18 Jahren. In der Rekrutenschule hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Ich dachte darüber nach, was ich mit meinem Leben machen möchte – und habe mich dann spät für die Medizin entschieden.

PD: Waren Sie denn bei der Sanität?
NR: Nein, aber ich wollte einfach etwas Gutes und Hilfreiches für die Menschen tun im Leben.

PD: Legten Sie nach dem Militär sofort mit dem Studium los?
NR: Nein, ich verpasste die Frist für das Studium und arbeitete zuerst ehrenamtlich ein Jahr in verschiedenen Spitälern und auch in Kalkutta in Indien. Das motivierte mich stark für die Medizin. Wir behandelten auf der Strasse schwer kranke Menschen, zum Beispiel mit Lepra, die kein Geld für eine Behandlung hatten oder die ein reguläres Spital nicht betreten durften. Die Stadt wurde von Kommunisten regiert, die diesen Leuten keine Hilfe anboten!

PD: Sie haben in den letzten zwei Jahren schon einiges für das BIHAM und die Hausarztmedizin erreicht. Sie sind erst 47. Welche Pläne haben Sie für die nächsten zehn Jahre?
NR: Besonders im Bereich der Forschung gibt es in der Hausarztmedizin noch viel zu entwickeln. Es fehlen noch viele Kenntnisse. Was ist die beste Behandlung, die wir den Patienten anbieten können? Ich möchte ausserdem die Überversorgung reduzieren, sie verursacht 20 % der Gesundheitskosten ohne irgendwelche Vorteile für die Patienten. Leider gibt es dafür sehr wenige Forschungsgelder.

PD: Und wie steht es um den Hausarzt-Nachwuchs?
NR: Auch hier hat es noch Entwicklungspotenzial. Prof. Streit macht viele Studien zur Zukunft der Hausarztmedizin. Die jungen Ärztinnen und Ärzte möchten heute eher in einer Gruppenpraxis arbeiten, die meisten in Teilzeit, auch die Männer. Es wird in Zukunft mehr Gruppenpraxen geben, im Zentrum eines Dorfes, vielleicht mit einer Apotheke und einer physiotherapeutischen Praxis im selben Haus. Die Berner Hausärzte sind im Durchschnitt 57 Jahre alt und somit kurz vor der Pensionierung. Es mangelt im Verhältnis dazu langfristig an Nachwuchs, auch wenn unsere 35 Assistenzarztstellen immer recht rasch gebucht sind. Der Lohn eines Hausarztes ist immer noch niedriger als der eines Spezialisten, das müssen wir noch attraktiver machen. Aber Teilzeitarbeit ist in einer Hausarztpraxis einfacher zu realisieren. Es gibt nur sehr wenige Teilzeitchirurgen.

 

 

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