David Husi im Gespräch mit...Dr. med. Jan G. Poëll

Dr. med. Jan G. Poëll, Facharzt in allgemeiner, plastisch rekonstruktiver und ästhetischer Chirurgie, führte 30 Jahre lang eine Privatpraxis in St. Gallen. Seit seiner Pensionierung 2015 ist er Präsident des Patronatskomitees von CHEIRA – Swiss Humanitarian Surgery und nimmt an humanitären Einsätzen in Entwicklungsländern teil. PraxisDepesche sprach mit ihm über die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort, die Finanzierung der Missionen und über die Behandlung von Noma-Patienten.

PraxisDepesche (PD): Dr. Poëll, wie sind Sie dazu gekommen, bei Missionen der humanitären Chirurgie in Burkina Faso mitzuwirken?
Dr. med. Jan G. Poëll (JP): Während meiner Praxistätigkeit war ich immer sehr stark international involviert. Dabei wurde mir klar, dass ich etwas Humanitäres machen möchte. Ich fasste den Entschluss, mit 70 die Praxistätigkeit zu beenden und nur noch humanitäre Projekte zu verfolgen – dies habe ich durchgezogen. Ich war zum Beispiel mit Mercy Ship unterwegs und habe bei einem Projekt in Mexiko, bei dem es um Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten ging, mitgewirkt. Durch Astrid Bergundthal, die ich vom Golf spielen her kenne, bin ich in Kontakt mit CHEIRA gekommen. Der Rotary Club Appenzell, bei dem sie Mitglied war, bekam eine Spendenanfrage der NOMA-Hilfe Schweiz. Anstatt nur etwas zu spenden, entschied sie sich dazu, selber aktiv zu werden. Sie wollte mehr sammeln und hat 2014 die Nonprofit-Organisation CHEIRA Swiss Humanitarian Surgery gegründet. Und seit 2015/2016 bin ich selber an Bord.

PD: Und sind heute Präsident des Patronatkomitees ...
JP: Genau. Es hat einfach gepasst, da ich viele Stiftungen und spendierfreudige Personen kenne.

PD: Warum wurde Ouahigouya in Burkina Faso als erstes und bisher meistbesuchtes Missionsziel gewählt?
JP: Das war reiner Zufall. Frau Bergundthal ging auf die Suche nach Institutionen, mit denen eine Zusammenarbeit möglich wäre. Sie kam in Kontakt mit Interplast Switzerland, einem Verband von plastischen Chirurgen, wo ich selber Mitglied bin. Wir stellen die Chirurgen für diese Einsätze. Ein weiterer Anknüpfungspunkt war die Genfer Nonprofit-Organisation Ensemble pour eux, die vor allem Krankenschwestern nach Burkina Faso schickt, um Kranke zu pflegen. Frau Bergundthal begleitete Ensemble pour eux bei einem Einsatz im Kinderspital Persis in Ouahigouya, das von der Organisation unterstützt wird. Es gibt dort ein grosses Bedürfnis nach rekonstruktiver Chirurgie. Und diesen Ort haben wir dann auch mit CHEIRA immer wieder besucht.

PD: Wie sieht der Ablauf eines Einsatzes aus?
JP: Die Einsätze werden bei uns im Vorstand besprochen und gutgeheissen. Es findet kein Einsatz statt, bevor nicht die nötigen Mittel zur Verfügung stehen. Dann setzen wir ein voll einsatzfähiges Team aus Narkoseärzten, plastischen Chirurgen, Krankenschwestern und Narkoseschwestern zusammen. Das benötigte Verbrauchsmaterial wird uns oft von grosszügigen Firmen zur Verfügung gestellt. Wir reisen als Team dorthin und können bei Ankunft sofort loslegen. Die Einsätze dauern meistens zwei Wochen und in dieser Zeit operieren wir so viele Patienten wie möglich. Der Grossteil des Teams reist danach wieder ab. Einige von uns bleiben jeweils etwa zwei Wochen länger vor Ort und kümmern sich um die Nachbehandlungen. Nach Abschluss der Mission wird ein detaillierter Bericht erstellt. Daraus ziehen wir dann unsere Schlüsse für die nächsten Einsätze. Eine genaue Planung der Einsätze ist auch deshalb wichtig, weil wir vorher unsere Patienten sammeln müssen. Die kommen nämlich nicht einfach von der Strasse, sondern reisen teilweise von weit her an. Der Kinderarzt in Persis besucht jeweils im Vorfeld mit seiner Frau die umliegenden Dörfer und bringt Patienten ggf. ins Spital.

PD: Was sind die grössten medizinischen Herausforderungen bei diesen Einsätzen?
JP: Es ist eigentlich nicht schwierig. Unsere Teams sind immer hochmotiviert. Wir erstellen jeweils am Vorabend ein Operationsprogramm, das abhängig von der Anzahl der Patienten, kürzer oder länger ist. Und am nächsten Morgen beginnen wir zu operieren. Und dies dauert einfach so lange, bis wir mit dem Programm durch sind. Manchmal wird es 22 Uhr, bis wir fertig sind – und alle, die vor Ort sind, ziehen das auch durch. Ich möchte betonen, dass wir nur Fälle operieren, bei denen wir sicher sind, dass wir das gut beherrschen. Wenn junge Ärzte mit weniger Erfahrung dabei sind, dürfen sie unter Aufsicht eines erfahrenen plastischen Chirurgen einfache Sachen operieren. Grundsätzlich sind wir aber nicht dort, um zu lernen, sondern um zu helfen.

PD: Ihre Zeit und Mittel vor Ort sind begrenzt. Wie wird entschieden, welche Patienten behandelt werden?
JP: Unsere Leute in Persis machen eine Vortriage, aber wen wir dann schlussendlich operieren, entscheiden die plastischen Chirurgen vor Ort.

PD: Entscheiden Sie dies im Hinblick darauf, was innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit machbar ist?
JP: Wenn es viele Patienten hat, werden einige zurückgestellt, die wir dann beim nächsten Einsatz behandeln, weil es sonst das Programm sprengen würde. Dann gibt es immer auch Patienten, die eigentlich nichts brauchen. Und bei einigen Fällen können wir leider nicht mehr helfen, weil es zu gefährlich wäre. Ein Patient hatte ein Hämangiom, durch das sämtliche grossen Blutgefässe zum Hirn durchlaufen. Unter diesen Umständen und ohne Bluttransfusion zu operieren, wäre ein sicheres Todesurteil für den Patienten gewesen.

PD: Behandeln Sie dringendere Fälle prioritär?
JP: Richtig. Es gibt beispielsweise viele Leistenbrüche oder ähnliches, die wir auch beim nächsten Einsatz operieren können. Wir bringen dann einen Kinderarzt mit, der das macht. Es hängt immer auch von der Zusammensetzung des Teams ab, die nicht immer gleich ist. Von Persis bekommen wir vorgängig eine Liste mit allen Fällen und stellen darauf basierend unser Team zusammen.

PD: Noma, eine schwere bakterielle Erkrankung der Mundschleimhaut, die bei Nichtbehandlung Weich- und Knochenteile des Gesichts zerfrisst, ist in Burkina Faso weit verbreitet. Wie gehen Sie bei der Behandlung von Noma-Patienten vor?
JP: Noma ist überall dort weit verbreitet, wo Armut herrscht. Sie wird durch Minder- oder Unterernährung und mangelnde Hygiene ausgelöst. Erreger ist nicht ein einzelnes Bakterium, sondern ganz viele unterschiedliche Bakterien. Es beginnt sich bei der Mundschleimhaut zu verfressen, in den Wangen bilden sich Löcher, teilweise fehlt den Patienten die Nase. Je nach Ausgangslage erstellen wir einen entsprechenden Operationsplan. Es gibt viele «Reservepöste», also Reservematerial im Körper oder im Gesicht, das man, wenn man über die nötigen Kenntnisse verfügt, so verschieben kann, dass die fehlenden Teile wieder ersetzt werden können. Künstliches Material setzen wir nicht ein, da wir vor Ort gar keinen Zugang dazu haben. Das Komplikationsrisiko wäre auch viel zu gross. Und es wird auch nicht benötigt. Die Schwierigkeit dieser Operationen besteht manchmal darin, dass wir sie in einem Schritt machen müssen – weil die Patienten zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr kommen. Wenn sich nach der Operation eine deutliche Verbesserung zeigt, sehen sie den Sinn nicht, nochmals den beschwerlichen Weg zum Spital auf sich zu nehmen.

PD: Ist der Noma-Patient nach der Operation geheilt?
JP: Bei den Patienten, die wir operieren, ist die Krankheit «ausgebrannt» und frisst sich in dem Sinne nicht mehr weiter in die Haut. Einige Patienten werden nach der Behandlung mit vitaminreicher Nahrung weiter aufgepäppelt. Während ihres zweiwöchigen Aufenthalts in der Klinik lernen sie von unserem Animationsteam, das meist bei diesen Einsätzen dabei ist, beispielsweise die korrekte Zahnpflege, sauber zu essen und das Wichtigste über gesunde Ernährung. Wir bilden vor Ort auch junge Krankenschwestern und Ärzte aus, die uns bei den Operationen assistieren. Das ist unser Beitrag an die Nachhaltigkeit.

PD: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem medizinischen Personal vor Ort? Gibt es kulturelle Unterschiede in der Arbeitsweise, die zu Konflikten führen?
JP: Meistens gibt es ein paar Führungsfiguren, die wahnsinnig motiviert sind. Die reissen alle anderen durch ihre Begeisterung mit. Sie sind unglaublich lernwillig, fast lernsüchtig. Mit diesen Leuten gibt es eigentlich nie Probleme. Anders sieht es bei den politischen Instanzen aus. Es ist sehr schwierig, eine Bewilligung zu erhalten, um vor Ort arbeiten zu dürfen. Wir kommen ja nur, um zu helfen, und wir verrechnen auch nichts – trotzdem ist das Bewilligungsverfahren oft sehr undurchsichtig.

PD: Gibt es diese Probleme auch in Persis, wo sie schon einige Male waren?
JP: Nein, in Persis nicht. Aber ich gehe bald wieder nach Burkina Faso, dieses Mal nach Leo in den Süden. Da muss ich wieder neue Zeugnisse, Diplome, einen Strafregisterauszug und eine Bewilligung der FMH usw. mitbringen – natürlich auch auf Französisch übersetzt. Das ist der komplexe Teil.

PD: Welche zusätzlichen Eigenschaften müssen die Teilnehmer einer solchen Mission neben ihrer fachlichen Qualifikation mitbringen?
JP: Es braucht sicherlich Teamfähigkeit. Wir sind etwa zehn, manchmal auch 15 Personen – da muss jeder von sich selber «zurückschrauben», damit es als Gruppe funktioniert. Man muss auch bescheiden sein können: Wir wohnen jeweils in einfachen Zweierzimmern mit Toilette und Dusche, das funktioniert alles. Man muss zudem belastbar sein, da wir manchmal auch zwölf Stunden im Operationssaal stehen. Nach sechs Stunden davonzulaufen, liegt nicht drin, man muss das durchziehen können. Und zuletzt gehen wir auch ein kleines Risiko ein, da wir uns in einem Rückzugsgebiet von islamistischen Gruppierungen aufhalten. Wir reisen deshalb immer nur im Konvoi und passieren auf dem Weg diverse Militärkontrollen. Persis selbst ist zwar ummauert, jedoch nicht ganz abgeschlossen. Man kann rein und raus, wird jedoch immer kontrolliert. Aber die Krankenschwestern, vor allem die blonden, dürfen aus Sicherheitsgründen nicht alleine raus. Als wir das erste Mal in Ouagadougou ankamen, wollten wir den lokalen Markt besuchen. Man liess uns jedoch nicht hinein, da es für Weisse an diesem Ort viel zu gefährlich sei. Dafür werden wir in Persis immer von freudigen Kindern empfangen. «Les blancs, les blancs!», rufen sie. Das ist ein «Aufsteller». Die Menschen dort sind sehr dankbar.

PD: Wie werden die Missionen finanziert?
JP: Als Präsident des Patronatskomitees bin ich für das Auftreiben der finanziellen Mittel zuständig. Gelder bekommen wir in der Regel von Stiftungen oder von Privatpersonen. Dieses Jahr haben wir den mit 40 000 Franken dotierten Milizpreis der Swiss Re gewonnen. Der Preis wird an Gruppierungen vergeben, die unentgeltliche Einsätze, meist humanitärer Art, leisten. Unsere Einsätze kosten je nach Grösse zwischen 50 000 und 70 000 Franken. Darin enthalten sind unsere Reise- und Aufenthaltskosten. Ausserdem sind die kompletten Kosten für Behandlung, Aufenthalt und Nachbetreuung der Patienten gedeckt. Diese wohnen mit einer Begleitperson für zwei Wochen im Spital und erhalten täglich drei Mahlzeiten. Wir zahlen an Persis pro Patient, den wir operieren, 300 Euro – dies sichert auch die Aufrechterhaltung des laufenden Betriebs. Honorare und administrative Ausgaben gibt es keine, da wir alles ehrenamtlich machen. Als Teilnehmer dieser Missionen müssen wir aber selber nichts bezahlen. Dies war beispielsweise bei Mercy Ship anders.

PD: Werden Sie an weiteren Missionen teilnehmen?
JP: Ja, im Herbst reise ich wahrscheinlich nach Sierra Leone, um mir dort ein kleines Spital anzuschauen. Vermutlich muss dort noch einiges umgebaut und zusätzlich gebaut werden. Im November gehe ich wieder zwei Wochen nach Persis und im Januar möglicherweise nach Jordanien. Ich nehme etwa drei- bis viermal pro Jahr für jeweils zwei Wochen an einem Einsatz teil. Dies liegt etwa in der Grössenordnung, die für CHEIRA sinnvoll ist.

PD: Ist die Finanzierung der erwähnten Missionen schon gesichert?
JP: Ja, die Finanzierung dieser Missionen ist gesichert. Letztes Jahr habe ich von der Stadt St. Gallen eine Aufführung der Oper «La Bohème» inklusive Apéro Riche übernommen. Die behandelten Themen Krankheit und Armut haben gut passt. Für den Apéro hat Martel den Wein gestiftet, Schützengarten das Bier, den Käse haben wir von einem Käsehändler aus Rorschach bekommen, die Würste von der Metzgerei Schmid. Jeder, den wir angefragt haben, war bereit, etwas zu stiften. Die zusätzlichen Spenden sowie die Einnahmen aus dem Ticketverkauf, die pro Stück 200 Franken gekostet haben, brachten auf einen Schlag etwa 200 000 Franken ein. Das hat wirklich Spass gemacht.

Spenden an CHEIRA – Swiss Humanitarian Surgery
Verein Cheira | c/o Arthur Bolliger
Speicherstrasse 76
CH-9053 Teufen/AR
Raiffeisenbank Regio Uzwil
Neudorf 8
CH-9245 Oberbüren
Konto-Nr.: CH 86 8129 1000 0052 7623 2

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